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Dienstag, 6. März 2012

Seltsame Wege der Nostalgie? Kontinuitäten und Neubelebung der Rassenhygiene-Ideologie in Deutschland Ost und West


"In diesem Gebäude befand sich von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut
 für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik.
Die Direktoren Eugen Fischer (1927 – 1942) und Otmar von Verschuer (1942 – 1945) lieferten mit ihren Mitarbeitern wissenschaftliche Begründungen für die menschenverachtende Rassen- und Geburtenpolitik des NS-Staates.
Als Ausbilder von SS-Ärzten und Erbgesundheitsrichtern, durch Gutachten für Abstammungsnachweise und Zwangssterilisationen leisteten sie
 einen aktiven Beitrag zu Selektion und Mord.
Die vom Reichsforschungsamt bewilligten und von der Deutschen Forschungsgemein-
schaft finanzierten Zwillingsforschungen des Schülers und
persönlichen Mitarbeiters von Verschuer Josef Mengele im KZ Auschwitz
wurden in diesem Gebäude geplant und durch Untersuchungen
an Organen selektierter und ermordeter Häftlinge unterstützt.
Diese Verbrechen blieben ungesühnt.
Von Verschuer war Professor für Genetik bis 1965 in Münster.
Wissenschaftler haben Inhalt und Folgen ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu verantworten.“

Text einer Gedenktafel am heutigen Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin


Volkmar Weiss ist ein maßgeblicher Ideengeber für die „Thesen“ Thilo Sarrazins (mehr Info dazu mit Stichwortsuche „Volkmar Weiss“ auf diesem Blog). In einem von Volkmar Weiss empfohlenen Artikel  auf „Achse des Guten“ lobt Uli Kulke die mutmaßliche Unterstützung des DDR-Funktionär Erich Correns bei der Wiederbelebung eugenisch-rassenhygienischer  Forschungstraditionen im Honecker-Staat. Als Sohn des Genetikers Carl Correns sei Erich Correns einer von denen gewesen, die verstanden, worum es ging. Einflussreiche Persönlichkeiten wie er hätten letzlich ermöglicht, dass Weiss in der DDR die Möglichkeit zu seinen „genetischen“ Forschungen bekam.
http://knol.google.com/k/der-iq-der-v%C3%B6lker-laut-pisa-studien mit Hinweis auf
Ulli Kulke: Was in der DDR hinter den Kulissen in der Intelligenz-Foschung ablief;
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/erbliche_intelligenz_in_der_ddr_teil_2/


Auf der Suche nach mehr Information über Erich Correns Vater Carl Correns stieß ich auf eine interessante Arbeit (Dissertation), mit Einzelheiten auch über die Frühzeit der „Rassenhygiene“-Bewegung in Deutschland. Carl Correns war Mitglied in einem 1920 gegründeten „Beirat für Rassenhygiene“ des in der Weimarer Republik neu geschaffenen „Ministeriums für Volkswohlfahrt“. (Sein Zusammenwirken mit Eugen Fischer und anderen, um die Gründung des „Kaiser-Wilhelm-Institutes für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ zu erreichen, wurde an anderer Stelle auf diesem Blog bereits erwähnt.)


Auszug aus Wewe +hii 1'd kwa umma Tendua


Anahid S. Rickman: "Rassenpflege im völkischen Staat", Vom Verhältnis der Rassenhygiene zur nationalsozialistischen Politik. Dissertation Bonn 2002; hss.ulb.uni-bonn.de/2002/0091/0091.pdf

(Hervorhebungen in Fettdruck von mir)

„ Das zunehmend stärkere Werben der rassenhygienischen Bewegung um akademischen und politischen Einfluss erforderte eine weitgehende Anpassung an die politischen und administrativen Rahmenbedingungen der Weimarer Republik. ... In diesem Zusammenhang ist auch die 1919 von der Preußischen Landesregierung vorgenommene Gründung eines Ministeriums für Volkswohlfahrt zu verstehen.  ... Bezeichnend für die pro-rassenhygienische Einstellung des Wohlfahrtsministeriums ist die Bildung eines dem Ministerium angegliederten „Beirats für Rassenhygiene“ im Mai 1920. Unter Vorsitz des schon im Kaiserreich bevölkerungspolitisch aktiven Medizinalbeamten im Preußischen Innenministerium Otto Krohne und des Ministerialdirektors des Preußischen Landesgesundheitsrates Adolf Gottstein wurden zwölf bekannte Wissenschaftler, neben den Genetikern Erwin Baur und Carl Correns auch die Rassenhygieniker Fritz Lenz, Alfred Grotjahn und Emil Abderhalden, als Mitglieder in den „Beirat“ berufen.  ... Volkswohlfahrtsminister Heinrich Hirtsiefer (Zentrum), während seiner Amtszeit von 1921 bis 1930 ein Protagonist rassenhygienisch geprägter Wohlfahrtsprogramme, etablierte den „Beirat“ 1922 als „Ausschuss für Rassenhygiene und Bevölkerungswesen“ unter Leitung Gottsteins im Preußischen Landesgesundheitsrat.  Im Februar 1922 wurden hier Beschlüsse zur Förderung rassenhygienischen Unterrichts und rassenhygienischer Forschungsanstalten verabschiedet, auf denen auch die Gründung des „Kaiser-Wilhelm-Institutes für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (im folgenden „Kaiser-Wilhelm-Institut“) im Jahr 1927 basierte. Die Unterstützung der Rassenhygiene durch die Preußische Medizinalverwaltung beschränkte sich jedoch nicht nur auf ideelle Zustimmung oder die Rezeption rassenhygienischer Forderungen, sondern bestand auch in finanziellen Zuwendungen. Zeitgleich mit der Ernennung Otto Krohnes zum Vorsitzenden der 1907 von Alfred Ploetz, dem „Vater der deutschen Rassenhygiene“, gegründeten „Gesellschaft für Rassenhygiene“ wurden ab 1922 jährliche Beiträge an die „Gesellschaft“ abgeführt. ... Ein dem Preußischen ähnlicher Gesundheitsrat unter Führung einer radikalen rassenhygienischen Lobby existierte auch in Sachsen. ...


Mitte der 20er Jahre setzte eine rassenhygienische Volksaufklärung von außerordentlicher Breitenwirkung ein. ... In einer breiten Öffentlichkeit begann die Erörterung der Sterilisation als „fürsorgerischer“ Maßnahme, es konkretisierte sich die schon von Wilhelm Schallmayer, einem Rassenhygieniker der ersten Stunde, aufgestellte Forderung nach einer „erbbiologischen Bestandsaufnahme“ der Bevölkerung ...


Bereits im Januar 1923 hatten Repräsentanten des Reichsfinanzministeriums, des Reichsgesundheitsamtes sowie des Preußischen Wohlfahrts-, des Wissenschafts- und des Finanzministeriums die Errichtung eines „Kaiser-Wilhelm-Institutes für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ in Berlin beschlossen. Hier sollte ein Zentrum zur Koordination reichsweiter Forschung entstehen und gleichzeitig zur wissenschaftlichen Fundierung einer entsprechend ausgerichteten Sozialpolitik geschaffen werden. Rechtzeitig zum V. Internationalen Kongress für Vererbungsforschung konnte das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ im September 1927 eröffnet werden.

Eugen Fischer befasste sich in der ihm unterstellten Abteilung für „Anthropologie“ mit der Blutgruppenforschung und der „Einteilung des Menschengeschlechts in verschiedene Rassen, deren Verbreitung über die Erde sowie mit ihrer physischen und psychischen Beschreibung“. In der Abteilung „menschliche Erblehre“ forschte Otmar von Verschuer an Zwillingen über die  Bedeutung der Erbanlagen für menschliche Eigenschaften und über Rassenkreuzungen. ...

Von Verschuers Zwillingsforschungen – er untersuchte 700 Zwillingspaare auf die Vererbung geistiger Eigenschaften – wurden vom Reichsinnenministerium, dem preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt und der Rockefeller Foundation finanziert. ...

Hermann Muckermann suchte, als Leiter der Abteilung „Eugenik“, nach den „Ursachen, die eine Veränderung des erblichen Anlagenbestandes eines Volkes hervorrufen“, und entwickelte „Maßnahmen, die aufgrund der Forschungen ergriffen werden müssen, um eine Verbesserung der erblichen Gesundheit und Kraft des Volkes zu erzielen“.  ...

Die Bemühungen um eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“ der Bevölkerung konkretisierten sich in den 20er Jahren dahingehend, dass nun die Sammlung von empirischen Daten primär durch die Realisierung einer planvollen Sterilisationspraxis motiviert war.


Eine führende Rolle auf dem Gebiet der erbbiologischen Untersuchungen übernahm der Psychiater und überzeugte Rassenhygieniker Ernst Rüdin. ...  Mit dieser „empirischen Erbprognoseforschung“ strebte Rüdin den massenstatistisch zu erbringenden Nachweis an, dass „Schizophrenie“, „manisch-depressives Irresein“ und andere „Geisteskrankheiten“ zwangsläufig mit einer bestimmten Häufigkeitsrate in den folgenden Generationen auftreten würden. Durch den demografischen Beweis der Hypothese, Erbgänge psychischer Krankheiten seien grundsätzlich „dominant“ im Sinne der Mendelschen Gesetze, wäre als einzige in Frage kommende Therapie eine rassenhygienisch motivierte „Beseitigung der kranken Erbströme“ gerechtfertigt. Darüber hinaus ergänzte Rüdin seine solcherart betriebene psychiatrische Familienforschung durch Erhebungen in „auslesefreien“, also nicht gesiebten, Bevölkerungsanteilen, um ein „bevölkerungsbiologisches Gesamtkataster“ zu erstellen, das die Gesellschaft in „Minderwertige“ – „Erbkranke“ und „Belastete“ –, in „Durchschnittsmenschen“ und in eine „hochwertige Bevölkerung“ aufteilte.


Rüdins Projekt kann als der bedeutsamste Ansatz einer „Katalogisierung“ der Bevölkerung in der Weimarer Republik betrachtet werden. Seinem Beispiel folgend, gingen ab 1926/27 diverse bayerische Institutionen und Verwaltungen dazu über, ähnliche Karteien anzulegen. So gab beispielsweise die an der Straubinger Strafanstalt installierte „Kriminalbiologische Sammelstelle“ ihre Materialien zur wissenschaftlichen Aufarbeitung an die „Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie“ weiter, wo sie von Rüdin und seinen Mitarbeitern genealogisch ausgewertet wurden. Die von der „Kriminalbiologischen Gesellschaft“ ins Leben gerufenen „Kriminalbiologischen Sammelstellen“ sollten dem Zweck dienen, den gesamten Strafvollzug „erbbiologisch“ zu erfassen. ...

Die Mitglieder der 1928 in Bayern und Sachsen gegründeten „Kriminalbiologischen Gesellschaft“ gingen von der damals weit verbreiteten Annahme aus, Kriminalität sei erblich bedingt.   .... Rainer Fetscher ... (gründete die) „Kriminalbiologische Kartei des Freistaats Sachsen“. Fetscher, außerordentlicher Professor am Pädagogischen Institut der Technischen Hochschule in Dresden und Autor zahlreicher Publikationen zur Rassenhygiene und zur eugenischen Eheberatung, begann 1927 im Auftrag des Sächsischen Justizministeriums mit der Anlegung einer „erbbiologischen Kartei“, die 1928 einen Bestand von 8.000 Stammbäumen und insgesamt 90.000 Personen umfasste. „Wir erfassen auf diese Weise im Laufe der Zeit die gesamten Kriminellen einer Population und werden später in der Lage sein“, so Fetscher, „aus der Kenntnis der Familien über ihre Nachkommen immerhin verwertbare Anhaltspunkte der Beurteilung zu liefern“ Fetscher betrachtete seine „Kartei der Asozialen“ jedoch erst als den Beginn einer „Inventarisierung“ der Bevölkerung. Die „nahen Beziehungen zwischen Kriminalität und geistiger Abartung“ führten ihn zu der Feststellung, „daß die Erfassung a l l e r psychisch Abgearteten nötig“ sei. Darüber hinaus bestehe das Bedürfnis nach „Katalogisierung“ insbesondere auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge: Fetschers „Kartei der Asozialen“ sollte der Wohlfahrtspflege für Nachweise der erblichen „Belastung“ der Familien von Angeklagten und Fürsorgezöglingen zur Verfügung stehen.


Für eine weiterreichende „Inventarisierung“ der nichtkriminellen Bevölkerung schlug Fetscher die Einrichtung „erbbiologischer Landesstellen“ nach dem Vorbild der „Kriminalbiologischen Sammelstellen“ vor. Diese sollten in Zusammenarbeit mit „Irrenanstalten, allen Stellen, die sich mit heilpädagogischen Aufgaben befassen, den Hilfsschulen, Psychopathen- und Epileptikeranstalten, Fürsorgeämtern [und] den privaten Wohlfahrtsorganisationen“ Daten sammeln, auf deren Basis man „spezielle ärztliche Maßnahmen“ erörtern könnte. Fetscher selbst setzte die von ihm aufgestellten Forderungen in die Tat um und ließ ab 1928 in seiner „Kriminalbiologischen Kartei“ Sachsens erfasste Personen – damals noch illegal –ohne deren Einwilligung sterilisieren.


Fetschers wie auch Rüdins Bemühungen um eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“ der Bevölkerung bildeten die Vorläufer eines „Erfassungsfiebers“, das ab 1928/29 außerhalb des rassenhygienischen Zirkels in diversen halbstaatlichen Organisationen einsetzte. Seit 1929 engagierte sich der „Deutsche Verband für psychische Hygiene“ für eine erste „erbbiologische Bestandsaufnahme“ in Heil-und Pflegeanstalten sowie Arbeitshäusern und Fürsorgeheimen; im „Kaiser-Wilhelm-Institut“ begann man Ende der 20er Jahre mit „erbbiologischen“ Forschungen in ländlichen Regionen. Im gleichen Zeitraum entstanden ähnlich motivierte Privatinitiativen: Erwähnt sei hier nur der Hamburger Anthropologe Walter Scheidt, der bis 1932 250000 Menschen auf eine Begabungs- und Belastungsverteilung hin „katalogisierte“. Neben der Einführung der „Ehegesundheitszeugnisse“ bildete die Forderung nach einer Sterilisation „Minderwertiger“ – primär bezog man sich auf Insassen von Heil- und Pflegeanstalten – die zweite Stoßrichtung der Rassenhygieniker. In den frühen zwanziger Jahren, als „Ehegesundheitszeugnisse“ und eugenisch motivierte „Eheverbote“ auf politischer Ebene nicht durchsetzbar schienen, avancierte die Sterilisationsforderung zum zentralen Programmpunkt der Bewegung. Diese Entwicklung spiegelt zugleich die der Rassenhygiene immanente Radikalisierungstendenz wider: Die eugenische Eheberatung wurde zwar allgemein begrüßt, als rassenhygienisches „Instrument“ jedoch als zu „stumpf“ empfunden. Da ihre Inanspruchnahme auf Freiwilligkeit beruhe, verfehle man genau jene Bevölkerungsgruppen, deren „minderwertiges Erbgut ausgemerzt“ werden müsse. So bezweifelte Hermann Muckermann, „daß wir durch Eheberatung [den] erblich Belasteten bestimmen können, von Eheschließungen und Geschlechtsverkehr abzusehen. Durchweg sind diese Menschen so hemmungslos, daß sie doch nicht auf uns hören. Es dürfte wohl nur ein einziger Weg zum Ziel führen, das ist der Weg der Unfruchtbarmachung." ...


Schon 1903 sprach sich Ernst Rüdin auf dem in Bremen stattfindenden „Kongress gegen den Alkoholismus“ für Zwangsinternierung, gesetzliche Eheverbote und ergänzend für eine Sterilisation der Trinker im „Interesse der Rasse“ aus. Als Folge der durchweg ablehnenden Reaktionen auf Rüdins Vorschläge brachte man die Sterilisationsfrage von rassenhygienischer Seite nur noch mit Vorsicht auf die bevölkerungspolitische Agenda. ... Erst in den frühen zwanziger Jahren lässt sich innerhalb der rassenhygienischen Bewegung ein Umschwung bzw. eine „Rückbesinnung“ zur „ausmerzenden“ Sterilisationsforderung erkennen. In den Leitsätzen aus dem Jahr 1922 betonte man erstmals seit Bestehen der „Gesellschaft“, dass für „zwangsmäßige Unfruchtbarmachung geistig Minderwertiger und sonst Entarteter [...] bei uns die Zeit noch nicht gekommen zu sein [scheint]. Die Unfruchtbarmachung krankhaft Veranlagter auf eigenen Wunsch oder mit ihrer Zustimmung sollte alsbald gesetzlich geregelt werden.“


Die Entwicklung hin zu dieser extremsten Maßnahme negativer Rassenhygiene entstand jedoch nicht nur aus einer inneren Dynamik, forciert wurde sie zugleich durch die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisen der Weimarer Republik. Durchgängig begründete man die Forderung nach Sterilisation mit der volkswirtschaftlichen Belastung des Staates durch „Minderwertige“ und die dadurch entstehenden Ausgaben für einen „unproduktiven Zweck“. Die öffentliche Finanznot lenkte das Augenmerk auf die hoch erscheinende Zahl der in Anstalten internierten Geisteskranken, Kriminellen und „Krüppel“. Dementsprechend resümierte der Psychiater Robert Gaupp in seinem aufsehenerregenden Referat auf der Jahresversammlung des „Deutschen Vereins für Psychiatrie“ 1925, die „Belastung des Deutschen Reiches durch die geistig und sittlich Minderwertigen aller Klassen“ sei „enorm und angesichts unserer Verarmung und unserer schwer ringenden Wirtschaft eine trostlose Belastung [...]. Auch wer sich frei von allem Kastengeist weiß, [...] muß doch angesichts der Summe von Not, Elend und Verbrechen, von geistigem Siechtum und antisozialer Verwilderung den lebhaften Wunsch empfinden, es möge alles getan werden, um dem schwer um seine Zukunft ringenden Volke den Weg zum Aufstieg zu erleichtern und die Last der Schädlinge abzunehmen.“ Die parallel verlaufende Infiltration des Wohlfahrtswesens mit rassenhygienischem Gedankengut wird an der Tatsache deutlich, dass selbst ein Großteil der im Wohlfahrtswesen Tätigen, aber auch der Ärzteschaft die Forderungen der Rassenhygieniker begrüßte und teilweise tatkräftig unterstützte.


Als herausragendes Beispiel dient der Zwickauer Amtsarzt Gerhard Boeters, der durch seine Aktivitäten die Sterilisationsdiskussion auf politischer Ebene ins Rollen brachte. Boeters, der sich im Rahmen seiner dienstlichen Tätigkeit auch mit der Beratung und Unterbringung Geisteskranker zu befassen hatte, reichte 1923 beim Sächsischen Gesundheitsministerium einen Gesetzesentwurf ein, in dem er in neun Punkten die Zwangssterilisation bei blind geborenen, taubstumm geborenen, „blödsinnigen“, epileptischen und geisteskranken Personen vor jeweils dem Volksschuleintritt oder einer Anstaltsentlassung forderte. ... Trotz ... (eines)  abschlägigen Bescheids unternahm Boeters im Oktober 1925 einen erneuten Versuch zur Legalisierung derartiger Indikationen. Diesen unter dem Schlagwort „Lex Zwickau“ Popularität erlangenden Gesetzesentwurf über „Die Verhütung unwerten Lebens durch operative Maßnahmen“ – Boeters sandte ihn direkt an den Reichstag – begründete er mit der stattfindenden „uferlosen Verseuchung unseres Volkes mit asozialen und antisozialen Elementen, mit halben, Viertel- und Achtelkräften“. Der Reichshaushaltsausschuss wie auch der Strafrechtsausschuss des Reichstages schlossen sich daraufhin der Sicht des Reichsgesundheitsamtes an, dass eine rassenhygienische Indikation für den Eingriff nicht ausreiche. ... Boeters ignorierte diese Tatsache und vertrat den Standpunkt, die freiwillige Sterilisation sei legitim. 1925 gab er bekannt, 63 freiwillige Sterilisationen an „Minderwertigen“ vorgenommen zu haben. ... Schon 1923 wurde Boeters infolge seiner fanatischen Propagandatätigkeit wegen des Verdachts auf eine geistige Erkrankung von seinem Amt als Bezirksarzt suspendiert. ...

Ungeachtet seiner inhaltlich umstrittenen Forderungen lenkte Boeters das öffentliche Augenmerk auf eine Problematik, die den Kern rassenhygienischer Überlegungen bildete. In der Forderung, die Fortpflanzung „Minderwertiger“ zu unterbinden, trafen sich die rassenhygienischen Vorstellungen mit denen Boeters’. In der Wahl der Mittel differierte man jedoch. ... Man befürchtete ..., dass „Boeters’ übers Ziel schießende Propaganda“ dem öffentlichen Ansehen der Rassenhygiene und ihren betont „gemäßigten“ Forderungen schaden könnte. Diese Ambivalenz tritt besonders in der Lenzschen Bewertung der Forderungen Boeters’ zutage: Zwar sei seine Tat „bahnbrechend“, doch schade man mit dem Eintreten für zwangsmäßige Sterilisation nur der guten Sache. ...


Die Endphase der Weimarer Republik mit den für sie charakteristischen politischen, wirtschaftlichen und finanzpolitischen Krisen stand aus bevölkerungspolitischer Sicht ganz im Zeichen der nun in breiten Kreisen an Popularität gewinnenden Rassenhygiene und ihrer Forderungen. Primär die nationalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und die wirtschaftliche Belastung des Reiches durch den Versailler Vertrag bewirkten eine Radikalisierung der Atmosphäre im Bereich der Gesundheitsfürsorge und Wohlfahrtspflege, die sich verstärkt rassenhygienischen Kosteneinsparungsmodellen zuwandten. ...


(Zwar führt)... Georg Lilienthal schon für das Jahr 1923 antisemitische bzw. tendenziöse Äußerungen der Rassenhygieniker Fischer, Ploetz und Lenz an, diese lassen sich bei näherer Betrachtung als unwissenschaftliche, jedoch ausgewogene Zuschreibung von (positiven wie negativen) „Rasseeigenschaften“ kennzeichnen. ...  Lilienthal selbst stellte an anderer Stelle einen Sinneswandel unter Rassenhygienikern bzgl. dem Topos der „Rassenmischung“ erst ab 1933 fest. ... Ein weiteres Indiz für die nicht originär rassenanthropologische Ausrichtung der Rassenhygiene liegt in der Feststellung begründet, dass auch jüdische Mediziner bis Ende der Weimarer Republik als Vertreter der Rassenhygiene agierten, publizierten und in ihren Forderungen denen nichtjüdischer Rassenhygieniker in nichts nachstanden.

Anm. Blogger: Die internationale Eugenik-Bewegung hatte jedoch sehr wohl von Anfang an eine auch „rassenanthropologische“ Ausrichtung; siehe z.B. auf diesem Blog Stichworte „Namibia“, „Beddoe“, „Webb“. Nur war dieser Aspekt für die meisten Europäer zunächst „weit weg“, bezog sich auf „Neger“ und andere „Rassen“, die sich durch ihren Hautton von Menschen europäischer Abstammung unterschieden. Schon früh wurde die Vorstellung formuliert, dass Höher- und Minderwertigkeit sowohl mit „Klassen“- als auch mit „Rassen“-Zugehörigkeit verbunden sei (siehe z.B. Stichwort „Gobineau“). Das antisemitische Element war nicht durchgehend Teil der „Rassenhygiene“, verband sich damit aber schon lange vor 1933, auch im Zusammenhang mit dem eugenisch geprägten Anti-Bolschewismus (siehe z.B. Stichwort „von Kursell“). Der eugenisch „begründete“ Antisemitismus schöpfte aus dem pseudo-wissenschaftlichen, von Eugen Fischer mitgeprägten Mythos über dominante Übertragung der Eigenschaften des „minderwertigen“ Elternteils bei „Rassenkreuzung“ (siehe z.B. Stichworte „Rehoboth Bastards“,  „Eintropfenregel“).  

    
Die jahrzehntewährende Agitation der Rassenhygieniker trug, wie man innerhalb der Bewegung mit Genugtuung erkannte, auf Reichs- wie auf Landesebene Früchte. Im Dezember 1929 wurde ein dem Reichsinnenministerium und dem Reichsgesundheitsamt unterstehender „Reichsausschuss für Bevölkerungsfragen“ gebildet, mit dem man auf eine von Friedrich Burgdörfer, Abteilungsleiter im Statistischen Reichsamt, durchgeführte Untersuchung über die demografische und soziale Krise des Reiches reagierte. Auch der „Reichsausschuss“ war rassenhygienisch „unterwandert“: Zu seinen Mitgliedern zählte der Rassen- und Sozialhygieniker Alfred Grotjahn, der sich schon zu Weimarer Zeiten für eine Zwangssterilisation aus rassenhygienischer Indikation einsetzte, der ebenso extremen Positionen verhaftete Rassenhygieniker Ignaz Kaup und der o.g. Friedrich Burgdörfer, dessen Auslegung der Geburtenfrage ganz der rassenhygienischen Degenerationskonzeption entsprach. Ein erster, im Januar 1930 einberufener „Arbeitssausschuss zur Geburtenfrage“ sprach sich unter dem Einfluss des „Reichsbundes der Kinderreichen“ für rassenhygienisch gemäßigte, positive Maßnahmen aus. Der „Wille zum Kind“ und damit eine „Mehrung der Volkskraft“ sollte vorerst durch Steuererleichterungen und weitere finanzielle Vorteile für kinderreiche Familien geweckt werden. ...

„In der Erkenntnis, daß der Geburtenrückgang in der erbgesunden, familiär verantwortungsbewußten Bevölkerung sich besonders stark auswirkt und daß die Aufwendungen für Menschen mit erbbedingten, körperlichen oder geistigen Schäden schon jetzt eine für unsere Wirtschaftslage unertragbare Höhe erreicht haben“, beschloss man in der Sitzung (des preussischen Dtaatsrats) vom 20. Januar 1932, die Preußische Regierung zu ersuchen, den „anerkannten Lehren der Eugenik eine größere Verbreitung und Beachtung zu verschaffen“ und die Kosten der Pflege und Förderung „der geistig und körperlich Minderwertigen“ auf das Maß zu senken, „das von einem völlig verarmten Volke noch getragen werden kann“.


Ein weiteres Indiz positiver Resonanz zeigte sich in der zunehmenden Anerkennung der Rassenhygiene als Wissenschaft. Schon im Dezember 1927 war Eugen Fischer, Leiter des „Kaiser-Wilhelm-Institutes“, von der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ mit einem Projekt beauftragt worden, das die massenstatistischen Grundlagen für eine „volksbiologische Diagnose“ schaffen sollte. Im Februar 1928 unterbreitete Fischer der „Notgemeinschaft“ seinen Plan einer reichsweiten, anthropologischen Untersuchung des deutschen Volkes. Ziel war es, die „rassische Zusammensetzung“ der Nation durch umfassende Studien –Blutgruppenuntersuchungen, anthropologische Auswertung und „rassische Zuordnung“ anhand von Porträtaufnahmen – festzustellen und gleichzeitig  „degenerative“ Charakteristika zu eruieren. Ergänzt wurde die Studie Fischers durch Verschuers Forschungsprojekt über die Erbbedingtheit der „Armutskrankheit“ Tuberkulose und die kriminal- und erbbiologischen Erhebungen Rüdins an der „Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie“, die 1924 in die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft übernommen worden war. ...

 (Dank der) finanziellen Unterstützung der Rockefeller Foundation, die ab 1929 im Rahmen eines vorgesehenen 5-Jahres-Plans jährlich 10.000 Reichsmark bereitstellte, konnten Fischer, Rüdin und von Verschuer im Januar 1930 erste Ergebnisse unter dem Titel „Rassenkundliche und erbpathologische Erhebungen am Deutschen Volk – Eine Gemeinschaftsarbeit“ veröffentlichen. ...


Die Umsetzung der Fischerschen Vorstellung eines nationalen anthropologischen „Beobachtungsnetzes“ in eine unter rassenhygienischen Gesichtspunkten angelegte, demografische Datenbank wurde insbesondere von staatlicher Seite mit großem Interesse verfolgt. Hier erkannte man vor allem den „kriminalbiologischen“ Wert der Erhebungen und die Möglichkeit, mittels rassenhygienischer Maßnahmen einer Ausbreitung der Kriminalität entgegenzuwirken: Diese Auffassung erklärt sich durch die damals – auch in wissenschaftlichen Kreisen – vorherrschende Annahme einer genetischen „Anlage“ zur Kriminalität. ...


(Die) ... Hauptversammlung der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ im September 1931 stand ganz im Zeichen der Namensgebung. Mit Blick auf die erwünschte Verschmelzung des „Bundes für Volksaufartung und Erbkunde“ mit der „Gesellschaft“ und die größere öffentliche Akzeptanz entschloss man sich mehrheitlich unter dem Vorsitz Fischers für eine Umbenennung in „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene (Eugenik)“. Gleichzeitig verabschiedete man eine neue Satzung, die den eugenischen Aspekt der Programmatik stärker betonte. Nun förderte man „wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiete der Erblehre und Eugenik“ und strebte statt einer „Hebung der Rasse“ die „eugenische Gestaltung von Familie und Volk“ an. ... Die Finanzknappheit des sozialen Sektors ließ die zweckmäßige Verteilung der Unterstützungsmittel zum Leitkriterium werden. Da trotz aller Einsparungen die zur Verfügung gestellten Mittel auch auf niedrigstem Niveau nicht ausreichten, wurden Überlegungen zur Klassifizierung und Beschränkung der großen Zahl der Hilfsbedürftigen angestellt. Nicht mehr die persönliche Hilfsbedürftigkeit stand im Zentrum, sondern die Effektivität des Mitteleinsatzes. Das der Rassenhygiene immanente antiindividualistische, organizistische Prinzip fand seinen Widerhall in der nun öffentlichen Bewertung des Einzelnen oder einzelner Gruppen hinsichtlich ihrer gegenwärtigen oder zukünftigen gesamtwirtschaftlichen Nützlichkeit.


In dem von den Rassenhygienikern aufgestellten zentralen Kriterium für den „Lebenswert“ eines Menschen, seine Arbeitsfähigkeit, erkannten nun auch staatliche Wohlfahrtsinstanzen die Chance zu einer „produktiven“ Verwendung von Sozialausgaben. Schon die Reichsgrundsätze vom 4. Dezember 1924 räumten die Möglichkeit ein, „bei Arbeitsscheu oder offenbar unwirtschaftlichem Verhalten“ Beschränkungen „auf das zur Fristung des Lebens Unerläßliche“ vorzunehmen. Neben das Recht auf Hilfe trat die Pflicht zur Leistung, zur Arbeit. Dementsprechend konzentrierte man sich staatlicherseits auf die vorrangige Unterstützung arbeitsfähiger Erwachsener, auf in Ausbildung stehende Jugendliche und Kinder, in denen man künftiges „Potential“ erblickte. Insbesondere die Soziale Fürsorge bildete in der finanziellen Notsituation die umstrittene Zielscheibe harscher rassenhygienischer Kritik. Angesichts der „unproduktiven Verwendung“ von öffentlichen Mitteln im sozialen Sektor forderten Rassenhygieniker die „eugenetische Neuorientierung unserer Wohlfahrtspflege“. „An Stelle einer volksfeindlichen unterschiedslosen Wohlfahrtspflege“, so der rassenhygienisch orientierte Leiter der evangelischen „Inneren Mission“ Hans Harmsen 1931, „wird eine differenzierte Fürsorgetreten müssen. Erhebliche soziale Aufwendungen dürfen überhaupt nur für solche Gruppen Fürsorgebedürftiger gemacht werden, die voraussichtlich wieder ihre volle Leistungsfähigkeit erlangen. Für die übrigen Hilfsbedürftigen ist dagegen die Wohlfahrtspflege auf das Maß einer menschenwürdigen Versorgung und Bewahrung zu begrenzen.“ ...

Die Sterilisation „Minderwertiger“ verhieß einerseits die Eindämmung der „lasterhaften Auswüchse“ der Sozialen Fürsorge und eröffnete darüber hinaus die Möglichkeit zu einer effektiveren Unterstützung derjenigen, die von gesellschaftlichem Wert zu sein versprachen. ...

Das Jahr 1932 markiert den Zeitpunkt, an dem die Sterilisationsfrage zum Gegenstand administrativer Planungen wurde und den Rahmen unverbindlicher Diskussionen verließ. Schon die im Januar unter Vorsitz von Konrad Adenauer verabschiedeten Beschlüsse des Preußischen Staatsrats zur „Förderung der Eugenik“ wurden in den Reihen der Rassenhygieniker als großer Erfolg gewertet. ...


Deutlicher noch als der Preußische Staatsrat setzte der erweiterte Ausschuss des Preußischen Landesgesundheitsrates mit einer Tagung zum Thema „Die Eugenik im Dienste der Volkswohlfahrt“ am 2. Juli 1932 sterilisationspolitische Akzente. ... Mit den Leitsätzen, die in enger inhaltlicher Übereinstimmung mit denen der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ standen, sprach sich der Preußische Landesgesundheitsrat für die Sterilisation, jedoch gegen eine Zwangssterilisation und gegen eine Sterilisation aus nichtmedizinischer und nichteugenischer Indikation aus. Lediglich die beiden teilnehmenden nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Conti (der spätere Reichsgesundheitsführer) und Diehl erachteten einen Verzicht auf die Einwilligung des zu Sterilisierenden als für selbstverständlich erforderlich, da andernfalls – so Conti – „die praktischen Erfolge einer solchen Maßnahme von vorne herein auf fast Null herabgeschraubt“ würden. Die „Leitsätze“ bildeten zugleich die Grundlage eines ebenfalls im Juli unter Leitung von Schopohl, Ostermann und Fischer erstellten „Entwurf(s) eines Sterilisierungsgesetzes mit Begründung“. § 1 des Gesetzesentwurfs nannte als vorgesehene Indikationen zur freiwilligen Sterilisation „erbliche Geisteskrankheit, erbliche Geistesschwäche, erbliche Epilepsie oder sonstige Erbkrankheiten“ und begründete dies mit der Gefährdung der Gesundheit und des Wertes des Nachwuchses durch die rückläufige Bevölkerungsbewegung und die „differenzielle Fortpflanzung“.


Noch vor der Auflösung des Preußischen Wohlfahrtministeriums durch Franz von Papen am 29. Oktober 1932, der mit seinem „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 als „Reichskommissar für Preußen“ das Amt des Ministerpräsidenten übernommen hatte, war der Gesetzesentwurf dem Preußischen Innenministerium zugeleitet worden. Die parlamentarische Absicherung des Entwurfes blieb jedoch völlig ungelöst; selbst die im Dezember durch den kommissarischen Innenminister Franz Bracht in einem Rundschreiben an den Kommissar des Reiches und die übrigen Reichskommissare ausgedrückte Zustimmung zu dem geplanten Gesetz erwies sich im Zuge der NS-„Machtergreifung“ im Januar 1933 als gegenstandslos.

Nach einer Übergangsphase NS-interner Willensbildung lag der neuen Reichsregierung der Entwurf eines über die preußische Variante deutlich hinausgehenden Zwangssterilisationsgesetzes vor, das am 14. Juli 1933 als „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet wurde. ...

Die nationalsozialistische Rassenideologie verwischte systematisch alle Grenzen zugunsten der einen Kategorie und des einen Topos, auf den alle weiteren Sujets der nationalsozialistischen Weltanschauung bezogen waren: der Rasse. Die Integrität des Grundwertes Rasse wurde als fraglos gegeben vorausgesetzt und als Dogma gekennzeichnet. Der völkische Staat hatte, so Hitler, „die Rasse in den allgemeinen Mittelpunkt des Lebens zu setzen. Er hat für ihre Reinerhaltung zu sorgen“. ... „Der Staat“, so definierte Hitler, „ist ein Mittel zum Zweck. Sein Zweck liegt in der Erhaltung und Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen. Diese Erhaltung selber umfaßt erstlich den rassenmäßigen Bestand und gestattet dadurch die freie Entwicklung aller in dieser Rasse schlummernden Kräfte. “


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Die Eugenik/ Rassenhygiene war von Anfang an und nicht erst seit ihrer (von vielen ihrer Anhaenger begruessten und befoerderten) Vereinnahmung durch die Nazis von der "Rassenanthropologie" gepraegt. Dies ist auch aus der Satzung der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ zu ersehen:
"... im März 1910, kam es zur Verabschiedung der Satzung einer neugegründeten „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“, welche u.a. vorsah, dass die Mitglieder dieser Gesellschaft der weißen Rasse angehören mussten."











Judith Gissing, Quellenangabe: "Vgl. Satzungen der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene, in: Stadtarchiv Bremen, Signatur 4, 21-609, zit. nach Weingart (wie Anm. 5), S. 205

Judith Gissing ging der Frage nach, "wie den rassenhygienischen Forderungen Hitlers im Bildungswesen des Dritten Reiches Rechnung getragen und das Schulfach Biologie dadurch als Instrumentarium politisch-ideologischer Indoktrination missbraucht wurde."
Bemerkenswert an dieser ansonsten gut recherchierten Arbeit ist die als Tatsache dargestellte Annahme, die deutsche Rassenhygiene habe sich unabhängig von Galtons Eugenik-Lehre entwickelt ("Obwohl sich die deutsche Rassenhygiene unabhängig von der durch Galton geprägten Eugenik entwickelte, wurden beide Termini in Deutschland zunächst synonym benutzt."). Diese Annahme ist durch die Galton-Biographie seines Mitarbeiters und "Apostels" Karl Pearson, der auch selbst fuer die Eugenik ueber Jahrzehnte hinweg "missionarisch" taetig war und z.B. 1932 aus der Hand Eugen Fischers einen Wissenschaftspreis entgegen nahm, leicht zu widerlegen (s. Stichwort "Pearson" auf diesem Blog.) - Bei dem angegebenen Link fehlt die Titelseite, so dass ich das Jahr der Fertigstellung dieser Arbeit nicht feststellen kann. Ich halte es aber fuer moeglich, dass die Universitaet Muenster - und andere Universitaeten, die ueberhaupt Lehrstoff zum Thema "Geschichte der Eugenik/ Rassenhygiene" anbieten -, den Irrtum, "Eugenik" im Sinne Galtons und die Ideologie der "Rassenhygiene" als Vorlaeufer zum "Rassenstaat" der Nazis haetten sich voneinander unabhaengig entwickelt, bis in die Gegenwart hinein mit verbreitet haben. 

Die "Explosion" der Zugangsmoeglichkeiten zu Originalquellen durch Internet-gestuetzte Recherche erleichtert es Wissenschaftlern und anderen Interessierten erst seit relativ kurzer Zeit, ein umfassenderes Bild von den fruehen Wechselwirkungen der internationalen Eugenik-Bewegung und der "Rassenhygiene"-Ideologie in Deutschland zu erlangen.



Ueber Rockefeller- (und andere) Foerderung fuer Forschung an der Schnittstelle zur eugenisch-rassenhygienischen Ideologie siehe auch
"Health, race, and German politics between national unification and Nazism, 1870-1945" von Paul Weindling, Cambridge University Press, 1993
http://books.google.com/books?id=9SlB2qcb0NIC&dq=correns+rockefeller&source=gbs_navlinks_s
(Siehe hier zum Thema Forschungsfoerderung auch Stichworte "Lehmann" und "Goldschmidt", Seite 431 - sowohl der voelkische, der Nazi-Ideologie nahe stehende Verleger Lehmann als auch der juedische Bankier Goldschmidt foerderten "rassenhygienisch" orientierte "Forschung" von Erwin Baur, spaeter Mitverfasser des "Baur-Fischer-Lenz", einem wichtigen pseudo-wissenschaftlichen Referenzwerk im "Rassenstaat" der Nazis.) 

Der Klappentext weist darauf hin, dass die Sicht auf die Urspruenge des Holocaust lange Zeit sehr verengt gewesen ist. Historiker, die sich mit dem deutschen Rassismus beschaeftigten, hatten ihre Analyse auf eine Handvoll voelkischer Rassenideologien beschraenkt und dabei die Wirkungen rassischer Ideen auf Lehren der Biologie, Medizin und des oeffentlichen Gesundheitswesens uebersehen...
"Until recently, historians of German racism have limited their analysis of the origins of the Holocaust to a handful of volkisch racial ideologies, overlooking the effects of racial ideas on biology, on the rapidly expanding medical profession and on public health services. Between 1870 and 1945,  German biology and medicine assumed important social aims of national reconstruction. Weindling charts the rapid increase in the numbers of scientifically educated doctors who sought to solve the nation's social ills (while establishing new career paths) in the fight against a declining birth rate and such diseases as VD, TB and alcoholism, which were stigmatized as racial poisons."


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"Rosen fuer den Staatsanwalt"
Ein Spielfilm von 1959, in dem es um das Fortbestehen einiger der alten Seilschaften geht.
http://www.youtube.com/watch?v=1tR1ol2Negw

Seltsam aber auch, was kurz nach Kriegsende bei westlichen Alliierten fuer normal gehalten wurde:

13.05.1945

Niederlande
;
Kriegsgefangenenlager Hembroug/Amsterdam, dt. Kriegsgericht unter Marinestabsrichter Wilhelm Köhn u. mit Lagerkommandant Fregattenkapitän Alexander Stein verurteilt im Namen des Deutschen Volkes die Deserteure Rainer Beck u. Bruno Dörfer zum Tode, die Verurteilten werden      am 13.5. mit geliehenen Waffen der das Lager bewachenden Kanadier von 8 dt. Soldaten erschossen (12.1997, nach mehr als 52 Jahren, hebt das LG Köln das Todesurteil auf: Als „Halbjude“ habe Beck die „Gefahr für sein Leben ... ausschließlich durch seine Flucht aus der Marine abwenden können“ –  ohne diese Entschuldigung wäre er zu Recht umgebracht worden?)

http://www.verfolgte-schueler.org/1945-1990.htm


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Traditionslinien?

Der Werner-Hahlweg-Preis
http://de.wikipedia.org/wiki/Werner-Hahlweg-Preis


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Kein Unrechtsbewusststein bei Mengeles akademischem Betreuer Otmar Freiherr von Verschuer; stattdessen Nachkriegskarriere. - Trug auch eine Tradition von medizinischen Experimenten mit vermeintlich Minderwertigen dazu bei?


(1906) If They Don’t Die, Compensate Them In Cigarettes

Harvard professor Dr. Richard Strong infects prisoners in the Philippines with
cholera to study the disease; 13 of them die. He compensates survivors with
cigars and cigarettes. During the Nuremberg Trials, Nazi doctors cite this study
to justify their own medical experiments (Greger, Sharav).

(1911) Is it Really That Wrong to Infect Healthy Kids with Syphilis?

Dr. Hideyo Noguchi of the Rockefeller Institute for Medical Research publishes
data on injecting an inactive syphilis preparation into the skin of 146 hospital
patients and normal children in an attempt to develop a skin test for syphilis.
Later, in 1913, several of these children’s parents sue Dr. Noguchi for
allegedly infecting their children with syphilis (“Reviews and Notes: History of
Medicine: Subjected to Science: Human Experimentation in America before the
Second World War”).


http://www.dailyunconstitutional.com/united-states-sponsored-evil-medical-experiments/



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Blut-und-Boden-Ideologe Walther Darré
bei einer Kundgebung in Goslar 1937
Bild: Bundesarchiv/
http://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Darr%C3%A9

Bezug: Siehe Kommentar unten vom 9. Juli 2014

Mittwoch, 23. November 2011

Zwickau (und andere Orte): Was auch zur Heimatkunde gehört

"Unterdessen wurde deutlich, dass die Zwickauer Terrorzelle über ein größeres Netzwerk verfügte, als bislang angenommen. Der Thüringer Verfassungsschutz geht mittlerweile von etwa 20 Unterstützern aus, die den Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Untergrund halfen."
http://www.tagesspiegel.de/politik/angela-merkel-fordert-konsequenzen/5865910.html

"Der Zwickauer NPD-Chef Peter Klose posierte auf Facebook schon länger als Paul Panther – ein von Rechtsextremen bislang noch nie benutztes Maskottchen. Seit plötzlich das Bekennervideo der Zwickauer Terroristen auftauchte, in dem die rosa Comic-Figur ebenfalls eine zentrale Rolle spielt, heißt Klose auf Facebook wieder Klose, sitzt weiter im Zwickauer Stadtrat und veröffentlicht zu Hitlers Geburtstag im Internet Gratulationen."http://www.fr-online.de/neonazi-terror/rechtsextreme-neonazi-partei-mit-schlaegertrupps,1477338,11152772.html

"...und das türken/kanacken/zecken-klatschen is ja nun auch nix schlimmes ..."
(aus einem Internet-Forum, 2005 - der auch vom Zwickauer Terrortrio verwendete Begriff "Zecken" ist in der rechtsextremen Szene ein anderes Wort fuer "Gutmenschen" oder fuer den englischen Begriff "liberals", den der Norwegen-Attentaeter verwendete - also fuer Personen, die fuer die Rechte von Menschen mit vermeintlich minderwertigen Genen eintreten)
http://www.razyboard.com/system/morethread-onkelz-antifert(ka)forum-101388-2845693-50.html

Ist in manchen Orten und Regionen das Gedankengut der Rassenhygiene (alias Züchtungslehre, alias Eugenik) z.T. stärker lebendig geblieben als in anderen, auch weil von dort Wegbereiter- und Muster-Projekte der nationalsozialistischen Eugenik ausgingen? - Einige Textauszüge über den eugenischen Gesetzentwurf "Lex Zwickau" und Zwickauer Akteure des Rassenwahns unmittelbar vor und während der Nazi-Zeit (Hervorhebungen im Fettdruck von mir):


"LEX ZWICKAU" Dr. Gustav Emil Boeters Zwickauer Bezirksarzt legte 1923 einen Gesetzesentwurf zur Sterilisation "Minderwertiger" vor
Reichsgesundheitsamt gegenüber Boeters Vorschlägen sehr zurückhaltend ...
seine Bemühungen fanden trotzdem in Sachsen große Resonanz
2.7.1932 Sitzung des preußischen Landesgesundheitsrates "Die Eugenik im Dienst der Volkswohlfahrt" ..." 
http://www.euthanasie-ausstellung.de/index.php?site=rassenhygiene


"Mein Vater war der hauptamtliche Bannführer der Hitlerjugend von Zwickau."
(Sarrazin-Ideengeber Volkmar Weiss - s. auch Stichwortsuche auf diesem Blog - über seinen Vater Heinz Weiss)
http://knol.google.com/k/volkmar-weiss/haben-soziale-unterschiede-der/19iebpu8jegcn/42#


"Almanach der nationalsozialistischen Revolution, herausgegeben von Oberpräsident Wilhelm Kube, unter Mitarbeit von Willi Bischoff und Dr. Heinz Weiss, ... Berlin, Brunnen-Verlag, 1933" 
(aus einer Bücherliste der staatlichen Universität von Kalifornien, 1937)
http://books.google.com/books?id=gm1bAAAAIAAJ&pg=PA1787&dq=bischoff+%22Heinz+Weiss%22&hl=en&ei=lTXMTsPuC8vb4QTlpfl1&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=4&ved=0CD8Q6AEwAw#v=onepage&q=bischoff%20%22Heinz%20Weiss%22&f=false


"Richard Paul Wilhelm Kube war Journalist, Gauleiter von Brandenburg" .... "auch an deutsche Länderparlamente und den Reichstag richtete („Lex Zwickau“)" www.robawi.de/wik/themenreihe.p?c=Diskriminierung_nach... ;
ausgehend von http://www.robawi.de/wik/themenreihe.p?c=Eugeniker


Zum Einfluss amerikanischer Eugeniker, insbesondere Harry Laughlin, auf die "Lex Zwickau" Initiative siehe z.B.: The Nazi connection: eugenics, American racism, and German national socialism von Stefan Kühl, Oxford University Press, 1994 (S. 23)
http://books.google.de/books?id=UGYfRv3DWuQC&pg=PA163&lpg=PA163&dq=%22lex+zwickau%22+stoddard&source=bl&ots=Kukcb-bf2L&sig=VHE0W1zS8QAOwRxhq8F2MRq4z9k&hl=de&ei=DkTMTs-lOc6WhQej4fTNDQ&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=3&ved=0CCkQ6AEwAg#v=onepage&q=%22lex%20zwickau%22%20stoddard&f=false

Dazu auch http://home.earthlink.net/~thetabus/eugenics/eutt-5.htm





Das ehemalige Erbgesundheitsgericht in Zwickau; heute Finanzamt
http://www.euthanasie-ausstellung.de/index.php?site=arbeitsaufgaben




Siehe auch auf diesem Blog Stichworte
"Jena" (z.B. in dem Post
http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/gegen-das-ideal-der-gleichartigkeit.html)
"Rhön-Region", "Rhöner-Gen" (z.B. in dem Post
http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/volkischer-nationalismus-und-die-idee.html)


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Nachträge

   

"Widerstand" gegen "den in der westlichen Welt vorherrschenden Liberalismus"

Rechtsextreme Pnos pflegt Kontakte zum «Thüringer Heimatschutz ...
http://www.blick.ch/NewsAusland - Translate this page

20. Nov. 2011 – Mitglieder der rechtsextremen Partei Pnos standen in regem Kontakt mit Anführern des «Heimatschutzes». Ein Foto beweist, wie eng der ...

„Jahrelang agierten die Mitglieder des «Thüringer Heimatschutzes» in einer Terrorgruppe im Untergrund, töteten neun Ausländer, begingen Banküberfälle. Wie SonntagsBlick herausfand, führt die braune Spur auch in die Schweiz. Mitglieder der rechtsextremen Partei Pnos standen in regem Kontakt mit Anführern des «Heimatschutzes». Ein Foto beweist, wie eng der Kontakt war. Zu sehen ist der Spiezer Mario F.* (28), ehemaliger Pressesprecher der Partei National Orientierter Schweizer (Pnos) und Vorsitzender der Pnos Berner Oberland. Fotografieren liess er sich mit Thomas Gerlach und Peter Klose. Die beiden Deutschen sind bekannte Nazi-Grössen. ...
Das Bild der drei Neonazis entstand 2008 am «Zweiten Nationalen Gesprächskreis». Thomas Gerlach lud den Schweizer Mario F. nach Zwickau (D) ein ...

Mario F. gehörte zu den militantesten Rechtsextremisten der Schweiz. ... Seine Nazi- Freundschaft zu Thomas Gerlach besteht bis heute. ... Mario F. ist nicht das einzige Pnos-Mitglied, das Beziehungen zum Thüringer Heimatschutz pflegt. Auch der Aargauer Pascal Trost (30), der 2003 für den Nationalrat kandidierte, tummelt sich im Dunstkreis der Killer-Nazis.Trost trat 2009 am «Fest der Völker», einem jährlichen Treff für militante Neonazis, in Thüringen auf – als Redner. Er bezeichnete sich als «Vertreter des schweizerischen Widerstands». Trost beschwerte sich über den «in der westlichen Welt vorherrschenden Liberalismus».“


12. September 2009 / Pößneck: „Fest der Völker“
„Am 12. September 2009 veranstaltete der NPD-Kreisverband Jena in Zusammenarbeit mit „Freien Kräften“ des Neonazispektrums das so genannte „Fest der Völker“ im ostthüringischen Pößneck... Nach dem im Vorfeld geführten Rechtsstreit musste die Veranstaltung kurzfristig vom „Viehmarkt“ in der Innenstadt ins „Schützenhaus“, einer Immobilie des bundesweit bekannten Neonazis Jürgen Rieger verlegt werden. ...
Nachdem das seit 2005 stattfindende Rechtsrock-Open Air in den ersten Jahren in Jena über die Bühne lief, veranstalteten die Organisatoren um Ralf Wohlleben und Andrè Kapke das „Fest der Völker“ im Jahr 2008 in Altenburg ... Die Stadt Pößneck habe sich in diesem Jahr „ins Spiel gebracht“, da diese aus Sicht der Neonazis sich durch „besonders undemokratisches Verhalten im Umgang mit politischen Dissidenten“ hervorgetan haben solle, wie es auf der Mobilisierungsseite des NPD-Kreisverbandes Jena heißt. Die Ordner der Neonaziveranstaltung wurden vom „Freien Netz“ aus Sachsen und Sachsen-Anhalt gestellt.
Zwölf Redner und eine Rednerin aus den europäischen Ländern waren angekündigt, darunter Matthias Fischer aus Deutschland, Varenus Luckmann und Dan Eriksson aus Schweden, Pascal Trost aus der Schweiz, Bojan Rassate Bulgarien, Milán Széth aus Ungarn, Enrique Valls aus Spanien, Patrik Vondrak aus Tschechien, der Österreicher Andreas Meierhofer, der Italiener Giordano Caracino sowie Mike Bell und die Aktivistin Nina Brown aus Großbritannien und ein Vertreter der „National Front“ aus Zypern. ...
Nach einem NPD-Landesparteitag in Riegers Schützenhaus traten im April 2005 bereits die Neonaziband „Die Lunikoffverschwörung“ vor mehr als eintausend Anwesenden auf. Dies stellte das Abschiedskonzert für Michael Regener dar, der kurz darauf eine Haftstrafe … antreten musste, da er sich als Sänger in seiner vorherigen Band „Landser“ der Volksverhetzung, Verbreitens von Propagandamittel verfassungswidriger Organisationen und „dem öffentlichem Auffordern zu Straftaten, Billigung von Straftaten, Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole und Beschimpfung von Bekenntnissen“ schuldig gemacht hat. „Landser“ gilt bis heute als populärste Rechtsrockband in der Neonaziszene. ...
Neben dem „Thüringentag der nationalen Jugend“ und dem „Rock für Deutschland“ ist das „Fest der Völker“ das dritte alljährliche, etablierte Rechtsrock-Event in Thüringen... Bei solchen Großevents sind Neonazis ihrer herbei geträumten „national befreiten Zonen“, in denen Menschen, die nicht ins rechte Weltbild passen die Daseinsberechtigung abgesprochen wird, aufgrund der zahlenmäßigen Dominanz zumindest temporär ein ganzes Stück näher als das sonst der Fall ist. ...
„Ethnopluralismus“ – das neue Wort für Rassismus… Mit dem Motto: „Für ein Europa der Vaterländer“ versuchen die Veranstalter dem Ideologiestrang der neuen Rechten – dem „Ethnopluralismus“ – Bahn zu brechen und lehnen sich damit an der „Europäischen Nationalen Front“ (ENF) an. Die ENF ist ein Zusammenschluss nationalistischer Parteien aus Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich, die nach sozialdarwinistischem Weltbild die generelle Abgrenzung aller Völker auf ihrem jeweils „angestammten Raum“ verfolgen. Statt von „Rasse“ wird von „Kultur“ gesprochen. Plastisch heißt das „Deutschland den Deutschen. Die Türkei den Türken“. Es geht also um vermeintliche Homogenität nach innen und maximale Differenz nach außen, wie es „Netz gegen Nazis“ jüngst schrieb. Auch im Jahr 2005 war zudem bereits erkennbar, dass neben der NPD auch internationale Strukturen des in Deutschland verbotenen „Blood and Honour“-Netzwerkes in die Umsetzung der Veranstaltung eingebunden sind.“
Quelle: Pressespiegel, Infos und mehr über und gegen Neonazis, 17. September 2009.


Zu Jürgen Rieger, dem 2009 verstorbenen Rechtsanwalt, NPD-Politiker, Verwalter von Stiftungsvermögen und Erwerber von Immobilien zur Nutzung als Neonazi-Treff (darunter das „Schützenhaus“ in Pößneck) siehe auch auf diesem Blog


Lesenswert auch der Wikipedia-Eintrag zu Jürgen Rieger

„Rieger vertrat Rassenkunde in der Tradition von Hans F. K. Günther, war Vorsitzender der völkisch-neuheidnischen Artgemeinschaft und als Hauptorganisator des Rudolf-Heß-Gedenkmarsches bekannt.
Rieger verfügte über ein beträchtliches Vermögen, das er aus Erbschaften von verstorbenen Gesinnungsgenossen und aus Aktien- und Immobiliengeschäften gewinnen konnte. So war er Testamentsvollstrecker des verstorbenen Wilhelm Tietjen (geschätztes Vermögen: mehr als eine Million Euro) .... Auch Gertrud Herr hatte ihm ihr Vermögen vermacht. Den Nachlass verstorbener "Kameraden" verwaltete Rieger unter dem Deckmantel der Briefkastenfirma Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation. ...
1969 hielt Rieger auf dem Jahrestreffen der Northern League im englischen Brighton eine Ansprache in der er sich auf die rassenkundliche Tradition Hans F. K. Günthers berief. Auch im Folgejahr nahm er an der Tagung teil und forderte ein "Teutonische Föderation" aufgrund gemeinsamen "Erbes" und "Rassenursprungs". ...
1970 war er Mitbegründer eines CSU-Freundeskreises (außerhalb Bayerns). 1972 wurde er Vorstandsmitglied im Nordischen Ring, Vorsitzender der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung (bis 1972: Deutsche Gesellschaft für Erbgesundheitspflege) ... und - bis zu seinem Tod - Herausgeber deren Zeitschrift Neue Anthropologie. ...
Des Weiteren übernahm Rieger Funktionen in der NPD, der seit 1994 verbotenen Organisation Wiking-Jugend und der 1995 verbotenen FAP. 1989 stieg er zum Hauptfunktionär und Vorsitzenden der völkisch-neuheidnischen „Artgemeinschaft“ und Schriftleiter von deren Organ, der Nordischen Zeitung, auf. Ferner war er verantwortlich für die Mitteilungen des „Deutschen Rechtsschutzkreises/Deutsche Rechtsschutzkasse“ (DRSK) sowie führendes Mitglied im Norddeutschen Ring und der Northern League. …
Rieger wurde auf dem Landesparteitag der Hamburger NPD am 25. Februar 2007 zum neuen Landesvorsitzenden, am 24. Mai 2008 dann auch zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der NPD gewählt. Im April 2009 wurde er in seinem Amt bestätigt. ...
Rieger unterstützte den Parteivorsitzenden Udo Voigt, zu dessen Stellvertreter er 2008 gewählt wurde... Rieger stützte wiederholt die NPD mit Darlehen und Krediten, bedachte die NPD allerdings nicht direkt in seinem Testament. Stattdessen tritt die Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung (GfbAEV), ein rechtsextremer eingetragener Verein mit Sitz in Ellerau, das Erbe Jürgen Riegers und der Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation an.
Öffentliche Wahrnehmung … Rieger war als Anwalt am Hanseatischen Oberlandesgericht zugelassen. Er spezialisierte sich unter anderem auf das Erbrecht... Seit 1992 war er Mitglied des bestehenden und von der Hamburger Anwältin Gisela Pahl geleiteten Deutschen Rechtsbüros, einer Vernetzung rechtsextremer Anwälte. Seit den 1970er Jahren vertrat Rieger zahlreiche Rechtsextremisten und Holocaustleugner vor Gericht bzw. in Verwaltungsverfahren, darunter Michael Kühnen, Christian Worch, Horst Mahler, Thies Christophersen, Ernst Zündel, Jürgen Mosler, Berthold Dinter und Mitglieder der Musikgruppe Kraftschlag. ...
Rieger erwarb in der Vergangenheit immer wieder Immobilien, die als Tagungs- und Versammlungszentren für Treffen der Rechtsextremisten und Neonazis dienen sollten. Die Herkunft der Gelder ist nicht geklärt. Er selbst sprach in einem Interview 2005 von „Grundstücksspekulationen“, ein anderer Teil des Kapitals stamme aus Hinterlassenschaften von Altnazis, die wollten, „dass ihr Vermögen der Bewegung“ zugute komme...
1995 erwarb er in der Nähe von Mariestad in Südschweden für etwa 1,6 Millionen Euro das Anwesen „Sveneby Säteri“, ein burgähnliches Herrenhaus mit 650 Hektar Land. Angeblich sind wegen der dort angesiedelten ökologischen Schweinezucht, die Rieger mit übernommen hatte, trotz Protesten der schwedischen und deutschen Regierung, EU-Gelder in Höhe von jährlich 300.000 Mark an ihn geflossen. Mit Anzeigen versuchte Rieger, „reinrassige“ Deutsche zur Umsiedlung dorthin zu bewegen, die fernab von vermeintlich schädlichen Einflüssen „germanische Nachkommen“ großziehen sollten. Dieses Projekt ist bislang nicht erfolgreich ... Stattdessen wurde im Herbst 2003 bekannt, dass sich schwedische Neonazis in der Gegend des Anwesens konzentrierten, nachdem der führende schwedische Rechtsextremist Klas Lund ein weiteres Gelände von 650 Hektar in unmittelbarer Nähe des Gutes Sveneby erworben hatte. Bis November 2003 waren mindestens vier Personen aus dem Führungskreis der „Schwedischen Widerstandsbewegung“ (SMR) dort eingezogen, einer Nachfolgeorganisation der antisemitischen Gruppe Weißer Arischer Widerstand, eines schwedischen Ablegers der amerikanischen Vereinigung White Aryan Resistance ...
Auch in Deutschland waren in den letzten Jahren mehrere Immobilien in den Besitz Riegers gelangt ... 1999 hatte er einen ... Gebäudekomplex ... in Hameln erworben ...Nach 2003 erwarb Rieger zwei Immobilien im Namen der Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation Ltd.: das Schützenhaus in Pößneck und den Heisenhof in Dörverden... Rieger besaß weitere Immobilien in Schleswig-Holstein (Hummelfeld) und Mecklenburg-Vorpommern. ...
Rieger war Hauptorganisator und Initiator des Rudolf-Heß-Gedenkmarsches in Wunsiedel. Viele Jahre war er aktiv an der Demo beteiligt... Rieger hatte die Kundgebungen zum Gedenken an Rudolf Heß bis zum Jahr 2010 angemeldet, doch der Marsch, der für den 28. August 2005 angesetzt war, wurde vom Landratsamt Wunsiedel untersagt. Rieger strengte daraufhin eine Klage an … Dabei argumentierte er, dass die Verschärfung des Strafrechts (130 Abs. 4 StGB), die das Eintreten für den Nationalsozialismus unter Strafe stellt, gegen die im Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit verstoße. … Bei der schließlich Ende 2009 gefällten Wunsiedel-Entscheidung stimmte das höchste deutsche Gericht Rieger zwar zu, dass es sich bei der Verschärfung des Volksverhetzungsparagraphen um eine Sonderbestimmung handele. - Dennoch sei das Gesetz ein zulässiger Eingriff in den Schutzbereich der Meinungsfreiheit. Das Grundgesetz kann als expliziter Gegenentwurf zum Nationalsozialismus verstanden werden, was eine Einschränkung der Meinungsfreiheit ausnahmsweise rechtfertige. ...
Rieger selbst wurde mehrfach rechtskräftig verurteilt: 1971 war er an der vorgetäuschten Entführung von Berthold Rubin beteiligt. Im gleichen Jahr wurde Rieger wegen zwei Fällen von Körperverletzung im Zusammenhang mit einer Demonstration der „Aktion Widerstand“ am 31. Oktober 1970 in Würzburg zu einer Geldstrafe … verurteilt...
1981 behauptete er im Verfahren gegen seinen Mandanten, den SS-Sturmbannführer Arpad Wigand, dass im Warschauer Ghetto kein Jude verhungert wäre, wenn die Ghetto-Insassen untereinander Solidarität geübt hätten...
1996 hatte Rieger den Hamburger Neonazi Thomas Wulff in einer Strafsache wegen Volksverhetzung vertreten, da dieser in dem neonazistischen Blatt index den Holocaust geleugnet hatte. Zur Entlastung seines Mandanten hatte Rieger daraufhin beantragt, als Sachverständigen einen Diplom-Chemiker zu vernehmen, der die These untermauern werde, dass unter dem NS-Regime Vergasungen von Menschen im KZ Auschwitz-Birkenau mit Zyklon B „nicht stattgefunden“ hätten...
Veröffentlichungen und Thesen … 1969 verfasste er unter einem Pseudonym das Buch Rasse – Ein Problem auch für uns, das 1972 indiziert wurde. Im Zusammenhang mit der von Jan Philipp Reemtsma initiierten Wanderausstellung Verbrechen der Wehrmacht äußerte Rieger: „In den 50ern hätte man die Ausstellung kurz und klein geschlagen, und Reemtsma wäre am nächsten Baum aufgehängt worden.“ 2004 schrieb Jürgen Rieger das Vorwort zur zweiten russischen Auflage von Hans F. K. Günther („Ausgewählte rassenkundliche Werke“), worin Rieger rassenkundliche Thesen in der Tradition nationalsozialistischer Rassenideologie vertritt.
Im Februar 2006 erschien – gleichzeitig in deutscher und russischer Sprache – ein Artikel von Jürgen Rieger mit dem Titel „Deutschland und Rußland [sic] – von einem nationalen Deutschen gesehen“. Die russische Fassung wurde im April 2006 in der Zeitung „Za Russkoje Delo“ („Für die Russische Sache“) und in der Zeitschrift „Zolotoj Lew“ („Der Goldene Löwe“) veröffentlicht...
Vor laufender Kamera im Gespräch mit einem Journalisten des NDR äußerte sich Rieger mit den Worten: „Warten Sie es doch ab. Wenn der erste Reporter umgelegt ist, der erste Richter umgelegt ist, dann wissen Sie, es geht los.“ ...
Rieger äußerte sich vermehrt mit Kommentaren, die den Nationalsozialismus verherrlichten. So leugnete Rieger den Holocaust und bezeichnete Adolf Hitler als den „größten deutschen Staatsmann“...“


Über einen der von Rieger eingerichteten Neonazi-Treffpunkte (geschlossen 1998)
Auszug aus dem Artikel „Reichlich spät“ in der Rubrik „Rechtsextremisten“, DER SPIEGEL 8/1998, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7828616.html

„Die Schließung eines Neonazi-Treffpunkts in der Lüneburger Heide gilt als erfolgreicher Schlag gegen den deutschen Rechtsextremismus. Seltsam lange hatten die Behörden gezögert. ...
Daß ausgerechnet Beamte der Polizeiinspektion aus dem nahe gelegenen Celle den Willen ihres Dienstherrn umsetzen mußten, empfinden viele Bewohner des Dorfs als späte Genugtuung. "Die haben mit denen doch fast gemeinsame Sache gemacht", empört sich ein Bauer, der wie andere "immer in Angst" gelebt hatte, "wenn vollbesetzte Autos mit Glatzköpfen aus ganz Deutschland hier einfielen".
Seit 1984 waren die vier heruntergekommenen Häuser des Gebäudekomplexes "Hetendorf 13" Schauplatz unzähliger Aufmärsche und Treffen rechtsextremistischer Gruppen. Vor allem die sogenannten Hetendorfer Tagungswochen, aber auch andere Veranstaltungen mit prominenten Rechtsextremisten wie Manfred Roeder ... hatten immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt.
Ein Anwohner, der öffentlich gegen die braune Front Stellung bezog, erhielt einen Drohbrief, den Rieger persönlich unterschrieb: "Wer Krieg haben will, soll ihn bekommen. Wir haben uns genau gemerkt, wer im Dorf uns verleumdet, gegen uns gehetzt und sich gegen uns gestellt hat."...
Auch der für Rieger und seine Truppe zuständige stellvertretende Leiter des Staatsschutzes in Celle, Peter Ganick, zeichnete sich über Jahre hinweg durch vornehme Zurückhaltung aus. .. Rieger, seit Jahren als Schlüsselfigur der rechten Szene einschlägig bekannt, scheint ihm durchaus sympathisch gewesen zu sein. Noch im Vorfeld der Sommersonnwendfeier im Juni 1997 hatte Ganick mit ihm verhandelt und anschließend befunden, daß man sich "auf den verlassen kann, der Rieger hält sein Ehrenwort". Lager der 1994 verbotenen "Wiking-Jugend" auf dem Gelände waren für Ganick lediglich "altes deutsches Brauchtum". Nur "Linke und die Medien" hielten dies für verwerflich...
Mindestens ebenso irritierend wie die langjährige Zurückhaltung der Polizei in der näheren Umgebung sind die Umstände, unter denen Rieger 1978 das 15 000 Quadratmeter große Gelände erwerben konnte. Die Celler Sozialorganisation "Lobetalarbeit" hatte das Objekt für 1,2 Millionen Mark Ende der sechziger Jahre an das Bundesvermögensamt verkauft. Die unmittelbare Nähe zum Truppenübungsplatz Munster ließ eine weitere Nutzung als Behindertenheim und Sonderschule nicht mehr zu.
Damals kaufte Rieger das Gelände - "für ''n Appel und ''n Ei", so seine langjährige Kampfgefährtin Gertrud Herr ... Preis laut Kaufvertrag: 120 000 Mark - ein Zehntel dessen, was der Bund dem Voreigentümer bezahlt hatte.
"Die Sache wurde damals sauber geprüft", sagt Regierungsdirektor Hans-Jürgen Brunkhorst, jetziger Leiter des Bundesvermögensamts in Soltau. Als Käufer fungierten zwei dubiose Vereine: der "Freundeskreis Filmkunst e. V." und die "Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e. V." in Hamburg. Einer der Unterzeichner war "Herr Rechtsanwalt Jürgen Rieger"...“

Bezüge aus Riegers Biografie zu Inhalten auf diesem Blog:
Noch zum Phänomen des vergleichsweise höheren Vorkommens von Rassenhass und Neonazi-Aktivitäten in den „neuen“ Bundesländern:
Möglicherweise ist dies nicht „nur“ ein Erbe der kommunistischen Diktatur, die eine Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit mit ihrem schlagwortartigen „Antifaschismus“ eher behinderte als ermöglichte, weiter zurückreichender rassistischer Traditionen „vor Ort“, hoher Arbeitslosigkeit und Verödung von Wohngebieten. Die Tatsache, dass „Ost-Immobilien“ nach der Wende massenhaft zum Verkauf standen, könnte bei einer Wanderung von Teilen der "westlichen" Neonazi-Szene in Richtung Osten eine Rolle gespielt haben.

Rassenhass und Menschenverachtung verkleidet als Wissenschaft: "Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e. V." Siehe auf diesem Blog z.B. Stichwort „Erbgesundheitspflege“

Bemerkenswert ist Riegers Verbindung zu britischen und skandinavischen Aktivisten der Northern League und sein Bezug auf den Nazi-“Rassenpapst“ Hans F. K. Günther, der in den 1950er Jahren weiterhin seine eugenisch-rassistischen Ideologien verbreitete, Zuwendungen u.a. des Pioneer Fund erhalten haben soll und für eine „nordische Bewegung“ eintrat, die von rassisch einwandfreien „bäuerlichen Freisassen“ getragen sein sollte.
Siehe auf diesem Blog z.B. Stichworte „Günther“, „Pioneer Fund“

Riegers Engagement für die Northern League bei gleichzeitiger Verehrung für Rudolf Heß lassen an ideologische Verbindungen zwischen Eugenikern/ Rassisten in England und Deutschland denken. Diese bestanden bereits vor dem 1. Weltkrieg und zwischen den Weltkriegen; sie gingen nicht zuletzt auf Francis Galton, Karl Pearson und ihre Anhänger in beiden (und anderen) Ländern zurück. Nach heutigem Kenntnisstand liegt nahe, dass der „Führer-Stellvertreter“ Rudolf Heß mit seinem als mysteriös bezeichneten Englandflug an diese ideologischen Verbindungen und die Idee der Rassenverwandtschaft von Völkern „nordischen“ Blutes anknüpfen wollte.
Siehe auf diesem Blog z.B. Stichworte „Nordic Race“,„Eugenics Society“, „the racially negligent“,Ploetz“, „Heß“
Wenn man der Ideengeschichte der Vorstellungen nachgeht, die der Norwegen-Attentäter Anders Behring Breivik in seinem Bekenner-Pamphlet und in Gesprächen mit psychiatrischen Gutachtern preisgab, stößt man – trotz Breiviks Verehrung für Winston Churchill, die im Gegensatz zu Riegers Hitler-Verehrung steht - auch hier auf den Nazi-“Rassenpapst“ Hans F. K. Günther mit seiner „nordischen Bewegung“ und der Idee von den rassisch-genetisch korrekten „bäuerlichen Freisassen“. Breivik verstand sich als ein Aktivist des Widerstands gegen „Kulturmarxismus“, „Multikulturalismus“ und „brainwashed liberals“ („hirngewaschene Gutmenschen“) und schwadronierte von „Zuchtprojekten mit Norwegern in Reservaten“. Rieger hatte in der Nähe von Mariestad in Schweden ein Zuchtprojekt für „germanische Nachkommen“ starten wollen; in seiner Nachbarschaft siedelten sich Angehörige der rechtsextremen „Schwedischen Widerstandsbewegung“ an.
Es ist zu befürchten, dass die „Widerstandsbewegung“ gegen „liberale Gutmenschen“ noch mehr potenzielle Wahnsinns-Täter in ihren Reihen hat.
Siehe auf diesem Blog z.B. Stichworte „Breivik“, „liberals“
Auf Hinweise darauf, dass die NPD und rechtsextreme Bewegungen in ihrem Umfeld gezielt um deutschstämmige Einwanderer aus Russland werben, war ich schon vorher gestoßen: Die Umstände des Mordes an Marwa El-Sherbini durch den Russlanddeutschen Alex Wiens deuteten darauf hin.
Solche Anwerbe-Strategien würden auch (mit) erklären, dass die Unterscheidung zwischen Einwanderern aus verschiedenen Herkunftsländern nach angeblich unterschiedlicher angeborener Intelligenz und Tauglichkeit in der rechtsextremen Szene (und darüber hinaus) zunehmend populär geworden ist. Auch Hassprediger gegen Migranten suchen Nachwuchs und greifen dabei auf Migranten zurück! Riegers Buchveröffentlichungen in Russland – mit eugenisch-rassistischem Inhalt in der Tradition Hans F. K. Günthers – deuten in die gleiche Richtung.
Siehe auf diesem Blog z.B. Stichwort „Alex Wiens“

Bemerkenswert auch: Stiftungsvermögen als ein wichtiger Faktor beim Generationenwechsel von „Altnazis“ zu „Neonazis“.

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Eine Google-Suche aus Norwegen mit der Suchwortkombination sturmbannfuhrer tietgen oslo hatte auf eine Seite dieses Blogs geführt: http://guttmensch.blogspot.com/2011_03_01_archive.html.
Die Suchmaschine hat “j” für “g” gelten lassen und fand “Tietjen” auf der gefundenen Seite in der Wortfolge “Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation” (der Name des Stifters Wilhelm Tietjen kommt auch auf dieser Seite vor; s.o.). Die anderen Stichworte kamen in anderen Posts auf der gleichen Seite vor. Der einzige andere Treffer mit dieser Suchwort-kombination, den Google heute bieten konnte, ist eine norwegische Webseite über die Geschichte des “Lebensborn” in Norwegen.
"Lebensbornsjef I Norge var først SS-Sturmbannführer Tietgen som senere ble avløst av SS-Sturmbannführer Ragaller."  http://www.norgesdokumentasjon.no/rapporter/7-LEBEN_A.PDFDemnach war, wenn ich den norwegischen Textausschnitt richtig verstehe, während der deutschen Besatzung zuerst SS-Sturmbannführer Tietgen für den Aufbau des “Lebensborn” in Norwegen zuständig; er wurde später abgelöst durch Sturmbannführer Ragaller. - Es erscheint nicht abwegig, dass die Suchmaschine “Recht” haben könnte – wenn der Name nach Gehör aufgeschrieben wurde, könnte der “Tietgen” genannte Offizier auch “Tietjen” geheißen haben. Dann wäre die Verbindung zwischen der “Lebensborn” Initiative der Nazi-Zeit und der Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation” möglicherweise nicht nur ideeller Art. - Nachtrag 20.12.2011
Ist es tatsächlich möglich, dass Tietjen der "Tietgen" vom Lebensborn Norwegen war, und das wäre bis heute nicht bekannt gewesen?
Einiges aus Tietjens Biografie ist bekannt (NSDAP-Mitgliedschaft, Luftwaffe; siehe z.B. Wikipedia) - es würde passen, nur dass die Station "Norwegen" oder eine Tätigkeit für den "Lebensborn" nicht erwähnt wird (http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm-Tietjen-Stiftung_f%C3%BCr_Fertilisation; eingesehen am 20.12.2011).
Er habe zeitlebens von einem neuen "Lebensborn" geträumt, sagte dieser Quelle zufolge eine Nichte des Stifters: Strategien der extremen Rechten: Hintergründe-Analysen-Antworten, von Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster (Hg.)
Tatsächlich: "Tietgen" (vom "Lebensborn" in Norwegen) war SS-Obersturmbannführer und hieß mit Vornamen Wilhelm. - Quelle: "Dem Führer ein Kind schenken": die SS-Organisation Lebensborn e.V., von Volker Koop. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2007; Seite 193 
Ich denke, man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass "Wilhem Tietgen" und "Wilhelm Tietjen" ein und dieselbe Person sind. (21.12.2011)



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Dr med. L. Seitz (Professor und Direktor der Universitätsfrauenklinik in Frankfurt am Main): Eugenische Sterilisation und Schwangerschaftsunterbrechung (um 1934)

Auszug:
"Die internationale kriminalistische Vereinigung hat in ihrer Sitzung in Frankfurt a. M. 1932 eine These angenommen, die folgenden Wortlaut hat: 'Es ist ein Reichsgesetz zu erlassen, das die Voraussetzungen, das Verfahren und die Ausführung der Unfruchtbarmachung aus eugenischen Gründen nach dem Stand der medizinischen und erbbiologischen Wissenschaft enthält.'"
http://www.deepdyve.com/lp/de-gruyter/eugenische-sterilisation-und-schwangerschaftsunterbrechung-9tRMAvXgiS