Dieser Post knüpft an den vorigen (http://guttmensch.blogspot.com/2011/06/kinder-als-bewaffnung-in-einem-kampf.html) direkt an.
Einer der geistigen Wegbereiter/ Mitläufer der Rassenideologie der Nazis, Friedrich Burgdörfer, prophezeite angesichts „Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers“ (Buchtitel, 1932) verbunden mit hohen Wachstumsraten und Einwanderung anderer Völker einen „biopolitischen Grenzkampf“ (Zitat im Schulbuch Meyer-Zimmermann, 1939*). Ich habe hier die Begriffe „Wegbereiter“ und „Mitläufer“ absichtlich mit Schrägstrich verbunden, da Wegbereiten und Mitlaufen bei Burgdörfer, wie bei vielen anderen Nazi-Wissenschaftlern, von denen auf diesem Blog z.T. schon die Rede war (z.B. Mengeles Lehrer und Mentor Verschuer), sehr eng miteinander verbunden war. Auf dieses Phänomen werde ich an anderer Stelle noch genauer eingehen. Es geht mir dabei nicht um die Schuldfrage, sondern darum, wie Wissenschaftler und Vermittler von Wissenschaft sich vom „Zeitgeist“ beeinflussen lassen und gleichzeitig seine Richtung mitbestimmen.
Zum Lebenslauf Burgdörfers und seinem Wirken vor, während und nach der Nazi-Zeit siehe z.B. Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Burgd%C3%B6rfer
* Erich Meyer und Karl Zimmermann: Lebenskunde, Band 4, Verlag Kurt Stenger, Erfurt (ohne Angabe des Erscheinungsjahrs; schätzungsweise ca. 1939,
Für Interessierte, die Friedrich Burgdörfers Mischung von Zahlen, Projektionen und emotionaler Aufladung, z.B. im Rahmen einer Diplomarbeit, einmal vergleichen möchten mit heutigen Theorien, wie sie etwa von Gunnar Heinsohn verbreitet werden (mit emotionalen Aufladungen durch Begriffe wie „Schrumpfvergreisung“ und „demographische Hochrüstung“), hier einige Titel antiquarisch erhältlicher Bücher Burgdörfers:
Friedrich Burgdörfer: Sterben die weißen Völker? Die Zukunft der weißen und farbigen Völker im Lichte der biologischen Statistik. In: Deutsches Statistisches Zentralblatt. Hrsg. von Eugen Würzburger, Friedrich Burgdörfer, Johannes Müller, Wilhelm Morgenroth und Friedrich Prinzing. Einundzwanzigster [21.] Jahrgang 1929
Friedrich Burgdörfer: Vom Leben und Sterben unseres Volkes. In: Soziale Zeitfragen. Beiträge zu den Kämpfen der Gegenwart. Hrsg.v. Adolf Damaschke, Heft 88. Bodenreform/Berlin 1929
Friedrich Burgdörfer: Vom Leben und Sterben unseres Volkes. In: Soziale Zeitfragen. Beiträge zu den Kämpfen der Gegenwart. Hrsg.v. Adolf Damaschke, Heft 88. Bodenreform/Berlin 1929
Friedrich Burgdörfer: Volk ohne Jugend. Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers. Vowinckel, Berlin, 1932
"Volk ohne Jugend", Ausstellungsplakat, März 1933 (Bild: Bundesarchiv)
Friedrich Burgdörfer: Zurück zum Agrarstaat? (Inhalt: Stadt und Land in volksbiologischer Betrachtung - Dynamische Grundlinien künftiger deutscher Agrar-, Siedlungs-,Wohnungs- und Wirtschaftspolitik). 1. Aufl. Berlin-Grunewald, Kurt Vowinckel Verlag, 1933
Friedrich Burgdörfer: Bevölkerungsentwicklung im Dritten Reich, Tatsachen und Kritik. Vowinckel, Heidelberg, 1937
Zum Thema "Sterben die weißen Völker?" vgl. Madison Grant, The Passing of the Great Race, erschienen in deutscher Sprache mit dem Titel „Der Untergang der großen Rasse“, 1925 (es liegt nahe, dass Burgdörfer von Grants Buch inspiriert wurde)
Pyramide, Glocke, Urne: Friedrich Burgdörfers "Die drei Grundformen der Bvölkerungsstruktur", 1932 (Quelle: Bayerische Staatsbibliothek)
http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0135_pyr&l=de
Die Bezeichnung "Urne" für die Darstellung einer Altersstruktur der Bevölkerung eines Industrielands mit hoher Lebenserwartung und niedriger Geburtenrate (verbunden mit niedriger Säuglings- und Kindersterblichkeit) ist sehr eingängig und emotional aufgeladen. Sie ist leicht mit der Vorstellung vom "Sterben" ("Volkssterben") zu assoziieren - obwohl "längeres Leben" (für mehr Menschen) dahinter steht. Über die Lebensqualität und die Teilhabe Älterer am gesellschaftlichen Leben und Arbeitsleben und über die gestiegene Produktivität durch Technisierung sagt die "Urne" nichts aus.
Mit ähnlich emotional aufgeladener Bildersprache, angelehnt an Burgdörfer, arbeitet Heinsohn, wenn er von "Schrumpfvergreisung" spricht.
Zu "Kontinuitäten" der Bevölkerungswissenschaft, zu denen Burgdörfers Rolle als Nachkriegs-Gründungsvater der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland gehört, siehe Artikel von Rüdiger Suchsland "Im Land der Schrumpfgermanen" (2006); http://www.heise.de/tp/artikel/22/22581/1.html
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In einem Artikel von Volkmar Weiss (wie Heinsohn eine wichtige Referenz für Thilo Sarrazin), werden sowohl Heinsohn als auch Burgdörfer lobend erwähnt; Titel "Bevölkerungsqualität: Der demographische Übergang in den Untergang"
http://www.scribd.com/doc/22172831/Bevolkerungsqualitat-Der-demographische-Ubergang-in-den-Untergang
Besagter Artikel von Volkmar Weiss enthält auch einen englischsprachigen Untertitel: "The Population Cycle Drives Human History - from a Eugenic Phase into a Dysgenic Phase and Collapse". Hinweis dazu: Auch Sarrazin verwendet den Begriff "dysgenisch"; erläutert an anderen Stellen auf diesem Blog - der entsprechende Begriff in der Nazizeit lautete "Gegenauslese".
Die englischsprachige Version des Artikels wurde veröffentlicht im "Journal of Social, Political and Economic Studies" (2007) und ist eine der wenigen im Wikipedia-Artikel "Population Dynamics" zitierten Referenzen (http://en.wikipedia.org/wiki/Journal_of_Social,_Political,_and_Economic_Studies), was auf eine maßgebliche Mitautorenschaft des Verfassers oder des Verlags an dem Wikipedia-Artikel hindeuten könnte.
Das "Journal of Social, Political and Economic Studies" ist ein Propaganda-Organ für eugenische Weltsicht und wird vom gleichen Verlag herausgegeben wie "Mankind Quarterly".
http://en.wikipedia.org/wiki/Journal_of_Social,_Political,_and_Economic_Studies; http://en.wikipedia.org/wiki/Roger_Pearson; siehe auch auf diesem Blog http://guttmensch.blogspot.com/2011/06/forderung-und-finanzierung-der-eugenik.html
Aus dem Wikipedia-Eintrag zu dem Herausgeber Roger Pearson und anderen Quellen geht hervor, dass dieser nach dem Krieg auch mit dem (auf diesem Blog schon erwähnten) prominenten Nazi-Rassenideologen Hans Günther zusammenarbeitete.
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Weitere Quellen zur "Überalterungs"-Diskussion (und -Agitation) z.B.:
http://www.tec-search.net/de/group/172458/%C3%9Cberalterung
Rainer Mackensen Demographie als Wissenschaft
www2.hu-berlin.de/leibniz-sozietaet/archiv%20sb/051/07_mackensen.pdf
Auszug:
".. Burgdörfer: … Man kann ihn ohne Bedenken als den einflußreichsten Bevölkerungsstatistiker in Deutschland zwischen 1920 und 1955 bezeichnen. … Seine Idee war, daß infolge des Geburtenrückgangs aus dem deutschen „Volk ohne Raum“ (nach Hans Grimm) ein „Volk ohne Jugend“ geworden sei, das mit allen denkbaren bevölkerungspolitischen Mitteln vor seinem Untergang – infolge Überalterung und „Überfremdung“ – bewahrt werden müsse. Die nationalistische Fahne schwang er von Anfang an; die eugenische Argumentation benutzte er anfangs lediglich durch Hinweise auf die damals in Deutschland bekannten Veröffentlichungen vor allem von Ploetz und Lenz…. Nachdem er jedoch 1933 in Berlin eine Denunziation von Nationalsozialisten … erfolgreich überstanden hatte …, veröffentlichte er bereits im nächsten Jahr mit dem Vererbungswissenschaftler Kühn und dem fanatischen Eugeniker Staemmler ein Buch über „Erbkunde – Rassenpflege – Bevölkerungspolitik“."
".. Burgdörfer: … Man kann ihn ohne Bedenken als den einflußreichsten Bevölkerungsstatistiker in Deutschland zwischen 1920 und 1955 bezeichnen. … Seine Idee war, daß infolge des Geburtenrückgangs aus dem deutschen „Volk ohne Raum“ (nach Hans Grimm) ein „Volk ohne Jugend“ geworden sei, das mit allen denkbaren bevölkerungspolitischen Mitteln vor seinem Untergang – infolge Überalterung und „Überfremdung“ – bewahrt werden müsse. Die nationalistische Fahne schwang er von Anfang an; die eugenische Argumentation benutzte er anfangs lediglich durch Hinweise auf die damals in Deutschland bekannten Veröffentlichungen vor allem von Ploetz und Lenz…. Nachdem er jedoch 1933 in Berlin eine Denunziation von Nationalsozialisten … erfolgreich überstanden hatte …, veröffentlichte er bereits im nächsten Jahr mit dem Vererbungswissenschaftler Kühn und dem fanatischen Eugeniker Staemmler ein Buch über „Erbkunde – Rassenpflege – Bevölkerungspolitik“."
