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Dienstag, 31. Dezember 2013

Aufstieg durch Rasse: Eugenische Denkmuster in der Geschichte der Sozialdemokratie

"Der Aufstieg des Arbeiters durch Rasse und Meisterschaft": Eugenische Denkmuster in der Geschichte der Sozialdemokratie


Aufstieg durch Bildung” war und ist ein zentrales Ziel und ein Schlagwort der Sozialdemokratie. Der Nationalsozialismus eignete sich das Aufstiegs-Versprechen an und veränderte es zu “Aufstieg durch Rasse”. Die Forderung nach Bildung wurde als “Bildungswahn” diskreditiert. “Rasse” sollte alles sein, was wirklich zählte, auf das alles andere nur aufbauen konnte. 
("Bildungswahn", ein von Hartnacke popularisierter, mit "Volkstod" in Verbindung gebrachter Begriff; vgl. http://guttmensch.blogspot.com/2011/03/die-gar-nicht-unpolitische-wissenschaft.html )
Beim Fahnenhissen in NS Jugendorganisationen wurde aufgesagt:
 “Unsere Fahne ist ein Symbol. Das Rot bedeutet das Soziale der Bewegung, der Farbendreiklang Schwarz-Weiss-Rot das Nationale und das Hakenkreuz Bewegung, Arbeit und Aufstieg durch Rasse.”
- Zitat aus einem Zeitzeugen-Bericht in dem Buch von M.W. Busch: “Es war ganz anders: 1930-1950.” Books on Demand, 2004; Link:
http://books.google.com/books?id=Pt7lU3OEAX4C&pg=PA16&lpg=PA16&dq=%22aufstieg+durch+rasse%22&source=bl&ots=6x 3FhThhyv&sig=VGK3265FydMSAz9WlJHClCT4z4U&hl=en&sa=X&ei=tBHRUr_IDsTBhAeLqYDgCA&redir_esc=y#v=onepage&q=%22aufstieg%20durch%20rasse%22&f=false
Aber: Ohne die richtige “Rasse” kein Aufstieg, das meinten auch einige Meinungsführer der Sozialdemokratie. Eine besonders interessante Anbiederung ist die Formulierung des Sozialdemokraten Karl Valentin Müller (1935): “Aufstieg durch Rasse und Meisterschaft”. Dabei wird das Konzept der Rasse übernommen, und wer will, kann das Konzept der Bildung in dem Begriff “Meisterschaft” eingeschlossen sehen. Die Formulierung lässt sich aber mit der Diskreditierung der Forderung nach Bildungschancen als “Bildungswahn” durchaus vereinbaren. Denn sie lässt sich auch so interpretieren, dass Meisterschaft mehr durch den schöpferischen Genius, der aus der Rassenzugehörigkeit kommt, als durch Bildung definiert sei. Diese Vorstellung von Meisterschaft kommt ja auch in Richard Wagners “Die Meistersinger von Nürnberg” zum Ausdruck. 


„Die alte Herrenvorstellung von der Faulheit des Knechtes" und der Eifer der “Abgrenzung nach unten” wirk(t)en auch in die Sozialdemokratie hinein. In ihrem Bemühen um Anerkennung und um Abgrenzung des klassenbewussten “Proletariats” von den Abgehängten, die Marx als “Lumpenproletariat” etikettiert hatte, machte sich auch und gerade ein Teil der Sozialdemokratie eugenische und sozialdarwinistische Denkmuster zu eigen. (Siehe auch auf diesem Blog Posts mit dem Label “Eugenik und Sozialdemokratie”.)


Thilo Sarrazin war von einem Fan aus der SPD-Parteihierarchie eines Ortsvereins ganz unbedarft mit dem SPD-Eugeniker und Querfront-Strategen Karl Valentin Müller verglichen worden – und zwar positiv! (Siehe Kommentare zu dem Post zum Thema Hofgeismarkreis.) Die Versäumnisse der deutschen Sozialdemokratie bei der Aufarbeitung dieses Teils ihrer Parteigeschichte sind während der “Sarrazin-Debatte” zu Tage getreten. Sie sind eklatant – und folgenreich.

Über Karl Valentin Müller und seine positive Rezeption bei Sarrazin-Vordenker Volkmar Weis und Sarrazin-Fan Harald Kersten siehe auf diesem Blog:
http://guttmensch.blogspot.se/2011/03/sozialdarwinismus-bei-sarrazin-dysgenik.html
http://guttmensch.blogspot.se/2013/03/du-bist-nichts-dein-volk-ist-alles-der.html
Originalwerke von Karl Valentin Müller in Bibliotheken und Antiquariaten z.B.:
Karl Valentin Müller: Der Aufstieg des Arbeiters durch Rasse und Meisterschaft. München, Lehmann 1935
http://www.worldcat.org/title/aufstieg-des-arbeiters-durch-rasse-und-meisterschaft/oclc/491354368
Karl Valentin Mueller: Begabung und soziale Schichtung in der hochindustrialisierten Gesellschaft (Schriftenreihe des Instituts fuer empirische Soziologie). Published by Vs Verlag fuer Sozialwissenschaften, 1956; from Revaluation Books (Exeter, DEV, United Kingdom)
http://www.abebooks.com/servlet/BookDetailsPL?bi=11391502439&searchurl=an%3DKarl%2BValentin%2BMueller%26amp%3Bsts%3Dt


Erst kürzlich stieß ich auf die schon 20 Jahre alte – und aus heutiger Perspektive wieder sehr beachtenswerte - Arbeit von Michael Sc hwartz über “sozialistische Ursprünge eugenischen Denkens”.

Aus

MICHAEL SCHWARTZ
„PROLETARIER" UND „LUMPEN"
Sozialistische Ursprünge eugenischen Denkens
http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1994_4_2_schwartz.pdf
(gekürzt; vollständige Version und Quellenangaben auf der angegebenen Webseite)

[…] Der Mythos, der um den marxistischen Proletariatsbegriff entstanden ist, darf nicht dazu führen, die reale soziale „Inhomogenität" dieses Proletariats und insbesondere die „ideologisch-politischen Auswirkungen der sozialen Hierarchien" innerhalb desselben zu übersehen oder zu verkleinern.
Die nie zu überwindende soziale und politische Heterogenität des „Proletariats" mündete nicht zuletzt in eine signifikante doppelte „Freund-Feindgruppierung", quasi in einen gesellschaftlichen Zweifrontenkrieg der marxistischen Arbeiterbewegung, der mit dem großen Klassengegner, „der Bourgeoisie", und zugleich mit einem alles andere als klassenkämpferischen „Lumpenproletariat" zu führen war. Stefan Born, selbstbewußter Buchdruckergeselle und Führer der emanzipatorischen „Arbeiterverbrüderung" von 1848, ging so weit, einen vierten Stand der hochqualifizierten Facharbeiter, einen fünften Stand der ungelernten Tagelöhner und - weitab davon - einen sechsten Stand des „Lumpenproletariats" klar voneinander zu scheiden.

Die soziopolitischen Konsequenzen dieser „deutlich voneinander abgehobenen, häufig durch latente oder offene Antagonismen" geprägten sozialen Differenzierung der „Unter"-Schichten sind bislang wissenschaftlich kaum thematisiert worden.
Auch der Begriff „Proletarier" wurde innerhalb dieses vielschichtigen Konflikts nie eindeutig bestimmt. Die Frage, ob und welche „Proletarier" als „Lumpen", als letztlich asoziales Gesindel zu charakterisieren seien, markierte den zentralen Begriffskonflikt zwischen den ideologischen Wortführern des Bürgertums und der sozialistischen Arbeiterbewegung.

Die marxistische Begriffsbildung des „Lumpenproletariats" und deren Entwicklung zeigen, daß dieser Konflikt schließlich weitgehend auf Kosten der als „Lumpenproletariat" definierten sozialen Randgruppe gelöst wurde. […]Durch die begriffsgeschichtliche Rekonstruktion der Stadien einer sozialen Stigmatisierung, der politischen Feindbestimmung sowie der aus beidem resultierenden Biologisierung des „Lumpenproletariats" soll im vorliegenden Aufsatz jene spezifisch eugenische Politik der deutschen Sozialdemokratie erklärt werden, die sich faktisch wesentlich gegen das sozial, politisch und biologisch definierte „Anders-Sein" des „Lumpenproletariats" richtete.
Der Begriff des Proletariats ist eine Schöpfung des Bürgertums. Er ersetzte ab 1830 den älteren Begriff des „Pöbels", um jene an der Subsistenzgrenze existierenden Unterschichten zu bezeichnen, für die man vom „Dritten Stand" aufwärts gemeinhin die Konnotationen „verächtlich oder bemitleidenswert, unerwünscht und gefährlich" bereithielt.

Neben der objektiven Komponente der Verelendung und der Annahme einer daraus resultierenden Gefahr für die werdende bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung implizierte der Begriff von Anfang an auch eine normative, moralisierende Abwertung der Proletarier: „Die alte Herrenvorstellung von der Faulheit des Knechtes wurde auf den Proletarier übertragen, der durch Fleiß und Sparsamkeit die äußerste Not zu überwinden imstande sein sollte." Deshalb wurden denen, die nicht aus eigener Anstrengung nach oben kamen, nur allzu rasch „Sittenverfall, Roheit, Arbeitsscheu und unmoralisches Anspruchsverhalten" attestiert. Der sehr bald offenkundige polemische Zweck dieser bürgerlichen Deutungen lag darin, eine angeblich auf den Umsturz zielende bewußte Homogenisierung diverser Unter-Schichten zu erschweren.


Exemplarisch hierfür sind etwa Friedrich Harkorts „Briefe an die Arbeiter", in denen der Autor die tiefe soziale und politische Kluft zwischen den „braven Arbeitern" und den deklassierten Proletariern - verlumpten „Hülfstruppen" gescheiterter revolutionärer Aufwiegler, „welche stets bereit sind, über anderer Leute Gut herzufallen und den Krebsschaden der Kommunen zu bilden" - deutlich markierte. Proletarier waren in dieser Sicht von Jugend an verwahrloste „Zuchthauskandidaten" und Gestrandete der Großstadtzivilisation, ungelernt und kinderreich, „Wüstlinge und Zecher, die den blauen Montag heiliger halten als den Sonntag", „verlorene Söhne ohne Reue, denen Gesetz und Ordnung ein Greuel" sei. Dieses Bild sozialen Grauens entlockte Harkort den Stoßseufzer: „Warum sorgen die Gemeinden selbst nicht besser für die Ausrottung dieser Zuchthauskandidaten?"
Der selbstbewußt proklamierte marxistische „Versuch, die Bezeichnungen für Ungelernte, Nichtqualifizierte, Arme, gesellschaftlich nicht Respektierte zu Ehrenbezeichnungen" einer klassenbewußten und siegesgewissen Arbeiterschaft zu machen, also der Versuch, einen positiven Proletarierbegriff zu etablieren, war letztlich ein Fehlschlag, der Begriff vermochte seine vom Bürgertum stets erneuerte und polemisch gegen die Arbeiterbewegung gerichtete inferiore Konnotation niemals abzulegen.

Die bürgerliche Grenzziehung zwischen „ehrlichen" Arbeitern und „lumpigen" Proletariern war deshalb besonders wirkungsvoll, weil diese „Abgrenzung [...] weitgehend dem Selbstbewußtsein der Arbeiter und Arbeitergesellen selbst" entsprach. So stieß denn auch der Versuch, die 1848/49 entstandene „Arbeiterverbrüderung" der deutschen Arbeitervereine als Organisation des Proletariats zu definieren, auf nahezu einhellige Ablehnung. […]


Der Versuch, den marxistischen Proletarier-Begriff in dieser heterogenen Arbeiterbewegung zu verankern, setzte erhebliche Widerstände innerhalb der dort organisierten Arbeiterschichten frei - namentlich in der SPD-nahen Gewerkschaftsbasis als auch unter der Mehrheit der SPD-Funktionäre, die sich aus den zur Spitzengruppe der Industriearbeiterschaft transformierten Teilen des handwerklichen Sozialmilieus rekrutierten.
Es waren bezeichnenderweise primär die Vertreter des marxistischen „Stehkragenproletariats" vom Schlage Karl Kautskys, die den Proletarier-Begriff um 1890 zum programmatischen Ehrentitel der Arbeiterbewegung erhoben. Doch selbst innerhalb der sozialistischen Intelligenz war dieser Schlüsselbegriff nie unangefochten. […]

Indem die entstehende Arbeiterbewegung einerseits die „Vorurteile des Bürgertums gegenüber dem Pöbel" übernahm und quasi nach unten weiterreichte, andererseits jedoch eine revolutionäre Umdeutung des Proletarier-Begriffs vollzog, bedurfte sie eines komplementären polemischen Begriffs, der beiden Funktionen gerecht zu werden vermochte. Dies war die Geburtsstunde des marxistischen Begriffs vom „Lumpenproletariat".
Die klassische Arbeiterbewegung hat diese ursprüngliche traditional-moralische Abgrenzung gegenüber den als asozial stigmatisierten Schichten nie überwunden. Die milieu-interne „Solidarität mit in Not geratenen Arbeitern" stand nicht in Widerspruch zur eindeutigen Distanzierung vom sogenannten Lumpenproletariat, die weiter gewahrt wurde. […]

Erich Mühsam hat 1910 die treffende Beobachtung gemacht, wie sehr die deutsche Sozialdemokratie „in ihrem Ehrgeiz, im Gegenwartsstaat mitzutun, als Rad in der Maschine anerkannt zu werden und den Interessen der Arbeiter zu nützen, indem sie sie aus Proletariern zu Kleinkapitalisten zu machen sucht", diese strikte Abgrenzung nach unten immer wieder erneuerte. „Diejenigen Elemente der Gesellschaft", so Mühsam, „deren Wesensart sich in das Gefüge des Staatsbetriebes nicht einordnen läßt", würden von der SPD „verächtlich als Lumpenproletariat' erledigt".
Die entstehende Subkultur der organisierten Arbeiterbewegung war stets eine elitäre Minorität. Selbst auf ihrem Zenit erfaßte sie höchstens ein Achtel der Industriearbeiterschaft; als die SPD 1912 ihr bestes Reichstagswahlergebnis (ca. 35 %) erzielte, wurde sie bestenfalls von der Hälfte des gesamten Proletariats gewählt34. In soziologischer Hinsicht muß dieses Arbeiterbewegungsmilieu „als ein Werte- und Normensystem der ortsfesten, besser bezahlten, in stabilen familiären Verhältnissen lebenden Facharbeiter" beschrieben werden, „in mancher Hinsicht sich selbst abschottend gegen andere, nicht in der Berufs-, Branchen- und Milieutradition wurzelnde" Gruppen. Noch im 20. Jahrhundert sorgten sich klassenbewußte Arbeiter stark darum, „nicht zu den untersten Gruppen", sondern eher zum „Arbeitermittelstand" zu zählen. […]

Die Grenze zwischen Arbeitermittelstand und denen „darunter" war stets präsent. Diese in breiten Schichten der Arbeiterbewegung empfundene Distanz zum „Typus der toten Seelen", in die sich nicht selten Verachtung oder gar Haß mischte, bot den Hintergrund für Rosa Luxemburgs hellsichtige Feststellung, die Arbeiterbewegung sei „gar nicht imstande", die „herabsinkenden, verelendeten Schichten der Arbeiterklasse zu vertreten", denn diese schieden, „sobald sie unter das Niveau ihrer Klasse [!] herabsinken, in das Lumpenproletariat aus" und verschwänden damit „überhaupt aus dem Zielbereich der Sozialdemokratie".
Die proletarische Homogenität der SPD wurde folglich durch bewußte Ausgrenzung des „Lumpenproletariats" gewahrt, die „Klasse für sich" war nur über eine massive Abgrenzung von Teilen der „Klasse an sich" zu haben. Man hat diesbezüglich die Ansicht vertreten, daß „gerade die Funktionäre der Arbeiterbewegung" regelrecht „Ekel und Abscheu" vor dem als minderwertig definierten „Pöbel" empfunden hätten. […]

Die monokausale Erklärung durch den Hinweis auf die Funktionärs- und Intelligentsia-Mentalität der Arbeiterbewegungseliten ignoriert das bereits erwähnte Phänomen, daß eine kohärente Arbeiterkultur offenbar gar nicht existierte und daher der Konflikt um das „Lumpenproletariat" auch als Auseinandersetzung unterschiedlicher sozialer Gruppen innerhalb der Arbeiterschaft gedeutet werden muß. Die Kluft zwischen Funktionären und Parteibasis sollte zwar wahrgenommen, aber nicht überbewertet werden. Es spricht vielmehr einiges für die Hypothese, daß die vormoderne Abgrenzung von den „Unter-Schichten" in der gesamten Arbeiterbewegung, sowohl in den Intelligenz- und den Funktionärseliten als auch in großen Teilen der Massenbasis, lebendig blieb und in spezifischer Weise modifiziert und intensiviert wurde. Auf der anderen Seite waren es immer wieder gerade Vertreter der Parteiintelligenz, die einer „gesamtproletarischen Solidarität" das Wort redeten und die sozialen Gräben innerhalb der Arbeiterklasse zu überbrücken trachteten. In jedem Fall war die sozialdemokratische „Aversion vor dem Mob" weit älter und vor allem weit tiefgreifender als ihre jeweilige ideologische Manifestation. Sie darf zudem nicht allein als kompensierte Abstiegsangst verstanden werden, war sie doch mindestens ebenso sehr Ausdruck eines dezidierten Aufstiegswillens. Die doppelte Frontstellung der Arbeiterbewegung gegen Bourgeoisie und „Lumpenproletariat" resultierte insofern ebensosehr aus „dem erschreckenden Minderwertigkeitsgefühl" der Arbeiterbewegung, „Proletarier zu sein", wie aus dem immer wieder artikulierten Wunsch nach sozialer Hebung der Massen: „Die sozialistische Gesellschaft bildet sich nicht, um proletarisch zu leben, sondern um die proletarische Lebensweise der großen Mehrzahl der Menschen abzuschaffen."43 So gesehen bestand das Kernproblem des „Lumpenproletariats" darin, daß es nicht ,entproletarisierbar' schien. Die Frage scheint deshalb berechtigt: „Wurde das Lumpenproletariat geopfert, damit die Siegeschancen [der Arbeiterbewegung] im proletarischen Kampfe steigen" konnten? […]


In der Tat erkannten bereits Marx und Engels in ihren Analysen der unorganisierten Unterschichten - jener ,,passive[n] Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft" - etwas für den Verlauf des proletarischen Klassenkampfes äußerst Schwerwiegendes: „Dies Gesindel ist absolut käuflich." „Seiner ganzen Lebenslage nach", so wußte schon das „Kommunistische Manifest", werde das „Lumpenproletariat" „bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen", als der Revolution zu dienen. […]

Marx teilte das Proletariat - analog zur Harkort'schen Dichotomie der Arbeiter und der Lumpen - in den guten und den schlechten, den verlumpten Teil; bei ihm waren jedoch nicht die „Arbeiter der Revolution" die Lumpen, sondern die deklassierten „Hülfstruppen" der Reaktion: „neben verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, [...] Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler" und so fort. Nicht nur Angehörige der Unterschichten selbst fielen unter diese Definition, sondern alle, die sich als „Lumpenproletarier" verhielten, also korrupt, reaktionär und ohne dezidiertes Klassenbewußtseinagierten, gleichgültig, welcher sozialen Herkunft sie waren. […]


Jedoch war die marxistische Definition des „Lumpenproletariats" aufgrund ihrer primär politischen Funktion sehr flexibel: Ein- und dieselbe soziale Gruppe konnte – je nach ihrem politischen Wohl- oder Fehlverhalten - von Marx und Engels „als Proletariat', als Lumpenproletariat' und als ,Pöbel' bezeichnet werden". […]

Marx und Engels führten daher zeitlebens einen Zweifrontenkrieg, der sich ebensosehr gegen bürgerliche „Verspießerung" wie gegen politisch schädliche „Verlumpung" richtete. Wo es nötig schien, wandten sie sich mit scharfer Ironie gegen parteiinterne Tendenzen zur Abqualifizierung revolutionärer Aktionen: „Wenn Berlin wieder einmal so ungebildet sein sollte,einen 18.März [a la 1848] zu machen", so karikierten sie die gegnerische Position, „so müssen die Sozialdemokraten, statt als ,barrikadensüchtige Lumpe' [...] am Kampf teilzunehmen, vielmehr den ,Weg der Gesetzlichkeit beschreiten', abwiegeln, die Barrikaden wegräumen und nötigenfalls mit dem herrlichen Kriegsheer gegen die einseitigen, rohen, ungebildeten Massen marschieren." Diese Persiflage sollte 1918/19 um den Preis einer dauernden Spaltung der Arbeiterbewegung Wirklichkeit werden.

Mit wachsenden politischen Erfolgen gewannen in der deutschen Arbeiterbewegung politischer Pragmatismus und Organisationspatriotismus die Oberhand über revolutionäre „Barrikadensucht". […] Wo immer unorganisierte proletarische Schichten fortan die politische Strategie der Sozialdemokratie gefährdeten, wurden sie nach den Kriterien von „Organisation, Disziplin und Einsicht" (Engels) gewogen und für zu leicht befunden. Schon der ADAV verurteilte wie sein Führer Lassalle ziellose Revolten. Doch beteiligten sich letztlich alle Flügel der Arbeiterbewegung an dieser Ausgrenzung. Hier offenbarte sich eine tiefsitzende Aggression der organisierten Arbeiterbewegung gegen solche Gruppen, die sich ihrer organisatorischen Sozialdisziplinierung entzogen. [..]

Die Aggressivität der SPD-Parteipresse gegenüber dem „Lumpenproletariat" hatte Methode und war bereits auf dem SPD-Parteitag von 1892 gegen Kritiker solcher Ausgrenzungsstrategien grundsätzlich legitimiert worden. Damals hatte die linksintellektuelle Oppositionsgruppe der „Jungen" kühn beantragt, dem „Vorwärts" wegen seiner feindseligen Stellungnahme gegen kurz zuvor erfolgte aufsehenerregende Ausschreitungen Berliner Arbeitsloser eine Rüge zu erteilen. Der Parteitag sollte namentlich die diffamierende „Bezeichnung Lumpenproletariat' entschieden" zurückweisen, „da hierdurch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen erscheint, daß wir uns für eine bessere Sorte von Proletariern halten". Schließlich seien die Randalierer „doch auch Proletarier". Wenn dieselben „im moralischen Werte augenblicklich unter uns stehen" würden, sei dies einzig „in den Verhältnissen begründet". Man könne und dürfe „die Proletarier nicht in verschiedene Kategorien theilen".


SPD-Parteitag in Berlin 1892
Quelle:
http://library.fes.de/parteitage/index-photos-all.html
Diese Resolution traf den Nerv der Sache. Sie wurde jedoch durch den Chefredakteur des „Vorwärts", Wilhelm Liebknecht, in bemerkenswerter Weise erledigt. [...] Für Asoziale hatte der Sozialismus keinen Platz, herrschte doch die Vision einer völligen Integration in die sozialistische Arbeits- und Leistungsgesellschaft […] Obwohl es nach Liebknecht der SPD „gewiß nicht an Sympathie" auch für diese „Opfer der Gesellschaft" fehlte, da man „selbst im tiefstgesunkenen Menschen [...] immer den Menschen, den Bruder" erblicke, definierte der führende Parteiideologe das „Lumpenproletariat" als objektiven Gegner im Klassenkampf: Auch die Kapitalisten seien nämlich Mitmenschen - „und trotzdem müssen wir sie heute bekämpfen". DieseFeindbestimmung im Verhältnis zum „Lumpenproletariat" legitimierte Liebknecht durch die effektvolle Berufung auf den mittlerweile kanonisierten Marx. Dessen Versuch einer ideologischen Exkommunikation der „Lumpen" wurde offen mit den älteren sozialen Abgrenzungsmustern der Arbeiterschaft verknüpft: Das „Lumpenproletariat" bestand laut Liebknecht nun einmal aus den „Deklassierten", also aus den gerade „nicht in die Klasse des Proletariats gedrängten Opfer[n] des Kapitalismus". […] Von der zunächst noch bekundeten Grund-Solidarität war schließlich nichts mehr zu spüren, sie war durch ein Konglomerat von Vorurteilen, mittlerweile etablierten Abgrenzungshaltungen und erfahrungsbedingter politischer Konfrontationsmentalität grundlegend revidiert worden; die SPD-Parteitagsmehrheit reagierte darauf mit andauerndem, lebhaftem Beifall.

Der politische Gegensatz zwischen Arbeiterbewegung und „Lumpenproletariat" blieb für die Kontinuität des diesbezüglichen Freund-Feind-Denkens auch im 20. Jahrhundert zentral. Selbst bei Linkssozialisten wie Rosa Luxemburg führte die Feststellung, gerade die lumpenproletarischen „Opfer der kapitalistischen Entwicklung" seien als soziales Symptom „ein Todesurteil für die kapitalistische Wirtschaft", keineswegs zu einer gesamt-proletarischen Solidarisierung, wie die „Jungen" sie einst angemahnt hatten. „Diese verelendeten Elemente" waren auch in Luxemburgs Augen für den „revolutionären Kampf der Arbeiterklasse [...] geradezu ein Hemmschuh", indem sie „meistens für anarchistische Konfusion die geeignete soziale Grundlage" abgäben. Diese an Liebknecht und Mehring anknüpfende Wertung, die gleichsam die Tätereigenschaften der Opfer in den Vordergrund rückte, konnte Luxemburg später mit eigenen Beobachtungen zur russischen Revolution von 1905 anreichern, wo sich das „Lumpenproletariat" durch die „systematische Aufstachelung" gegen die revolutionären Matrosen als Kampfmittel gegen die Revolution zu „Brandstiftung, Mord, Suff und Plünderung" habe benutzen lassen. Solche objektiv schädlichen Schichten gedachte die Sozialdemokratie - einschließlich ihres linken Flügels - niemals zu vertreten.

Dieses hergebrachte Deutungsmuster vom „Lumpenproletariat" ließ sich später mühelos reaktivieren, als es darum ging, sich das Aufkommen der NS-Massenbewegung weltanschauungskonform zu erklären. Unter der linken Intelligenz wurde es beinahe Mode, die NS-Bewegung als organisiertes Lumpenproletariat zu definieren, ließen sich doch auf diese Weise soziale und politische Feindbilder bündeln. Nicht allein Ernst Niekisch erklärte kategorisch, die vom Nationalsozialismus vorgespiegelte „Volksgemeinschaft" sei nicht mehr als die „Solidarität des lumpenproletarischen Gesindels"; sie diene lediglich dazu, „das ganze Volk auf die formlos chaotische Existenzweise menschlichen Abschaums" herunterzubringen. Auch Ernst Bloch, obschon frei von solcher Vereinfachung, erblickte zumindest in der regierenden NS-Führung einen über Deutschland hergerufenen „Auswurf", „lumpige Streber und Irre". Ähnelte diese Analyse der Bewertung Napoleons III. bei Marx, so warnten andere Beobachter vor der asozialen Basis des Regimes. Noch 1938 verurteilten sächsische Informanten der Exil-Sopade die faktisch auf bloßen Kinderreichtum setzende NS-Bevölkerungspolitik: Hierdurch werde „eine Art Lumpenproletariat erzogen"; man setze „bedenkenlos Kinder in die Welt", erhalte „dafür erhebliche Zuwendungen vom Staat" und brauche dann „nicht so eifrig nach Arbeit zu rennen". Insbesondere in den „SA-Siedlungen" könne „eine regelrechte Massenaufzucht" ohne jedes Verantwortungsgefühl beobachtet werden.

Anders als die SPD neigten Revolutionäre ohne Massenbasis nicht selten dazu, in den von der Sozialdemokratie verschmähten Subkulturen zu agitieren. Noch in den Debatten, die sich an der Revolte von 1968 entzündeten, wurde die Strategie Herbert Marcuses, die konsumgesättigte Arbeiterschaft als revolutionäres Potential gleichsam abzuschreiben und statt dessen „alle Hoffnung der Revolutionäre auf Randgruppen" zu verweisen, heftig diskutiert. Kritiker machten sie mitverantwortlich für die geradezu „widernatürliche[n] Allianzen" der studentischen „Neuen Linken" mit „peripheren, an den Grenzen der Kriminalität sich bewegenden" Subkulturen - „Raubauken, die im besten Falle 'rebels without a cause', im schlimmsten Gangster im Kleinformat sind". Auch aus den Reihen der Weimarer KPD gab es Versuche, die vielen jungen Proletarier, die durch kriminelle Handlungen Gefahr liefen, zum „Lumpenproletariat" herabzusinken und dort „ihre Kräfte [...] nutzlos [zu] vergeuden, in den Dienst der deutschen Komsomolz [zu] stellen". Doch trotz solcher Organisations- oder Bündnisversuche (etwa im Milieu krimineller Berliner Jugendbanden) oder der anarcho-revolutionären „Klassenkämpfe" eines Max Hölz kritisierten auch disziplinierte Kommunisten immer wieder ein nutzloses, da politisch undiszipliniertes und nicht disziplinierbares, ja potentiell konterrevolutionäres „Lumpenproletariat". Der Vorwurf des „revolutionären Abenteurertums" oder des Anarchismus legitimierte so manches sowjetische Todesurteil. […]

Doch selbst die solcherart verfemten Anarchisten - etwa der als SPD-Kritiker so hellsichtige Erich Mühsam - verfielen in dieselbe disqualifizierende Argumentation, sobald das umworbene „Lumpenproletariat" ihnen die politische Gefolgschaft versagte […] Famos waren auch hier allein die Denkenden, die Gleichgesinnten. Schon Engels hatte in seiner Grabrede für Marx mit feinem Unterscheidungsvermögen konstatiert, „die denkfähigen, denkenden Proletarier aller Länder" seien dem Verstorbenen „in dankbarer Verehrung zugetan".

Und die übrigen? Im Hinblick auf sie wuchs die Versuchung zum biologistischen Verdikt. Mühsam beispielsweise stellte fest, daß „im fünften Stande" der „Prozentsatz der Geisteskranken, Phantasten, Hysteriker usw." erschreckend groß sei; für ihn bleibe es „eine offene Frage", ob ihr Geisteszustand für ihre miserable soziale Lage verantwortlich sei oder umgekehrt. Während Mühsam noch rätselte, machten sich einige Sozialisten bereits an die wissenschaftliche Klärung dieser Frage. Das sozialistische Feindbild des Lumpen wurde in der SPD rasch „biologisiert", und es legitimierte bald einen gezielten Gegenschlag des sozialistischen Proletariats mittels eugenischer Politik.

Seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurden politische Legitimationsmuster unter dem Eindruck der neuen naturwissenschaftlichen Leit-Disziplinen zunehmend naturalisiert und biologisiert. Der in diesem Kontext entstehende bürgerliche Sozialdarwinismus predigte die individuelle Emanzipation im Rahmen einer als „Kampf ums Dasein" bezeichneten gesellschaftlichen Konkurrenz. Damit erteilte er jeglichen kollektiven Emanzipationsforderungen und einer hierauf basierenden sozialen Umgestaltung eine klare Absage. Diesen Generalangriff auf seine grundlegenden Ziele konnte der Sozialismus nicht unbeantwortet lassen. Sämtliche Gegenstrategien der Arbeiterbewegung beriefen sich aber ebenfalls auf die Naturwissenschaften, die als neue gesellschaftliche Leitwissenschaften auch das szientistische Selbstverständnis des wissenschaftlichen Sozialismus stützen mußten. Es ist deshalb sogar von einer „naturwissenschaftlichen Frömmigkeit" der Sozialdemokratie gesprochen worden.

Der Sozialismus des 19.Jahrhunderts war, insbesondere in seiner Frühzeit, stark durch einen „Sozialistischen Darwinismus" geprägt. Der Sozialdarwinismus erwies sich damit, wie jede szientistische Legitimationsideologie, „für sehr verschiedene Deutungen sozialen Geschehens" und damit auch für die sozialdemokratische Variante als verfügbar.

Allerdings übernahm die sozialistische Intelligenz, hierin Engels folgend, mit den zentralen Kategorien des bürgerlichen Sozialdarwinismus nicht auch dessen kruden Naturalismus, der letztlich alle Kultur in Natur aufzulösen drohte. Statt dessen wurde die kulturelle Evolution als jeweils höhere Phase dieses „Kampfes ums Dasein" gedeutet, der - streng marxistisch-biologistisch - zur kommunistischen Endgesellschaft führen werde. Die deutsche Arbeiterbewegung erblickte in dem auf das Soziale angewandten Darwinismus einen „wissenschaftlichen Beweis" für den schließlichen „Sieg des Proletariats", indem man einfach das gegen den Sozialismus ins Feld geführte selektionistische Recht des Stärkeren „vom Individuum auf die Klasse" übertrug.

Damit wurde auch die Klassensolidarität zu einem entscheidenden Kriterium im Daseinskampf. So sah der junge Karl Kautsky im Sozialismus eine „höhere Stufe" im Kampf ums Dasein, und er attestierte der proletarischen Klassensolidarität „nach aller natürlichen und geschichtlichen Analogie" größere Siegeschancen als einer „aus egoistischen und unter einander concurrierenden Mitgliedern zusammengesetzte[n] Gesellschaft".

Darum werde „das fatale Gesetz des Kampfes um das Dasein [...], der natürlichen Auswahl jener, die am fähigsten sind zu leben, [...] dem Sozialismus den Sieg sichern".

„Immer wieder" regten sich seither innerhalb der Arbeiterbewegung „starke Tendenzen zu einer Naturalisierung der Gesellschaft und ihrer Entwicklung". Umfassende Sozialpolitik legitimierten sozialistische Darwinisten - „wenn schon sozialdarwinistisch gedacht sein muß" - mit dem Hinweis darauf, daß eine wirklich effective Auslese nur „unter wesentlich gleichen Bedingungen" möglich sei; erst dann könne„sich zeigen, wer wirklich überlegen ist". Solche Bedingungen seien jedoch durch die „objektive Ungleichheit" in jeder Kulturgesellschaft nicht gegeben. Ziel der Sozialpolitik sei es deshalb, „diese Ungleichheit wenigstens nicht ins Ungemessene wachsen zu lassen". Dies habe mit „Förderung Minderwertiger nichts zu tun", sondern solle einer (sach-)gerechteren Auslese dienen.

Gewisse sozialdarwinistische Mentalitäten und Denkfiguren blieben in der Sozialdemokratie auch über den um 1890 erreichten Höhepunkt der sozialdarwinistischen Intellektuellendebatten hinaus präsent; sie prägten selbst noch die „Chancengleichheits"-Diskurse der jüngsten Vergangenheit.
Dieser selektionistische Vulgärdarwinismus innerhalb der Sozialdemokratie konnte nicht ohne (zumindest indirekte) Auswirkungen auf das Verhältnis von „Proletariat" und „Lumpenproletariat" bleiben. Tatsächlich wurde der Gegensatz zwischen proletarischer Elite und „lumpenproletarischem" Pöbel zunehmend biologisiert. Hatte sich die organisierte Arbeiterbewegung von jeher als Elite des Proletariats definiert, so wuchs bei einigen Sozialisten, insbesondere ihren intellektuellen Wortführern, die Tendenz, sich nunmehr auch als dessen biologische Auslese zu begreifen. Angesichts der immer wiederkehrenden bürgerlich-soziologischen Schreckensbilder vom Proletariat als einer „vegetierenden, willenlos dienenden Masse" beharrten manche sozialistischen Publizisten schon um die Jahrhundertwende darauf, daß dem „glücklicherweise" nicht so sei. „Ein sehr großer Teil der Arbeiterschaft" stünde „in jeder Hinsicht" weit über dieser verelendeten Masse, was durch „die so beliebte ,Milieuwirkung'" allein nicht zu erklären sei. Die „Wesensgleichheit" der proletarischen Massen sei vielmehr bloß eine scheinbare. „Vor unseren Augen vollzieht sich ein Ausleseprozeß, lost sich eine Schicht der Fähigen ab, die nicht [...] wieder eine gemeinsame Oede und Leere" darstelle. Wer solches dennoch behaupte, sei „mit den Trade Unions und den ihnen gleichwertigen Gewerkschaften auf dem europäischen Kontinent wenig vertraut". An solchen Positionen knüpften die soziologischen Untersuchungen der SPD-Führerschichten in den zwanziger Jahren an. Diese basierten auf der Prämisse von der denkbar größten Inhomogenität des Proletariats, denn „die geistigen Spannungen zwischen den untersten Schichten des sogenannten Lumpenproletariats und den klassenbewußten Führerschichten dürften [...] die zwischen den bürgerlichen Typen bestehenden Spannungen weit übertreffen". Aus solchen Prämissen ergaben sich rasch eugenische Wertungen und Abwertungen.

Die biologische Aufwertung der Elite bedingte natürlich eine biologistische Diffamierung des „Lumpenproletariats". Selbst dort, wo innerhalb der Arbeiterbewegung die Lebensweise des „Lumpenproletariats" nüchtern als Folge von Milieueinflüssen skizziert wurde, artikulierte sich das implizite oder explizite Werturteil, im Daseinskampfe versagt zu haben. Denn anders als der „erwachte sozialistische Arbeiter" hatte dieser „traurigste Ausschnitt" des Gesamtproletariats nicht die Kraft aufgebracht, „dem Fuseldunst und Lasterbrodem einer großstädtischen Mietskaserne" zu entwachsen. […]

Die zwischen Mitleid und Distanzierung oszillierende Haltung der Arbeiterbewegung mündete nach 1918 in ein ähnlich ambivalentes, Hilfe und Kontrolle vereinendes wohlfahrtsstaatliches „Machtdispositiv" (M. Foucault), dem die sozialdarwinistische Prämisse zugrunde lag, das „aus den Reihen bedrückter und mittelloser Proletarierschichten" stammende „Lumpenproletariat" sei „nicht tüchtig genug für den Lebenskampf".

Teils versagten diese Personen, „weil es ihnen an moralischen Abwehrkräften mangelt", teils weil sie „erblich schwer belastete Menschenkinder" seien. „Aus den Reihen dieser unglücklichen Menschen", so wußte etwa die sozialdemokratische Frauenbewegung, „rekrutiert sich dann das Heer der Vagabunden, der Gewohnheitsverbrecher und der Dirnen". Auf der Grundlage dieser Analyse plädierten dann wohlfahrtspolitisch engagierte SPD-Frauen dafür, diese „für den Lebenskampf zu schwachen Elemente in eine humane Obhut zu nehmen, sie vor sich selbst und die menschliche Gesellschaft vor ihnen zu schützen". Diese doppelte Präventivstrategie mündete in den parlamentarischen Beratungen über ein neues Verwahrungsgesetz in konkrete politische Entwürfe; das Gesetz kam dann freilich doch nicht zustande, da der SPD eine Definition der zu Verwahrenden zu unsicher schien.

Ein Vorbild für die noch distanziertere, streng selektionistische Variante hatte schon der junge Kautsky geliefert, als er hinsichtlich der Ausrottung der australischen und nordamerikanischen Ureinwohner bekannte, „den Menschenfreund" befalle schon „ein melancholisches Gefühl", wenn er „diesen Vernichtungsprozeß ruhig ansehen" müsse, „ohne helfen zu können", um dann als theoretische Erkenntnis hinzuzusetzen:
„[...] Das Gesetz des Kampfes ums Dasein ist ein hartes und unerbittliches." Dieser Fatalismus bestimmte einige Teile der Arbeiterbewegung bis in die Endphase der Weimarer Republik. Das Verbandsorgan der sozialdemokratischen Lebensreformer erklärte noch im Januar 1933, während man einen Tierzüchter, der auch die minderwertigen Exemplare sich fortpflanzen lasse, „mindestens für sehr dumm halten" würde, sei es im Falle der menschlichen Gesellschaft „wirklich höchste Zeit", der „Überwucherung der minderwertigen Elemente" endlich mit rassenhygienischen Mitteln Einhalt zu gebieten. Sobald ein Mensch durch seine Existenz andere schädige, habe die Gesellschaft geradezu die Pflicht, einzugreifen. „Das Recht des Menschen auf sein Leben ist ein bedingtes. Soweit er die naturgesetzlichen Bedingungen nicht erfüllt, muß er unter den Folgen seiner Fehler leiden. Die Natur kennt keine Sündenvergebung." Einschränkend hieß es aber immerhin, innerhalb der menschlichen Gesellschaft dürfe diese natürliche Selektion keinesfalls durch „Vernichtung von Menschenleben" nachgeahmt werden; statt dessen wurde für eine Verhinderung der Fortpflanzung erblich „Minderwertiger" durch eugenische Maßnahmen bis hin zur Zwangssterilisation plädiert. […]

Sozialistische Eugenik blieb innerhalb der SPD stets ein eher elitäres Phänomen, das zunächst auf intellektuelle Zirkel, später - insbesondere nach 1919 - auf die medizinischen und sozialpolitischen Experten der Partei konzentriert blieb. Innerhalb der sozialistischen Intelligenz erhob sich gegen das eugenische Denken anfänglich auch Widerspruch, der quer zu sonstigen innerparteilichen Frontlinien verlief. Um 1920 war die Entwicklung jedoch schon so weit vorangeschritten, daß in den maßgeblichen gesundheits- und bevölkerungspolitischen Expertengruppen der Partei ein grundlegender Konsens über die Notwendigkeit eugenischer Politik bestand, wenn man sich auch über konkrete eugenische Maßnahmen und ihre jeweilige „Durchschlagskraft" noch längst nicht einig war. Die Mehrheit der Partei verhielt sich zu den wachsenden Aktivitäten ihrer eugenischen Sozialtechnologen teils wohlwollend, teils passiv, behinderte sie zumindest in keiner Weise.

Die zentralen eugenischen Kategorien „Minderwertigkeit" und „Auslese" richteten sich keineswegs nur gegen Angehörige marginaler Gruppen oder der Unterschicht, sondern- zumindest theoretisch- ebensogut gegen sozial besser gestellte Erbkranke und waren damit letztlich klassenunspezifisch. Daher läßt sich das „Lumpenproletariat" auch nicht als die Zielgruppe der Eugenik schlechthin identifizieren. Da der Begriff „Minderwertigkeit" jedoch schillernd war und in ihm ein ganzer „ Komplex aus industrieller Brauchbarkeit sowie öffentlicher Wohlanständigkeit oder kommunikativer Anpassungsfähigkeit" mitschwang, mußte er gegenüber solchen sozialen Gruppen besondere

Brisanz entfalten, die gegen all diese Wertmuster verstießen: Dies traf insbesondere auf „ ,Asoziale', Kriminelle, Schwachsinnige" zu, wobei die Gefahr für die Arbeiterbewegung stets darin bestand, daß „die Grenzen" dieser Gruppen „zum Proletariat' fließend" waren. Marx hatte das Phänomen der „Entartung" noch als Folge der umweltbedingten Massenverelendung im Kapitalismus begriffen92; mit der Politisierung naturwissenschaftlich-szientistischer Denkmuster wurden in den folgenden Jahrzehnten „die Pauperisierung der Massen, Kriminalität und Alkoholismus" zunehmend weniger als Kosten des tiefgreifenden sozialen Wandels, sondern vielmehr „als Folgen der Degeneration des Erbguts interpretiert". Schon 1909 hatte Edmund Fischer, ein zum SPD-Parteiredakteur und Reichstagsabgeordneten aufgestiegener Bildhauergeselle, unter Berufung auf Lombroso argumentiert, das sich vorwiegend aus Landstreichern, Alkoholikern und Prostituierten rekrutierende „Lumpenproletariat" sei nicht allein durch sein Milieu geschädigt, sondern in erster Linie „geistig minderwertig". Fischer hob bei dieser Wertung ausdrücklich hervor, daß schon Marx und Engels diese Gruppe als „passive Verfaulung der untersten Schichten" bezeichnet hätten, womit er deren Werturteil biologisierte. Der SPD-Funktionär wehrte sich entschieden dagegen, etwa zeitweilig arbeitslose echte Proletarier mit solchem „Lumpenproletariat" gleichzusetzen.

Diese Empfindlichkeiten wurden wesentlich dadurch geschürt, daß sich - auch in der eugenischen Debatte - die Vertreter der Arbeiterbewegung immer wieder gegen die von bürgerlicher Seite gepflegte sozialdarwinistische Unterstellung verwahren mußten, das gesamte Proletariat sei erblich minderwertig und habe daher seine schlechten Lebensumstände vollauf verdient. […}

Einige sozialistische Gegen-Polemiker sprachen [… im Gegenzug] von einer „Lumpenbourgeoisie" als eugenisch minderwertiger Zielgruppe. So erklärte Oda Olberg schon 1906, während die wichtigste Ursache für die Massenentartung der Arbeiterschaft in Wahrheit deren Massenelend, also das negative Milieu, sei, herrsche eine „rapide" erbliche Entartung gerade in den oberen Schichten der Bevölkerung. Der dort besonders auffällige „Mangel an Zuchtwahl" bedinge ein „Aufpäppeln der Minderwertigen (Nachkommen von Syphilitikern, Alkoholikern, Wüstlingen, Tuberkulösen usw.)", was unweigerlich zur „Rassenschädigung" führen müsse. Solche Argumente gingen direkt auf SPD-Positionen in der sozialdarwinistischen Kontroverse nach 1880 zurück.

Sehr viel stärker noch wirkte die aus traditionalen, politischen und sozialdarwinistischen Motiven begründete Distanzierung des „revolutionären" Proletariats vom „Lumpenproletariat" in die werdende sozialistische Eugenik hinein. Gerade sozialistische Ärzte dehnten das Abgrenzungskriterium des Bewußtseins immer stärker vom politischen Bereich auf das Biologische und Sexuelle aus. […]

Kategorisch wandte sich Oda Olberg 1926 gegen die beim „Klassenfeind" so beliebte Gleichsetzung von „Proletariat" und „Lumpenproletariat". Insbesondere in ihrem eugenischen Hauptwerk „Die Entartung in ihrer Kulturbedingtheit" machte sie Front gegen bürgerlich-sozialdarwinistische Auffassungen, das Proletariat bilde sich in ständiger negativer Auslese „aus dem Abfall der herrschenden Klasse". […] Der Proletarier, der in der Regel eben nicht den sozialen Aufstieg in eine andere Klasse unternehme, sondern aus sozialen und mentalen Gründen in seiner eigenen Klasse verbleibe, dürfe aufgrund dieser sozialen Beständigkeit „keineswegs [als] ein im Daseinskampf Gescheiterter" diffamiert werden. […]

Die "Gültigkeit der Milieutheorie" beschränkte Olberg in schon klassischer Manier auf das Industrieproletariat; mit dem „Lumpenproletariat" verhalte es sich hier nämlich „ganz anders". Dieses rekrutiere sich „durchaus nicht vorwiegend aus dem Proletariat"; „Lumpenproletarier" seien vielmehr „überhaupt keine wirtschaftliche, sondern eine biologische Kategorie, die sich aus dem Abfall aller sozialen Schichten bildet". Betrachte man diese Gruppe von Menschen, „die aus dem Produktionsmechanismus der Gesellschaft geschleudert sind, die dauernd der Armenpflege zur Last liegen, ständig obdachlos sind, als Bettler, Vagabunden und Gewohnheitsverbrecher das Leben fristen", so erscheine deren ,,soziale[r] Schiffbruch" durchaus als „eine Folgeerscheinung und ein Ausdruck biologischer Unzulänglichkeit". Gewiß gebe es auch Menschen, „die ohne Veranlagung", durch ungünstige soziale Umstände also, in diese Schicht abgeglitten seien, doch bildeten sie „nur einen kleinen Bruchteil der Deklassierten" .Deren „Hauptmasse" bestehe jedenfalls „aus Entarteten, aus Imbezillen oder Psychopathen".

Solches Denken blieb nicht auf die sozialistische Publizistik beschränkt, sondern fand auch Eingang in eine „linke" akademische Soziologie. Der Sozialdemokrat Theodor Geiger etwa, 1928-1933 Professor an der TU Braunschweig und danach im skandinavischen Exil, ging mit Oda Olbergs eugenischen Überzeugungen völlig konform. „Erbpflege" bedeutete für Geiger, sich „nicht mehr damit" zu begnügen, „die Menschenmassen, die uns mit jedem neuen Zeitalter beschert werden, hinzunehmen, wie sie sind". Eine umfassende sozialpolitische Pflege der lebenden Menschen sollte mit einer negativ-eugenischen vorgeburtlichen Auslese verknüpft werden […].

Das soziale Taktgefühl gegenüber dem organisierten Proletariat der Arbeiterbewegung ging mit einer scharfen Abgrenzung gegenüber dem „Lumpenproletariat" einher: Obwohl „der fatale und unsinnige Ausdruck Lumpenproletariat'" - dessen marxistisch-polemische Konnotationen Geiger offensichtlich nicht bewußt waren - „dem bösartigen Vergleich mit dem echten Proletariat eine scheinbare Berechtigung" gebe, sei dieser wissenschaftlich nicht zulässig: Beim lumpenproletarischen „Gesindel" handle es sich nämlich um die „Bärme aller echten sozialen Schichten" und nicht um eine kompakte soziale Gruppe direkt unterhalb des Proletariats; „jener Auswurf", der vielmehr klar „außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft" stehe, umfasse „die Gestrandeten und Deklassierten aller sozialen Zonen - zumeist Untermenschen, die vom Mutterleib an geistig und moralisch, oft auch körperlich, minderwertig sind". Mit dieser These von den „Untermenschen", denen er eine den „Standlosen (Unehrlichen) in der ständischen Gesellschaft" vergleichbare Rolle jenseits aller Schichtensoziologie zumaß, verlor sich der zum Eugeniker mutierende Soziologe Geiger in einem strikten Erbdeterminismus. […]

Diese denkbar scharfe Unterscheidung zwischen „Proletariat" und „Lumpenproletariat" mündete bei Geiger folgerichtig in eine ebenso deutliche Abgrenzung der Sozialpolitik von der Wohlfahrtspolitik: Letztere konnte demnach als „Schaffung von Ausnahmemilieus für Mindertaugliche" erscheinen, die in exzessiver Form durchaus als „Gegenauslese" wirkte und den „Ruf nach rücksichtsloser [eugenischer] Ausmerze" berechtigt erscheinen ließ. Hingegen wehrte sich Geiger entschieden dagegen, diese Kritik an unterschiedsloser Wohlfahrtspolitik auch auf die sozialpolitische „Milderung der sozialen Schichtmilieus" auszudehnen. Sozialpolitik für breite Bevölkerungsschichten sei alles andere als „Gegenauslese", sie wolle vielmehr „durch wenigstens teilweisen Ausgleich des sozialen Handicaps die natürliche Auslese wieder zur Geltung bringen". Es sei daher in keiner Weise angängig, „in der öffentlichen Debatte die Adressaten der Sozialpolitik" - also die breite Arbeiterschaft, aber längst nicht nur diese - „in nächste Nachbarschaft mit ,minderwertigen Volkselementen' zu bringen"

Diese quasi schichtungssoziologisch untermauerte Distanzierung von „Proletariat" und „Lumpenproletariat", wie sie Olberg und insbesondere Geiger entwickelten, wurde im sozialistisch-eugenischen Diskurs nicht völlig konsensfähig. Vielen linken Eugenikern reichte eine - ansonsten ähnlich scharfe - Binnendifferenzierung in verschiedene proletarische Schichten. Die praktischen Konsequenzen beider Positionen unterschieden sich freilich kaum. So grenzte die prominente SPD-Reichstagsabgeordnete Antonie Pfülf, Generalstochter und Lehrerin, die „lumpenproletarischen Minderwertigen" zwar nicht rigoros aus, sie teilte jedoch rückhaltlos die (nicht nur im sozialistischen Spektrum beliebte) These eines engen Zusammenhangs zwischen „Lumpenproletariat" und Verbrechertum. […]

Ihr Engagement gegen „lumpenproletarische" Kriminelle mündete später in die von ihr mitgetragenen SPD-Sterilisationsinitiativen im Strafrechtsausschuß des Reichstages. Andere SPD-Politikerinnen motivierten mit ähnlichen eugenischen Analysen eine dauerhafte Zwangsasylierung erblich belasteter Jugendkrimineller.

„Lumpenproletarier" und erbkranke Kriminelle paßten aus der Sicht dieser Sozialdemokraten nicht in eine künftige sozialistische Gesellschaftsordnung. Hier nämlich war „der an Körper und Geist völlig gesunde Mensch die Grundlage des Idealstaates". Nicht nur sozialdemokratische Gesundheitspolitiker hatten erklärtermaßen „an der Erzeugung und Erhaltung des gesunden Menschen [...] ein wesentlich größeres Interesse als die uns als Gegner gegenüberstehenden bürgerlichen Parteien", wobei sie auf Umweltverbesserung ebenso wie auf die gezielte „Ausmerzung" des „Unglück[s] körperlicher oder geistiger Erkrankungen" setzten. Auch für kommunistische Intellektuelle stand es außer Frage, daß eine künftige sozialistische Rassenhygiene das Ziel verfolgen würde, „innerhalb der Gattung Mensch diejenigen Menschenschläge bewußt zu entwickeln [...], die den neuen wirtschaftlichen und kulturellen Daseinsbedingungen des Sozialismus am weitestgehenden entsprechen".

Auch in sozialistischen Kreisen zitierte man feierlich das Nietzsche-Wort: „Nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf!" Dachte sich der alte Karl Kautsky diesen „Übermenschen" noch vergeistigt-intellektuell, so stand Leo Trotzki der neuen Generation moderner Sozialtechnologen mit dem Credo schon näher, die sozialistische Gesellschaft werde „einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus, und wenn man so will - den Übermenschen zu schaffen" in der Lage sein. Der britische Sozialist und Eugenik-Anhänger H. G. Wells verglich den planenden wissenschaftlichen Sozialisten mit einem Gärtner: Er suche „einen Plan zu machen, wie man einen Garten entwirft und anlegt, damit süße und angenehme Dinge wachsen können, sich weite und schöne Aussichten eröffnen und Unkraut und Fäulnis verschwinden". Nicht nur Wirtschaft und Gesellschaft wurden durch einen solchen Plan geordnet, sondern auch der Mensch selbst sollte einer umfassenden, daher auch eugenischen „Planbewirtschaftung des menschlichen Lebens" unterworfen werden.

„Wahrhaft explosiv" wurde dieses ausufernde, prometheische „Selbstvertrauen des Gärtners" durch die „Vermischung" mit „Ressentiments gegen den ,Anderen'". In diese Gefahrenzone geriet auch das „Lumpenproletariat". Obwohl die sozialistische Eugenik keine „Kriegserklärung" an die „Lumpenproletarier" darstellte, sondern stets an der humanen Betreuung bereits lebender Menschen festhielt, wurden doch jene Bevölkerungsgruppen, die dem Ziel einer sozialistisch-eugenischen Leistungsgesellschaft nicht entsprachen, sozialdemokratischen Gesundheitsexperten zunehmend „zum Feindbild". So illustrierte der prominente Sozialhygieniker und SPD-Reichstagsabgeordnete Alfred Grotjahn seine Forderung nach eugenischer Differenzierung des Geburtenrückganges bedenkenlos mit den später von Geiger so heftig kritisierten eugenischen Wertigkeitsskalen: Indem der Geburtenrückgang zunächst stets die oberen, als hochwertig definierten Schichten der Bevölkerung ergreife, führe er notwendig zu einem eugenischen Qualitätsverlust in der Nachkommenschaft eines Volkes; als Beleg wurden die wissenschaftsüblichen, doch im sozialistischen Diskurs recht gewagten Beispiele aus dem Adel und der Beamtenschaft angeführt. Diese eugenische Wertigkeitsskala dehnte Grotjahn gezielt auf die Binnenschichtung des Industrieproletariats aus: „Auch innerhalb der Arbeiterklasse" hätten mittlerweile die jeweils „gehobenen Schichten weniger Kinder", als zur quantitativen Bestandserhaltung aus eigener Kraft notwendig wäre. Demgegenüber zeichneten sich unqualifizierte, niedere Arbeiter-Schichten durch eine umfangreichere Nachkommenschaft aus.

Diese Thesen wußte Grotjahn statistisch exakt zu belegen: Bei hundert Familien wären für deren Bestandserhaltung 350 Kinder notwendig; tatsächlich entfielen jedoch auf 100 Spinner und Weber 344, auf 100 Metallarbeiter 285, auf 100 Maschinenbauer 244 sowie auf 100 Elektrotechniker lediglich 189 Kinder. Die Beobachtung der geringeren Fortpflanzung „Hochwertiger" könne jeder Arbeiter mühelos selbst machen:
„Man braucht sich ja auch nur in seinem Bekanntenkreis umzusehen, um feststellen zu können, daß die sich besonders auszeichnenden Parteigenossen, Sekretäre, Redakteure und Abgeordnete nur ausnahmsweise eine Kinderzahl von drei oder mehr erreichen". Den sozialdemokratischen Arbeitern wurde damit unverblümt nahegelegt, einen Elektrotechniker für eugenisch hochwertiger zu halten als einen Metallarbeiter - erst recht galt die captatio benevolentiae eugenischer Hochwertigkeit für die Funktionärselite der Partei, die schon der frühe bürgerliche Sozialdarwinismus zuweilen als hochwertige Minorität klassifiziert hatte.

Grotjahn sah in der eugenisch negativ wirkenden Geburtendifferenzierung einen weiteren Beweis für „das Marxsche Gesetz, daß Veränderungen der Quantität in solche der Qualität umschlagen". Wenn diese Entwicklung ungehemmt fortschreite, so warnte der Gesundheitspolitiker seine Genossen, würde letztlich „auch das deutsche Proletariat seine Rolle als der [weltweite] Hauptträger einer sozialistischen Zukunft [...] ausgespielt haben". Das hieß: Generatives Verhalten und politische Effizienz wurden für das bewußte Proletariat miteinander verknüpft. Die relativ größere Vermehrung im „Lumpenproletariat" sollte von der Arbeiterbewegung als politisches und eugenisches Alarmsignal begriffen werden, da hierdurch auch die eigene politische Qualität tangiert zu werden drohte. Dieser prognostizierten Negativ-Entwicklung wollte Grotjahn durch eine eugenisch gestaffelte Umkehrung der bevölkerungspolitischen Entwicklung zugunsten der „höherwertigen" Schichten begegnen. Dabei setzte er jedoch stärker auf die Förderung von Geburtenvermehrung bei „Höherwertigen" als auf negative Zwangsmaßnahmen gegen „Minderwertige". Damit wurde die alte, in der bekannten „Gebärstreikdebatte" noch 1913 vehement gegen Teile der eigenen Basis verfochtene Auffassung der SPD-Führung, eine hinreichende Vermehrung der Arbeiterklasse sei für die Bestandserhaltung der „Soldaten der Revolution" unerläßlich, von Grotjahn nur um ein eugenisches Argument angereichert.

Es ist bemerkenswert, daß insbesondere der Arbeiterbewegung nahestehende Soziologen zu einer strikten Ausgrenzung des „Lumpenproletariats" neigten. Theodor Geiger vermied es zwar, aus den kollektiven Wiederaufstiegsbestrebungen verproletarisierter Handwerkerschichten, die diese zur „Kerntruppe" der frühen Arbeiterbewegung werden ließ, zugleich auf deren eugenische Hochwertigkeit zu schließen. Auch hütete er sich, die ungelernte Arbeiterschaft und das „Lumpenproletariat" für gleichermaßen „minderwertig" zu erklären. Sein für die thüringischen freien Gewerkschaften tätiger Kollege Karl Valentin Müller ließ hingegen in beiden Fragen alle wissenschaftliche Behutsamkeit fahren. Müller verschärfte die verbreiteten sozialistischeugenischen Auffassungen über erbliche Qualitätsunterschiede im Proletariat durch die „These, daß wir in der organisierten Arbeitnehmerschaft die sozialbiologische Elite der proletarischen Bevölkerung zu sehen haben", denn „die Organisierbarkeit entsprach zunächst und entspricht noch heutigentags im höchsten Masse der beruflichen Qualifiziertheit". Dabei markierte der Zusammenhang zwischen Berufsqualifikation und politischer Organisiertheit für Müller nur scheinbar eine binnenproletarische Kluft; die hierin aufscheinende biologische Höherwertigkeit der Arbeiterbewegung im Vergleich zum Gesamt-Proletariat erklärte Müller vielmehr mit der weitgehenden Herkunft der Sozialdemokratie aus dem verproletarisierten Mittelstand.

Eine von ihm 1926 in Thüringen und Sachsen durchgeführte „Gewerkschaftsenquete" habe ergeben, daß der überwiegende Teil der qualifizierten Arbeiter und ein Großteil der gelernten Arbeiter aus früheren Mittelstandsfamilien stamme, während 75 % der an- und ungelernten Arbeiter in den zwei vorangehenden Generationen aus einem Milieu der An- und Ungelernten kämen. Der durch die Industrialisierung ins Proletariat gezwungene „latente Mittelstand" sei ganz natürlich „zum Träger der sozialen Bewegung, und gerade auch der sozialistischen Teile dieser Bewegung" geworden; sein erbitterter Klassenkampf gegen eine Ordnung, „die ihm die naturentsprechende Entfaltung verwehrte und die Aufstiegsmöglichkeiten immer mehr einengte", sei „sozialbiologisch gesehen eben mehr ein Schichtenkampf, ein Kampf von Rassenwerten gegen ein Milieu der Verkümmerung und Herabzüchtung" gewesen. Es sei in dieser Hinsicht „kein Wunder", daß „die Staatsfreudigkeit dieses wackeren Kernes der sozialen Bewegung stieg, als er glaubte, durch Sozialpolitik bessere Behauptungschancen, durch Verfassung und Arbeitsrecht staatsbürgerliche und soziale Anerkennung und die Möglichkeit der Mitregentschaft und Mitverantwortung zu bekommen".

Müller erblickte in den ,,Träger[n] der sozialen Bewegung [...] die auch biologische Elite der proletarischen Schichten", in die höchstens die wenigen „wertvollsten und tüchtigsten, verantwortungsbereiten Elemente der ,Ungelerntenschaft" aufzusteigen vermochten. Demgegenüber sah er in den beiden Gruppen des „Lumpenproletariats" sowie der ungelernten Arbeiterschaft das große Sammelbecken eugenischer Minderwertigkeit. „Ihre und ihrer Kinder Erwünschtheit" maß er in der Tat „geradezu an ihrer Nichtorganisiertheit oder Nichtorganisierbarkeit", denn für ihn war die Voraussetzung einer funktionierenden sozialen Demokratie „ein Volk, das innerlich [...] fähig ist, sie zu verwirklichen". „Die Erziehung dazu" müsse jedoch versagen, „wenn sie sich am ungeeigneten Objekt, am unterwertig beanlagten Menschen erprobt". „Nur eine eugenisch gehobene Arbeiterschaft" könne die Fähigkeit besitzen, „ihrem Volke Führerin und Wegweiserin zur Erfüllung sozialer Aufgaben zu werden".

Nicht der Sozialismus würde die „neuen Menschen" schaffen, lautete hier die Botschaft, sondern die Eugenik müsse die sozialismusfähigen „neuen Menschen" erst einmal herbeiselektieren. Müller propagierte somit die Eugenik oder „Rassenhygiene [...] als sozialistisches Kampfmittel": Unter ,,rücksichtslose[r], wenn möglich zwangsweise[ r] Unterbindung des Nachwuchses aus dem ,Bevölkerungsballast'", den man schon allzu lange mit sich schleppe, gelte es, möglichst rasch „eine möglichst fähige sozialistische Unternehmerschicht und möglichst willige und kluge sozialistische Qualitätsarbeiterschichten [zu] züchten und [zu] erziehen, wenn der Sozialismus in absehbarer

Zeit Wirklichkeit werden soll[e]". Dabei trieb Müller eine gewisse SPD-Tradition, in der schon Wilhelm Liebknecht das kriminelle „Lumpenproletariat" als parasitären „Ausbeuter" stigmatisiert hatte, auf die Spitze. Er erklärte nämlich den sogenannten „Bevölkerungsballast" der Minderwertigen für einen schlimmeren „Ausbeuter der produktiven Arbeit" als „sämtliche Industriekönige zusammengenommen". Folgerichtig war alle Sozialpolitik im Vergleich zur Eugenik nur sekundär, „so wie die Sorge des gewissenhaften Gärtners zunächst doch der [...] Sonderung der Fruchtreiser von dem Unkraut zu gelten hat, will er nicht seine spätere Mühe an unfruchtbare, wertlose Geschöpfe vergeuden". Um zu verhindern, daß das lumpenproletarische „Hilfsschulpublikum, die Halbanalphabeten, die geborenen Knechtsnaturen und Kulis [...] in die gleichen Kittel" schlüpften, „unter denen einst Kämpferherzen schlugen, Aufstiegswille lohte, verhaltene Meisterschaft ehrgeizig glühte", redete Müller - im Gegensatz zu Grotjahn - klar der Priorität einer negativ-eugenisch ausgerichteten Bevölkerungspolitik das Wort.

Zwar blieb Müller in seiner Radikalität eine schillernde, später nahtlos in die NS-Soziologie gleitende Ausnahme. Dessenungeachtet galt jedoch unter sozialdemokratischen Gesundheits- und Wohlfahrtsexperten weithin als communis opinio, daß ein Großteil des vom Proletariat klar unterschiedenen „Lumpenproletariats" erblich minderwertig sei und deshalb in seiner Fortpflanzung eingeschränkt werden müsse.

Über die Einstellung der SPD-Reichstagsfraktion zumindest zu den kriminellen und asozialen Gruppen dieses „Lumpenproletariats" gibt eine unwidersprochene Äußerung des prominenten SPD-Abgeordneten, früheren Volksbeauftragen und Reichsjustizministers Otto Landsberg Aufschluß, der im Dezember 1927 in einem Reichstagsausschuß zum Thema der Reichsverweisung bemerkte, „auch die sozialdemokratische Fraktion habe kein Interesse daran, ausländisches Gesindel in Deutschland zu dulden"; im Lande gebe es bereits „genug einheimisches Ungeziefer, das man sehr gut entbehren könnte, um so weniger bestehe Anlaß, den Zuzug und Aufenthalt ausländischer gemeingefährlicher Elemente zu unterstützen".

Diese Mentalität bildete in den zwanziger Jahren die Basis für die konkrete negativeugenische Politik der SPD. Nachdem zunächst die SPD-geführten Landesregierungen Thüringens und Sachsens, aber auch die preußische SPD-Landtagsfraktion für eine Zulassung freiwilliger eugenischer Sterilisation im Rahmen der geplanten Reform des Reichsstrafgesetzbuches votiert hatten, setzte sich ab 1928 auch die SPD-Reichstagsfraktion hierfür ein. Sie wollte eine freiwillige eugenische Sterilisation zuallererst bei sicherheitsverwahrten „erbkranken Kriminellen" erprobt wissen. Damit geriet automatisch das „Lumpenproletariat" als primäre Zielgruppe in den Blick. Schon 1926 hatte der prominente Strafrechtslehrer und sozialdemokratische Ex-Reichsjustizminister Gustav Radbruch Oda Olbergs Ansatz, das „Lumpenproletariat" mit „rassenbiologischen" Kategorien zu deuten, vollauf gebilligt. Während Radbruch die Delinquenz im Proletariat auf Milieuwirkung zurückführte, erklärte er „die Delinquenz des Lumpenproletariats und mit ihr die schwere Delinquenz Mord, Sittlichkeitsverbrechen, Gewerbsdiebstahl" durch „biologische Entartung". Der „Lumpenproletarier" wurde somit zum geborenen Schwerkriminellen und Gewohnheitsverbrecher. Sozialistische Juristen stimmten hier mit bürgerlichen Professionskollegen weitgehend überein: Entsprechend unterstützte die SPD-Fraktion im Strafrechtsreformausschuß des Reichstages einen Antrag der liberalen Parteien und der BVP auf Ermöglichung freiwilliger Sterilisation von sicherheitsverwahrten Gewohnheitsverbrechern. […]

Die nach Meinung der SPD-Experten dringend notwendige „Unfruchtbarmachung der für die Allgemeinheit gefährlichen Gewohnheitsverbrecher" wurde mit den Erkenntnissen der Vererbungswissenschaft begründet, daß die „Entstehung des Gewohnheitsverbrechertums" nicht mehr nur auf gesellschaftliche Ursachen, sondern zumindest teilweise auch auf erbliche Disposition zurückgeführt werden könnte. „Besonders bösartig" und häufig, so der SPD-Abgeordnete und Staatsanwalt Wilhelm Hoegner, seien die Folgewirkungen, wenn „schlechte soziale Verhältnisse mit schlechten Erbanlagen zusammentreffen". Hier geriet die traditionelle Feindgruppierung des „Lumpenproletariats" ins Fadenkreuz […]

Während die Experten um Hoegner 1931 sogar eine sich abzeichnende Abstimmungsgemeinschaft mit der NSDAP in Kauf nehmen wollten, gab die Reichstagsfraktion Anfang 1932 ihre bis dahin verfolgte Sterilisationspolitik aus Furcht vor dem wachsenden Einfluß des Nationalsozialismus vorerst auf. Anders verhielt sich die SPD-Fraktion im preußischen Landtag, deren Abgeordneter und Gesundheitsexperte Professor Benno Chajes in der Landesgesundheitsratsdebatte vom Juli 1932 die Ausweitung der dort weitgehend akzeptierten freiwilligen Sterilisation zur Zwangssterilisation für klar definierte eugenische Krankheitsmuster forderte.

Explizit gegen die kostenintensive Wohlfahrtspflege des dort „sogenannten Lumpenproletariats" richtete sich die im Januar 1932 vom preußischen Staatsrat geforderte Politik einer „differenzierten Fürsorge". Hier wurde die wenig später von Sozialisten wie Theodor Geiger auf den Begriff gebrachte Unterscheidung zwischen Sozial- und Wohlfahrtspolitik politisch bereits vorweggenommen. „Alle" im Staatsrat vertretenen Parteien - und mithin auch die SPD - waren sich offensichtlich darin einig, daß die durch die überproportionale Fortpflanzung des „Lumpenproletariats" hervorgerufene „Entartung" durch ein sofortiges und nachdrückliches Eingreifen des Staates bekämpft werden müsse. Nicht einmal die oppositionelle KPD, die den Staatsratsbeschluß ablehnte, hatte grundsätzliche Bedenken gegen dessen eugenische Stoßrichtung und die Ausgrenzung des „Lumpenproletariats".

Solche negativ-eugenischen Überzeugungen in der SPD machen verständlich, daß eine rein quantitative Bevölkerungspolitik vielen Sozialisten geradezu als „Zeugungsprämie für asoziale Großfamilien" erscheinen mußte. So lehnte der sozialistische Publizist Hans Fehlinger selbst Grotjahns differenzierten Vorschlag einer Elternschaftsversicherung, die die quantitative Bestandserhaltung der Bevölkerung unter eugenisch motivierter Differenzierung der Kinderzahl vorsah, als „nachteilig für die Rasse" ab. Die finanziellen Privilegien für Kinderreiche, so sein Argument, würden „gerade die Arbeitsscheuen, Trinker und Minderwertigen" in Anspruch nehmen, um schließlich ihren Lebensunterhalt aus staatlich prämierter Kindererzeugung und nicht mehr aus Arbeit zu bestreiten. Die eugenische „Einhegung" des „Lumpenproletariats" ließ einige Sozialdemokraten selbst im Exil nicht ruhen. Übereinstimmend mit Fehlingers Argumentation griff die „Sopade" noch im Jahre 1938 das Thema der ungehemmten Vermehrung des „Lumpenproletariats" wieder auf, worin sie nunmehr eine „unerwünschte Folge" der „übersteigerten" quantitativen NS-Bevölkerungspolitik erblickte. Wohl hätten ab 1933 NS-Rassenhygieniker vehement vor einer drohenden „Verlumpung des Volkes" durch die höhere Fortpflanzungsrate der „Minderwertigen, Hemmungslosen, Verantwortungslosen" insbesondere des „erblich minderwertigen Lumpenproletariat[s]" gewarnt und eugenische Gegenmaßnahmen propagiert, doch habe die gleichfalls forcierte Förderung von Kinderreichtum offenbar die eugenischen Ziele des Regimes konterkariert. Mit einer gewissen Befriedigung vermerkte die „Sopade", daß „das Gespenst der asozialen Großfamilie'" in letzter Zeit immer häufiger auch zum Gegenstand selbstkritischer Überlegungen „in den bevölkerungspolitischen Betrachtungen nationalsozialistischer Rassetheoretiker" geworden sei.
Nicht nur der dem Parteivorstand angehörende Redakteur, sondern auch die vor Ort tätigen „Sopade"-Berichterstatter wiesen darauf hin, daß in ihren Augen durch die zahlreichen bevölkerungspolitischen Vergünstigungen des NS-Regimes lediglich „eine Art Lumpenproletariat erzogen" würde. Demgegenüber setzten die „Deutschland-Berichte" auf eugenische Selektion und lobten im gleichen Jahre ausdrücklich das 1935 verabschiedete NS-Ehegesundheitsgesetz, dessen „allgemeine Tendenz" - nämlich Eheverbote gegen Minderwertige zu verhängen - „nicht zu beanstanden" sei. […]

Teils, um bürgerlichen Diffamierungen zu entgehen, teils, um ein eigenes Klassenbewußtsein durch sinnstiftende Abgrenzungen überhaupt erst zu befestigen, ergänzte die organisierte Arbeiterbewegung ihren Klassenkampf nach oben durch eine Klassenkluft nach unten. Dieser Konflikt zwischen „Proletariern" und „Lumpen" […] gewann sehr rasch eminent politische Bedeutung, die sich insbesondere an der Frage der Organisierbarkeit der „Lumpen" im sozialdemokratischen (oder aber konterrevolutionären) Sinne entzündete. Die dabei deutlich werdende politische Distanz wurde im Laufe der Jahre szientistisch begründet und biologistisch vertieft: Zunächst in den auf sozialdarwinistischer Grundlage geführten Auseinandersetzungen mit dem Bürgertum, in denen man die Gleichsetzung von „Proletariat" und „Lumpenproletariat" aufs schärfste abwehrte; sodann in den um sich greifenden eugenischen Utopien, an denen sich viele sozialdemokratische Intellektuelle, zunehmend jedoch auch die gesundheitspolitisch einflußreichen Ärzte und Frauenfunktionärinnen der SPD beteiligten. Nach 1918/19 erhielten solche Utopien gewisse Realisierungschancen: In der Krise nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs wurde nicht nur die Eugenik politikfähig; die Sozialdemokraten ihrerseits wurden regierungsfähig - und ihr gestiegener politischer Einfluß in der neuen Republik führte auch zu einer gesteigerten praktisch-politischen Relevanz ihrer sozialistischen Eugenik.
Sobald es um praktische Maßnahmen ging, neigten sozialdemokratische Politiker dazu, zuallererst das „Lumpenproletariat" als Objekt dieser Praxis vorzuschlagen.

Eine vielfältig begründete Distanz, die tiefsitzende Abneigung nicht immer verhehlte, traf sich mit der generellen Unterordnung von Individualrechten unter Kollektivpflichten (was die doppelte, nämlich szientistische und politische Verobjektivierung der „Minderwertigen" sehr erleichterte), aber auch mit der humanistisch begründeten Forderung nach umfassender „Volkswohlfahrt". Dieses Konglomerat führte dazu, die zunehmend als bloße Objekte gesehenen „Lumpen" einem zugleich autoritären und fürsorgerischen „Machtdispositiv" (M.Foucault) zu überliefern, in dem sich die bewußten Proletarier - so weit wie möglich - die Rollen der Ärzte, der Wohlfahrtsbürokraten und nicht zuletzt der Staatsanwälte vorbehielten. Das Janusgesicht ihrer Fürsorge mag letztlich auf die grundsätzliche Dialektik aller Wohlfahrtspolitik verweisen, doch spricht dies nicht gegen die Gültigkeit der spezielleren Feststellung George Mosses:
„Wer von der Gesellschaft als abnorm betrachtet wurde, konnte nicht auf Hilfe von seiten des Proletariats rechnen."


 

MICHAEL SCHWARTZ:
„PROLETARIER" UND „LUMPEN
"Sozialistische Ursprünge eugenischen Denkens
Literaturhinweise
(fuer weitere Einzelheiten siehe den Original-Artikel; Link s.o.)


Reinhart Koselleck, Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, in: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a. M.  1985

Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a.M. 1986
Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, Berlin 1932, ND 1963

Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen .Deutschen Doppelrevolution' 1815-1845/49, München 1989


Martin Broszat, Plädoyer für Alltagsgeschichte. Eine Replik auf Jürgen Kocka, in: Ders., Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte, München 1988
Arno Herzig, Unterschichtenprotest in Deutschland 1790-1870, Göttingen 1988

Klaus Dörner, Tödliches Mitleid. Zur Frage der Unerträglichkeit des Lebens, oder: Die soziale Frage: Entstehung - Medizinierung - NS-Endlösung - heute - morgen, Gütersloh 1989
Michael Schwartz, Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozialtechnologien in Diskurs und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890-1933, Diss. Münster 1992; ders., Sozialismus und Eugenik. Zur fälligen Revision eines Geschichtsbildes, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz

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Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick, München u 1981
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Jürgen Reyer, Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege. Entwertung und Funktionalisierung der Fürsorge vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Freiburg i. Br. 1991


Klaus Scherer, „Asozial" im Dritten Reich. Die vergessenen Verfolgten, Münster 1990


Edmund Fischer, Die sexuellen Probleme, in: Sozialistische Monatshefte 15 (1909)


Edmund Fischer, Das Lumpenproletariat, in: Ebenda
Oda Olberg, Bemerkungen über Rassenhygiene und Sozialismus, in: Neue Zeit 24 (1906)

Karl Kautsky, Der Darwinismus und die Bourgeois-Wissenschaft, in: Der Sozialdemokrat vom 9.10.1884.
Ignaz Zadek, Auch ein Beitrag zur Alkoholfrage, in: Sozialistische Monatshefte 6 (1902)

Aus den Schriften von Ignaz Zadek, in: Der Sozialistische Arzt 7 (1931)
Theodor Geiger, Soziologische Kritik der eugenischen Bewegung, Berlin 1933

Theodor Geiger, Natürliche Auslese, soziale Schichtung und das Problem der Generationen, in: Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie 12 (1933/34)
Theodor Geiger, Eugenik. Soziologische Betrachtungen, in: Soziale Praxis 42 (1933)

Toni Pfülf, Jugendliches Verbrechertum, in: Die Gleichheit 33 (1923)
Andreas V. Knack, Ein Aktionsprogramm zum Gesundheitswesen?, in: Neue Zeit 40 (1922)
Max Levien, Stimmen aus dem deutschen Urwalde. Zwei neue Apostel des Rassenhasses, in: Unter dem Banner des Marxismus 2 (1928)
Henriette Fürth, Die Regelung der Nachkommenschaft als eugenisches Problem, Stuttgart 1929
Karl Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Bd. 2, Stuttgart/Berlin 1929

Hans Fenske, Politisches Denken im 20.Jahrhunden, in: Hans-Joachim Lieber (Hrsg.), Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, Bonn 1991


Zygmunt Bauman, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 1992


Alfred Grotjahn, Proletariat und Geburtenrückgang, in: Neue Zeit 41 (1923)


Otto Ammon, Der Darwinismus gegen die Sozialdemokratie, Hamburg 1891
Karl Valentin Müller, Rassenhygiene und soziale Bewegung, in: Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie

Karl Valentin Müller, Geburtenbeschränkung und Sozialismus, in: Gewerkschaftsarchiv 8 (1931)


Karl Valentin Müller, Eugenik und Sozialismus, in: Günter Just (Hrsg.), Eugenik und Weltanschauung, Berlin/München 1932


Protokoll des 32. Ausschusses des Reichstages, 3. Wahlperiode, 38. Sitzung vom 7.12. 1927, S.4; in: Bundesarchiv, Abteilungen Potsdam (BA-P), RJM Nr. 5835


Gustav Radbruch, Kultur und Entartung. Ein kritisches Referat über das Buch von Oda Olberg, in: Der Kampf 19 (1926), S. 303, zit. nach Byer, Rassenhygiene


W[ilhelm] Hoegner, Die Unfruchtbarmachung, in: Der Kassenarzt 8 (1931), Nr. 5, S. 3f


Preußischer Staatsrat 1932, Bd. 28,2. Sitzung vom 20.1.1932, Sp. 14-23

Hans Fehlinger, Rassenhygiene. Beiträge zur Entartungsfrage, Langensalza 1919

George Mosse, Nationalismus und Sexualität. Bürgerliche Moral und sexuelle Normen, München/ Wien 1985




_______



Wenn Ausgrenzung an die Stelle von Unterdrückung tritt

Nach André Gorz ist der neue Klassenkonflikt ist nicht mehr der zwischen Bourgeoisie und Proletariat, sondern der zwischen dem “Lumpenproletariat” und einer arbeitenden Klasse, die mit dem Klassensystem nicht mehr hadert.

Aus

When Exclusion Replaces Exploitation: | nonsite.org 
The Condition of the Surplus-Population under Neoliberalism
By Daniel Zamora, Free University of Brussels
September 13, 2013



[…] During this same period, in France, André Gorz published his Farewell to the Working Class—a book in which he argued that the “society of unemployment” would henceforth be divided into two camps: “a growing mass of the permanently unemployed” on one side, “an aristocracy of tenured workers” on the other, and, lodged between the two, “a proletariat of temporary workers.” Far from constituting the very motor of social change, the “traditional working class” had become little more than a “privileged minority.” From now on, the vanguard of the class struggle would be a “non-class” made up of the “unemployed” and “the temporary workers” for whom work would never be a “source of individual flourishing.” Gorz’s idea was that, in today’s world, class conflict is no longer between the bourgeoisie and the proletariat, but rather, between the lumpenproletariat and a working class no longer at odds with the class system.
http://nonsite.org/feature/when-exclusion-replaces-exploitation


Entwicklung der Arbeitslosenrate in der EU 1963 - 2011
Quelle: OECD; Abb. gefunden auf

http://nonsite.org/feature/when-exclusion-replaces-exploitation
 

Kommentare:

  1. Mehr Info ueber (u.a.) Karl Valentin Mueller in diesem Buch:

    Stefan Kühl
    Die Internationale der Rassisten - Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert.
    Bookseller: Anares Buchvertrieb (Bremen, BRE, Germany)
    Book Description: Campus Verlag Frankfurt, 1997. ...
    "Der Autor geht den zahlreichen organisatorischen Ansätzen und Diskursen nach, mit denen die gewünschten "Menschen nach Maß" (bzw. die gewünschte "Rassereinheit") gefördert und erzielt werden sollten. Dabei geht es um die NS-Ideologie und deren Vorläufer ebenso wie
    den "Überbevölkerungs"-Diskurs oder die Diskurse, mit denen die "Neue Rechte" argumentiert. Mit Personenregister." ...

    2013 auch in englischer Sprache erschienen und in Auszuegen im Internet nachzulesen; Titel: For the Betterment of Race.

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  2. Auch er setzte sich fuer die gesetzliche Erleichterung der Unfruchtbarkmachung "Minderwertiger" ein: Benno Chajes
    (siehe "Chajes" im Post, oben)


    Benno Chajes – Wikipedia

    Benno Chajes (...[1880 - 1938] ...) war ein deutscher Mediziner, Hochschullehrer für Sozial- und Gewerbehygiene und zeitweise preußisches Landtagsmitglied der SPD und Eugeniker. [...]
    Chajes stammte aus einem bürgerlichen jüdischen Elternhaus. [...]
    Seit 1903 war er niedergelassener Arzt [...]
    Im Ersten Weltkrieg war Chajes Kriegsteilnehmer. Während der Novemberrevolution war er Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates für den Regierungsbezirk Frankfurt. Im Dezember 1919 war er Delegierter auf dem ersten Reichsrätekongress. Zwischen 1915 und 1920 war Chajes Stadtverordneter in Berlin-Schöneberg. Außerdem gehörte er zwischen 1928 und 1932 dem preußischen Landtag an.
    Seit 1919 war Chajes ordentlicher Dozent und seit 1930 Honorarprofessor für Gewerbehygiene und soziale Hygiene an der technischen Hochschule in Berlin. Seit 1931 übernahm er nach dem Tod von Alfred Grotjahn das Institut für Sozialhygiene und war seit 1932 außerordentlicher Professor an der Universität in Berlin. Für die Wahl als Institutsleiter sprachen sich die Gewerkschaften aus und auch Ministerpräsident Otto Braun hat Chajes unterstützt.
    Chajes war Herausgeber oder Redakteur etwa der Zeitschrift für soziale Hygiene, Fürsorge und Krankenhauswesen (1919–1923), dem Zentralblatt für Gewerbehygiene und Unfallverhütung, der Zeitschrift für Schulgesundheitspflege und soziale Hygiene. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche medizinische und sozialhygienische Schriften. Darunter war der Grundriss zur Berufskunde und Berufshygiene (1919), Lehrbuch der Gewerbehygiene (1921) und das Kompendium der sozialen Hygiene (1931).
    Zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus emigrierte Chajes zunächst in die Schweiz. Von dort ging er im März 1933 in die Türkei und wanderte von dort im Herbst nach Palästina aus. Dort war er maßgeblich am Aufbau sozial- und gewerbehygienischer Einrichtungen sowie des Krankenkassen- und Krankenshauswesens beteiligt. Er verstarb während einer Reise in die Schweiz 1938.

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    1. Es gab Sozialdemokraten, es gab Juden, und es gab jüdische Sozialdemokraten (wie Chajes), die - dem Zeitgeist entsprechend - Verfechter der Eugenik/ Rassenhygiene waren.

      Diese Tatsache sollte nicht dazu verleiten, zu übersehen, dass der Nationalsozialismus aus dem Geist der Eugenik/ Rassenhygiene heraus entstanden ist.

      Aus

      The History and Politics of Eugenics
      A Brief History of the Eugenics Movement

      "... Ellsworth Huntington, in his book Tomorrow’s Children, which was published in conjunction with the directors of the American Eugenics Society, echoed Reichler’s arguments, praising the Jews as being of uniquely superior stock and explaining their achievements by a systematic adherence to the basic principles of Jewish religious law, which he also viewed as being fundamentally eugenic in nature. In the Weimar Republic many Jewish socialists actively campaigned for eugenics, using the Socialist newspaper Vorwärts as their chief tribune. Max Levien, head of the first Munich Soviet, and Julius Moses, a member of the German Socialist Party, believed strongly in eugenics. A partial list of prominent German-Jewish eugenicists would include the geneticists Richard Goldschmidt, Heinrich Poll, and Curt Stern, the statistician Wilhelm Weinberg (coauthor of the Hardy-Weinberg Law), the mathematician Felix Bernstein, and the physicians Alfred Blaschko, Benno Chajes, Magnus Hirschfeld, Georg Löwenstein, Max Marcuse, Max Hirsch, and Albert
      Moll. ..."

      http://endtimedeception.org/books/the_history_and_politics_of_eugenics.pdf

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  3. Theodor Geiger (1891 - 1952),
    Begruender des Zweigs der Soziologie, der sich mit sozialen Schichtungen beschaeftigt, emigrierte in der NS-Zeit nach Daenemark.
    Nicht ganz zu Unrecht galt/ gilt er als Anti-Nazi. Und doch stehen einige seiner Vorstellungen, wie die vom "Untermenschen" (siehe Stichwort "Geiger" im Post oben), in unmittelbarster Naehe zur Nazi-Ideologie.
    Sowohl in der deutschen als englischsprachigen Wikipedia gibt es lesenswerte, wenn auch idealisierende, Beitraege ueber ihn (jeweils ohne Erwaehnung der eugenisch-rassenhygienischen Bezuege).

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  4. Merkzettel zu Artur von Machui

    Aus seinen Publikationen

    Unsere Verantwortung gegenüber dem Land. In: Neue Blätter für den Sozialismus, Jg. 2/1931, H. 8
    Aufstiegssiedlung mit ostdeutschen Siedlern. Ihre menschliche Vorbereitung und organisatorische Durchführung in Niederschlesien. Flugschriften der Reichsstelle für Siedlerberatung, hrsg. von Dr. Johannes Schauff. Berlin 1932
    Wirtschaftliche Bilanz des deutschen Arbeitsdienstes. In: Internationale Zeitschrift für Erziehung, Jg. 6/1937, Seite 16 bis 19
    Die Landschaft der Bauerndörfer. In: Neues Bauerntum 32, 1940, Seite 183–186
    Heimatfestigkeit und Bodenständigkeit volksdeutscher Bauern in den neuen Reichsteilen. In: Heimatleben, Jg. 1940, Seite 121-131
    Zur Neuordnung der bäuerlichen Betriebe und ihrer Arbeitsverfassung. In: Konrad Meyer u.a. (Hg.): Landvolk im Werden. Berlin 1941, Seite 212-240
    Die Rolle der Genossenschaften in der künftigen Gemeinschaftsordnung des Landes. In: Konrad Meyer u. a. (Hrsg.): Landvolk im Werden. Berlin 1941, Seite 258-270
    Leben und Beruf im Neuen Osten. In: Wille und Macht. Führerorgan für die nationalsozialistische Jugend 9, 1941, Seite 19-10
    Vorschläge zu neuer Landarbeitsverfassung. In: Neues Bauerntum 33, 1941, Seite 151-156
    Städtebau und allgemeiner Siedlungsaufbau im neuen deutschen Osten. In: Neues Bauerntum 33, 1941, Seite 253-254
    Gegenwärtige Aufgaben politischer Agrarwissenschaft. In: Forschungsdienst 14, 1942, S. 190-192
    Zum 85. Geburtstag Heinrich Sohnreys. Sein Beitrag zur ländlichen Soziallehre. In: Forschungsdienst 17, 1944, Seite 291-96

    https://de.wikipedia.org/wiki/Artur_von_Machui

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    1. Auf Machui aufmerksam geworden durch sein Vorwort fuer eine von Konrad Meyer herausgegebene Publikation (gefunden auf Abebooks):
      Das Bauernhaus im Gau Tirol und Vorarlberg,
      Rauter, Otto
      Verlag Deutsche Landbuchhandlung, 1943

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    2. Machui
      moeglicherweise irischer oder schottischer Abstammung

      http://books.google.de/books?id=HNkEAAAAIAAJ&pg=PA333&lpg=PA333&dq=%22von+machui%22+genealogie&source=bl&ots=M81hit9EXo&sig=63fgzOzEQmfXuwRSMCjXMrsXREw&hl=en&sa=X&ei=sN4cU43UN4eEtAai8oCYDg&redir_esc=y#v=onepage&q=%22von%20machui%22%20genealogie&f=false ursprünglich Machoi, Name exisitiert so nicht aber McHugh in Irland, Ulster Scots planters. (nicht signierter Beitrag von 2003:45:4905:A120:F89E:6FE:A730:7425 (Diskussion | Beiträge) 22:39, 9. Mär. 2014 (CET))

      (Spielten Verbindungen Machuis moeglicherweise eine Rolle dabei, dass Konrad Meyer bei den Nuernberger Prozessen so gut wegkam?)

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    3. Parteiausschluss

      Hans Müller und Artur von Machui (1949 aus der SPD)

      https://de.wikipedia.org/wiki/Parteiausschluss

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    4. Wer war Konrad Meyer (mit dem Sozialdemokrat Machui waehrend des NS zusammen arbeitete)?

      BloggerMagga
      (heute)

      19. Weitere Auszuege zu Konrad Meyer und "Generalplan Ost"

      http://gplanost.x-berg.de...

      "Beauftragt von Himmler gab das Agrarinstitut [der Humboldt-Universität] im Mai 1942 eine 64-seitige Version des Generalplan Ost heraus, der [..] millionenfachen Hungertod, Zwangsarbeit und Abschiebung in Hungerzonen vor allem für polnische und russische Zivilisten vorsah. Von 1939 bis 1944 wurden hier unter Leitung von Prof. Konrad Meyer, der auch den Titel eines SS-Ober[sturmbann]führers trug [..], "wissenschaftliche Pläne" entwickelt, die die zwangsweise Umsiedlung, Vertreibung und Ermordung von 25 bis 50 Millionen Menschen Osteuropas vorsahen, die als "rassisch unerwünscht" galten. So richtete sich der mörderische Rassismus der Nazis im Osten nicht allein gegen die Juden, sondern gegen Dutzende von Millionen Slawen. Schon 1941 hatte Prof. Meyer in der Studentenzeitung "Die Bewegung" verlangt, den Raum im Osten "bis ins Kleinste restlos einzudeutschen" [..]." Eben das sah die von seinem Institut erarbeitete Fassung des Generalplan Ost vor. Danach wurden als "Nichteindeutschungsfähige" und "rassisch Unerwünschte" insgesamt 30,7847 Millionen Menschen bezeichnet. [..] 80.000 Goralen sollten dagegen durch "systematische Auslese und Leistungszucht gewonnen werden". [..]"
      antifa, 8/2001

      "After the war, Meyer-Hetling was tried at Nuernberg, but acquitted; he and his staff went on to succesful careers in German universities."
      Ex-Berliner, 11/2002

      Antwort auf ""Welchen Konrad Meyer meinen Sie?""

      #19 auf
      http://www.zeit.de/2014/34/konzentrationslager-trostenez-weissrussland?commentstart=17#comments

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    5. "Die Hintergründe des Falles Oberländer"

      The activity of Meyer-Hetling as chief of planning in Poznan was referred to by his collaborator von Machui in the book Die Hintergründe des Falles Oberländer written under pseudonym of Victor Silling (pp. 45-51), published in 1960.

      http://www.zoominfo.com/p/Konrad-Meyer-Hetling/811890293

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    6. Busse, Hütte und Schloss, S. 115-117, 132.

      Machui, Schwager des 1944 hingerichteten, zum „Kreisauer Kreis“ gehörenden Pädagogen Adolf Reichwein, war vor 1933 SPD-Mitglied und hatte dann seine Posten als leitender Redakteur einer Zeitung und bei der „Schlesischen Landgesellschaft“ verloren, bevor er in Dahlem angestellt wurde. Leiter des „Forschungsdienstes“ war Konrad Meyer, einer der Schlüsselfiguren im nationalsozialistischen Wissenschaftssystem und Hauptverantwortlicher für den „Generalplan Ost“, dessen Siedlungs- und Neuordnungskonzept für die besetzten Gebiete Osteu-ropas den Tod von mehreren Millionen Menschen aus dem nicht-deutschen Teil der Bevölkerung voraussetzte. Meyer, Mitglied der NSDAP seit 1932, der SS seit 1933, hatte in Göttingen studiert und war dort 1930 habilitiert worden.

      S. dazu Michael Grüttner, Art. Meyer, Konrad in: ders., Biographi-sches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, Heidelberg 2004, S. 119f.; Isabel Hei-nemann, Wissenschaft und Homogenisierungsplanungen für Osteuropa. Konrad Meyer, der „Gene-ralplan Ost“ und die Deutsche Forschungsgemeinschaft, in: dies. / Patrick Wagner (Hrsg.), Wissen-schaft – Planung – Vertreibung. Neuordnungskonzepte und Umsiedlungspolitik im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2006, S. 45-72.

      www.uni-goettingen.de/de/gutachte n-zu-heinrich-sohnrey-ehrenb%C3%BCrger-1934-der-universitaet/444386.html

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