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Samstag, 16. Februar 2013

Zwangssterilisationen: Wohltat oder NS-Unrecht? – Ein Punkt, an dem sich die Geister scheiden


Es geschah im November 2010 und ging auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Hype in der öffentlichen Wahrnehmung fast unter:

Nach 70 Jahren erkannte erstmals eine bedeutende Fachgesellschaft für Heilberufe ohne Wenn und Aber die in der Zeit des “Dritten Reichs” durchgeführten Zwangssterilisationen als NS-Unrecht an.

„Geistiger Tod“, „Ballastexistenzen“, „lebensunwertes Leben“, all diese Worte gehen nur sehr schwer über die Lippen. Sie erschüttern und verstören zutiefst – und im Wissen um die aktive Beteiligung von Psychiatern an Gleichschaltung, Zwangssterilisierung und Mord erfüllen sie uns mit Scham, Zorn und großer Trauer.

Scham und Trauer auch darüber, dass erst jetzt, 70 Jahre nach den Taten, die Organisation, als deren Präsident ich hier zu Ihnen spreche, beginnt, sich systematisch mit ihrer Vergangenheit und der Geschichte ihrer Vorgängerorganisationen in der Zeit des Nationalsozialismus zu befassen, aufzuarbeiten, und – unabhängig von allen noch zu erhebenden historischen Details – bei den Opfern von Zwangsemigration, Zwangssterilisierung, Zwangsforschung und Ermordung, um Entschuldigung zu bitten.

Im Namen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde bitte ich Sie, die Opfer und deren Angehörige, um Verzeihung für das Leid und das Unrecht, das Ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der deutschen Psychiatrie und von deutschen Psychiaterinnen und Psychiatern angetan wurde, und für das viel zu lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach.

Professor Frank Schneider, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)
in seiner Rede “Psychiatrie im Nationalsozialismus - Erinnerung und Verantwortung”
Vom Vorstand der DGPPN am 23. November 2010 als Dokument der Gesellschaft einstimmig verabschiedet.

http://www.dgppn.de/dgppn/geschichte/kommission-zur-aufarbeitung-der-geschichte/sonderseite-psychiatrie-im-nationalsozialismus/rede-schneider.html




Ich halte es inzwischen nicht mehr für Unwissen, dass Thilo Sarrazin Gunnar Myrdal, den schwedischen Sozialdemokraten, der Zwangssterilisationen als ein Mittel zur Verbesserung der “Bevölkerungsqualität” propagierte und in Schweden auch durchsetzte, als Vordenker lobte (natürlich ohne die Zwangssterilisationen zu erwähnen).


Damit verschärft sich das Problem, dass am unteren Ende der Begabungs- und Qualifikationspyramide die Nachfrage und am oberen Ende das Angebot zu gering ist. … Es gilt …, die Probleme zu lösen, die die Existenz des Sozialstaats bedrohen. Wie sich Quantität und Qualität dabei auswirken, darauf hat schon ein früher Theoretiker des Sozialstaats wie Gunnar Myrdal hingewiesen …
Der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal hat sich am Beispiel seines Heimatlandes bereits in den 1930er Jahren intensiv damit auseinandergesetzt, dass eine entwickelte westliche Gesellschaft in der Summe die Tendenz hat, weniger fruchtbar zu sein, als es für die Nachhaltigkeit ihres Fortbestandes notwendig wäre, und er hat sich auch damit auseinandergesetzt, dass es darüber hinaus nicht gleichgültig ist, wer die Kinder bekommt.
Thilo Sarrazin, DSSA

Sondern ich bin zu der Auffassung gekommen: Thilo Sarrazin muss klar gewesen sein, dass Gunnar Myrdal, mit dessen Erbe sich die schwedischen Sozialdemokraten differenziert und kritisch auseinandersetzen, eben auch für das Kapitel “Zwangssterilisationen” steht. Und er findet dies gut.
Da Sarrazin selbst - in DSSA und einigen Interviews - stolz auf einige, wenn auch stark ausgewählte Aspekte seines familiären Hintergrunds hinweist, sei es gestattet, hier auch die Frage zu stellen, inwieweit Bücher und Ideen aus der Sammlung seines Vaters Hans-Christian Sarrazin (und nicht nur die Goethe-Bücher) seine Vorstellungen von der Welt, wie sie sein sollte, geprägt haben. Als Truppenarzt, Arzt an einem Knappschaftskrankenhaus und langjähriger Gutachter für die Sozialgerichte wird Hans-Christian Sarrazin, ebenso wie sein Rotary-Club-Gefährte Gustav Schulte, der prominente Chefarzt am Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen in den 1940er und frühen 1950er Jahren, an der Auseinandersetzung mit der Frage, ob Zwangssterilisationen “Wohltat” oder Unrecht seien, nicht vorbei gekommen sein.

Zwar ließ sich Thilo Sarrazin, wie er bei einer Veranstaltung sagte, Pressemitteilungen, die später in das Buch eingingen, von seinen Sekretärinnen sammeln. Ihm stand nicht – Vorsicht, Satire - wie Guttenberg bei seiner Doktorarbeit der wissenschaftliche Dienst des Bundestags zur Verfügung. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er von der Debatte um Zwangssterilisationen, und damit auch von der Rolle Gunnar Myrdals in Schweden, nichts mitbekommen haben sollte.

Dieser Post soll nach und nach ergänzt werden, vor allem mit Querverweisen auf andere Posts und Kommentare in diesem Blog. In der Zwischenzeit verweise ich auf Stichwortsuche und auf die Labels.



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Durch den Runderlass des Reichsinnenministeriums vom 13.03.1934 waren das evangelische Krankenhaus in Castrop-Rauxel zur Durchführung von Zwangssterilisationen bei Männern und das Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen zur Durchführung von Zwangssterilisationen bei Frauen und Männern und mit Runderlass vom 01.07.1936 sogar zur Durchführung der Zwangssterilisation mit Röntgen- und Radiumbestrahlung ermächtigt worden. Im evangelischen Krankenhaus wurden 62 Eingriffe vorgenommen. Im Knappschaftskrankenhaus dürfte es das Vielfache dessen gewesen sein. Leider sind die entsprechenden Akten in beiden Krankenhäusern vernichtet worden. Aufschluss dürften da nur noch die über 3000 Akten aus Verfahren der sog. Erbgesundheitsgerichte in etwa 800 Kisten im Landesarchiv NRW geben.

Aus dem Aufruf “Den Opfern der Euthanasie einen Namen geben”, 19. Januar 2012



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"Die Angehörigen der Führungsschichten und der Bürokratie
waren zu 90 Prozent willige Helfer der Nazidiktatur gewesen;
das wirkte sich aber keineswegs auf ihre Effizienz beim Wiederaufbau aus."
 
Thilo Sarrazin, DSSA


Prof. Dr. med. Gustav Schulte (1888 – 1954)

Verfasser eines 1942 erstmals erschienenen Lehrbuchs der Röntgenologie
Langjähriger Chefarzt am Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen,
das in der Nazi-Zeit die Befugnis und den Auftrag hatte, Zwangssterilisationen mit Röntgenstrahlen durchzuführen

1950 zum Ehrenbürger der Stadt Recklinghausen ernannt

Bild: Gefunden auf ebn24 – European Business Network, Beitrag:
“Sie trugen den Namen der Stadt in die Welt - berühmte Persönlichkeiten Recklinghausens”
http://ebn24.com/index.php?id=32089

War er auch einige Zeit Chef von Thilo Sarrazins Vater Hans-Christian Sarrazin?
Das kann man durchaus "kombinieren", mit Sicherheit feststellen lässt sich dies aber mit den zugänglichen Informationen nicht ohne Weiteres.
Und wenn, müsste es für sich allein auch nicht viel heißen - im Zusammenhang mit Thilo Sarrazins eugenischen Thesen wäre aber u.U. der Aspekt "Ideengeschichte" interessant.




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Ehrenmitglied unserer Gesellschaft“


Nachruf
„Am 29. November 1971 verließ uns das Ehrenmitglied unserer Gesellschaft
Professor Dr. med. Friedrich Pietrusky
[…]
Von Bonn aus begründete er die Internationale Akademie für Gerichtliche und Soziale Medizin, er organisierte und leitete deren erste Tagung in Bonn. Im Jahre 1942 folgte Pietrusky einer Berufung nach Heidelberg, hier war die Einrichtung eines Instituts für gerichtliche Medizin sein besonderes Verdienst. Nach seiner Emeritierung zog er nach Pöcking am Starnberger See.
[…] Er war […] viele Jahre hindurch auch Mitherausgeber der Deutschen Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin. […] Pietrusky war gewähltes Mitglied der Leopoldina in Halle und Ehrenmitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften.
Er war ein glänzender Lehrer. Drei seiner Mitarbeiter hatten Lehrstühle inne.“
B. Mueller, Heidelberg
Zeitschrift für Rechtsmedizin, April 1972, Volume 70, Issue 2, p I



„Wie ich vom Verlag Heymann höre, ist unser Buch jetzt im Druck. Dieser verzögerte sich, weil man den Abschnitt über die Vernichtung lebensunwerter Wesen, für den ich eintrat, nicht aufnehmen wollte. Hoffentlich erscheint die Auflage noch in diesem Jahr.“
Friedrich Pietrusky
in einem Brief an Mitautor Maximilian de Crinis, 5.10.1942
Zitiert in
Forsbach, Ralf, Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich",
Oldenborg, München, 2006 (S. 126)
http://books.google.com/books?id=i74vCJxizH4C&source=gbs_navlinks_s

 

Nachrufverfasser B. Mueller war Prof. Dr. Berthold Mueller, der 1948 den Lehrstuhl für gerichtliche Medizin der Universtät Heidelberg übernommen hatte.
http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000003751/6_Kap_05.pdf?hosts=
(S. 299)

Kommentare:

  1. Merkzettel

    "Fuehrerschule der deutschen Aerzteschaft" in Alt-Rehse

    Es wird geschaetzt, dass ca. ein Viertel der "Jungaerzte" sie besuchten. Dort wurden lebenslange Verbindungen und "Seilschaften" geknuepft.
    Unterrichtsplaene und Teilnehmerlisten sind nicht erhalten, aber Zitate eines der Dozenten, Hermann Alois Boehm.
    Aehnlichkeit mit Textstellen bei Thilo Sarrazin.

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  2. Erfolgversprechende Dosen

    "In besonders gelagerten Fällen zieht man heute auch die Röntgentherapie zur Sterilisation aus erbgesundheitlichen Gründen heran.
    Man unterscheidet eine temporäre und totale Röntgensterilisation. Die temporäre Sterilisation ist in den letzten Jahren fast durchweg wegen der Gefahr eventueller Keimschäden bei später noch erfolgenden Geburten verlassen worden. Sowohl für die temporäre wie für die totale Sterilisation liegen die erfolgversprechenden Dosen (Ovarialdosen) genau fest."

    Aus
    G. Schulte und F. Kuhlmann: Grundlagen der Röntgendiagnostik und
    Röntgentherapie, 2. Auflage. Georg Thieme Verlag Leipzig, 1942.
    Im Kapitel "Therapie: Krankheitsgruppen", Abschnitt "Gutartige gynäkologische Erkrankungen", S. 144

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    1. Nun waere es natuerlich noch interessant, die (zweite) Ausgabe von 1942 mit der (dritten) von 1952 zu vergleichen. Wahrscheinlich wurde der betreffende Abschnitt stillschweigend weggelassen, ohne Erwaehnung im Vorwort.
      Ich gehe dem jetzt nicht weiter nach. Vielleicht moechte jemand, der z.B. eine Diplom- oder Doktorarbeit ueber ein damit zusammenhaengendes Thema schreibt, selber nachsehen.

      Grundlagen d. Röntgendiagnostik u. Röntgentherapie. 3. Aufl. (1952) von Schulte, G. u. K. Kuhlmann, erschienen bei Thieme, Stuttgart, ist derzeit zu Preisen um 15 bis 20 Euro antiquarisch zu bekommen (z.B. ueber Abebooks).

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  3. Von der Webseite
    http://www.himmelundmehr.de/index.html

    "1917 geboren gerät Dorothea Buck mit neunzehn Jahren in eine schwere psychische Krise. Die ärztliche Diagnose Schizophrenie stempelt sie im Dritten Reich als minderwertig ab, gemäß dem Erbgesundheitsgesetz wird sie 1936 zwangssterilisiert. Einige Jahre später entgeht sie nur knapp der „Euthanasi”. Bis 1959 erlebt sie insgesamt fünf psychotische Schübe und die jeweils neuesten Heilmethoden: Dauerbad, Insulinschocks, Elektroschocks, Psychopharmaka.
    Entgegen der ärztlichen Unheilbarkeitsprognose versucht Dorothea Buck zu verstehen, was sie in die Psychose getrieben hat und entwickelt eine eigene Theorie ihrer Erkrankung. So findet sie schließlich den Schlüssel zu ihrer endgültigen Heilung. Untrennbar damit verbunden ist ihre Entwicklung zu einer ausdrucksstarken und vielfach ausgezeichneten Bildhauerin.
    Eine geradezu unglaubliche Geschichte, beinahe ein Wunder, dass Dorothea Buck das alles erlebt und überlebt hat. Am meisten aber staunt man darüber, welche Kraft sie aus ihrem Schicksal gezogen hat – Kraft für ihren jahrzehntelangen, unerschrockenen und oft erfolgreichen Kampf für mehr Menschlichkeit in der Psychiatrie.
    Die Regisseurin Alexandra Pohlmeier hat Dorothea Buck zwischen 2001 und 2008 regelmäßig in ihrer Hamburger Atelierwohnung besucht und auf ihren Reisen begleitet, um diese große Lebenserzählung festzuhalten. Ergänzt wird sie durch die Außenperspektive der jüngeren Schwester, die ein Schlaglicht auf die Rat- und Hilflosigkeit von Angehörigen psychisch Erkrankter wirft.
    Einen besonderen Stellenwert bekommt das künstlerische Werk Dorothea Bucks: Akzentuiert eingeschnitten entfaltet sich ein beeindruckendes bildhauerisches Schaffen, das vor allem das zu beschwören scheint, was ihr in den so genannten Heilanstalten versagt geblieben ist: Menschliche Zuwendung und Wärme.
    „Himmel und mehr” ist ein Film über eine mutige Frau - ein Film, der Mut macht."

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  4. Uni Bonn im NS (siehe Post; Abschnitt zu Pietrusky)

    Bildband mit Goebbels: Uni Bonn will "auch zu den dunklen Kapiteln der Vergangenheit stehen" - SPIEGEL ONLINE 09.09.2001
    Von Armin Himmelrath

    [...] Mit Joseph Goebbels hat die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn nicht gerade einen Studenten zum Vorzeigen in ihrer Ahnengalerie. Dennoch nahm sie den Nazi-Hetzer kürzlich in das Buch "Perspektiven - Forschung und Lehre an der Universität Bonn" auf, in der Rubrik "Bekannte Studenten".
    Das Rektorat hält die Entscheidung [trotz Kritik} nach wie vor für richtig. "Natürlich sieht sich die Universität nicht in der Tradition von Joseph Goebbels", sagte Kanzler Reinhardt Lutz, "dennoch möchte die Universität Bonn auch zu den 'dunklen Kapiteln' ihrer Vergangenheit stehen und hat sich deshalb bewusst entschieden, die Tatsache nicht zu verschweigen, dass Goebbels einst hier studierte."
    "Eigentlich eine lobenswerte Absicht", sagt Christian Haberecht, Sprecher des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs): "Es ist natürlich gut, sich mit der eigenen NS-Vergangenheit zu beschäftigen. Aber eine neutrale Darstellung ist dabei zu wenig, ich hätte eine deutliche Distanzierung erwartet." [...]
    Tatsächlich ist der Text über Goebbels ziemlich knapp gehalten: "Joseph Goebbels (1897 - 1945). Goebbels war von 1917 bis 1918 Student an der Philosophischen Fakultät. 1933 bis 1945 wurde der enge Vertraute Hitlers Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und war verantwortlich für die 'Gleichschaltung' der Medien und des kulturellen Lebens." Nicht erwähnt wird die Rolle des Demagogen bei der Vorbereitung des millionenfachen Judenmords oder seine Parole vom "totalen Krieg".
    Für Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist die Darstellung in dem Buch deshalb "distanzlos". [...]
    In einer Erklärung des Bonner Rektorats heißt es dazu, man gehe davon aus, dass Goebbels' Rolle im NS-System bekannter sei als die Biografien seiner Opfer. Zu denen zählen etwa die Professoren Karl Barth, Alfred Philippson, Felix Hausdorff und Ernst Landsberg, deren Lebensläufe in dem Buch ebenfalls (und mit mehr Platz) vorgestellt werden. [...]
    Der Bonner Hochschule generell einen unkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte zu unterstellen, würde ohnedies zu weit gehen. Denn im bundesweiten Vergleich gehört die Uni zu jenen Bildungseinrichtungen, die sich am , die sich am intensivsten mit ihren NS-Verstrickungen auseinander gesetzt haben. [...]
    "Als ich 1993 mit meinen Forschungen begann, war das Interesse noch relativ gering", erzählt der Historiker Hans-Paul Höpfner, der im vergangenen Jahr ein Buch über das NS-Unrecht an der Bonner Universität veröffentlichte, "erst der jetzige Rektor hat sich sehr engagiert. [...]"
    Höpfner recherchierte, dass zwischen 1933 und 1945 in Bonn 65 Professoren und Dozenten entlassen wurden. "Außerdem wurden Dutzende von Studenten relegiert, weil sie Sozialisten, Juden oder politisch missliebig waren." [...]
    Die Universität Freiburg kommt gar auf rund 260 Verfolgte, die ebenfalls aus politischen oder rassischen Gründen vom Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen wurden. Für sie soll in Kürze ein Mahnmal errichtet werden. Und auch in Münster ("Die Universität hat sich an den Opfern dieser Willkürmaßnahmen mitschuldig gemacht und bekennt sich voller Scham zu ihrer Verantwortung") oder Tübingen wurden - mal pauschal, mal im Einzelfall - frühere Opfer zumindest symbolisch rehabilitiert.

    Das freilich ist immer noch die Ausnahme. Denn es finden sich auch Fälle wie etwa die 1998 erschienene "Kleine Kölner Universitätsgeschichte": ein 52-seitiger Band, in dem der Zeit des Nationalsozialismus ganze 19 Zeilen gewidmet sind.

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bildband-mit-goebbels-uni-bonn-will-auch-zu-den-dunklen-kapiteln-der-vergangenheit-stehen-a-156081.html

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  5. Aus
    "Verfolgte Schüler"

    25.10./ 20.07.1947 ABZ; Nürnberger Prozeß gegen 23 Ärzte u. Medizinalbeamte: Prof. Dr. Kurt Blome (stellv. Reichsgesundheitsführer), Prof. Dr. med. Karl Gebhardt (Präs. Deutsches Rotes Kreuz), Prof. Dr. med. Karl Brandt (NSDAP-Dienstleiter Führerkanzlei), Dr. jur. Rudolf Brandt (Reichskommissar Sanitäts- u. Gesundheitswesen), Dr. Karl Genzken (Lagerarzt KZ Buchenwald/Chef Sanitätsamt Waffen-SS), Prof. Dr. med. Siegfried Handloser (SS-Oberführer, Heeressanitätsinspektor, Generaloberstabsarzt), Prof. Dr. med. Joachim Mrugowsky (Reichsarzt SS und Polizei), Dr. med. Paul Rostock (Chef Dienststelle Medizinische Wissenschaft und Forschung) Dr. med. Oskar Schroder (Generaloberstabsarzt) u.a.; die Urteile: Todesstrafen für Viktor Brack, Prof. Dr. Karl Brandt, Dr. Rudolf Brandt, Prof. Dr. Karl Gebhardt, Dr. Waldemar Hoven, Prof. Dr. Jochim Mrugowski u. Wolfram Sievers,
    lebenslange Haft für Dr. med. Fritz Fischer, Dr. med. Karl Grentzken, Prof. Dr. med. Siegfried Handloser, Prof. Dr. med. Oskar Schröder, Prof. Dr. med. Gerhard Rose, Dr. med. Hermann Becker-Freyseng, Dr. med. Hertha Oberhäuser, 15 J. Haft für Dr. Wilhelm Beiglböck, 10 J. Haft für Dr. Helmut Poppendick; Freisprüche für Kurt Blome, Adolf Pokorny, Hans Romberg, Paul Rostock, Siegfried Ruff, Konrad Schäfer und Georg Weltz, es gab vorzeitige Entlassungen und Rehabilitationsversuche;
    (Prof. Dr. Viktor Freiherr v. Weizsäcker schreibt im Folgejahr „So wie die Amputation eines brandigen Fußes den ganzen Organismus rettet, so die Ausmerzung der kranken Volksteile das ganze Volk... wenn das ganze Volk in Lebensgefahr schwebt und durch Beseitigung einzelner Individuen gerettet werden kann, müssen diese Individuen geopfert werden...“)

    http://www.diedrich-schwenker.de/italodito/verfolgte-schueler.pdf
    26.10. BBZ; Sennelager, Dr. Otto Thierack, Reichsjustizmin. u. Reichsgerichts-

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  6. DER SPIEGEL 21.09.1970
    PROZESSE / SCHUMANN

    Unbekannter Mann

    Nach fast vierjähriger Untersuchungshaft in der Strafanstalt Butzbach wird in dieser Woche ein ghanesischer Staatsbürger dem Frankfurter Schwurgericht vorgeführt. Dem Mann aus Afrika wird Mord in mehr als 15 300 Fällen sowie Mitwirkung an unmenschlichen Experimenten mit menschlichen Opfern vorgeworfen.

    Der Angeklagte heißt Dr. Horst Schumann, heute 64 und vor 30 Jahren Leiter der ersten deutschen Tötungsanstalt des NS-Regimes. Er war es, der an der Euthanasie-" Aktion Gnadentod" (NS-Jargon) maßgeblich mitwirkte und Sterilisations- und Kastrationsversuche im Konzentrationslager Auschwitz einführte und selber vornahm.

    Mit Schumann, der bis 1966 im Sudan und in Ghana Eingeborene behandelte, steht zum erstenmal seit Kriegsende in einem Euthanasie-Prozeß ein Täter aus der kleinen Spitzengruppe leitender und verantwortlicher KZ-Ärzte vor Gericht. Schumanns einstige Kollegen bei der Ausrottung von Lagerhäftlingen, Juden und Geisteskranken sind tot oder untergetaucht; sie stehen auf Fahndungslisten oder entzogen sich durch Selbstmord der Strafverfolgung:

    * Josef Mengele, Lagerarzt von Auschwitz, verbirgt sich nach Berichten von Augen- und Ohrenzeugen in Südamerika;

    * Hanns Eisele, KZ-Arzt, den die ägyptische Regierung an die Bundesrepublik auszuliefern sich weigerte, starb im Mai 1967 in Kairo;

    * Werner Heyde, Professor und Euthanasie-Spezialist, der viele Jahre nach dem Krieg unter dem Namen Sawade in Schleswig-Holstein praktizierte und sogar als Gerichtsgutachter tätig war, beging Selbstmord, ehe ihm der Prozeß gemacht wurde;

    * Carl Clauberg, SS-Brigadeführer und Professor, der die Massensterilisation von KZ-Häftlingen durch Einspritzen einer Reizflüssigkeit empfohlen und realisiert hatte, starb 1957 in Untersuchungshaft;

    Und Gerhard Bohne, Leiter der "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten", verantwortlicher Funktionär der Aktion "T 4" zur Liquidierung von Geisteskranken und erster Auftraggeber Schumanns, wurde zwar 1966 von Argentinien ausgeliefert, doch endete das Strafverfahren 1968 wegen seiner Verhandlungsunfähigkeit mit einer Einstellung.

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    1. Ein Zufall brachte die Ermittlungsbehörden auf die Spur Schumanns. Im April 1959 berichtete ein Afrika-Reporter des Stuttgarter Wochenblatts "Christ und Welt" "Genau dort, wo der Sudan, der Kongo und Französisch-Äquatorialafrika zusammenstoßen, liegt mitten im Busch das Krankenhaus von LI Jubu ... Dort lebt mit seiner Frau der einsamste Deutsche, den ich je getroffen habe: Doktor Horst Schumann." ...

      Der unbekannte Urwald-Samariter hatte sich dem "Christ und Welt"-Besucher als Arzt vorgestellt, der an der Erforschung der Schlafkrankheit besonders interessiert sei. Auf dem Photo, das den Bericht Illustrierte, erkannten das "Comité International des Camps" und die deutschen Strafverfolger den KZ-Arzt Schumann.

      Damit begann die Jagd auf einen seit langem gesuchten Tötungsspezialisten und Gastod-Praktiker, der zuvor jahrelang unter seinem richtigen Namen in der Bundesrepublik als Arzt tätig gewesen war ...

      Die Frankfurter Staatsanwaltschaft beschuldigt Schumann nun, in Grafeneck seien 1940/41 unter seiner Verantwortung 829, danach in der Anstalt Sonnenstein bei Pirna 13 720 Geisteskranke umgebracht worden.

      Diese Mord-Aktion war im Frühjahr 1941 durch die "Sonderbehandlung 14 f 13" ergänzt worden: Auch arbeitsunfähige und invalide KZ-Häftlinge sollten durch "Gasduschen" getötet werden. Nach den Ermittlungen der Ankläger reiste Dr. Schumann als Gutachter von Lager zu Lager und selektierte die Opfer.

      Noch im gleichen Jahr wurde das Vernichtungsprogramm abermals erweitert: "Erbuntüchtige" und "rassisch minderwertige" KZ-Häftlinge, für die Nazis als Arbeitskräfte bis zum Tode gerade noch akzeptabel, sollten unfruchtbar gemacht werden. Mediziner Horst Schumann bot sich an, die Röntgenkastration als billige Methode für Massenkastrationen zu erproben. ...

      Als der Krieg zu Ende war, ließ sich Dr. Schumann als Knappschaftsarzt in Gladbeck nieder, in seinen Papieren stand, er habe vor 1945 "Vertretungen" gemacht. 1951 benötigte Schumann, der einen Jagdschein haben wollte, ein polizeiliches Führungszeugnis, das in seinem Geburtsort Halle an der Saale -- wo er auch studiert und promoviert hatte -- angefordert wurde, Statt der Leumundsbescheinigung kam ein Haftbefehl der DDR-Behörden.

      Alte Kameraden warnten den KZ-Arzt. Einen Tag vor seiner geplanten Verhaftung floh Schumann als Kohlentrimmer nach Japan, erfuhr dort, in Jokohama, daß der Sudan dringend Ärzte suche. Als die Regierung in Khartum nach dem unfreiwilligen Enthüllungs-Artikel in "Christ und Welt" von deutschen Behörden aufgefordert wurde, den Urwalddoktor und Lepra-Kolonie-Leiter auszuliefern, durfte der Deutsche fliehen -- über Liberia nach Ghana. ...

      Bis zu Nkrumahs Sturz im Februar 1966 -- kurz zuvor hatte Schumann die ghanesische Staatsangehörigkeit erworben -- blieben alle westdeutschen Auslieferungsbegehren unerfüllt, und die DDR war bei dem Lenin-Preisträger Nkrumah gar nicht erst vorstellig geworden. Nach dem Militärputsch in der Hauptstadt Accra sperrten die neuen Machthaber Dr. Schumann ... acht Monate ein, dann gab das höchste Gericht von Ghana dem bundesdeutschen Auslieferungsersuchen statt. ...

      ... schon zweimal hat Schumann ... sich zur Tat bekannt. Im März 1967 wartete er als Zeuge im Verfahren gegen die NS-Ärzte Endruweit, Ullrich und Bunke mit einer genauen Schilderung des Todesbetriebs in den Vernichtungsanstalten auf, wo er auch selbst den Gashahn aufgedreht habe. In Sonnenstein, so Schumann, seien 1940/41 rund 20 000 Geisteskranke umgebracht worden.

      Und auf dem Flug vorn Gefängnis in Accra zur Haftanstalt in der Frankfurter Hammelsgasse, wo er zuerst eingeliefert worden war, sagte Horst Schumann: "Das mit der Euthanasie-Anklage, das stimmt. Ich war der verantwortliche Mann in Grafeneck. Röntgen-Sterilisierungen habe ich auch gemacht, in Auschwitz ... Das war schlimm, was wir gemacht haben."

      DER SPIEGEL 39/1970

      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44904888.html




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  7. Werner Heyde, Pseudonym Fritz Sawade (1902-1964) war Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Würzburg, Leiter der medizinischen Abteilung der „Euthanasie“-Zentrale und Obergutachter der Euthanasie-Aktion T4 während der Zeit des Nationalsozialismus. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges konnte er unter dem Pseudonym Fritz Sawade mehrere Jahre als Arzt praktizieren. Fünf Tage vor der Eröffnung des Prozesses wegen seiner Verbrechen beging Heyde Suizid. ...

    Von Oktober 1934 bis Mai 1936 war Heyde Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes Wurzburg ... Parallel dazu entschied er als Beisitzer im dortigen Erbgesundheitsgericht über Anträge auf Zwangssterilisationen. Im Mai 1936 wandte sich Heyde mit einer Denkschrift zur Praxis der Erbgesundheitsgerichte an Arthur Julius Gütt, den Mitverfasser des offiziellen Kommentars zum Sterilisierungsgesetz. ...

    Heyde wurde der Sanitätsabteilung der SS-Totenkopfverbände zugewiesen ... Er baute die Überprüfung der „Erbgesundheit“ der KZ-Häftlinge auf ...

    Vermutlich ab Ende Juli 1939 war Werner Heyde an der Vorbereitung der Tötung von Geisteskranken und Behinderten, der sogenannten „Aktion T4“, beteiligt. ...

    Heyde hatte im Januar 1940 an einer „Probevergasung“ in Brandenburg teilgenommen. Die Entscheidung, Kohlenmonoxid zu verwenden, war unter Mitwirkung Heydes getroffen worden: Er hatte sich hierzu mit dem Würzburger Pharmakologen Ferdinand Flury beraten. ...

    Am 23. April 1941 sprachen Werner Heyde und sein Vorgesetzter Viktor Brack auf einer Tagung der Generalstaatsanwälte und Präsidenten der Oberlandesgerichte beim geschäftsführenden Reichsjustizminister Franz Schlegelberger. Sie stellten die Aktion T4 vor, zeigten den Brief Hitlers von 1939 und erwähnten, dass Hitler die Verabschiedung eines förmlichen Gesetzes zur „Euthanasie“ aus außenpolitischen Gründen abgelehnt hatte.

    Wahrscheinlich im Dezember 1941 übergab Werner Heyde die Leitung der Aktion T4 an Paul Nitsche. ...

    Vom 18. April 1944 datiert ein Bericht Heydes an den SS-Obergruppenführer Gottlob Berger über eine gemeinsame Reise mit Frits Clausen nach Dänemark. Clausen, Arzt und Parteiführer der dänischen Nationalsozialisten, hatte sich nach ausbleibenden Erfolgen seiner Partei zur Waffen-SS gemeldet ...

    Ende 1949 erhielt Heyde unter seinem Falschnamen Dr. Fritz Sawade eine Anstellung als Sportarzt an der Sportschule in Flensburg-Mürwik. Im Stadtteil Westliche Höhe, wo nach dem Krieg etliche Nazi-Größen untergetaucht waren, besaß er im Walter-Flex-Weg ein Reihenhaus. Mit Unterstützung des Mediziners Hans Glatzel, dem er seine wahre Identität offenbarte, erhielt er die Möglichkeit, nervenärztliche Gutachten für das Oberversicherungsamt in Schleswig-Holstein zu erstellen. ... Bis zu seiner Verhaftung 1959 erstellte er etwa 7.000 Gutachten für verschiedenste Behörden und Institutionen.

    Heydes Verhaftung am 12. November 1959 war Folge der Verärgerung des Kieler Medizinprofessors Helmuth Reinwein ... : Reinwein drohte, seine Kenntnisse über den unter falschem Namen seit 1951 als Gerichtsgutachter, insbesondere bei Sozialgerichten, tätigen Heyde öffentlich zu machen. Als schleswig-holsteinische Landesbehörden hiervon erfuhren, wurde Heyde ... erstmals aufgefordert, seine Approbationsurkunde vorzulegen. ... Zu diesem Zeitpunkt war Heinz Wolf Oberstaatsanwalt in Frankfurt, der bereits anderen hochrangigen NS-Funktionären wie Kurt Bode zu Persilscheinen verholfen hatte. Heyde stellte sich dieser Oberstaatsanwaltschaft. ...

    Die Ermittlungen gegen Heyde übernahm die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft unter Fritz Bauer. ... Heyde wurde angeklagt, „heimtückisch, grausam und mit Überlegung mindestens 100.000 Menschen getötet zu haben“. Die Eröffnung des Prozesses gegen Werner Heyde und die Mitangeklagten Gerhard Bohne, Hans Hefelmann und Friedrich Tillmann vor dem Limburger Landgericht war für den 18. Februar 1964 angesetzt. Dem Prozess entzog sich Heyde, indem er sich am 13. Februar 1964 im Zuchthaus Butzbach das Leben nahm. ...

    https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Heyde

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  8. Dorothy E. Roberts
    University of Pennsylvania
    dorothyroberts@law.upenn.edu

    Alexander Professor of Civil Rights, and Professor of Africana Studies, University of Pennsylvania (as of July 1, 2012).
    Founding Director, Program on Race, Science & Society, Center for Africana Studies, University of
    Pennsylvania, 2013-present.

    “Who May Give Birth to Citizens?: Reproduction, Eugenics, and Immigration,” 1 Rutgers Race &
    Law Review 129 (1998).

    http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:-E90U6T737IJ:https://www.law.upenn.edu/faculty/roberts1/cv.pdf

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