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Montag, 13. Juli 2015

Vorläufiges Fazit


Thilo Sarrazin ist ein Zeitzeuge und Mitwirkender des Wiederbelebens der Eugenik, die in Deutschland "Rassenhygiene" hieß. Sarrazins moderne Vordenker kommen zu einem bedeutenden Teil aus dem Umfeld des "Pioneer Fund", der 1937 in den USA zum Zweck der Förderung der Eugenik gegründet wurde und immer noch aktiv ist. Der Gründer des Pioneer Fund, Wicliffe, Draper hatte 1935 an dem Internationalen Bevölkerungskongress in Berlin teilgenommen, bei dem die unterschiedliche Wertigkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen propagiert wurde, und das Nazi-Regime in Deutschland als fortschrittlich und wegweisend dargestellt wurde. 

In der Tradition der Eugenik-Ideologie führt Sarrazin eine Vielfalt von Problemen - wie Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Sozialleistungen, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, Missstände an den Schulen und eine als zunehmend wahrgenommene Kriminalität - auf drei Grundprobleme zurück:
  1. Schrumpfende Bevölkerungszahl und damit einhergende Vergreisung der "autochthonen Deutschen" (des Teils der Bevölkerung, den er als deutsch anerkennt),
  2. Überproportionale Fortpflanzung der Unterschicht und damit der Untüchtigen, und unterproportionale Fortpflanzung der Tüchtigen, Intelligenten,
  3. Zuwanderung aus den falschen Ländern; d.h. Ländern mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil; geographisch aus dem "nahen und mittleren Osten sowie aus Afrika" (dass dies nicht deckungsgleich ist, lässt er außer Acht - bis auf die Ausnahme, die er für Juden macht).
Diese Einteilung entspricht klar nachvollziehbar der Einteilung des NS Aktionsprogramms für "Volksgesundheit", das von NS Ärzteführer Wagner auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1934 präsentiert wurde.Sie entspricht aber auch der Einteilung, die eine Generation zuvor der britische Labour-Politiker Sidney Webb (1859 -1947), ein Anhänger der von Francis Galton begründeten Eugenik-Ideologie, vorgenommen hatte.  


Die Bedeutung internationaler ideologischer Strömungen für die Entstehung des NS Regimes in Deutschland wird in der herkömmlichen und aktuellen Geschichtsforschung noch immer drastisch unterbelichtet. Fatale Folgen hatte insbesondere die Verbindung des antisemitischen Antibolschewismus, der die Gleichsetzung von Judentum, Kommunismus und Neigung zu bolschewistischen Gräueltaten beinhaltete, mit der Eugenik-Lehre des Darwin-Vetters Francis Galton. Letztere wurde in Deutschland und anderswo auch unter der Bezeichnung „Rassenhygiene“ verbreitet.

Die nach dem 2. Weltkrieg entstandene, bis heute einflussreiche These vom „deutschen Sonderweg“ bot eine handliche Erklärung für das Abgleiten in die „deutsche Katastrophe“ und das Möglichwerden der unvorstellbaren Verbrechen des Holocaust. Diese These beruht allerdings weitgehend auf dem Mangel an vergleichenden Untersuchungen zu den länderübergreifenden Ideologien, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Für deren radikale Umsetzung bot Deutschland nach dem 1. Weltkrieg ein weit offenes Experimentierfeld; eine Spielwiese auch für Ideologen, die sich endlich in einem real existierenden „Kantsaywhere“ austoben wollten. Kantsaywhere nannte der Eugenik-Begründer Galton, dessen Biograf und Apostel Karl Pearson in Deutschland begeisterte Anhänger für die sich schnell ausbreitende Eugenik-Bewegung fand,  den imaginären Ort der Umsetzung für seine wissenschaftliche Religion.

Die Interpretation von Geschichte bestimmt, welche Lehren aus der Geschichte gezogen werden. Daher hat die fehlende Berücksichtigung der internationalen Strömungen, die in Deutschland im Nationalsozialismus kulminierten, weitreichende Folgen. Eine dieser Folgen betrifft die Außen- und Sicherheitspolitik: Erhebliche Überschätzung der Möglichkeiten, mit militärischen Mitteln Terror und Gewalt zu verhüten und zu unterbinden, und gleichzeitig erhebliche Unterschätzung dessen, was der frühere Bundeskanzler Schröder die „geistig politische Auseinandersetzung“ nannte. Schröder gebrauchte diesen Begriff bezogen auf die Bekämpfung des Terrorismus; allerdings ohne weitere Konkretisierung. Eine weitere Folge betrifft die Innenpolitik, insbesondere den Umgang mit Migration, mit demografischen Veränderungen und mit Veränderungen der Wirtschafts- und Beschäftigungssituation: Hilflosigkeit gegenüber einem als Heilbringer auftretenden Rechtspopulismus, der sich nicht explizit auf die NS Vergangenheit beruft, sondern an weiter zurück reichende, international verbreitete Traditionslinien anknüpft – an Denktraditionen, deren Einfluss auf den Nationalsozialismus weniger bekannt ist, bzw. auch herunter gespielt wurde und wird.

Zu nennen sind zum einen die pseudo-wissenschaftlichen Ideologien der Eugenik und des Sozialdarwinismus, zum anderen das Feindbild vom Fremdkörper in der Gesellschaft und die Vorstellung von einer erzwungenen Gleichheit aller Menschen („Kulturmarxismus“, ein Schlagwort, das auch der Norwegen-Attentäter Breivik gebrauchte). In Bezug auf das Feindbild vom Fremdkörper in der Gesellschaft wurde in den letzten Jahren der Begriff „Feindbildverschiebung“ geprägt: Verschoben hat sich das Haupt-Feindbild vom Juden zum Muslim, wobei der traditionelle Antisemitismus und der neuere Hass auf Muslime, z.T. sogar noch mit dem selbstverliehenen Etikett „pro-israelisch“, im Rechtsextremismus dieser Tage nebeneinander bestehen. Eingeschlossen in dem Feindbild sind sowohl im traditionellen als auch im neuen Rechtsextremismus diejenigen, die sich für Chancen und Rechte von Menschen unabhängig von Herkunft und Abstammung einsetzen.

Ein nie gekanntes Ausmaß an Zugang zu Originalquellen im Internet und über Internet-Antiquariate erschüttert die Exklusivität des Quellen-Zugangs für ausgewiesene Historiker und deren Deutungshoheit. Dies mag für die Historiker-Zunft zunächst irritierend wirken, schafft aber einen Anreiz, aus Grabenkämpfen heraus zu kommen und sich mit der Fülle der elektronisch zu findenden und zu durchsuchenden Originalquellen – und seien es auch nur Bücher und andere veröffentlichte Schriften aus den untersuchten Zeiträumen – zu einem erweiterten Verständnis durchzuringen. 

Ständig treffen wir Entscheidungen aufgrund von Erfahrungen der Geschichte. Es kommt darauf an, aus der umfassenden Analyse der Vergangenheit die richtigen Lektionen für den Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart zu gewinnen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Kommentare:

  1. BloggerMagga
    #32.7 — 16.10.2015

    Im Namen des Bolschewismus wurde viel gemordet.
    Die eugenische "Begründung" für Massenmord ist jedoch kennzeichnend für die Morde, die im Namen des Anti-Bolschewismus begangen wurden.

    Die Eugenik, in der Vergangenheit auch (nicht nur im deutschspr. Raum) unter der Bezeichnung "Rassenhygiene" verbreitet, war/ ist eine pseudo-wissenschaftliche Lehre von der unterschiedlichen Wertigkeit von Menschen nach Herkunft u. Abstammung.
    Der antisemitische Antibolschewismus war eine Hass-Ideologie, die - wegen Karl Marx, wegen einiger Bolschewiki, die zufällig auch Juden waren, und vor allem wegen viel Fälschung und Agitation - Bolschewismus und Judentum gleichsetzte. Gleichzeitig wurde auch die Idee von der Gleichwertigkeit aller Menschen mit mordenden Bolschewiki in Verbindung gebracht.

    In den Nazis sahen anfangs viele - auch ausländische Beobachter und Förderer - ein Bollwerk gegen den Bolschewismus.
    "Antibolschewistische" Aktivisten verbreiteten die Propaganda, Bolschewismus sei eine Erfindung der angeblich von ihrer Religion und ihren genetischen Anlagen her dafür disponierten Juden.

    Gerade diese geschichtliche Erfahrung, wie sich krude Interpretationen zu einer Ideologie des Hasses und der Massengewalt verbinden können, sollte eine Warnung sein.

    S. auch:
    "Bolschewisten-Fratzen" in der Karikatur: Das antisemitische Pamphlet des Trios Eckart, Rosenberg, Kursell - und sein Einfluss bis heute
    http://guttmensch.blogspo...

    http://www.zeit.de/politik/2015-10/nsa-affaere-untersuchungsausschuss-metadaten-brandon-bryant-aussage?cid=5396425#cid-5396425

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  2. Aus

    iwk
    Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst
    (Österreich)
    2/ 1989

    Die Nationalsozialisten haben in Ansätzen und
    Umrissen schon vorhandene Konzepte für die "Ausmerzung" der "Minderwertiger" radikalisiert und mit einer in der Geschichte beispiellosen Konsequenz in die Wirklichkeit umgesetzt.

    http://www.iwk.ac.at/wp-content/uploads/2014/07/Mitteilungen_1989_2_zur_vernichtung_lebensunwerten_lebens.pdf

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  3. BloggerMagga
    #450 — 01.12.2016

    "Neusprech", "Hate Speech, "die Gesellschaft gefügig machen" (#1 und 1.1 ) ... über 1200 Kommentare ...

    Wow, welche Bot-Maschinen zum Antwort-Schießen und Sternchen-Geben sind hier denn angegangen?

    "Political Correctness" ist DER in den Mainstream eingeschleuste Kampfbegriff von "alt-rechts" (so übersetze ich mal etwas doppeldeutig "alt-right").

    Der Begriff steht im Zentrum eines 2009 erschienenen Buches, "The Next Conservatism". Schuld an allen Übeln der Welt sei demnach nur eines: "Kulturmarxismus" (ein wiederbelebter Kampfbegriff aus den 1930er Jahren), identisch mit "politischer Korrektheit".

    "William S. Lind ... met with Trump informally earlier this year and gifted him with a copy of his 2009 book The Next Conservatism. Co-written by religious right leader and Heritage Foundation co-founder Paul Weyrich ..., the book posits, among other things, that the “decay” of American culture didn’t “just happen,” but was “deliberate, the work of the poisonous ideology of cultural Marxism, AKA ‘Political Correctness.’ ...
    Paul Gottfried – the man who coined the term “alternative right” – wrote glowingly that Lind “never misses his target when he describes his particular enemies ...
    ... one of Gottfried’s favorite scenes, he wrote, was when “all the participants at a gathering of Leftist professors at Dartmouth have been summarily shot dead.” ..."
    https://angrywhitemen.org/2016/11/25/meet-william-s-lind-the-extremist-author-who-might-have-influenced-donald-trump/

    http://www.zeit.de/kultur/2016-11/political-correctness-uebertreiben-kiyaks-deutschstunde?cid=10382486#cid-10382486

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