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Sonntag, 29. Dezember 2013

Gerhard Schumann: Lob des Hasses


Von der “verbalen Artillerie” schwaermte Thilo Sarrazin; von “Fachsoldaten des Dritten Reiches” Paul Fechter, Mentor des Vaters von Thilo Sarrazin, des Arzt-Schriftstellers Hans-Christian Sarrazin.
http://guttmensch.blogspot.se/2013/06/drei-generationen-sarrazin-zeitzeugen.html


Wo findet sich sonst noch die Vorstellung, dass Angehoerige der schreibenden Zunft “Soldaten des Wortes” sein sollten?
Ich sah mit dem Suchbegriff “Soldat des Wortes” auf der Antiquariats-Webseite Abebooks nach und fand auf Anhieb den Begriff “Soldat des Wortes und der Feder” in der Beschreibung eines 1987 erschienenen Buches:
Kein schöner Land, von Pozorny, Reinhard
Bookseller: Antiquariat Tarter (Thannhausen, BY, Germany)
Book Description: DSZ, München, 1987 …
Reinhard Pozorny [trat] […] 1930 in die Dienste des Deutschen Kulturverbandes und wurde Wanderlehrer. Die Aufgabe dieser Organisation bestand darin, deutsches Kulturgut zu lehren und zu bewahren. Das bedeutete zugleich auch, einem ungeheuer starken Druck tschechischen Chauvinismus' ausgesetzt zu sein. Doch Furcht vor Repressalien kannte der "Soldat des Wortes und der Feder", wie ihn der Dichter Gerhard Schumann nannte, nie. [...] (aus dem Vorwort).


Aus Internet-Quellen geht hervor, dass “der Dichter Gerhard Schumann”, der den Autor als “Soldat des Wortes und der Feder” lobte, ein erfolgreicher Autor der 1950er und 1960er Jahre gewesen ist. U.a. schrieb er an Schulbuechern (Erdkunde) des renommierten Schroedel Verlags mit. Zuvor war er ein Staats-Dichter der NS Ideologie.
(Erdkunde ist ein durchaus Ideologie-anfälliges Fach; siehe z.B. Stichwort Geographie auf dem Post “Eugenik und Geopolitik; http://guttmensch.blogspot.com/2011/05/geopolitik-und-eugenik-die-forderung.html)
 

Weekly NSDAP slogan.
Poster Text:
LASS / WAS STERBEN MUSS /
SINKEN UND MODERN /
WAS KRAFT HAT / WAS LICHT HAT /
WILL STEIGEN UND / LODERN /
GERHARD / SCHUMANN
[Let go down and decay what must die; whatever has strength, whatever has light will rise and blaze - Gerhard Schumann].
 

Aus
DER SPIEGEL 37/1959
09.09.1959
GERHARD SCHUMANN
Undank rings
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42622554.html
Ein "stark angeschlagener älterer Herr", der mit der Welt unzufrieden ist, 'fährt in den Urlaub- und setzt sich in einen Garten. "Gift und Galle", berichtet er, "trieb 'in meinen Säften. Ich sah nur noch Niedertracht und Undank rings." -
Aber plötzlich wird dem Griesgram "das trostlose Einerlei" weggezaubert … . Denn: "Ein Auto fuhr vor. Ein Wildfang fuhr heraus" - freilich nur in den Nachbargarten.
Der entzückte Bericht des griesgrämigen Herrn über das, was er nun, im Nachbargarten zu sehen bekommt, findet sich im Augustheft der Zeitschrift "Buch und Leben", mit der ein in Stuttgart, Zürich und Salzburg lokalisierter Literaturbetrieb, der "Europäische Buchklub", seine rund 200 000 Anhänger kostenlos versorgt. Prominente Mitglieder dieses Buchklubs, der jährlich gegen Monatsbeiträge von 4,20 Mark "6 auserlesene Werke der gegenwärtigen Weltliteratur" liefert, oder des kooperierenden "Europäischen Phonoklubs" sind die drei Bundesminister Erhard, Seebohm und Würmeling, SPD-Chef Erich Ollenhauer und der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt, Martin Niemöller und Werner Krauss, Vico Torriani und Dieter Borsche, Toni Sailer, Boxer Hans Stretz, Zauberer Kalanag.
Bei so erlesenen Literaturabonnenten darf die als Bindeglied fungierende Zeitschrift nicht eben leichtgewichtig sein. Sie proklamiert: "Geistige Führer der Gegenwart auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft zählen zu den Mitarbeitern der Klubzeitschrift, die über das wesentliche Geschehen in der literarischen Welt unterrichtet."
… zu den "geistigen Führern der Gegenwart" rechnet das Heft … wohl auch den Verfasser der Betrachtung über die "Urlaubsnixe 'in' Nachbars Garten", Gerhard Schumann, der diese Skizze in die Form eines Briefes an' die "süße Teenager-Aphrodite" von nebenan gebracht hat. ...
Nun hat der 48jährige Schumann einer möglichen Kritik an seinen kaum appetitlichen, jedenfalls geschmacklosen Briefbekenntnissen insofern vorgebeugt, als er bereits ins Maiheft der Klubzeitschrift einen Sechszeiler mit dem Titel "Toleranz" einrückte ...
Genau diese Aufforderung zur Toleranz dürfte freilich eine Frucht jener Jahre sein, die Schumann das Gefühl gegeben' haben, "nur noch Niedertracht und Undank rings" zu sehen - der Zeit seit dem Ende des Dritten Reiches.
In längstvergangenen Zeiten nämlich hatte Schumann alles andere als Toleranz bereimt. In sieben "Sonetten des Hasses" erklärte er zum Beispiel 1936:
Mag Liebe duldend Großes auch gebären
-Der Haß allein hält es von Hunden rein.
Schumann behauptete damals: "Denn auch den Haß verlieh uns Gott der Herr!" und übernahm es, "der Welt das neue erzne Maß" zu zeigen.
Haß-Prediger Schumann - 1934  bestätigte das völkische Organ "Reichssturmfahne" dem Schumannschen Kampfdrama "Das Reich" "erschütternde Bilder eines Weltanschauungskampfes auf Tod und Leben" - war in früheren Jahren nationalsozialistischer Studentenführer, SA-Standartenführer, Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer und Reichskultursenator, später SA-Oberführer. ...
Er erhielt 1935 den "Schwäbischen Dichterpreis", 1936 für den Lyrikband "Wir aber sind das Korn" - Reichsminister Dr. Joseph Goebbels: "ist in allem gekonnt, sowohl was die politische als auch was die persönliche Lyrik anbetrifft" - den "Nationalen Buchpreis". Lennartz: "In ausgereifter, oft hymnischer Form gibt er hier seinem Erleben von Führer, Volk und Reich mitreißende Gestaltung..."
Ob nun Schumanns Gedichtzeilen
Das Reich bricht an. Das Reich wird frei.
Und Deutschland braucht Soldaten
mitreißende Gestaltung beweisen oder nicht - erfolgreich waren sie schon deswegen, weil Hitler-Jugend, und Schuljugend dieses, entsetzliche Gereime auswendig lernen mußten. Seinen Führer - oder, als makabren Stellvertreter, den Tod - bedichtete Schumann etwa mit der Zeile: "Denn er befiehlt, daß wir gehorchen dürfen."


Bevor es den "Europäischen Buchklub" gab, der die Ergüsse des ehemaligen NS Schreibers Gerhard Schumann dem “wesentlichen Geschehen in der literarischen Welt” zurechnete, gab es schon die “Büchergilde Gutenberg”. Zu deren Autoren gehörte - Gerhard Schumann.
Da weiss man, was “Kontinuität” bedeutet.


Ebenfalls gefunden über Abebooks:
Hausmitteilungen der Büchergilde Gutenberg, Juli 1938, Nr. 7.
Büchergilde Gutenberg; Ernst-Wilhelm Balk.
Bookseller: Hallesches Antiquariat, Halle (Saale), Germany
Book Description: Berlin, Buchmeisterverlag, 1938 …
Mit Beiträgen von: Paul Gerhard Dippel, Gerhard Schumann, Arthur Berger, Karl Heinz Eckert, u.a. 



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... Kein Wunder, dass Schumann vom "Europaeischen Buchklub" promotet wurde - er hatte ihn selbst gegruendet.


Gerhard Schumann (Schriftsteller) – Wikipedia           

Gerhard Schumann (* … 1911 … † … 1995 …) war ein deutscher Schriftsteller, wirkungsvoller Propagandist der NS-Zeit und NS-Kulturfunktionär. Er schloss sich schon früh dem Nationalsozialismus an und erhielt zahlreiche NS-Ehrungen. Er trug mit seinen schriftstellerischen wie mit seinen kultur- und allgemeinpolitischen Beiträgen zur Durchsetzung und zur Aufrechterhaltung des NS-Systems bei. Im Nachkriegsdeutschland war Schumann als Verleger tätig. …

Von der NS-Literaturkritik als einer der bedeutendsten Vertreter der jungen Schriftstellergeneration gefeiert, machte Schumann als Autor und Kulturfunktionär rasch Karriere. 1935 erhielt er den „Schwäbischen Dichterpreis“, 1936 in Anwesenheit Hitlers den von Goebbels gestifteten „Nationalen Buchpreis“. 1935 wurde er in den Reichskultursenat berufen, 1938/39 leitete er die "Gruppe Schriftsteller" der Reichsschrifttumskammer. Ferner war er Mitglied des 1936-1943 bestehenden Bamberger Dichterkreises.

Nach Kriegsdienst ab 1939 wurde er 1942 Chefdramaturg am Württembergischen Staatstheater in Stuttgart und 1943 erster Präsident der Hölderlin-Gesellschaft. 1944 ging Schumann in die Kulturabteilung des SS-Hauptamtes. Schumanns letzter SS-Rang war der eines SS-Obersturmführers.

Der nach 1945 als „HJ-Barde“ Beschriebene sah sich selbst als „Ritter am heiligen Gral deutscher Kultur“[3]. Seine Lyrik, in der die NS-Ideologie mit quasireligiösem Pathos umgesetzt wurde, forderte die Wiederauferstehung des „Reiches“ durch Selbstaufopferung und verherrlichte den von ihm messianisch verklärten „Führer“:

„Einer: Du bist das Ganze!
Chor: Führer!
Einer: Wir sind dein Teil!
Chor: Führer!
Einer: Dein Werk und dein Reich. Sieg
Alle: Heil!“


Schumann steht für bundesdeutsche literatur- und kulturpolitische Kontinuitäten nach dem Ende des NS-Regimes: 1949 gründete er den „Europäischen Buchklub“, der bald etwa 200.000 Mitglieder zählte, darunter die damaligen Minister Erhard und Seebohm, aber auch Martin Niemöller, Erich Ollenhauer und Willy Brandt. Eine Reihe alter NS-Schriftstellerkollegen wie Hans Grimm, Hans Friedrich Blunck, Mirko Jelusich, Eberhard Wolfgang Möller, Bruno Brehm und Erwin Guido Kolbenheyer förderte er durch Aufnahme ihrer Bücher in das Programm der Buchgemeinschaft. Der Buchklub ging 1962/63 in dem Bertelsmann-Konzern auf, von dem einige der rechtsradikalen Autoren in den Bertelsmann Lesering übernommen wurden. 1962 begründete Schumann den rechtsextremistischen "Hohenstaufen Verlag". Schumann betätigte sich ferner im Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes, einer Organisation, die 1950 von dem ehemaligen Kollegen Schumanns in der „Reichsschrifttumskammer“, Herbert Böhme, gegründet wurde und als Dachorganisation rechtsnationaler und rechtsextremistischer Gruppierungen fungierte. …
http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Schumann_(Schriftsteller)



Anm. Blogger:
Verbindung von Gerhard Schumann zu Hans-Christian Sarrazin ueber Paul Fechter – Hans Grimm/ Lippoldsberger Dichtertage ist durchaus wahrscheinlich.
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Siehe auch Kapitel ueber Schumann bei Baird, To Die for Germany: Heroes in the Nazi Pantheon;
u.a. von Interesse: Bezug zu Friedrich Naumann und dessen Idee eines "Mitteleuropa" unter deutscher Fuehrung

http://books.google.se/books?id=mZihrV9IAJMC&pg=PA130&lpg=PA130&dq=%22gerhard+schumann&source=bl&ots=e1icp5_IvY&sig=kp6O1aWRrILvbT8IRpNwdj_Ga-Y&hl=en&sa=X&ei=l-HAUtigDOrU4QSnjYDgCQ&ved=0CD0Q6AEwAg#v=onepage&q=%22gerhard%20schumann&f=false

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“Weltanschauungskampf””
vgl. Samuel Huntington, Kampf der Kulturen



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"Feder und Schwert" - doch keine Kombination, die fuer einen spezifisch deutschen Militarimus typisch waere.
Es gab und gibt sie auch in England; reflektiert z.B. in dem Verlagsnamen "Pen & Sword Military".


Victoria Schofield: Wavell - Soldier and Statesman. Pen & Sword Military, 2010

http://zettelmaus.blogspot.com/2014/01/kriegsschuld-am-ersten-weltkrieg-die.html

Samstag, 1. Juni 2013

Drei Generationen Sarrazin: Zeitzeugen der Eugenik-Bewegung

Goldstandard: Die eigene Familie
Bildquelle:
http://en.wikipedia.org/wiki/Good_Delivery
In guter eugenischer Tradition nimmt Thilo Sarrazin die eigene Famile ("die westfälische Familie Sarrazin, der ich entstamme"; DSSA) als Goldstandard für das, was gesellschaftlich gut und erstrebenswert ist. So hielt es schon Francis Galton, Autor des von Sarrazin gelobten Werkes "Hereditary Genius" und Begründer der Eugenik-Ideologie. Auch wenn Sarrazin letzlich wenig Genaues über seine Herkunftsfamilie preisgegeben hat, halte ich es vor diesem Hintergrund dennoch nicht für indiskret, der Frage nachzugehen, welche Rolle familiäres "Erbe" - nicht mit den Genen, aber mit nostalgischen Erinnerungen und mit einem besonderen Stolz auf Herkunft und Familientradition weitergegeben - bei der Bildung seiner Thesen gespielt haben könnte.

Sarrazin nennt zwar den Gründungsvater der Eugenik, Francis Galton, ehrfürchtig als Referenz und scheut auch vor dem Gebrauch der Begriffe "eugenisch" und "dysgenisch" nicht zurück. Aber er lässt aus, dass "Eugenik" eine Generation vor seiner eigenen in Deutschland "Rassenhygiene" hieß - und dass sie auch damals schon aus den Lehren Galtons schöpfte, vermittelt von der Generation zuvor.

Im Folgenden fasse ich zusammen, was ich an Informationen und Anhaltspunkten über die Zeitzeugenschaft von Thilo Sarrazin,  Hans Christian Sarrazin und Gregor Sarrazin im Zusammenhang mit der Ideologie der Eugenik bisher gefunden, z.T. auch schon in anderen Posts notiert habe. Ich fange mit einem groben Gerüst an und ergänze nach und nach.

  • Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abgespiegelt. Hierzu wird aber ein kaum Erreichbares gefordert, daß nämlich das Individuum sich und sein Jahrhundert kenne, sich, inwiefern es unter allen Umständen dasselbe geblieben, das Jahrhundert, als welches sowohl den Willigen als Unwilligen mit sich fortreißt, bestimmt und bildet, dergestalt daß man wohl sagen kann, ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein.
    -
    Goethe, Dichtung und Wahrheit


Thilo Sarrazin (* 12. Februar 1945)

Thilo Sarrazin ist ein Zeitzeuge und Mitwirkender des Wiederbelebens der Eugenik, die in Deutschland "Rassenhygiene" hieß und nach Kriegsende 1945 zu Recht als diskreditiert galt.

Er führt eine Vielfalt von Problemen, wie Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Sozialleistungen, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, Missstände an den Schulen und eine als zunehmend wahrgenommene Kriminalität auf drei Grundprobleme zurück:
  1. Schrumpfende Bevölkerungszahl und damit einhergende Vergreisung der "autochthonen Deutschen" (des Teils der Bevölkerung, den er als deutsch anerkennt),
  2. Überproportionale Fortpflanzung der Unterschicht und damit der Untüchtigen, und unterproportionale Fortpflanzung der Tüchtigen, Intelligenten,
  3. Zuwanderung aus den falschen Ländern; d.h. Ländern mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil; geographisch aus dem "nahen und mittleren Osten sowie aus Afrika" (dass dies nicht deckungsgleich ist, lässt er außer Acht - bis auf die Ausnahme, die er für Juden macht).
Diese Einteilung entspricht klar nachvollziehbar der Einteilung des NS Aktionsprogramms für "Volksgesundheit", das von NS Ärzteführer Wagner auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1934 präsentiert wurde.
Sie entspricht aber auch der Einteilung, die eine Generation zuvor der britische Labour-Politiker Sidney Webb (1859 -1947), ein Anhänger der von Francis Galton begründeten Eugenik-Ideologie, vorgenommen hatte.  
http://guttmensch.blogspot.com/2013/05/english-please-2.html ;
http://guttmensch.blogspot.com/2013/03/sarrazins-thesen-zusammenfassung.html

Sarrazin lobt den schwedischen Sozialdemokraten Gunnar Myrdal (1898-1987), der "schon in den 1930er Jahren" die richtigen Erkenntnisse gehabt habe. (Myrdal setzte sich, dem Zeitgeist entsprechend, in Schweden "erfolgreich" für ein heute diskreditiertes und als Schandfleck der Sozialdemokratie angesehenes Programm von Zwangsterilisationen ein, was Sarrazin allerdings nicht ausdrücklich erwähnt.)

Mehrere der wissenschaftlichen Gewährsleute, auf die sich Thilo Sarrazin in DSSA bezieht, stehen dem 1937 in den USA gegründeten, seinerzeit Nazi-freundlichen “Pioneer Fund” nahe, der sich nach wie vor der Förderung der Eugenik-Ideologie widmet. Eine vom Pioneer Fund finanzierte Vierteljahresschrift, Mankind Quarterly, hat (Jahrzehnte nach Otmar von Verschuer) wieder einen deutschen Mitherausgeber: Volkmar Weiss, Thilo Sarrazins maßgeblichen Vordenker.http://guttmensch.blogspot.com/2011/06/forderung-und-finanzierung-der-eugenik.html



"Mein Vater war ein Goethe-Kenner
und daher bin ich mit einer großen Ausstattung
von Goethe-Zitaten ins Leben gegangen. …
Zum Beispiel … : Man könnte erzogene Kinder
gebären, wenn die Eltern erzogener wären.
Oder: Dreimal glücklich sind diejenigen zu
preisen, die ihre Geburt sogleich über die
unteren Stufen der Menschheit hinaushebt."

– Thilo Sarrazin ( http://guttmensch.blogspot.com/
2012/03/mehr-zum-thema-nostalgie.html
).
Goethes Gesammelte Werke studiert?
Oder eine ganz spezielle kleine Auswahl –
wie die aus dem Verlag J. F. Lehmanns,
der den Rassenstaat herbeischreiben half?
http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/
karl-bauer-dichterquartett.html



Hans-Christian Sarrazin (* 1914)

Der Arzt-Schriftsteller Hans Christian Sarrazin (Vorname sowohl mit als auch ohne Bindestrich zu finden) ist der Vater von Thilo Sarrazin. Als Arzt und langjähriger "Gutachter für die Sozialgerichte" ist er ein Zeitzeuge der radikalen Umsetzung der Eugenik-Ideologie (unter der Bezeichnung Rassenhygiene) in der Zeit des NS und der Nachkriegs-Karrieren von Ideologen der Rassenideologie.


Aus dem Klappentext des Gedichtbands “Ahorndekade” von Hans Christian Sarrazin (Vater von Thilo Sarrazin), Laumann-Verlag Dülmen, 1993:(Hervorhebungen von mir)

Hans Christian Sarrazin … begann 1934 mit dem Studium der Gemanistik, die er nach einigen Semestern mit der Medizin vertauschte. … Truppenarzt in Frankreich und Italien … Leiter der sozialmedizinischen Abteilung eines Knappschaftskrankenhauses und, bis heute, ärztlicher Gutachter für die Sozialgerichte. … Den ersten Druck eines Gedichtes besorgte 1937 Paul Fechter in der Deutschen Allgemeinen Zeitung. …”

 
Bemerkenwert ist u.a. seine Verbindung mit dem Publizisten Paul Fechter in der NS Zeit und in den Nachkriegsjahren.
Zu Fechters Kreisen gehörten u.a. die Schriftsteller Arthur Moeller van den Bruck (Schöpfer des Begriffs “Drittes Reich”), Hans Grimm (“Volk ohne Raum”), Agnes Miegel und der aus Hofgeismar stammende Journalist Joachim Günther. Letzterer schrieb auch unter dem Pseudonym Joachim Siering; ob ein Verwandtschaftsverhältnis mit dem Rassenideologen Hans F. K. Günther besteht, ist unbekannt. Erwähnenswert ist Joachim Günther auch unter dem Aspekt, dass Bezüge zum historischen Hofgeismarkreis (gegründet 1923) nahe liegen. Dort fanden sich junge Sozialdemokraten vom rechten Rand der SPD, die von der Ideologie der Eugenik angetan waren und später z.T. eine “Querfront” mit der aufkommenden NSDAP bildeten. Vor einigen Jahren gründete eine Splittergruppe rechtsorientierter Jusos in Leipzig einen neuen “Hofgeismarkreis”, der an den historischen ausdrücklich anschließen soll, und von dem sich die SPD nur milde distanzierte. http://guttmensch.blogspot.com/2013/03/du-bist-nichts-dein-volk-ist-alles-der.html

Hans Christian Sarrazin hat in der Zeit des NS hin und wieder etwas von ihm Geschriebenes in einer der gleichgeschalteten Zeitungen unterbringen können – soweit bekannt, nur unpolitische, harmlose Gedichte.
Konnte er sich als junger Arzt und Möchtegern-Schriftsteller der großen Nachfrage nach “Fachsoldaten des Dritten Reichs”, von denen sein Mentor Paul Fechter schwärmte, entziehen; wollte er es überhaupt? Kannte er andere schreibende Ärzte seiner Zeit, hat er sich mit ihnen ausgetauscht, war er von ihnen beeinflusst? Hat er mit oder ohne Namensnennung an weiteren Publikationen selbst mitgewirkt?
Erwähnenswert aus der Zunft der für ein breiteres Publikum schreibenden Ärzte erscheint mir z.B. Heinz Weiss, Mitverfasser des 1933 erschienenen “Almanach der nationalsozialistischen Revolution, herausgegeben von Oberpräsident Wilhelm Kube, unter Mitarbeit von Willi Bischoff und Dr. Heinz Weiss”. Ich nehme an, dass er identisch ist mit Heinz Weiss, Vater von Thilo Sarrazins Ideengeber Volkmar Weiss. Über ihn schrieb Volkmar Weiss: “Mein Vater war der hauptamtliche Bannführer der Hitlerjugend von Zwickau.” Dazu sollte man auch noch wissen, dass Zwickau schon vor der “Machtergreifung” der Nationalsozialisten eine Spielwiese eugenischer Ideen war (Stichwort “Lex Zwickau”). An der Entstehung des Gesetzentwurfs “Lex Zwickau” (zur Einführung von Zwangssterilisationen angeblich geistig Minderwertiger) waren US-Eugeniker wesentlich beteiligt – allen voran Harry Laughlin, später dem 1937 von Wicliffe Draper gegründeten Pioneer Fund verbunden. 

Es ist deshalb nicht weit hergeholt, sich zu fragen, ob die Verbindung von Volkmar Weiss zum Pioneer Fund schon in der 2. Generation besteht.

Weiter ist gut möglich, dass die gegenseitige Wertschätzung der schrift-stellerischen Arbeit von Volkmar Weiss und Thilo Sarrazin schon bei ihren Vätern Heinz Weiss und Hans Christian Sarrazin bestand, ob sie sich nun auch persönlich kannten oder nicht.
  • Als Arzt an einem Knappschaftskrankenhaus (wahrscheinlich Recklinghausen, in der NS-Zeit ein medizinisches Zentrum fuer die Unfruchtbarmachung mit Röntgenstrahlen *) und durch seine Gutachter-Taetigkeit ist Hans Christian Sarrazin sicherlich mit der Fragestellung “Zwangssterilisationen – Wohltat oder NS Unrecht?” konfrontiert gewesen. Ob und wie er sich dazu im Familienkreis äußerte, wissen wir nicht.
* Siehe auch Stichwort "Gustav Schulteauf diesem Blog; z.B. in Post und Kommentaren auf http://guttmensch.blogspot.com/2013/02/zwangssterilisationen-wohltat-oder-ns.html

  • Wer 1993 im Alter von fast 80 Jahren auf jahrzehntelange Tätigkeit als “Leiter der Sozialmedizinischen Abteilung eines Knappschaftskrankenhauses” und “ärztlicher Gutachter für die Sozialgerichte” zurückblicken konnte, wird während seiner Laufbahn sicher auch zu Fragen der Entschädigung für Zwangssterilisierte konsultiert worden sein. Wenn diese Tätigkeiten bis in die Zeit vor 1945 zurückreichen sollten, dürften solche Funktionen es auch mit sich gebracht haben, an Entscheidungen über die Unfruchtbarmachung z.B. für schwachsinnig gehaltener Menschen selbst mitzuwirken. Personelle Kontinuitäten beim Kreis der herangezogenen Gutachter waren nicht selten; siehe z.B. Stichwort “Villinger” auf diesem Blog. - Gerade Knappschaftskrankenhäuser waren ein wichtiger Teil der “Fürsorgestrukturen”, die in der Nazi-Zeit in den Dienst der “Rassenhygiene” gestellt worden waren. Beispiel Recklinghausen: ...
http://guttmensch.blogspot.com/2012/03/mehr-zum-thema-nostalgie.html


Besuchte Hans Christian Sarrazin die "Führerschule der deutschen
Ärzteschaft” in Alt-Rehse, Mecklenburg? Ich halte dies für wahrscheinlich; siehe http://guttmensch.blogspot.com/2013/02/stoff-aus-den-fuehrerschulen.html

Das Thema Zwangssterilisationen spielt auch bei Thilo Sarrazin eine Rolle, wenn auch nur angedeutet durch den anerkennenden Hinweis auf Gunnar Myrdals Engagement für "Bevölkerungsqualität" (s.o.). 




Gregor Sarrazin

(13. Mai 1857  - 3. November 1915)

Thilo Sarrazin erwähnte gelegentlich seine “englische Großmutter”; ihren Namen nannte er meines Wissens nicht. Eine Reihe von Anhaltspunkten deutet darauf hin, dass der Shakespeare-Forscher Gregor Sarrazin und seine Frau Frances, geb. Stearne, trotz des in dem Fall hohen Vateralters die Eltern des früh verwaisten Vaters von Thilo Sarrazin, des Arzt-Dichters Hans-Christian Sarrazin, sein könnten. Gregor Sarrazin wäre dann also Thilo Sarrazins Großvater väterlicherseits.
In einigen Quellen ist "Gregor" noch mit dem zweiten Vornamen "Ignatz" ergänzt, also "Gregor Ignatz Sarrazin".

Einer Fußnote zu seinem Nachruf in der Fachzeitschrift Anglia (1916) ist zu entnehmen, Gregor Sarrazin solle "dazu geneigt haben, unsympathische züge des modernen englischen volkscharakters aus übergreifen des keltischen elements zu erklären".
http://www.archive.org/stream/angliazeitschrif27halluoft/angliazeitschrif27halluoft_djvu.txt ;
http://guttmensch.blogspot.com/2012/03/mehr-zum-thema-nostalgie.html

Über seinen Anglisten-Kollegen und Bundesbruder in der Burschenschaft Rheinfranken, Karl Friedrich Schemann, hatte Gregor Sarrazin wahrscheinlich Verbindung zu dem Rassenideologen und Gobineau-Übersetzer Karl Ludwig Schemann (1852-1938), der zum Bayreuther Kreis um Richard Wagner und dessen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain gehörte.
Siehe Kommentar „Merkzettel Soziale Netzwerke“ zu dem Post „Bayreuther Kreis und Wiener Guido-von-List-Gesellschaft: Eugenik, Esoterik und Herrenmenschen-Ideologie“



Zweifellos hatte der deutsche Shakespeare-Forscher Gregor Sarrazin, der an der Universität Breslau englische Philologie unterrichtete, Mitherausgeber der Zeitschrift Anglia war und die Tochter eines Londoner Kaufmanns geheiratet hatte, Kontakt zu intellektuellen Kreisen im Vereinigten Königreich.
Die Annahme liegt nahe, dass er von der in seiner Zeit popularisierten Eugenik beeinflusst war und mit einigen ihrer Propagandisten auf beiden Seiten des Ärmelkanals in Verbindung stand.


Francis Galton (1822-1911) und sein “Apostel” Karl Pearson (1857-1936) suchten und unterhielten  den Kontakt zu Personen und Netzwerken, die bei der Verbreitung der Eugenik-Ideologie über die Grenzen des Vereinigten Königreichs hinaus, ganz besonders in den USA und in Deutschland, behilflich sein konnten. Zu ihren wichtigsten Kontakten in Deutschland gehörten Alfred Ploetz (1860-1940) und Eugen Fischer (1874-1947).
Eine enge Zusammenarbeit bestand zwischen Francis Galton und dem deutsch-britischen Zoologen und Eugeniker Albert C.L.G. Günther (1830-1914).http://guttmensch.blogspot.com/2011/12/fuhrungsbegabte-familien-besondere-gene.html
Ob dieser mit Hans F. K. Günther und/ oder mit Joachim Günther (s.o.) verwandt ist, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen. Dass zumindest Hans F. K. Günther aber von ihm wusste und sich dafür interessierte, ob eine Verwandtschaft besteht, ist mehr als wahrscheinlich.

Galton, der mit seinem Werk über die Erblichkeit der Geniehaftigkeit, Hereditary Genius, den Grundstein zu seiner Eugenik-Ideologie gelegt hatte, war Shakespeare-Fan. Er wird wohl gewusst haben, dass der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe Shakespeare als ein Vorbild betrachtet und als “Genie” gerühmt hatte. An den Werken eines deutschen Shakespeare-Forschers dürfte er durchaus interessiert gewesen sein – und dieser vor allem an seinen. Eines seiner (Galtons) bekanntesten, heute noch gebräuchlichen Schlagworte lautet Nature versus Nurture, wörtlich “Natur gegen Nähren” (als sei nicht auch das Nähren Teil der Natur); im Deutschen meist übersetzt mit „Natur oder Kultur“.
Es wird angenommen, dass Galton durch Shakespeares Drama The Tempest („Der Sturm“) zu diesem Schlagwort inspiriert wurde. In diesem Stück lamentiert Prospero, Herzog von Mailand, über seinen rebellischen Diener Caliban:
A devil …, a born devil, on whose nature / Nurture can never stick.” (In der
Übersetzung von Christoph Martin Wieland: “Ein Teufel ist dieser Caliban, ein gebohrner Teufel, an dessen Natur keine Erziehung haftet; an dem alle meine Mühe, Mühe wie man an einen Menschen wendet, verlohren, gänzlich verlohren ist.”)Hinweis auf die Herkunft des Schlagworts Nature versus Nurture in: Measure for measure -The strange science of Francis Galton, Jim Holt (The New Yorker, January 24/31, 2005)http://www-fourier.ujf-grenoble.fr/~dpiau/mat414-07/07galton.pdf


Deutsche Übersetzung der zitierten Stelle in Shakespeare’s “Der Sturm” gefunden auf
http://gutenberg.spiegel.de/buch/2163/17






Geburtshaus des Feldherrn Erich Ludendorff
auf dem Gelände des Gutes Kruszewnia (bei Posen), heute in Polen.
Das Gut gehörte zeitweise der von Westfalen aus in Westpreußen
angesiedelten Familie Sarrazin. Von einem "Rittergut" bei Posen stammt
Gregor Sarrazin. 

http://studiengruppe.blogspot.com/search?q=sarrazin ;http://books.google.com/books/about/Stammbaum_der_westfaelischen_Familie_Sar.html?id=7k3UPgAACAAJ&redir_esc=y



 
Siehe auch Otto Sarrazin, Urgroßonkel von Thilo Sarrazin, auf
 

Dienstag, 26. März 2013

Drei Bedrohungen: Sarrazins Thesen von ihm selbst zusammengefasst (und Hinweise auf Vorläufer)

Sarrazins Thesen Zusammenfassung – diese Wortkombination gehört zu den häufigsten Suchbegriffen, mit denen Besucher dieses Blog gefunden haben. (Geführt wird die Liste von dem Begriff “Kulturbereicherer”, gefolgt von “Kopftuchschlampe”).

Wer eine Zusammenfassung von Sarrazins “Thesen” sucht, landet bisher zuerst auf meinem Post “Sarrazin Thesen in fünf Punkten”. Da es gar nicht so einfach war, eine von Sarrazin selbst verfasste Zusammenfassung seiner vielfältigen Aussagen zu finden – eine Unterscheidung, was wirklich der Kern ist und was Beiwerk -, hatte ich diesen Post nach einer von Bruno Preisendörfer verfassten Zusammenfassung in fünf Punkten benannt.

Zu finden auf

    


Sarrazin hat über seine Deutschland-Schafft-Sich-Ab-Theorie ein dickes Buch verfasst und unzählige Interviews gegeben. Aber es ist eine Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, wenn man eine Stelle finden will, an der er sagt: Das ist, in ein paar Sätzen, der Kern, um den es mir geht.
Es dauerte einige Zeit, bis ich eine solche Stelle fand – in dem Interview, das Sarrazin 2011 (in englischer Sprache) der BBC gegeben hat. Der betreffende Text (in deutscher Übersetzung) ist in besagtem Post als Nachtrag noch eingefügt und kurz kommentiert. Mit diesem neuen Post möchte ich besonders darauf hinweisen.
Aus Sarrazins eigener Zusammenfassung wird deutlich, dass es im Kern nicht um Integration geht. Sondern es geht darum, welche Abstammung als deutsch gelten soll, und welche Bevölkerungsgruppen bezüglich ihrer Erbanlagen höher- oder minderwertig seien. Die “eugenischen Thesen” sind nicht irgendwelche Ausrutscher, sondern sie sind der Kern.

Sie lauten:
 
  • Deutschland schrumpft (mit jeder Generation um ein Drittel der Bevölkerung)
  • Die klügsten Menschen kriegen die wenigsten Kinder
  • Deutschland hat die falsche Art von Immigration - aus den falschen Ländern

Das sind die Kernthesen in Sarrazins eigener Zusammenfassung.
Original-Interview (Audio) http://www.wikio.de/video/thilo-sarrazin-full-hour-interview-say-4976271
Transkript (Auszug) http://europenews.dk/en/node/39257

 ________


Um Integration geht es nicht:
Siehe z.B. auch den Post "Anbiederungen", Stichwort "Charakterliche Ueberfremdung"
http://guttmensch.blogspot.com/2011/12/anbiederungen.html


________


Sarrazins Traum:

(Aus dem "Traumkapitel" in DSSA; von mir zusammengefasst)

http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/antwort-auf-die-quizfrage-zu-welchem.html

Bei der Bundestagswahl im September 2013 wird eine Regierung gewählt, die in ihrer Koalitionsvereinbarung "neue Akzente zur Weiterentwicklung in der Familien-, Integrations- und Bildungspolitik" setzt. Sie setzt durch, was Sarrazin für richtig hält. Insbesondere sind das Maßnahmen, die bis dahin besonders umstritten und "immer wieder als sozial ungerecht" kritisiert worden waren".
Finanzielle Unterstützungsleistungen für Familien werden konzentriert auf Anreize zur Steigerung von "Geburten von Frauen mit mittlerem und hohem Bildungsstand". Die Zahl der Geburten pro Frau steigt auf 2,1, und die "qualitativen Veränderungen" in der Zusammensetzung der Bevölkerung, die Sarrazin zuvor angeprangert hatte, kehren sich um. Dank unterschiedlicher finanzieller Anreize und Gegenanreize für verschiedene Bevölkerungsgruppen liegt die Fruchtbarkeit bei "Schichten mit höherer Bildung" noch über dem erreichten Gesamtdurchschnitt von 2,1 Geburten pro Frau, und "bei den Migranten aus Nah- und Mittelost sowie aus Afrika" unter den Gesamtdurchschnitt.
Von Investitionen für Bildung ist nicht die Rede; wie an anderer Stelle im Buch abgehandelt, wird gerade im Bildungsbereich nach Sarrazins Ansicht schon zuviel Geld verschwendet. Ganztagsschule ist aber Pflicht, Lehrpläne ändern sich entsprechend Sarrazins Vorstellungen, und es gibt Kopftuchverbot an Schulen.
Man sieht immer weniger Frauen mit Kopftuch, die Kinder werden intelligenter, Deutschland ist wieder gut aufgestellt für den internationalen Wettbewerb.


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Ergänzung 27.04.2013

Drei Gefahren

Interessante Funde in zwei neu eingetroffenen, über Internet-Antiquariat bestellten Büchern (Hervorhebungen in Fettdruck von mir):

1)      Deutsche Bevölkerungspolitik. Von Dr. Herbert Linden, Ministerialrat im Reichs- und Preußischen Ministerium des Innern. Erschienen 1938 in der Reihe “Volk und Wissen, Verlag Kurt Stenger, Erfurt (S. 3)

Das Volk nach nationalsozialistischer Auffassung ist nicht die Zusammenfassung der gegenwärtig innerhalb der Reichsgrenzen lebenden Individuen. Das Volk ist vielmehr ein besonderer, durch Blutsverwandtschaft entstandener biologischer Körper, der seinen eigenen biologischen Gesetzen unterworfen ist. Während z.B. das Einzelindividuum unentrinnbar dem Tode verfällt, können Völker ewig leben, wenn sie die Gefahren vermeiden, die dieses ewige Leben bedrohen. Der Nationalsozialismus kennt diese Gefahren genau. Auf Grund der geschichtlichen Betrachtung vom Kommen und Gehen der Völker und Kulturen und auf Grund der Ergebnisse exakter naturwissenschaftlicher Forschung müssen drei Gefahren vermieden werden: 1. Rückgang der Zahl, 2. Überwuchern der erbkranken Stämme über die gesunden, 3. Vermischung mit Fremdstämmigen. 

2)      Zwangssterilisation in Bonn (1934 – 1945) – Die medizinischen Sachverständigen vor dem Erbgesundheitsgericht. Von Carola Einhaus. Erschienen 2006 in der Reihe Rechtsgeschichtliche Schriften. Im Auftrage des Rheinischen Vereins für Rechtsgeschichte Köln, herausgegeben von Dieter Strauch. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien

Auf dem Reichsparteitag der NSDAP im Jahre 1934 nannte Reichsärzteführer Wagner die drei vorrangig zu lösenden Aufgaben der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik: Förderung der durch Geburtenrückgang gefährdeten arischen Rasse, Ausschluss sogenannter Erbuntüchtiger von der Fortpflanzung und die Verhinderung der Vermischung von arischem mit artfremdem Blut.





Reichsärzteführer Gerhard Wagner
 

Abtransport Behinderter zur "Euthanasie";

Stetten im Remstal, 1940.

Ministerialrat Dr. Herbert Linden war

an der "Aktion T4" maßgeblich beteiligt



















 
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Die drei demografischen Bedrohungen nach Sarrazin (2010) einerseits und nach Wagner (1934) und Linden (1938) andererseits lassen sich mit den gleichen Schlagworten zusammenfassen:

  • Schrumpfvergreisung

  • Vermehrung der Untüchtigen
  • Überfremdung


Drei Bedrohungen / Vergleichende Übersicht
Thilo Sarrazin, 2011

(Von ihm selbst gegebene Zusammenfassung seiner Thesen im BBC Interview)
 
Ministerialrat Linden, 1938

(“Drei Gefahren” –
Broschüre “Deutsche Bevölkerungspolitik”)
Reichsärzteführer Wagner, 1934
(Vorrangig zu lösende Aufgaben der NS Gesundheitspolitik; NSDAP Reichsparteitag)
1.      SCHRUMPFVERGREISUNG
Deutschland schrumpft (mit jeder Generation um ein Drittel der Bevölkerung)
 
Rückgang der Zahl
Förderung der durch Geburtenrückgang gefährdeten arischen Rasse
2.      VERMEHRUNG DER UNTÜCHTIGEN
Die klügsten Menschen kriegen die wenigsten Kinder
 
 
Überwuchern der erbkranken Stämme über die gesunden
Ausschluss sogenannter Erbuntüchtiger von der Fortpflanzung
3.      ÜBERFREMDUNG
Deutschland hat die falsche Art von Immigration - aus den falschen Ländern
 
Vermischung mit Fremdstämmigen
Verhinderung der Vermischung von arischem mit artfremdem Blut

 
Siehe auch Stichwort: Führerschule der deutschen Ärzteschaft; Post http://guttmensch.blogspot.de/2013/02/stoff-aus-den-fuehrerschulen.html und Label “Sarrazin Biographie Familiengeschichte”

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Ministeralrat Linden (1939): “Es muss vielmehr der Schwachsinn herausgearbeitet werden.“


Es gab auf diesem Blog – und natürlich anderswo - ja schon etliche Nachweise der Ähnlichkeit von Sarrazin-Sprüchen mit solchen aus der Nazi-Zeit. Ich hatte mir vorgenommen, es mit solchen Nachweisen , die z.T. – ganz gleichgültig, wie gut belegt sie sind - eher Abwehrreflexe auslösen als zum Nachdenken anregen, nun auch mal gut sein zu lassen. Aber dann stieß ich fast zufällig noch auf die frappierende Ähnlichkeit des Szenarios der dreifachen Bedrohung nach Sarrazin einerseits und den NS Medizinern Wagner und Linden andererseits (s. vergleichende Übersicht oben). Diese Entdeckung “zieht mir die Schuhe aus”.
Der Rolle des Ministerialrats Linden, der in der Broschüre von 1938 die “drei Gefahren” beschworen hatte, bin ich noch etwas weiter nachgegangen.

Google-Suche nach “Ministerialrat Herbert Linden” führt u.a. auf
http://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2007013016913/3/Zwangssterilisation.pdf

Dort finden sich auch wichtige Informationen über die weite Auslegung der Diagnosen von “Erbkrankheiten” und “angeborenem Schwachsinn” und, einmal mehr, über den Einsatz von “Begabungsprüfungen” (Intelligenztests). Diese kamen routinemäßig zum Einsatz, wenn es z.B. um Entscheidungen über Zwangssterilisationen ging. Nur wurden, wenn das Ergebnis den Vorurteilen nicht entsprach, noch Hilfsdefinitionen wie “moralischer Schwachsinn” herangezogen, um “Asoziale” und “Minderwertige” auszugrenzen.

 





Bemerkenswert auch die Geschichte der “erbbiologischen Erhebungen” in der ostfriesischen Gemeinde Moordorf - Beispiel für unbewältigte Schwierigkeiten der Integration, interpretiert als erblich bedingtes Asozialen- und Schwachsinnigen-Problem. Auch wenn es zwischen Moordorf Ende der 1930er Jahre und Kreuzberg heute gewaltige Unterschiede gibt – beide können als “Orte der Ankunft” nach Saunders betrachtet werden; in dieser Hinsicht ist ein Vergleich interessant. (Siehe Post “Arrival City – Zum Beispiel Berlin-Kreuzberg”


Nebenbei: Ob die Ostfriesenwitze wohl ursprünglich auf die Moordorfer bezogen waren – nach dem Motto: “Es muss vielmehr der Schwachsinn herausgearbeitet werden”?

 

 
Auszüge aus:

Margret Hamm (Hrsg.), Lebensunwert – zerstörte Leben. Zwangssterilisation und „Euthanasie“, Frankfurt/M. 2005, S. 111-119.
Beitrag von Wolfgang Ayass


Erklärter Feind der „Erbbiologie“ waren die nicht bzw. eingeschränkt Leistungsfähigen bzw. die Leistungsunwilligen, die „Ballastexistenzen“, die nicht nur sozialpolitisch bekämpft und finanziell ausgehungert werden sollten, sondern denen letztlich die Lebensberechtigung abgesprochen wurde. Im sozialpolitischen Denken des Nationalsozialismus galt der arbeitsscheue „Asoziale“ als unmittelbarer Antityp des für die Volksgemeinschaft wertvollen, produktiven Volksgenossen. Die „Asozialen“ und „Minderwertigen“ bildeten in der rassenhygienischen Theorie den gefährlichen Feind im Innern des Volkskörpers. „Asozial“ bzw. synonym „gemeinschaftsfremd“ wurde als negative Ausgrenzung aus der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft definiert. Zur Volksgemeinschaft zählte nur, wer als wertvoll angesehen wurde.

Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 enthielt vom reinen Wortlaut keine unmittelbar erkennbare Ausrichtung auf Menschen aus gesellschaftlichen Unterschichten. Mit wissenschaftlichem Anspruch führte der Gesetzestext abschließend und unmissverständlich eine Anzahl angeblicher Erbkrankheiten auf, von denen in der Praxis der folgenden Jahre angeborener Schwachsinn, Schizophrenie und Epilepsie die wichtigste Rolle spielten. Doch schon die veröffentlichte offizielle amtliche Begründung des Gesetzes enthüllte seine Stoßrichtung gegen „Minderwertige“ und „Asoziale“. „Unzählige Minderwertige und erblich Belastete“ pflanzten sich – so die Gesetzesbegründung – „hemmungslos“ fort. Der „kranke und asoziale Nachwuchs“ dieser Minderwertigen falle der Gesamtheit zur Last. In erbgesunden Familien werde dagegen größtenteils nur noch ein Kind geboren. „Das bedeutet aber das Aussterben der hochwertigen Familien, so dass demnach höchste Werte auf dem Spiele stehen; es geht um die Zukunft unseres Volkes! Dazu kommt, dass für Geistesschwache, Hilfsschüler, Geisteskranke und Asoziale jährlich Millionenwerte verbraucht werden, die den gesunden, noch kinderfrohen Familien durch Steuern aller Art entzogen werden. Die Fürsorgelasten haben eine Höhe erreicht, die in gar keinem Verhältnis mehr zu der trostlosen Lage derjenigen steht, die diese Mittel durch Arbeit aufbringen müssen.“ Die Zwangssterilisation von „Minderwertigen“ – so die amtliche Begründung zum Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses – sei eine „Tat der Nächstenliebe“ und „wahrhaft soziale Tat“.

Menschen aus den gesellschaftlichen Unterschichten wurden vorwiegend mit der Diagnose „angeborener Schwachsinn“ zwangssterilisiert, einer im Zwangssterilisationsgesetz explizit genannten Diagnose. Unter „Schwachsinn“ verstanden viele Erbgesundheitsgerichte jedoch nicht nur ein über die damals üblichen Fragebögen messbares Intelligenzdefizit, sondern häufig auch als „moralischer Schwachsinn“ qualifizierte unangepasste Lebensweise oder abweichendes Wertesystem. Mit Konzepten wie „Lebensbewährung“ und „Gesamtpersönlichkeit“ konnten die Erbgesundheitsgerichte auch sozial randständige und unangepasst lebende Personen erfassen, denen „intellektueller Schwachsinn“ nicht nachgewiesen werden konnte. Sozialer Werdegang und „Lebensbewährung“ galten als entscheidende Indikatoren für die Sterilisationsdiagnose „angeborener Schwachsinn“. Hinter der pseudowissenschaftlichen Fassade von so manchem Rassenhygieniker steckte letztlich eine recht schlichte Milieutheorie. […]
Die in den beiden letzten Jahrzehnten durchgeführten Regionaluntersuchungen haben aufgezeigt, dass sich hinter der medizinischen Diagnose „erbkrank“ häufig eine reine soziale Beurteilung verbarg. Insbesondere Fürsorgeämter und Gesundheitsämter meldeten viele ihrer Klienten zur Sterilisation. Eine erhebliche Rolle spielten dabei die Berichte der Fürsorgerinnen, die Fürsorgeakte war eine häufig herangezogene Informationsquelle. Fürsorgeberichte gingen zum Teil wörtlich in Urteile der Erbgesundheitsgerichte ein. Soziale Beurteilung wurde in den Sterilisationsbeschlüssen häufig nur notdürftig hinter pseudomedizinischen Diagnosen versteckt. Schulversagen, Vorstrafen, Arbeitsplatzverlust, Wohnungslosigkeit, ja letztlich die Armut insgesamt wurde als erbbedingt eingeschätzt. Soziale Zusammenhänge wurden schlichtweg geleugnet. Im Gegenteil: Die „Minderwertigen“ hätten sich ihr deklassiertes Umfeld selbst geschaffen oder regelrecht aufgesucht. So schrieb der Stuttgarter Gauamtsleiter des Rassenpolitischen Amts Karl Ludwig Lechler im Jahr 1940:
„Keineswegs aber wünschen Asoziale die Loslösung aus ihrer hässlichen Umgebung, sondern sie wissen eine etwa geplante Beseitigung der 'Verwahrlosung' auf jede erdenkliche Art und Weise zu verhindern. Gerade die selbstgewählte Umwelt ist kennzeichnend für Asoziale.“ Soziale Not wurde daher geradezu als Indiz für erbliche Minderwertigkeit angesehen. Die erbbiologische Struktur offenbare sich in der selbst geschaffenen sozialen Lage. Der Bezug von Fürsorgeleistungen brachte die unmittelbare Gefahr der Zwangssterilisation. […]

Soziale Demoralisierung und Desintegration führte die nationalsozialistische Erbbiologie auf erblich bedingte Faktoren zurück. Rassenhygiene wurde so zum Mittel einer radikalen Armenpolitik. Die nahezu grenzenlose Ausdehnung der Diagnose „angeborener Schwachsinn“, insbesondere in der Variante „moralischer Schwachsinn“, führte zur Verstümmelung von Menschen, die sich nach Ansicht der beurteilenden Ärzte und Richter „im Leben nicht bewährt“ hatten. Anstatt die Ursachen der Armut zu bekämpfen, versuchte man die Armen auszurotten. Durch umfassende Zwangssterilisation „belasteter Sippen“ sollten althergebrachte soziale Probleme ein für alle Mal beseitigt werden. Die gewonnenen Mittel sollten – so zumindest die offizielle Lesart – für wertvolle Familien verwendet werden. Staatliche Förderung erhielten also nur als wertvoll eingeschätzte Familien – dies wurde in vielen Verordnungen und Erlassen festgelegt. Unterschiedslos ausgegebene Hilfen für kinderreiche Familien, die minderwertige Familien nur zu unerwünschter Fortpflanzung ermunterten, galten im rassenhygienischen Denken als naturwidrige „Kontraselektion“. Folgerichtig wurde im Nationalsozialismus bei sämtlichen familienfördernden Leistungen geprüft, ob die betreffende Familie auch „erbgesund“ und „würdig“ sei. Dies betraf Ehestandsdarlehen, Kinderbeihilfen, Kindererholung („Kinderlandverschickung“), aber auch Ausbildungsbeihilfen und die Wohnungsvergabe. Je nachdem, ob eine Familie als wertvoll oder minderwertig eingeschätzt wurde, erfolgte für dieselbe Notlage eine ungleiche Behandlung. Alle fördernden Maßnahmen wurden ausschließlich unter dem Aspekt der „Aufartung“ gewährt und beinhalteten folgerichtig eine entsprechende erbbiologische Begutachtung. […]

Mit jeder fördernden Maßnahme wurde gleichzeitig auch selektiert. Jede Leistungsvergabe an „Erbgesunde“ bedeutete gleichzeitig auch die Aussonderung der „Minderwertigen“. Die als minderwertig eingeschätzten Unterschichtfamilien sollten durch staatliche Leistungen keinesfalls ermuntert werden, Kinder in die Welt zu setzen. Im Einzelfall konnte es sogar geschehen, dass ein Antrag auf eine soziale Leistung mit einer Zwangssterilisation endete, so bei einem 41-jährigen Landwirt, der im Jahr 1938 durch den Antrag auf eine einmalige Kinderbeihilfe in das Räderwerk des Mindener Gesundheitsamts geriet und schließlich wegen angeblicher Schizophrenie zwangssterilisiert wurde. Auch abgelehnte Bewerber für Ehestandsdarlehen mussten mit einer Zwangssterilisation rechnen. […]

Es lassen sich deutlich zwei Strategien unterscheiden, mit denen eine verstärkte Sterilisation von sozialen Außenseitern erreicht werden sollte. Entsprechend der bereits bestehenden Praxis vieler Erbgesundheitsgerichte, so die eine Strategie, sollten Sterilisationen von „Asozialen und Verbrechern“ mittels sehr weiter Ausdehnung der Diagnose „angeborener Schwachsinn“ durchgeführt werden. Einigen Rassenhygienikern erschien dieser Weg als zu aufwendiger Umweg bzw. einzelnen auch als„Vergewaltigung des Schwachsinnsbegriffs“. Sie plädierten daher für eine Änderung des Zwangssterilisationsgesetzes oder hielten ein Sondergesetz für „Asoziale“ für notwendig. Für eine Änderung des Zwangssterilisationsgesetzes trat insbesondere der Direktor des Frankfurter Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene Otmar von Verschuer ein, der bereits 1938 vorschlug, das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ durch Verzicht auf die konkrete Benennung der angeblichen Erbkrankheiten leichter handhabbar zu machen. Sterilisation sollte nach seinen Vorschlägen bei jeder schweren geistigen Störung, jeder schweren Krankheit und jeder schweren körperlichen Missbildung möglich sein, sofern Erblichkeit unterstellt werden konnte. Karl Astel, einer der profiliertesten Rassenhygieniker des Nationalsozialismus und Präsident des Thüringischen Landesamtes für Rassenwesen, trat ebenfalls 1938 für eine Ausdehnung des Gesetzes ein. Die bisherigen Sterilisationsmöglichkeiten reichten seiner Einschätzung nach „namentlich im Hinblick auf Kriminelle, Arbeitsscheue, Anti- und Asoziale“ nicht aus. Der Experte für „asoziale Großfamilien“ Wolfgang Knorr forderte 1939 ein „Gesetz gegen die Überhandnahme des Untermenschentums“, das ermöglichen sollte, alle „Gemeinschaftsunfähigen“ zu sterilisieren. Den radikalsten – in Buchform veröffentlichten – Vorschlag legte 1941 der Direktor des Instituts für Erb- und Rassenhygiene der Universität Gießen Heinrich Wilhelm Kranz vor. „Gemeinschaftsfremden“ sollten die „völkischen Ehrenrechte“ durch Richterspruch aberkannt werden können. Diese Aberkennung sollte grundsätzlich mit Zwangssterilisation, Eheverbot bzw. Auflösung bestehender Ehen und Wegnahme der Kinder verbunden sein. Auch in den ab 1939 im Reichskriminalpolizeiamt ausgearbeiteten Entwürfen für ein besonderes „Gemeinschaftsfremdengesetz“ war die Zwangssterilisation von sog. Asozialen grundsätzlich vorgesehen.

Bei der Durchführung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ spielte die systematische „Durchkämmung von Anstaltsbeständen“ eine herausragende Rolle. Man glaubte, in Gefängnissen, Anstalten und Heimen besonders viele „Erbkranke“ finden zu können. Menschen, die bereits in Heil- und Pflegeanstalten, Fürsorgeheimen, Fürsorgeerziehungsanstalten, Arbeitshäusern oder Strafanstalten untergebracht waren, waren deswegen von den Zwangssterilisationen unmittelbar bedroht. Allerdings stellte weder Straffälligkeit noch Arbeitshausunterbringung für sich genommen einen Sterilisationsgrund dar. Es musste zumindest der Form halber eine der im „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ aufgeführten „Erbkrankheiten“ diagnostiziert werden. […]

„Asozialität ist erblich!“, lautete der Kernsatz einer nur 21 Seiten starken, 1940 von der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg angenommenen Dissertation. Aus der schlichten Tatsache, dass die ostfriesische Gemeinde Moordorf schon seit langem als sozialer Brennpunkt galt, schloss der Autor unmittelbar auf die Erblichkeit der „Asozialität“. Eltern „asozial“ – Kinder „asozial“, das genügte als Beweis für die angebliche Vererbung der „Asozialität“. Moordorf eignete sich in besonderem Maß für eine exemplarische Asozialenforschung. Der Ort war erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch ortsfremde Siedler gegründet worden. Die Integration der Fremden in die Region war vollständig misslungen. Moordorf galt als „Sammelbecken der Minderwertigen Ostfrieslands“ und besaß seit langem einen schlechten Ruf als Asozialensiedlung. Bereits 1934 führte der Reichsnährstand umfangreiche erbbiologische Erhebungen an den Bewohnern Moordorfs durch. Von 521 untersuchten Familien wurden nur 51 als „erbbiologisch gut“ eingeschätzt. 106 Familien hielt man für „durchschnittlich“. Als „erbbiologisch bedenklich“ galten 84 Familien. Immerhin 280 Familien seien „erbbiologisch abzulehnen“. Knapp 70 Prozent der Moordorfer Bevölkerung trügen also „unerwünschtes Erbgut“. Trotz dieser im Sinn der Rassenhygieniker eindeutigen Diagnose wurden zunächst nur relativ wenige Moordorfer zwangssterilisiert. In einer unveröffentlichten Denkschrift des für Moordorf zuständigen Gesundheitsamts Aurich klagte ein Hilfsarzt, dass bis zur Abfassung des Berichts im Jahre 1938 erst 16 Moordorfer sterilisiert waren. Schuld daran sei die enge Auslegung des Zwangssterilisationsgesetzes durch das Auricher Erbgesundheitsgericht, das im Gegensatz zu anderen Gerichten die Diagnose „asozial“ nicht als Sterilisationsgrund ansah. Die zwölfseitige Denkschrift endet mit der Forderung, das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses durch explizite Erweiterung des Schwachsinnsbegriffs auf die „Asozialen“ leichter handhabbar zu machen.                     

Die Missstände der Moordorfer Asozialenbekämpfung alarmierten höchste Berliner Stellen. In einer Krisensitzung, zu der aus Berlin eigens Ministerialrat Herbert Linden vom Reichsinnenministerium und der Zigeuner- und Asozialenforscher Robert Ritter anreisten, wurden die örtlich Verantwortlichen im Februar 1939 vergattert, endlich tatkräftig gegen die Moordorfer „Asozialen“ vorzugehen. Herbert Linden, der wenige Monate später damit begann, die „Euthanasie“-Morde zu organisieren, führte dabei in Aurich aus: „Als Grund zur Sterilisation dürfte nicht so sehr die Asozialität in den Vordergrund geschoben werden, sondern es muss vielmehr der Schwachsinn herausgearbeitet werden.“ Die Hauptsache sei die Einigkeit in derAuffassung, das deutsche Volk von erbbiologisch unerwünschtem Nachwuchs zu befreien. „Auf diesem Weg dürfen uns formelle juristische Bedenken nicht aufhalten.“



Noch zu Ministerialrat Linden
 
Peter Sandner: Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus. Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen; Hochschulschriften Band 2. - Die Buchversion dieser Publikation ist erschienen: Gießen (Psychosozial-Verlag) 2003

 

Aus Kapitel
V. REGIONALISIERUNG UND DEZENTRALISIERUNG
1. Konflikte und Entscheidungen im Übergang
a) Anstaltsnutzung und Personaleinsatz
 
 
Dr. Linden, Ministerialdirigent im Innenministerium und seit Ende 1941 zudem„Reichsbeauftragter für die Heil- und Pflegeanstalten“, erschien lange als „die obskurste unter den Schlüsselfiguren, die für die Euthanasiemorde verantwortlich waren.“ Offenbar war Linden eine eher farblose Persönlichkeit, trotz seiner Ausbildung als Arzt „ein führender Verwaltungsmann“, dessen „Arbeit im Rahmen des Euthanasie-Mordprogramms [...] sich vor allem am Schreibtisch“ abspielte und der dabei „perfekt und leise“ agierte. Seine Unauffälligkeit, aber auch sein Suizid bei Kriegsende – und damit auch das Ausbleiben einer Strafverfolgung – dürften dafür gesorgt haben, dass die Forschung ihn lange weniger beachtete. Allerdings hatte bereits Karl Brandt im Nürnberger Ärzteprozess dargestellt, das Innenministerium habe Linden „im späteren Verlauf der Behandlung der Euthanas[ ie] [...] als Exponent für diese Dinge herausgestellt“, und „T4“-Organisator Viktor Brack aus der Kanzlei des Führers bekundete 1946, Linden sei „immer dabei bei diesen ganzen Sachen“ gewesen. Zweifellos, so lässt sich heute feststellen, war er „eine Schlüsselfigur bei der Organisation der Euthanasie“, ja für die Zeit 1942 bis 1944 wird man sogar sagen können: die Schlüsselfigur.



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Die Kunst des Behauptens, Weglassens und Insinuierens (Nahelegens):
Manipulative Methoden bei Sarrazin; Beispiele

“Die knapp 4 Millionen zugewanderten Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion machen nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gute Integrationsfortschritte, ihre Erfolge im Bildungswesen sind überdurchschnittlich. Gleiches gilt für andere Zuwanderer aus osteuropäischen Ländern. Für den Arbeitsmarkt und für das Bildungswesen sind sie durchweg eine Bereicherung.”
(DSSA)

“Eine Zuwanderungs- und Integrationsproblematik, die der Rede wert ist und sich nicht mit der Zeit automatisch erledigt, gibt es heute in Deutschland ausschließlich mit Migranten aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittelost, die zu mehr als 95 Prozent muslimischen Glaubens sind.” (DSSA)

Belege für diese angeblichen generellen Unterschiede bei der Integration osteuropäischer Migranten und solchen “aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittelost”: Keine. Aber macht nichts. Sarrazin trifft den Kern überlieferter Vorurteile, die sich aus dem “nordischen Gedanken” speisen, wonach “nordische” Menschen mehr wert sind als andere.

Und weiter:

“Bleibt die Geburtenrate der Migranten dagegen dauerhaft höher als die der autochthonen Bevölkerung, so werden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen. Damit wäre das Argument widerlegt, die niedrige deutsche Geburtenrate sei die quasi schicksalhafte Konsequenz der Modernisierung, denn wenn das zuträfe, könnten ja auch die Migranten dauerhaft keine höhere Geburtenrate haben.” (DSSA)
Tatsächlich fällt bei Migranten die Geburtenrate von Generation zu Generation und passt sich der Geburtenrate der alteingessessenen Bevölkerung an. Diese Information last Sarrazin ganz einfach weg. Er spielt mit dem Konjunktiv (“wäre”, “wenn das zuträfe”, “könnten”) und legt mit einer komplizierten Satzkonstruktion die unzutreffende Vermutung nahe, die Geburtstrate bei Migranten bleibe dauerhaft hoch.

Eine charakteristische Art von Formulierungen, mit denen Sarrazin etwas nahe legt, ohne es direkt zu behaupten – so dass er einerseits unweigerlich in einer bestimmten Weise verstanden wird und sich andererseits darauf berufen kann, er habe dies oder jenes doch gar nicht gesagt -, wird von Kritikern zuweilen als “verschwurbelt” bezeichnet. Der obige Satz  (mit “wäre”, “wenn das zuträfe”, “könnten”) ist ein Beispiel von vielen fuer die von Sarrazin verwendete Technik des “Verschwurbelns”.   


 

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Kernaussage des “wissenschaftlichen Rassismus”:
Nicht Menschen werten Menschen aufgrund ihrer Herkunft ab – sondern der unterschiedliche Wert von Menschen verschiedener Herkunft ist eine “Sachverhaltsfeststellung”.

Bei Sarrazin klingt das zum Beispiel so:
“Dazu gehört zum Beispiel das »Gutachten«, das Gideon Botsch vom Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum erstellte, um Argumente zu liefern für ein von einigen innerparteilichen Gegnern gegen mich betriebenes Ausschlussverfahren aus der SPD. In dieser Schrift wurden meine Aussagen als rassistisch gewertet, weil sie beobachtbare Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen sowie eine Wertung dieser Unterschiede enthielten. Die Frage, ob meine Sachverhaltsfeststellungen falsch oder richtig waren, interessierte dabei überhaupt nicht.”
Thilo Sarrazin, DSSA

 
 
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Es war ein dpa-Korrespondent dort anwesend, der mich fälschlich zitierte, durch die Einwanderer würden wir immer dümmer.

Thilo Sarrazin in einem Gespräch mit seinem Bewunderer Benjamin von Stuckrad-Barre
 
 
 
Fälschlich ?


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Ähnlichkeiten zwischen Deutschland schafft sich ab und Rassismus

Deutschland schafft sich ab und Rassismus haben 15 Dinge gemeinsam (in Unionpedia): Aufklärung, Biologismus, Die Zeit, Ethnie, Genetik, Intelligenz, Juden, Muslim, Phänotyp, Politik, Pseudowissenschaft, Rasse, Rassismus, Thilo Sarrazin, Voltaire.

http://de.unionpedia.org/c/Deutschland_schafft_sich_ab/vs/Rassismus