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Freitag, 20. Mai 2011

Feindbild "Gutmensch & Co.": Ein Klassiker der Eugenik (1)

Ein Klassiker der Eugenik ist das Feindbild von Frauen und Männern, die sich aus "falsch verstandener Gutmütigkeit", "Humanitätsduselei" oder, neudeutsch, "Gutmenschentum", dafür einsetzen, dass Menschen, die von Eugenikern für minderwertig gehalten werden, am Leben ähnlich teilhaben können wie der Rest der Gesellschaft. Einen Einsatz für "minderwertige" Bevölkerungsgruppen oder "unnütze Esser" halten Eugeniker für ein Grundübel der Gesellschaft, da er den Grundsätzen der "natürlichen Auslese" zuwider laufen würde.
Da Religion und Ethik mit ihren Forderungen zum Teilen und Geben und zur Hilfe für die Schwachen den Idealen der Eugenik häufig entgegen laufen, stellten sich Eugeniker auch schon in der Vergangenheit gern als mutige Tabubrecher oder "Ketzer" dar. Dies zeigt z.B. der bereits zitierte Auszug aus einem Text des Arztes und Eugenikers Erwin Liek: 1926 erschien sein rassenhygienisches Pamphlet noch mit dem Zusatz "Gedanken eines Ketzers"; im Vorwort zur Ausgabe von 1933/34 brachte er seine Freude zum Ausdruck, dass die "Ketzer"-Gedanken nun Politik wurden (http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/ein-arzt-der-nazizeit-erlautert-die.html).


Auf diesem Post werde ich einige historische und aktuelle Beispiele für den Zusammenhang zwischen Eugenik und Anti-"Gutmenschen"-Häme zusammenstellen. Mehrere Posts auf diesem Blog werden nach und nach ergänzt: so ist es auch mit diesem geplant.

Ich fange an mit dem Begriff "falsch verstandene Gutmütigkeit" im Zusammenhang mit Eugenik und dem Beispiel eines amerikanischen Werbefilms für das Sterbenlassen oder Töten behinderter Neugeborener aus dem Jahr 1917, "The Black Stork" ("Der schwarze Storch"). 

Abbildung und Textauszug (mit meiner eigenen Übersetzung) sind der Webseite eines Netzwerks US-amerikanischer (öffentlicher) Radiosender, NPR, entnommen:
http://www.npr.org/programs/disability/ba_shows.dir/children.dir/highlights/blacksto.html

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Die Abbildung stellt das Werbeplakat für den Propagandafilm dar: Der "schwarze Storch" bringt ein Baby an eine Haustür.
Textauszug (Übersetzung): "Der Film wurde inspiriert von dem sensationellen Fall des Dr. Harry Haiselden, eines Arztes aus Chicago, der die Eltern eines Neugeborenen mit Mehrfach-Behinderungen davon überzeugte, das Kind sterben zu lassen, statt mit einer Operation sein Leben zu retten. In dem Film spielt Haiselden sich selbst, einen weisen Arzt, der Geburtshilfe leistet bei der Geburt eines Kindes mit angeborener Syphilis - damals unheilbar und eine bedeutende Ursache angeborener Behinderungen. Zwei andere Ärzte mischen sich ein, aus persönlichem Stolz und falsch verstandener Gutmütigkeit, und versuchen, die Frau zu überzeugen, das Leben des Kindes zu retten. Die Frau ist gezwungen zu entscheiden. Sie träumt einen qualvollen Traum von der wahrscheinlichen Zukunft ihres Sohnes: Er wächst körperlich, geistig und moralisch deformiert auf. Er wird kriminell und zeugt eine Brut behinderter Kinder. Er wird nicht zum Eintritt in die Armee zugelassen ("Onkel Sam nimmt niemanden, der nicht perfekt ist.") In dem Bewusstsein, dass er ganz und gar anders ist als andere, verachtet und zornig, kehrt er zurück, um die Ärzte zu töten, die ihm mit der Operation das Leben gerettet hatten...."

Original-Textauszug (Hervorhebungen von mir):
"The film was inspired by the sensational case of Dr. Harry Haiselden, a Chicago surgeon who convinced the parents of a newborn with multiple disabilities to let the child die instead of performing surgery that would save its life. In the film, Haiselden actually plays himself, a wise doctor who attends the birth of a child born with congenital syphilis -- incurable at the time and a major cause of congenital disabilities. Two other doctors interfere, out of personal pride and misplaced benevolence, and try to convince the woman to save the child's life. The woman is forced to choose. She dreams a tormented dream of her child's probable future: He grows up physically, mentally, and morally deformed. He becomes a criminal, and fathers a brood of disabled children. He isn't allowed to enlist in the Army ("Uncle Sam won't take anybody who's not perfect"). Aware that he is entirely different from others, despised and angry, he returns to kill the doctors who performed the operation that saved his life..."

Einzelheiten zu dem zugrunde liegenden realen Fall sind in einem Artikel der englischen Tageszeitung The Guardian vom 6. Februar 2004 nachzulesen, basierend auf einem Buch von Edwin Black: „War against the Weak. Eugenics and America's Campaign to Create a Master Race”, Turnaround, 2004. Eine deutsche Fassung des Buches vom „Krieg gegen die Schwachen“ (Untertitel etwa: „Eugenik und Amerikas Kampagne zur Schaffung einer Herrenrasse“) habe ich nicht gefunden.
Hier ein Auszug aus dem Artikel im Guardian, http://www.waragainsttheweak.com/offSiteArchive/HitlerDebtToAmerica.html,
aus Zeitgründen zunächst ohne Übersetzung:

„ … (In) November .. 1915, a woman named Anna Bollinger gave birth at the German-American Hospital in Chicago. The baby was somewhat deformed and suffered from extreme intestinal and rectal abnormalities, as well as other complications. Dr Harry Haiselden, the hospital's chief of staff…  decided the baby … would be killed. The method: denial of treatment. Catherine Walsh, probably a friend of Bollinger's, heard the news and sped to the hospital to help. She found the baby, who had been named Allan, alone in a bare room. She .. pleaded with Haiselden not to kill the baby by withholding treatment. "It was not a monster - that child," Walsh later told an inquest. "It was a beautiful baby. I saw no deformities." … Walsh tried an appeal to his humanity. "If the poor little darling has one chance in a thousand," she pleaded, "won't you operate to save it?" Haiselden laughed at Walsh, retorting, "I'm afraid it might get well." … Allan Bollinger duly died. An inquest was convened . …After tempestuous proceedings, the inquest ruled: "We believe that a prompt operation would have prolonged and perhaps saved the life of the child. We find no evidence from the physical defects that the child would have become mentally or morally defective." But they also decided that Haiselden was within his professional rights to decline treatment. No law compelled him to operate on the child. He was released unpunished, and efforts by the Illinois attorney general to indict him for murder were blocked by the local prosecutor. The doctor considered his legal vindication a powerful victory for eugenics. "Eugenics? Of course it's eugenics," he told one reporter. …”
     
Der Artikel (basierend auf dem Buch von Edwin Black) gibt auch Hinweise über die Beispielwirkung der eugenisch begründeten Euthanasie-Propaganda in anderen Ländern. Er enthält u.a. ein Zitat des angeblich von Hitler verehrten Madison Grant und Weiteres über den ominösen „Fan-Brief“ Hitlers an Grant (siehe weiteren Auszug aus dem Guardian-Artikel am Ende dieses Eintrags sowie Stichwort „Fan-Brief“ auf diesem Blog).
Das Grant-Zitat (hier in eigener Übersetzung, darunter das Original-Zitat laut Guardian) gibt einen Einblick in die Entstehungsgeschichte verächtlicher Bezeichnungen für Eugenik-Störer. Hervorhebungen mit Fettmarkierung sind von mir. Als Quelle ist im Guardian Madisons rassistisches Standardwerk „The Passing of the Great Race“, angegeben (erstmals erschienen 1916).
     
Zitat Madison Grant (Übersetzung):
„Fehlgeleitete Achtung vor vermeintlich göttlichen Gesetzen und ein sentimentaler Glaube an die Heiligkeit menschlichen Lebens haben eine Tendenz, die Eliminierung von Kindern mit Defekten und die Sterilisation von Erwachsenen, die selbst keinen Wert für die Gemeinschaft darstellen, zu verhindern. Die Gesetze der Natur fordern die Auslöschung der Untauglichen, und menschliches Leben ist nur dann von Wert, wenn es der Gemeinschaft oder Rasse nützt.“

Original laut Guardian:
"Mistaken regard for what are believed to be divine laws and a sentimental belief in the sanctity of human life tend to prevent both the elimination of defective infants and the sterilisation of such adults as are themselves of no value to the community. The laws of nature require the obliteration of the unfit and human life is valuable only when it is of use to the community or race."

Es ist nicht weit hergeholt, in Schlagworten und Aussagen wie „Auslöschung der Untauglichen“ und „menschliches Leben ist nur dann von Wert, wenn es der Gemeinschaft oder Rasse nützt“ eine Verbindung zu dem aus der Nazi-Propaganda bekannten Begriff vom „lebensunwerten Leben“ zu sehen.

"(In Deutschland wurde) in der 1920 erschienenen Schrift »Die Freigabe der Vernichtung des lebensunwerten Lebens« des Juristen Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche ... erstmals die »Ausmerzung« der Geisteskranken angesprochen. In Österreich war es vor allem die 1925 gegründete »Wiener Gesellschaft für Rassenpflege (Rassenhygiene)«, die entsprechende Ideen an den Universitäten und in der Öffentlichkeit verbreitete. Bereits lange vor 1938 handelte es sich bei der Gesellschaft um eine nationalsozialistische Tarnorganisation."
Aus DOW (Dokumentationszentrum des österreichischen Widerstands): Eugenik und Rassenhygiene, Fundamente der NS Ideologie
http://de.doew.braintrust.at/m22sm106.html

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Wird fortgesetzt mit Einträgen zu


"Humantitäsduselei" und Eugenik
http://guttmensch.blogspot.com/2011/05/feindbild-gutmensch-co-ein-klassiker.html


"Gutmenschentum" und Eugenik
http://guttmensch.blogspot.com/2011/05/feindbild-gutmensch-co-ein-klassiker_23.html


____________

Weiterer Auszug aus dem o.g. Artikel im Guardian, in dem von Adolf Hitlers Studium eugenischer Bücher während seiner Haft auf der Feste Landsberg ("1924...serving time in prison for mob action"), von Briefen an die Eugeniker Leon Whitney und Madison Grant und von Spuren des Eugenik-Studiums in "Mein Kampf" die Rede ist:  
http://www.waragainsttheweak.com/offSiteArchive/HitlerDebtToAmerica.html,

(Aus Zeitgründen zunächst ohne Übersetzung)

"As America's elite were describing the socially worthless and the ancestrally unfit as "bacteria," "vermin," "mongrels" and "subhuman", a superior race of Nordics was increasingly seen as the answer to the globe's eugenic problems. US laws, eugenic investigations and ideology became blueprints for Germany's rising tide of race biologists and race-based hatemongers. One such agitator was a disgruntled corporal in the German army. In 1924, he was serving time in prison for mob action. While there, he spent his time poring over eugenic textbooks, which extensively quoted Davenport, Popenoe and other American ethnological stalwarts. And he closely followed the writings of Leon Whitney, president of the American Eugenics Society, and Madison Grant, who extolled the Nordic race and bemoaned its "corruption" by Jews, Negroes, Slavs and others who did not possess blond hair and blue eyes. … One day in the early 1930s, Whitney visited Grant to show off a letter he had just received from Germany, written by the corporal, now out of prison and rising in the German political scene. Grant could only smile. He pulled out his own letter. It was from the same German, thanking Grant for writing The Passing of the Great Race. The fan letter called Grant's book "his Bible". The man who sent those letters was Adolf Hitler. Hitler displayed his knowledge of American eugenics in much of his writing and conversation. In Mein Kampf, for example, he declared: "The demand that defective people be prevented from propagating equally defective offspring is a demand of clearest reason and, if systematically executed, represents the most humane act of mankind. It will spare millions of unfortunates undeserved sufferings, and consequently will lead to a rising improvement of health as a whole." Mein Kampf also displayed a familiarity with the recently passed US National Origins Act, which called for eugenic quotas. "There is today one state in which at least weak beginnings toward a better conception [of immigration] are noticeable. Of course, it is not our model German Republic, but [the US], in which an effort is made to consult reason at least partially. By refusing immigrants on principle to elements in poor health, by simply excluding certain races from naturalisation, it professes in slow beginnings a view that is peculiar to the People's State." 


  • "Humanitätsduselei" als Begriff der Aufklärungskritik
    Grundprobleme und Tendenzen der Forschung


  • ".... Jahrhunderts geprägte zynische Wort von der Humanitätsduselei parat hatte. Über der langen Tradition der Aufklärungskritik in Deutschland Erklärende ..."
    www.oldenbourg-link.com/doi/abs/10.1524/9783486701852.63
    Herrman Nohl (1879-1960)

  • von B Dollinger - 2006 - Ähnliche Artikel
    ":... der Fürsorgearbeit als „Humanitätsduselei“ Stellung bezog und sich dage- ... einer aufklärungskritischen Bewegung, die er 1911 im Anschluss an Dilthey ..."
    www.springerlink.com/index/v10x3g816216072u.pdf - Ähnliche Seiten
  • Kommentare:

    1. Immigration Restriction Act 1924 and Antisemitism

      "The American colonies were a vast improvement over conditions just about anywhere else at the time, but the antisemitic notions were just as deeply rooted and in the 1920s they became a significant factor in the explosion of American antisemitism leading to the 1924 Immigration Restriction Act, aimed, at least in good measure, at keeping European
      Jews out of the United States."

      Source:
      Sinners in the Hands of an Angry Exegete
      by Barry Mehler, Director of the Institute for the Study of Academic Racism at Ferris State University in Michigan (www.ferris.edu/isar).

      http://www.ferris.edu/isar/archives/edwards.pdf

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    2. Es gibt nichts Schlimmeres an einer Behinderung als die Art und Weise, wie man deswegen behandelt wird.

      “There's nothing more debilitating about a disability than the way people treat you over it.”
      ― Solange Nicole

      http://www.goodreads.com/quotes/tag/autism?page=2

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      1. “The Tragedy isn't Autism - The Tragedy is the lack of understanding of Autism, Lack of resources, Interventions not being met with the person in mind and Assumptions being made about the person.”
        ― Paul Isaacs

        http://www.goodreads.com/quotes/tag/autism?page=6

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    3. Terminally ill mom denied treatment coverage — but gets suicide drug approved
      By Andrea Peyser
      October 24, 2016

      Stephanie Packer wants to be the face of a Right to Live movement — for as long as she draws breath.

      “I just want to spend every last second with my kids,” Packer, a terminally ill, married mother of four kids, ages 7 through 13, tells me.

      Nearly two years ago, Brittany Maynard, at just 29 years old, became the face of the Right to Die movement now sweeping across the United States. In Oregon, surrounded by loved ones, she took her own life, legally, before a brain tumor could do it for her, with a self-administered overdose of physician-prescribed barbiturates. I supported her choice to end her agony.

      But at what cost?

      Packer struggles to open her eyes each blessed morning. And the cultural landscape to which she wakes has shifted dramatically of late into one of pro-death. In June, her home state of California enacted a law permitting doctor-assisted suicide. And something terrible happened.

      Premature passing away with medical help is now widely seen as preferable to painful, prolonged living, Packer says. But she’ll fight to live with every last labored gasp drawn from her oxygen tube before ultimately accepting a natural end. ...

      Since California’s End of Life Option Act took effect, attitudes expressed by sick members of support groups she’s run or been involved with have changed to the grim. Where once members exchanged messages of hope, “people constantly are talking about, ‘We should be doing this [dying].’ ” ...

      Then her doctors suggested that switching to another chemotherapy drug might buy her time. Her medical insurance company refused to pay. She says she asked if the company covered the cost of drugs to put her to death. She was told the answer is yes — with a co-payment of $1.20. ...
      There’s a bright line that shouldn’t be crossed,” Jennifer Lahl, founder and president of The Center for Bioethics and Culture Network, tells me. Patients are entitled to refuse medical care, Lahl points out. But “doctors shouldn’t be killers. They should be healers.” Lahl co-produced, co-directed and co-wrote a documentary in which Packer presents her case against aid in dying — “Compassion and Choice DENIED.” ...

      http://nypost.com/2016/10/24/terminally-ill-mom-denied-treatment-coverage-but-gets-suicide-drugs-approved/


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