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Samstag, 23. Februar 2013

Stoff aus der Führerschule


Die Einrichtung von "Führerschulen" im Nazi-Staat wurde angeregt durch Empfehlungen des amerikanischen Intelligenzforschers Lewis M. Terman. Das schrieb Friedrich Reinöhl in seinem 1937 erschienenen Buch “Die Vererbung der geistigen Begabung”. http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/nazi-wissenschaftler.html

Terman ist bekannt für die Entwicklung des Stanford-Binet-Tests und der heute noch üblichen Form der Intelligenquotient- (IQ-) Angabe. Er initiierte 1921 eine „Hochbegabtenstudie“ (Terman-Studie), die bis heute läuft.
Siehe Eintr
äge „Lewis M. Terman“ und „Intelligenzquotient“ auf Wikipedia; http://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_M._Terman
; http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenzquotient
Die Führerschule Ordensburg Vogelsang wurde auf diesem Blog bereits erwähnt (im Zusammenhang damit, dass bei dort gefeierten Hochzeiten angemahnt wurde, die Braut solle keinen Brautschleier tragen, da der Schleier “orientalisch” sei).
Erst kürzlich stieß ich auch auf Internet-Quellen zu berufsständischen Führerschulen, insbesondere zu der “Führerschule der deutschen Ärzteschaft” in Alt-Rehse.



Bild:

Einweihung der neuen Turnhalle der “Führerschule der deutschen
Ärzteschaft” in Alt-Rehse, Mecklenburg, im Mai 1936 in Anwesenheit von Reichsärzteführer Gerhard Wagner


http://www.aerzteblatt.de/archiv/77266/Erinnerungskultur-Lernort-Alt-Rehse


Kann es sein, dass der Schriftsteller-Arzt Hans-Christian Sarrazin, Jahrgang 1914, die Ärzte-Führerschule absolvierte?
Und weiter, dass er daraus mitgenommene Ideen und Kursmaterialien auch an seinen Sohn Thilo Sarrazin weitergegeben hat – der diese dann seinerseits einem geistigen Recycling zuführte?

Für Ersteres spricht eine Kombination von Wahrscheinlichkeiten. Immerhin etwa ein Viertel der deutschen “Jung
ärzte” besuchten Schätzungen zufolge in den späten 1930er/ frühen 1940er Jahren diese Schule. Sarrazin Senior war als Truppenarzt eingesetzt, was in Auswahlverfahren fuer ärztlichen Führungsnachwuchs sicher Bonuspunkte einbrachte. Als schriftstellernder Arzt, der stolz darauf war, hin und wieder in einer gleichgeschalteten Zeitung ein harmlos-stimmungsvolles Gedicht unterzubringen, hatte er sich medientauglich gezeigt und ragte aus der Masse der Jungärzteschaft immerhin soweit heraus, dass es gereicht haben dürfte, ihn im oberen Viertel einzusortieren und für eine weltanschauliche Ärzte-Eliteschule  auszuwählen. Schließlich sollten Ärzte ja auch Propagandisten sein und der Bevölkerung die Ideologie und Praxis der “Rassenhygiene” nahe bringen. Sarrazin Senior war zudem ein Schü
tzling des Publizisten Paul Fechter, der sich zwar nach Kriegsende mit einigem Erfolg als Held des “inneren Widerstands” stilisierte, zuvor aber von “Fachsoldaten des Dritten Reichs” (!) geschwärmt hatte.
(Siehe http://guttmensch.blogspot.com/2012/03/mehr-zum-thema-nostalgie.html)
Und womit kämpft ein „Fachsoldat“?

Vielleicht mit der „verbalen Artillerie“?



„Ich habe immer die verbale Artillerie aufgestellt. Die muss auch kräftig ballern, aber ich habe immer nur dort geballert, wo ich wusste, dass ich so ohne Weiteres nicht zu kriegen bin.“

Thilo Sarrazin in dem ZEIT-Interview »Da kam ein Anruf vom Wowereit«, 10. 07.2010





Insgesamt halte ich es für wesentlich wahrscheinlicher, dass Hans-Christian Sarrazin die Ärzte-Führerschule besucht hat, als dass er sie nicht besucht hat.
Teilnehmerlisten und Unterrichtspläne der Ärzte-Führerschule gelten als verschollen. Aber dass im Besitz oder in der Hinterlassenschaft von Kursteilnehmern noch einzelne Exemplare von ausgegebenen Kursmaterialien lagern, ist wahrscheinlich. Bei unveröffentlichtem Material könnte die Versuchung gross sein, etwas davon zu verwenden, ohne zu erwähnen, woher es kommt – zumal, wenn man der Meinung ist, manches Gute aus der Nazi-Zeit würde zu Unrecht verteufelt und müsste vom NS Unrecht völlig getrennt gesehen werden.   

Thilo Sarrazin, der sich gern als “Ketzer” darstellen lässt, verlautbarte, wenn (Neo-) Nazis sagen würden, die Erde sei rund, würde er deshalb nicht sagen, sie sei flach. Das hat auch niemand von ihm verlangt, aber soll die Eugenik/ Rassenhygiene die Analogie zu der Erkenntnis sein, dass die Erde rund ist?
In Teilen seines Buches (DSSA) hat Thilo Sarrazin z.B. den Nazi-“Begabungsforscher” Reinöhl paraphrasiert, ohne auf dessen Buch “Die Vererbung der geistigen Begabung“ hinzuweisen und offenbar, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass sich die Ähnlichkeiten nachvollziehen lassen. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass ihm nicht Reinöhls Buch vorlag, sondern unveröffentliches Kursmaterial aus Alt-Rehse, das wiederum aus Reinöhls Buch und dessen Quellen schöpfte. 

Reinöhl selbst galt in manchen Kreisen bis in unsere Zeit hinein als Autorität und Vorbild; so gibt es z.B. immer noch Auseinandersetzungen über die Namensgebung einer nach ihm benannten “Reinöhl-Schule”. Wie fast immer, wenn es um Namensänderungen von Straßen oder Einrichtungen geht, bei denen der Ruf der Namensgeber moderner, Internet-gestützter Recherche nicht standhält, hält sich lange der Wunsch, altgewohnte Namensgebungen zu belassen.

Die Punkte, die hier verbunden werden, wurden als Nebenprodukte der Arbeit an verschiedenen Posts, insbesondere den Posts “Mehr zum Thema Nostalgie” und “Zwangssterilisationen – Wohltat oder NS Unrecht?” einzeln zusammentragen. http://guttmensch.blogspot.com/2012/03/mehr-zum-thema-nostalgie.html
(Enthält einige Informationen zur Biografie von Hans-Christian Sarrazin (aus dem Klappentext des Gedichtbands "Ahorndekade") http://guttmensch.blogspot.com/2013/02/zwangssterilisationen-wohltat-oder-ns.html
(Nachkriegs-Kontroversen um NS Zwangssterilisationen, wie sie u.a. im Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen durchgeführt wurden)
http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrerschule_der_Deutschen_%C3%84rzteschaft

(“Führerschule der deutschen Ärzteschaft” auf Wikipedia)
Die zunächst vereinzelten Funde zum Thema Führerschulen” brachten mich auf die Frage, welche Lerninhalte dieser Schulen auch in Lehrpläne und Köpfe der Nachkriegszeit, bis in die heutige Zeit hinein, Eingang gefunden haben.

Fundstellen dazu werde ich hier nach und nach erg
änzen und freue mich natürlich ganz besonders über Beiträge von Kommentatoren.



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Führerschulen; weitere Beispiele

Braunschweig und seine „Führerschulen“

„Des Weiteren holte (NSDAP-Ministerpräsident) Klagges wichtige nationalsozialistische Institutionen in die Stadt, wie z. B. die Akademie für Jugendführung der Hitler-Jugend, ... die Führerschule des deutschen Handwerks, die Gebietsführerschule der Hitler-Jugend, ... die SS-Junkerschule, die das ehemalige Braunschweiger Schloss nutzte, die „Bernhard-Rust-Hochschule“ und die Truppenführerschule des Reichsarbeitsdienstes.“

Aus Wikipedia, Geschichte der Stadt Braunschweig
http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Stadt_Braunschweig#J.C3.BCdische_Gemeinde
(Hyperlinks entfernt, Hervorhebungen von mir)

Führerschulen der SS, des SD und der Sicherheitspolizei
„Führerschulen der SS, des SD und der Sicherheitspolizei waren Institutionen, die während der Zeit des Nationalsozialismus die Aufgabe hatten, Führungskräfte für die SS, den SD und die Sicherheitspolizei auszubilden.
Die verschiedenen Schulen und Schultypen mit unterschiedlichen Ausbildungs-schwerpunkten dienten der Ausbildung von Offizieren sowie von Unteroffizieren und anderem Fachpersonal. So gab es allein für die Waffen-SS neben den vier offiziellen Junkerschulen in Bad Tölz, Braunschweig, Klagenfurt und Prag 18 Waffen- und Fachschulen zur Ausbildung der aktiven und der Reserve-Offiziere sowie der technischen Laufbahn und der Sonderlaufbahn. ... Über die eigentliche militärische Ausbildung hinaus wurde an diesen Schulen auch eine im ganzheitlichen Sinne SS-gemäße Lebenshaltung gelehrt. Die  vier SS-Junkerschulen dienten von ihrer Struktur her den meisten anderen SS-Schultypen als Vorbild. ...

Schulen und Schultypen: ... SS-Junkerschulen ... Medizinische Akademie der SS ... SS-Führerschule des Wirtschafts-Verwaltungsdienstes ... Unterführerschulen der Waffen-SS ... Berufsschulen der Waffen-SS ... Schulen der Sicherheitspolizei und des SD ...“



Wewelsburg als „Reichsführerschule der SS“

Freiherr Friedrich Adolf Karl August Roderich von Oeynhausen (1877-1953) gilt als überzeugter Nationalsozialist mit Verbindungen in die Berliner Parteispitze der NSDAP. Er beherbergte Adolf Hitler im Januar 1933 im legendären Lipper „Durchbruchswahlkampf“ als persönlichen Gast auf seinem Gut Grevenburg. Adolf von Oeynhausen schlug in seiner Amtszeit Heinrich Himmler die Wewelsburg als „Reichsführerschule der SS“ vor.
Seine Tochter Ulrike von Oeynhausen war Patenkind Adolf Hitlers. Er war Ehrenritter des Johanniterordens.
Aus Wikipedia (deutsch), Eintrag Adolf von Oeynhausen
http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_von_Oeynhausen


„Burghauptmann“ der Wewelsburg wurde dann Manfred von Knobelsdorff.

Siehe z.B.Internet-Portal „Westfälische Geschichte“

Auszug

Schon vor der Genehmigung des Mietvertrages durch den
Reichsschatzmeister der NSDAP, nach dem die Wewelsburg für einen
jährlichen symbolischen Mietpreis von "1,- RM" auf "die Dauer von
einhundert Jahren, beginnend mit dem 1. Januar 1934 und endigend mit dem
31. Dezember 2033", in den Besitz der SS übergehen sollte, bezog Manfred

von Knobelsdorff als neu ernannter "Burghauptmann" mit Frau und Kindern
Anfang August 1934 seine Wohnung im Südflügel der Burg. Da sein Berufsweg
für eine große Zahl von SS-Führern als typisch angesehen werden kann,
sollen die wichtigsten Daten hier kurz aufgeführt werden:

Manfred von Knobelsdorff (1892-1965)

1914-1918 Berufsoffizier im 1. Weltkrieg, Träger des Eisernen Kreuzes I.
Klasse
1919 Entlassung aus der Armee als Hauptmann
1919-1934 Vertreter einer Parfümfabrik; verheiratet mit Ilse Darré, einer
Schwester des NS-"Blut- und Boden"-Ideologen Richard Walter Darré
1934-1938 als hauptamtlicher SS-Führer, zuletzt im Range eines
Obersturmbannführers, "Burghauptmann von Wewelsburg"
Anfang 1938 Wechsel in den "Reichsnährstand" seines Schwagers Darré
1939-1945 Kriegsdienst im Heer
nach 1945 Wiederaufnahme der früheren Tätigkeit als Vertreter

In seinem Bericht über die feierliche Übergabe der Wewelsburg an Himmler
am 22.09.1934 preist der "Völkische Beobachter" pathetisch ihre Lage "im
alten Reich der Sachsen". Und weiter heißt es: "Nur wenige Kilometer weit
liegen die sagenumwobenen Externsteine mit der Irminsul, und von Ferne
mahnt die Gestalt Hermann des Befreiers von der Grotenburg..." [...]

Das NS-Blatt traf mit dieser Darstellungsweise durchaus Himmlers
Vorstellungswelt einer phantastischen Germanenmystik, vermischt mit
pseudowissenschaftlicher Rassentheorie, Ahnenkult und Runenverehrung -
eine abstruse Mischung, die dennoch ernst genommen werden muß als Extrakt
eines weit verbreiteten deutsch-nationalen und deutsch-völkischen
Gedankengutes. Als geradezu klassisches Beispiel für eine derartige
völkische Gesinnung darf hier der ehemalige evangelische Pfarrer Wilhelm
Teudt genannt werden, der seit 1920 als Privatforscher für Germanenkunde
in Detmold tätig war. Bereits vor dem politischen Sieg des
Nationalsozialismus hatte er die bizarre Felsengruppe der Externsteine als
"uralte germanische Kultstätte" gedeutet und sie dadurch nach dem
wohlbegründeten Urteil des ehemaligen Detmolder Archivdirektors Erich
 Kittel zu einem" Tummelplatz der Schwarmgeister" gemacht.[...]

Bereits die ersten, Anfang 1934 vorgelegten Ausbaupläne des Architekten
Bartels zeigen, daß die ursprünglichen Pläne des SS-Rasseamtes, auf der
Wewelsburg rasch mit einer breiten ideologischen Schulung der SS-Führer zu
beginnen, aufgegeben und eine bemerkenswerte Verlagerung ihrer
vorgesehenen Aufgabenstellung zugunsten einer pseudowissenschaftlichen
Grundlagenforschung zur Untermauerung der SS-Rassenlehre eingetreten war.
Auf den Umbauplänen sind nämlich keine größeren Klassen- oder
Schulungsräume ausgewiesen, sondern lediglich enge, zellenartige Räume für
vertiefte Einzelstudien. Die dafür erforderliche "Grundlagenforschung"
betrieb eine von Knobelsdorff ausgewählte Gruppe junger "ideologisch
gefestigter" Wissenschaftler für "germanische" Vor- und Frühgeschichte,
Mittelalterliche Geschichte, Volkskunde und Sippenforschung als
grundlegende Disziplinen im Sinne der SS-Ideologie. Ihr 
Wewelsburg,
"Obergruppenführersaal"
http://www.philipcoppens.com/
wewelsburg.html
"Wissenschafts"-verständnis entlarvt sich selbst bei der - allerdings
vergeblichen - Suche nach einem Fachmann für "Germanische Himmelskunde"
als "Rüstzeug zur weitanschaulich-politischen Schulung" [...]



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Lehrer für 600.000 Manager

“Reinhard Höhn: [Ihn]… zeichnete … eine große Anpassungsfähigkeit aus. Nachdem er zunächst eine "mustergültige NS-Karriere" … verfolgt hatte, in der er u.a. die Leitung des "Berliner Instituts für Staatsforschung" innehatte und zugleich beim SD-Hauptamt tätig war, musste er sich nach dem Kriegsende neu orientieren. Er erschloss sich ein neues Aufgabenfeld, in dem er nicht weniger "erfolgreich" seine Vorstellungen von "Menschenführung" umsetzte. Als Leiter der "Bad Harzburger Akademie für Führungskräfte" propagierte er ein Managementkonzept, das als "Führung im Mitarbeiterverhältnis" und "Harzburger Modell" schnell populär wurde …
Dabei ging Höhns Managementkonzept letztlich auf die preußische Militärtradition zurück und nahm Führungselemente der SS auf, wie etwa die "Führerversammlung". Höhn wurde zum "Lehrer für 600.000 Manager", wobei Schlagworte wie "Delegation und Verantwortung" und die "Innere Kündigung" bis heute einen hohen Stellenwert genießen. Als Höhn im Jahre 2000 starb, fanden sich im Nachruf in der "Süddeutschen Zeitung" weder eine kritische Bemerkung zu seiner NS-Vergangenheit noch zum autoritären Charakter des Modells …

Gleichwohl schulte Höhn nicht nur die Wirtschaftselite und die Bundeswehr - seine Aktivitäten erstreckten sich auch auf die Parteien. Dabei reichte das Spektrum seiner Klienten von den Parteien des bürgerlichen Lagers bis hin zu SPD-Funktionären und Gewerkschaftlern.”

Aus:
Norbert Frei, Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945, Campus Verlag: Frankfurt/ New York 2001. - Von Susanne Benöhr und Uta Engelmann;
eForum zeitGeschichte
S. auch auf diesem Blog http://guttmensch.blogspot.com/2012/04/hoehenlage-der-intelligenz.html

„Im letzten Jahr wurden das Kleistgrab und der Weg dorthin neu gestaltet und Informationstafeln ... aufgestellt. Es wurde aber versäumt, darauf hinzuweisen, dass dort von 1937 bis 1945 das Institut für Staatsforschung der Berliner Universität untergebracht war. Der Leiter, Prof. Dr. Reinhard Höhn, gehörte zu den einflussreichsten Juristen der NS-Zeit und war mit seinen Mitarbeitern auch direkt am NS-Unterdrückungs- und Vernichtungsapparat beteiligt. Nach dem Krieg gelang ihm eine bemerkenswerte weitere Karriere als Managementberater und –lehrer.“

Dr. Hans-Christian Jasch, freier Mitarbeiter der Gedenkstätte „Neben dem Kleistgrab - Das Institut für Staatsforschung am Wannsee und die Rolle führender Juristen im Nationalsozialismus“ (Aus der Ankündigung einer Veranstaltung im Juni 2012)

 
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SS-Führerschule der Sicherheitspolizei

Die braunen Anfänge von Wiesbaden
die tageszeitung taz.de 07.04.2011

GESCHICHTE 60 Jahre nach seiner Gründung untersucht das Bundeskriminalamt den
Einfluss des Nationalsozialismus auf die Frühphase der Behörde. Zahlreiche
SS-Leute kamen dort unter

WIESBADEN taz Zum Beispiel Josef Ochs. Der war einst SS-Obersturmführer und für
die Verfolgung von Sinti und Roma zuständig - und durfte später dennoch im
Bundeskriminalamt (BKA) Staatsschützer werden. Dort konnte er 1952 Zürich,
Paris, Amsterdam und München zu "Zentralen des Judentums in Europa" erklären und
sich für die Einrichtung von "Internierungslagern" aussprechen. [...]
"Mit unserer Geschichte umgehen heißt:
Wir müssen die Unsäglichkeiten, die Rechtsperversionen, das scheußlichste
Inventar an Leidenszufügung immer wieder zur Sprache bringen", sagte
BKA-Präsident Jörg Ziercke. [...]
Nach den Kolloquien vom Herbst 2007 wurde zusätzlich ein Team von
Wissenschaftlern um den Historiker Patrick Wagner von der Universität
Halle-Wittenberg beauftragt. Das hat nun erste Ergebnisse seiner Forschung
präsentiert.
Wagner verwies darauf, dass im 1951 gegründeten BKA zahlreiche NS-Verbrecher
unterkamen. "Die Teilnahme an den Gewaltverbrechen des Nationalsozialismus war
für sich genommen kein Ablehnungsgrund", sagte Wagner. Auch Mitglieder mobiler
Mordkommandos in Osteuropa ("Einsatzgruppen") wurden ins Bundeskriminalamt
geholt. 1958 waren fast alle Führungspositionen mit ehemaligen Nazis besetzt,
von 47 leitenden Beamten des BKA waren 33 einst bei der SS. [...]
Und: Es gab mächtige Seilschaften im neu gegründeten BKA. "Charlottenburger"
hießen die "Altkriminalisten" um Paul Dickopf. In Berlin-Charlottenburg hatten
er und seine Männer sich an der SS-Führerschule der Sicherheitspolizei ausbilden
lassen. Dickopf wurde zu einem der Architekten des BKA und 1965 sogar dessen
Präsident.
All das ist nicht ganz neu. So hat der frühere BKA-Kriminaldirektor Dieter
Schenk schon vor zehn Jahren in seinem Buch "Die braunen Wurzeln des BKA" auf
die personellen Kontinuitäten aufmerksam gemacht. Wagner ging es aber um mehr
als die Untersuchung der "kalten Amnestie". Er wollte die Kontinuität
kriminalistischer Konzepte und Kategorien aus der NS-Zeit in der BRD
untersuchen.
Für die Frühzeit des BKA lässt sich zeigen, dass Beamte polizeiliche
Sondermaßnahmen gegen Gruppen forderten, die vor 1945 Opfer der
NS-Vernichtungspolitik wurden: gegen Sinti und Roma, die mal "Zigeuner", mal
"Landfahrer" genannt wurden.
Noch 1967 gab ein leitender BKA-Mann einen Leitfaden heraus, in dem es hieß:
"Zigeuner leben in Sippen und Horden […]. Der Hang zu einem ungebundenen
Wanderleben und eine ausgeprägte Arbeitsscheu gehören zu den besonderen
Merkmalen eines Zigeuners." Und noch 1983 musste der Zentralrat der Sinti und
Roma gegen eine Sondererfassung im Polizeisystem demonstrieren. Bis 2001 habe
sich das BKA an deren Diskriminierung beteiligt, sagte Wagners Mitarbeiter
Andrej Stephan. [...]
Eine Grenze kennt das Aufräumen mit der braunen Vergangenheit dennoch. Die
Straße, in der die BKA-Zweigstelle in Meckenheim liegt, trägt immer noch den
Namen des Mannes, der die "Charlottenburger" aus der SS-Führerschule einst in
hohe Ämter hob: Paul Dickopf.
 
WOLF SCHMIDT
 
 
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“Reichsschulungswalter
des Nationalsozialistischen Bundes deutscher Technik”

Buchangebot mit Kurzbiografie des Autors, gefunden auf
http://www.zvab.com/buch-suchen/textsuche/lendvai-dircksen-reichsautobahn

Maier-Dorn, Emil: Deutschland - von Rußlands Gnaden? Ein Vierteljahrtausend deutsch-russische Beziehungen.  Selbstverlag Großaitingen 1972

"Emil Maier-Dorn (… 1908 - … 1986) war ein deutscher Schriftsteller, Reichsschulungswalter des Nationalsozialistischen Bundes deutscher Technik (NSBDT) und Politiker der rechtsextremistischen Deutschen Reichspartei (DRP) und später der NPD. Dorn schloss sich ab 1933 der nationalsozialistischen Bewegung an, wo er erzieherisch und bildend tätig wurde. In dieser Zeit verfasste er Gedichte und schrieb Aufsätze zu unterschiedlichen Themen. Sein Hauptwerk galt der Reichsautobahn. Er textete unter andrem für die Fotografin Erna Lendvai-Dircksen. Als Reichsschulungswalter des Nationalsozialistischen Bundes deutscher Technik unterrichtete er auf der Reichsschule der deutschen Technik, welche auf der Plassenburg bei Kulmbach eingerichtet worden war, nationalsozialistische Ideologie. Nach dem Zweiten Weltkrieg schloss er sich der Deutschen Reichspartei an. Mit Adolf von Thadden gründete er die NPD. Viele Jahre gehörte er dem Parteivorstand an und war stellvertretender Landesvorsitzender von Bayern. Er verfaßte verschiedene kurzgefaßte Stellungnahmen zu zeitgeschichtlichen Themen. Auflagenstark  war seine Publikation Anmerkungen zu Sebastian Haffner. (wikipedia) "



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Frontkaempfer-Ideal
Nimbus des Soldatischen
"Meine Ehre heisst Treue" (Wahlspruch der SS)
Geschichte der Menschheit als ein Ablauf von Rassenkaempfen
SS-Leithefte

Blutsgedanke
'Geographie und Geopolitik' als Schulungsthema
'Deutschland im Rohstoffkampf'

http://www.reto-stein.de/Weltanschauliche_Schulung.pdf



Bezeichnung 'Fuehrerbewerber' und Foerderung
Auswahl der 'wertvollsten Menschen' 
Napola Potsdam
'Besonderes Verfahren der Begabtenauslese'
Reichsschule Feldafing
'Auslese der Eindatzbereiten'

http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/ChrSS-Schulung.pdf
 

Sonntag, 1. April 2012

Höhenlage der Intelligenz

Die Angehörigen der Führungsschichten und der Bürokratie
waren zu 90 Prozent willige Helfer der Nazidiktatur gewesen;
das wirkte sich aber keineswegs auf ihre Effizienz beim Wiederaufbau aus.
Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, 2010
(Braucht Deutschland also mehr vom Typus dieser tüchtigen Helfer?)



Erinnern wir uns an die Vorstellung vom "gesteigerten Leben" im Gegensatz zum "Wohlfahrtsgedanken":

“Mögen noch so interessante wirtschaftliche Probleme zur Maßnahme locken, der Nationalsozialismus wird sie nicht aufgreifen, wenn sie nicht einem Volksteil zugute kommen, der sie durch gesteigertes Leben dankt; den Wohlfahrtsgedanken demokratischer Prägung hat unser Staat aufgegeben.”
Ludwig Schmidt-Kehl („Rassen-Schmidt“) in dem Artikel „Der Mensch in der Rhön“ in der Fachzeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“, Heidelberg 1/1938, S. 73 ff.; zitiert nach Wikipedia
http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/volkischer-nationalismus-und-die-idee.html

Worin bestand nun das von "Rassen-Schmidt" beschworene “gesteigerte Leben” nach der Vorstellung der Nationalsozialisten?

Da haben wir also die “Lebenshöhe eines Volkes”, die nach Hitler an der Kilometerzahl der für den Kraftverkehr geeigneten Straßen bemessen werden kann.
http://guttmensch.blogspot.com/2012/03/fritz-nonnenbruch-und-die-ideologie-von.html
Dann haben wir die “Höhenlage der Intelligenz”, die dem Nazi-Intelligenztheoretiker Reinöhl zufolge,entsprechend den Rassentheorien seiner Zeit,bei der “nordischen Rasse” am höchsten liegt.
http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/nazi-wissenschaftler.html

Neu gefunden: Reinöhl über den von Sarrazin positiv gewürdigten Darwin-Vetter Galton:…Francis Galton, der ja bekanntlich einer der größten und bedeutendsten Forscher aller Zeiten und Begründer der Eugenik war…“ (Die Vererbung der geistigen Begabung, J.F. Lehmanns Verlag, 3. Auflage, 1943, S. 87)

Es entspricht einer gewissen Logik, dass Henry Ford freudig bewegt den Nazi-Adlerorden entgegen nahm.
http://guttmensch.blogspot.com/2011/08/henry-ford-uber-die-juden-ein.html


Der Fordismus stand nicht nur f
ür eine drastische Steigerung der Produktivität, sondern auch für die Erhebung der Produktivität und ihrer ständigen Steigerung zum Menschheitsideal. Wenn aber die Produktivität zum obersten Prinzip wird, wer soll den Nutzen davon haben?Wer soll von dem durch Technologie und Innovation ermöglichten, unvorstellbaren Ausmass an Produktions- und Effizienzsteigerung profitieren?  Wer soll die auf den Markt geworfenen Produkte konsumieren, wer an den erwirtschafteten Gewinnen beteiligt sein? Wie ist die Verteilung der geschaffenen Werte (und Belastungen) zu gestalten und zu legitimieren? Welchen Menschen und Menschengruppen werdenin einer Gesellschaft, in der einerseits Menschen besonders leicht austauschbar sind, andererseits Hochqualifizierte für komplexe Aufgaben gebraucht werden, mehr oder weniger wertvolle Beiträge zur “Lebenshöhe eines Volkes” zugeschrieben; wer gilt als “unnützer Esser” oder Schlimmeres?


In anderen Worten, welche Früchte soll die durch Technologie und Innovation explosionsartig gestiegene Produktivität der Arbeit hervorbringen - und wem sollen sie zustehen? Erfindern, Unternehmern, Managern, Aktionären? Allen, die in besonders produktiven und wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen beschäftigt sind? Allen, die in Ländern leben, in denen besonders produktive und wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen angesiedelt sind? Allen Menschen?

Die Antwort des Nationalsozialismus war verführerisch in ihrer scheinbaren Einfachheit: Rasse. Die Früchte der Produktionssteigerung durch Technologie und Innovation stehen den Menschen zu, die einer “höheren Rasse” angehören. Diese sind im Sinne des Sozialdarwinismus und der Eugenik “fitter” und “intelligenter” und damit eines “gesteigerten Lebens” wert, und, was am wichtigsten ist, sie geben die Gehobenheit ihrer Intelligenz und ihres Charakters über ihre Gene weiter. Der “Wille der Rasse” entspricht dem, was Gläubige als den “Willen Gottes” ansehen bzw. trittan dessen Stelle. Da die "Rasse" der nationalsozialistischen Ideologie zufolge den Sinn und Zweck des technologischen Fortschritts verkörpert, ist zum einen auf die “Reinheit der Rasse” zu achten (also darauf, dass sie sich nicht mit “minderwertigen” Rassen vermischt), zum anderen darauf, dass sich innerhalb der “Rasse” die “höherwertigen” Individuen stärker fortpflanzen als die faulen, minderbegabten oder sonstwie “minderwertigen”.


Die rassenideologische Antwort auf die Herausforderungen der modernen Gesellschaft hatte ihre Wurzeln eben nicht nur in der deutschen Geschichte. In ihr reflektierten sich länderübergreifende Einflüsse der Kolonialgeschichte, des Laisser-Faire-Kapitalismus, des Kommunismus und Anti-Kommunismus. 

In ihr äußerte sich auch die Tatsache, dass Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg eine besonders einladende Spielwiese für soziale Experimente war. Karl Pearson, der getreue Apostel der Eugenik-Religion Francis Galtons, fand in Eugen Fischer, der in Südwestafrika mit seinen “anthropologischen Forschungen” auf den Fußstapfen Galtons gewandelt war, und anderen Anhängern der “Rassenhygiene” eifrige Mitstreiter. Das vor Leistungswillen strotzende, aber im Urteilsvermögen schwache, Scharlatanerie-anfällige Nachkriegs-Deutschland der 1920er und 1930er Jahre bot einen fruchtbaren Boden für die Umsetzung der eugenischen Utopie von Galtons “Kantsaywhere” in einem real existierenden Staat.http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/der-traum-vom-genetisch-korrekten-staat.html

Auffassungen wie die von Klaus Dohnanyi, der meinte, die Lehren, auf die Sarrazin sich bezieht, kämen ja aus England, seien daher nicht Nazi-verdächtig und somit positiv zu sehen, ignorieren wichtige Information (die bis in das Internet-Zeitalter hinein z.T. allerdings auch schwer zugänglich war; dies gilt z.B.für Galtons “Kantsaywhere”-Utopie und für die Einflüsse der internationalen Eugenik-Propaganda in Deutschland).
Für uns Heutige ist wichtig, dass wir ideologischen Ballast, der die Analyse heutiger Probleme und die Entwicklung wirksamer und werte-orientierter Lösungsstrategien beeinträchtigt, als solchen erkennen, und Erfahrungen aus Irrwegen der Geschichte in die Entwicklung von Zukunftsstrategien einbeziehen.


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Abgesehen davon, dass kein Intelligenztest unabhaengig vom Lebens- und Lernumfeld und von Einfluessen auf die Tagesform ist, koennen Intelligenztests lediglich Teilbereiche menschlicher Kompetenz annaeherungsweise erfassen.

Die Angeklagten im Nuernberger Prozess erzielten, mit einer einzigen Ausnahme (Streicher) im Intelligenztest deutlich ueberdurchschnittliche Ergebnisse. Kann man sie nun als besonders intelligent oder leistungsfaehig bezeichnen? - Eben nur in Teilbereichen. In anderen Bereichen der Intelligenz, die mit Urteilsfaehigkeit und mit der Abschaetzung der Folgen eigener Handlungen in einem Gesamtzusammenhang zu tun haben, und die mit den Tests nicht erfasst wurden, haben sie versagt.

Wir wissen heute auch ueber Teilleistungsstoerungen und Teilbegabungen wesentlich mehr, als in den Nachkriegsjahren bekannt war; unser Wissen ueber die Funktionsweise des Gehirns steigt staendig. Aber je mehr wir wissen, desto mehr Einsicht gewinnen wir auch ueber die Grenzen unseres Wissens.



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Ueber die Effizienz einiger der "willigen Helfer" des Nazi-Regimes in Nachkriegs-Deutschland

Norbert Frei (Hrsg.), Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945, Campus Verlag: Frankfurt/ New York 2001. - Buchbesprechung von Susanne Benöhr und Uta Engelmann (von mir leicht gekuerzt und Hervorhebungen mit Fettdruck vorgenommen)
http://www.eforum-zeitgeschichte.at/benoeh02.htm

"Karrieren im Zwielicht" ist das Begleitbuch zu einer fünfteiligen Fernsehdokumentation des Südwestrundfunks. Die Sendung und das Buch berichten von Männern, die zu "Hitlers Eliten" zählten und auch noch nach der "Stunde Null" ihre Chance zu wahren wussten. Ihre zum Teil glänzenden bundesdeutschen Karrieren, die sie trotz bzw. wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit einschlagen konnten, stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. … Hitler, Himmler, Göring und Goebbels waren tot, und daher lag es nahe sich als "verführter Mitläufer" zu exkulpieren. Der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder taten ein übriges, und so bot sich nicht wenigen aus der "Elite Hitlers" eine "zweite Chance".
Zu diesem Kreis gehörte zweifellos Reinhard Gehlen. Generalmajor Gehlen war Geheimdienstler, und in dieser Funktion leitete er ab 1942 beim Generalstab des Heeres die Abteilung "Fremde Heere Ost". Nach der Kapitulation offenbarte er sich zügig den Amerikanern, die für den Geheimdienstler schnell eine "bruchlose Weiterverwendung" fanden, und so begann Gehlen bereits 1946 mit dem Aufbau eines Auslandsnachrichtendienstes, besser bekannt unter dem Namen "Organisation Gehlen". Er griff alsbald auf "alte Kontakte" zurück. Diese bestanden unter anderem zur SS, zum SD und zur Gestapo. So wurde beispielsweise der ehemalige SD-Mitarbeiter Dr. Rudolf Oebsger-Röder - der nachweislich zu etlichen "Einsätzen" in Polen, der Sowjetunion und in Ungarn abkommandiert war - nunmehr aufgrund seiner "Erfahrung" angeworben. Am 1. April 1956 avancierte die "Organisation Gehlen" zum Bundesnachrichtendienst, kurz BND.
Dieser unterstand unmittelbar dem Bundeskanzleramt. Dort fungierte Dr. Hans Globke als Adenauers Kanzleramtschef. Dieser hatte maßgeblich die Nürnberger Gesetze von 1935 kommentiert. Als Gehlen schlussendlich 1968 aus dem Amt schied, erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz. Seine Biographie "Der Dienst" legitimierte nicht nur das deutsche Vorgehen im Russlandfeldzug, sondern sie stellte zudem die Kompetenz der Wehrmacht im Umgang mit dem Gegner heraus. Gehlen kolportierte in seinem Werk ein "Wehrmachtsbild", das bis in die neunziger Jahre hinein Bestand haben sollte. Danach sei die Wehrmacht missbraucht worden, aber letztlich "anständig" geblieben. Dass dies nicht der Wahrheit entsprach, hatte bereits 1979 der ehemalige Luftwaffenoffizier und bekannte Journalist Henri Nannen den “Stern”-Lesern drastisch vor Augen geführt: "Wer sich nicht Augen und Ohren zuhielt und das Gehirn abschaltete, dem blieb nicht verborgen, dass hier das perfekteste Verbrechen seinen Weg nahm. Wir hätten es wissen müssen, wenn wir es nur hätten wissen wollen. Wer Soldat im Osten war, dem konnten die Judenerschießungen, die Massengräber und beim Rückzug die ausgebuddelten und verbrannten Leichenberge nicht verborgen bleiben".
Dennoch oder eventuell auch gerade deshalb war es der Russlandfeldzug, der bei dem Neuaufbau der Bundeswehr und damit verbunden der Auswahl des Führungspersonals den Ausschlag geben sollte. So wurde der "Afrika-Korps-Kämpfer" Wolf Graf von Baudissin, der eine kritische und reformorientierte demokratische "Innere Führung" in der Bundeswehr etablieren wollte, aufgrund fehlender höherer Weihen im Russlandfeldzug letztlich "wegbefördert". Speziell die Traditionsfrage erwies sich für die Bundeswehr als heikles Problem. Nachdem der Führungsstab des Heeres 1958 vorschlug, den geplanten 36 Divisionen der Bundeswehr die Tradition von 36 Wehrmachtsdivisionen überzustülpen, wurde unter der Ägide des Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß eine externe Expertenkommission berufen, um einen Leitfaden in Traditionsfragen zu entwerfen. In diesem Zusammenhang erging eine Einladung an die vielleicht zwielichtigste Person überhaupt: Reinhard Höhn. Ihn zeichnete eine besonders große Anpassungsfähigkeit aus. Nachdem er zunächst eine "mustergültige NS-Karriere" verfolgt hatte, in der er u.a. die Leitung des "Berliner Instituts für Staatsforschung" innehatte und zugleich beim SD-Hauptamt tätig war, musste er sich nach dem Kriegsende neu orientieren. Er erschloss sich ein neues Aufgabenfeld, in dem er nicht weniger "erfolgreich" seine Vorstellungen von "Menschenführung" umsetzte. Als Leiter der "Bad Harzburger Akademie für Führungskräfte" propagierte er ein Managementkonzept, das als "Führung im Mitarbeiterverhältnis" und "Harzburger Modell" schnell populär wurde. Dabei ging Höhns Managementkonzept letztlich auf die preußische Militärtradition zurück und nahm Führungselemente der SS auf, wie etwa die "Führerversammlung". Höhn wurde zum "Lehrer für 600.000 Manager", wobei Schlagworte wie "Delegation und Verantwortung" und die "Innere Kündigung" bis heute einen hohen Stellenwert genießen. Als Höhn im Jahre 2000 starb, fanden sich im Nachruf in der "Süddeutschen Zeitung" weder eine kritische Bemerkung zu seiner NS-Vergangenheit noch zum autoritären Charakter des Modells.

Gleichwohl schulte Höhn nicht nur die Wirtschaftselite und die Bundeswehr - seine Aktivitäten erstreckten sich auch auf die Parteien. Dabei reichte das Spektrum seiner Klienten von den Parteien des bürgerlichen Lagers bis hin zu SPD-Funktionären und Gewerkschaftlern. Dass gerade die Parteien gefährdet waren, von "Hitlers Elite" unterwandert zu werden, beweisen das Verbot der "Sozialistischen Reichspartei" (SRP) durch das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) im Jahre 1952 und die Zerschlagung des "Gauleiter-Kreises". Insbesondere die Zerstörung des "Gauleiter-Kreises" um Dr. Werner Naumann, der in Hitlers Testament zu Goebbels' Nachfolger als Reichspropagandaminister bestimmt worden war, erwies sich im Jahre 1953 als Politikum erster Güte. Zusammen mit anderen ehemals führenden nationalsozialistischen Funktionären war es dieser Gruppe gelungen, Nordrhein-Westfalens FDP zu infiltrieren. Als die Briten im Januar 1953 die Rädelsführer verhafteten, waren diese mit ihrem Unterfangen, die FDP zu einer "nationalen Sammlungsbewegung" aller Kräfte rechts von der Union umzuwandeln, bereits maßgeblich fortgeschritten. De facto offenbarte diese konspirative Verschwörung ein Höchstmaß an personellen Querverbindungen. Während Werner Naumann als Leiter der Gruppe agierte, amtierte der FDP-Landtagsabgeordnete Ernst Achenbach als "spiritus rector". In seinem Essener Büro wiederum war u.a. der frühere SS-Obergruppenführer Professor Franz Alfred Six tätig. Dieser verfügte seinerseits über gute Beziehungen zu Reinhold Gehlen und Reinhard Höhn. So war Six zwischenzeitlich für die "Organisation Gehlen" tätig gewesen und trat in den sechziger Jahren nebenberuflich als Dozent in Reinhard Höhns Akademie auf, wobei er bereits zu diesem Zeitpunkt erfolgreich als Werbeleiter bei Porsche-Diesel tätig war.

Vollends schließt sich der Kreis, wenn man bedenkt, dass Six' enger Vertrauter Host Mahnke letztlich beim "Spiegel" als leitender Redakteur arbeiten konnte. Freilich überrascht dies in der Retrospektive nicht, denn letztlich verfügte ein Mann wie Mahnke, der eng mit Six verbunden war und dieser seinerseits gute Beziehungen zum BND und Gehlen hatte, über detailliertes Geheimdienstwissen, was die Leserschaft des "Spiegel" offenbar besonders zu schätzen wusste.
"Karrieren im Zwielicht" ist ein beunruhigend gutes Buch. Überdeutlich treten die alten Seilschaften zu Tage, die ihr Einflussgebiet auch nach der "Stunde Null" zielsicher zu wahren, wenn nicht zu erweitern wussten.


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Das Kapitel "Nachkriegskarrieren" ist ein sehr weites Feld.

Zu "willigen Helfern der Nazi-Diktatur", die spaeter mit einem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden, gehoert u.a. der Mediziner und "Rassenhygieniker" Lothar Loeffler, der unter Alfred Rosenberg an der pseudo-wissenschaftlichen Begruendung der Verbindung von Antisemitismus und Antibolschewismus mitgewirkt hatte (s. auch Stichwort "Rosenberg" auf diesem Blog).

Ueber den gleichen Lothar Loeffler (nicht identisch mit dem SPD-Politiker dieses Namens) siehe auch "Eugenische Vernunft: Eingriffe in die reproduktive Kultur durch die Medizin 1900 - 2000" von Maria A. Wolf, 2008

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Der NS-Führungswachswuchs und die junge Bundesrepublik
Beispiel: Werner Best (Auszug aus Wikipedia)


„Nach seiner Ausweisung in die Bundesrepublik fand Best ... in der Kanzlei von Ernst Achenbach, der sich als Rechtsanwalt und Politiker für die Rehabilitierung von NS-Tätern einsetzte, eine Stelle. ...  Ernst Achenbach ... richtete sich persönlich mit verschiedenen Schreiben an seinen FDP-Parteifreund Thomas Dehler, der zu dieser Zeit Bundesjustizminister war ... Dehler reagierte mit einer Anfrage bei der bayrischen Justiz. Diese ... stellte das Verfahren nach einer flüchtigen Vernehmung Bests ein. ...Bests Rolle als akademisch gebildeter nationalsozialistischer Funktionär und SS-Intellektueller mit beträchtlichem Gestaltungsraum blieb über Jahrzehnte hinweg unentdeckt, ehe Ulrich Herbert sie für seine Habilitationsschrift bis 1992 ausführlich untersuchte und 1996 in der erweiterten Fassung der Biographie Best veröffentlichte ... Herberts aufsehenerregende Habilitationsschrift ... wurde zum Anknüpfungspunkt weiterer Studien etwa von Karin Orth, ... Michael Wildt oder Lutz Hachmeister ... Diese Arbeiten konzentrierten sich auf die Lebensläufe, Karrieren und charakteristischen Merkmale, Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser NS-Führungskader der zweiten Reihe, deren wichtiger Beitrag zur Entstehung und zum Ablauf der Besatzungs- und Vernichtungspolitik des Dritten Reiches bis dahin übersehen worden war.Innerhalb der NS-Forschung wurde damit ... eine ... Sichtweise begründet, die das Augenmerk auf die eigenständigen ideologischen Antriebe von NS-Eliten legte, die mit Hitlers Intentionen und den institutionellen Interessen der NS-Polykratie dynamische Querverbindungen eingingen. Nicht die Intention Hitlers, noch der Konkurrenzkampf zwischen den formalen Organisationen und den Interessengruppen des Dritten Reiches allein erklären deswegen die Entstehung und den Ablauf des NS-Vernichtungsprogramms. Sondern vielmehr das tätige und ideologisch motivierte Mitwirken von NS-Kadern (wie Werner Best) innerhalb eines Rahmens von ihnen auf diesen Zweck hin ausgerichteten Institutionen ... muss zur Erklärung herangezogen werden.“


"Hitlers Eliten zählten auch nach 1945 wieder zur deutschen High Society. Heinrich Lübke, CDU, als Mitarbeiter von Rüstungsminister Albert Speer, mitverantwortlich für Millionen Toter,wurde 1959 Bundespräsident. Ernst Wolf Mommsen, Hauptabteilungsleiter beim Mörder-Speer, wurde Vorstand bei Thyssen und Staatssekretär bei Helmut Schmidt, SPD." SZ, 11.3.2005, S. 2
http://www.gavagai.de/tb/HHD02A2.htm
 
 
Kontinuitäten der „Rassenhygiene“
Zu den bekannteren Personen, die für Nachkriegs-Kontinuitäten der Ideologie der Eugenik/ Rassenhygiene stehen, gehören in Deutschland neben vielen anderen Hans F. K. Günther und Otmar Freiherr von Verschuer. Von ihnen und anderen Kontinuitätsträgern war auf diesem Blog schon mehrfach die Rede.
Weniger bekannt ist die Rolle des Nazi-Eugenikers
Hermann Werner Siemens, der als Mitbegründer der Zwillingsforschung mit Francis Galton aller Wahrscheinlichkeit nach (wie auch Ploetz und andere „Rassenhygieniker“ in Deutschland) persönlich oder über Galtons Apostel Karl Pearson in Verbindung stand.  Sein Buch „Grundzüge der Vererbungslehre, Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik” gibt es antiquarisch sowohl in mehreren Vorkriegs-Ausgaben (1930, 1934, 1937) als auch als Nachkriegs-Ausgabe (1952).  Die Ausgaben von 1937 und 1952 habe ich mir zum Vergleich bestellt und werde bei Gelegenheit hier darüber berichten.

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Six 1942: Europa als "der aus der Gestaltungskraft der arischen Rasse geschaffene Lebensraum der europäischen Rassen und Völker"
 
In "Mein Kampf" hatte er [Hitler] noch einen Bund mit Italien und England vorausgesehen, Frankreich sollte seiner Großmachtstellung beraubt werden. Danach würde er sich der Vergrößerung des Lebensraumes im Osten zuwenden. In der Mitte Europas sollte ein Reich aller Deutschen - weit über die Grenzen von 1914 hinaus - enstehen. Dieses Kernland, daß auch die Tschechen mit einbezog, sollte 100 Millionen EW enthalten. Bereits 1924 hatte auch Nonnenbruch von einem großdeutscher Wirtschaftraum mit Österreich, der Tschechoslowakei und Italien geträumt. (Nonnenbruch 1939 [1924]: 98-99) 1928 entwirft Pleyer ein Reich aus Ostalpen, Sudetenraum und Ostmark. Er begründet diese Forderung bereits rassisch: ...Das Recht und die Pflicht, die Mitte des Kontinents politisch zu organisieren leiten wir ab aus dem Tatbestand, daß ganz Mitteleuropa...kulturdeutsch ist...Das deutsche Volk...soll durch die ordnende Zusammenfassung der politischen Kräfte Innereuropas seiner gesamteuropäischen Aufgabe dienen...[Aber] Im neuen Reichswesen muß der beengte deutsche Blutdruck sich nach dem ferneren Nordosten und Südosten Europas fortpflanzen können." (Pleyer 1928: 16) 1934 spricht HitIer von einem stählernen Kern aus Österreich der Tschechoslowakei und Westpolen. Außerdem stellt er verschiedene Bündnisse aus formell alliierten aber natürlich nicht gleichberechtigten Blöcken auf. Diese nennt er den "Ostbund" (Baltikum, Balkanstaaten, Ukraine, Wolgaland und Georgien) den "Westbund" (Holland, Flandern und Nordfrankreich) und den "Nordbund" (Dänemark, Schweden sowie Norwegen). HitIer benützte den Begriff Europa zuerst nur widerwillig, seine Haltung änderte sich erst nachdem er Europa für sich selbst und den Nationalsozialismus blutsmäßig definiert hatte d.h. "erst nachdem er "Europa" zu einem weiteren Synonym für das Germanische Reich deutscher Nation gemacht hatte." (Lipgens 1968: 9). So definiert Six zum Beispiel Europa als "der aus der Gestaltungskraft der arischen Rasse geschaffene Lebensraum der europäischen Rassen und Völker." (Six in Six 1942: 14) Der Nationalsozialismus lehnte die Europapläne Coudenhove-Kalergis strikt ab; Rosenberg bezeichnete seine Pläne als den Versuch ein Franco-Judäa zu errichten (Rosenberg 1934: 9) und betonte, daß der Nationalsozialismus ein Programm für Deutschland, nicht für Europa sei: Unsere Bewegung ist ...darauf bedacht, sich nicht etwa in einen internationalen "nationalsozialistischen Bund" zu verwandeln, der dann etwas wie ein Kirchenkonzil zu entscheiden hätte, was wahrer und was nicht wahrer Nationalsozialismus sei. Das Urteil über eine solche Frage steht nur uns zu. (Rosenberg 1939: 6) Rosenberg sah die künftige Struktur Europas 1934 als Resultat eines Viermächtepaktes bestehend aus den nationalistischen Bewegungen Italiens, Frankreichs, Englands und Deutschlands. (Rosenberg 1934: 8-12) Auch die Staaten der Ostsee (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) und der Donauraum sollten inkludiert werden um ein "organisches Zentraleuropa" zu formen.(Rosenberg 1934: 20-21)
„Osmond“ auf