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Mittwoch, 5. September 2012

Sarrazin hat Recht. - Zum Verhältnis von Wahrheit und Demagogie

 
Der kürzeste Weg, ein Land zu ruinieren, ist es, Demagogen Macht zu geben.
Dionysios von Halikarnassos, um 20 vor Christus
Zitiert von Reinhard H. Lutin in “American Demagogues – Twentieth Century” (1954)
 
 
Natürlich hat Sarrazin Recht. Wie jeder erfolgreiche Demagoge bezieht er sich auf offensichtliche Binsenweisheiten, die viele Menschen beschäftigen, und die kaum jemand bestreiten wird.
Zum Beispiel:

·    Demografischer Wandel und weltweite Migrationsbewegungen sind auch für die Menschen in Deutschland mit großen Herausforderungen verbunden.

·    Die Einführung des Euro war überstürzt und die finanzielle Stabilität im Euroraum nicht genügend abgesichert.
 
Jegliche Analyse, auch die sachlichste, ist geprägt von den Vorerfahrungen und Motivationen derer, die sie durchführen. Was aber die demagogische “Analyse” ganz besonders prägt, ist in erster Linie, dass sie in den Dienst von Überlegenheits- und Hassgefühlen gestellt wird. Zum einen werden bereits Fakten an sich verfälscht, zum anderen werden Fakten, die an sich zutreffend sind, in einen stark emotionsgeleiteten und irreführenden Erklärungszusammenhang gestellt.
Es ist ein Irrtum, zu meinen, Demagogie (in Deutschland auch mit dem veraltet wirkenden Wort “Volksverhetzung” bezeichnet und z.T. strafrechtlich bewehrt) zeichne sich dadurch aus, dass jede einzelne Behauptung eines Demagogen von A-Z unzutreffend sei. So wird man z.B. selbst eine Behauptung, die den Nazis wesentlich zur Macht verhalf - der Vertrag von Versailles sei ein schlechter Vertrag – kaum als unzutreffend bezeichnen können. Es gibt kaum einen renommierten Historiker (mir ist keiner bekannt), der diesen Vertrag für ein gelungenes Werk hält oder das Abrücken von Wilsons “14 Punkten”, die in Deutschland am Ende des 1. Weltkriegs die Illusion auf bessere Friedensbedingungen genährt hatten, unproblematisch findet. Man kann sogar die Rolle der Bankiersfamilie Warburg, die nach dem 1. Weltkrieg auf beiden Seiten der Friedensverhandlungen vertreten war, kritisch bewerten, ohne Antisemit zu sein.

Verhängnisvoll waren die emotionalen Aufladungen und hasserfüllten Schuldzuschreibungen, z.B. mit Begriffen wie “Dolchstoß”, “Schandfrieden”, “Novemberverbrecher”, “Judenknechte”.

Das Perfideste ist die “genetisch” begründete Zuschreibung charakterlicher Höher- oder Minderwertigkeit aufgrund eines vermeintlichen angeborenen "Volkscharakters". Deshalb ist es naiv, Sarrazins Ausflüge in die "Rassenhygiene" als kleine Ausrutscher eines Mannes abzutun, der doch eigentlich Recht hätte.

Die schrecklichsten Folgen wirksamer Demagogie zeigten sich in Europa unter der Herrschaft der Nazis. Aber natürlich hatten auch andere Länder ihre Demagogen. Nicht zu vergessen ist auch, dass Demagogie aus anderen Ländern – z.B. auf dem Weg über Henry Fords Hetze gegen die Juden – der Nazi-Herrschaft z.T.  ideologische Schützenhilfe leistete.
In seinem erstmals 1954 erschienenen Buch American Demagogues – Twentieth Century skizzierte Reinhard H. Lutin die Herangehensweisen von neun amerikanischen Demagogen aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts (darunter als letzten in der Reihe den “Aktentaschen-Demagogen” Joseph R. McCarthy, Namensgeber der “McCarthy Ära” in den 1950er Jahren). In dem Schlusskapitel The Mark of a Demagogue (“Kennzeichen eines Demagogen” oder “Was einen Demagogen ausmacht”) wies er auf die große Bedeutung des Schürens von Gegensätzen hin. (“Demagoges, exploiting racial and religious rivalries, stirring up sectional and class antagonisms, and appealing to the people’s hopes and hates, won high public place and power in the United States throughout the first half of the 20st century.”)


Wird fortgesetzt mit weiteren Fundstücken zum Themenfeld Demagogie


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"Schauen Sie mal auf Seite XY nach"





Neues Buch zum Euro: Deutschland braucht Sarrazin nicht - Politik | STERN.DE
22. Mai 2012
Deutschland braucht Sarrazin nicht
Von Andreas Hoffmann
Auszug:

Widersprüche ohne Ende
Und so geht es munter weiter: Wenn die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kauft, ist das "eine verhängnisvolle Entscheidung". Aber wenn die Bank of England Staatsanleihen erwirbt, ist das eine "Unterstützung der staatlichen Wirtschaftspolitik". Eurobonds sind ganz schlimm, aber wenn der Sachverständigenrat Eurobonds in Schuldentilgungsfonds umbenennt, ist das ein "schlüssig durchdachter Vorschlag". So schaukelt er hin und her, hü und hott.
Aber: Das gehört zur Methode Sarrazin. Er will möglichst viele Aspekte berücksichtigen, um sich rausreden zu können. Denn sollte ihn jemand kritisieren, sagt er frech: "Das habe ich doch geschrieben, schauen Sie mal auf Seite xy nach."
http://www.stern.de/politik/deutschland/neues-buch-zum-euro-deutschland-braucht-sarrazin-nicht-1830362.html


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Evangelikale Demagogen



 Billy Graham and Pope John Paul II

Billy Graham mit Papst Johannes Paul II, 1982
http://seawaves.us/na/web4/smoke.html
 

Kommentare:

  1. Zu "Deutschland braucht den Euro nicht"
    Aus einer Meldung auf t-online vom 22.05.2012

    "Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hat die Thesen Sarrazins teilweise gestützt. In den ARD-Tagesthemen sagte er, die feststellbaren Vorteile Deutschlands durch den Euro hätten nur 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen - alles andere sei zumindest nicht zu beweisen. Er plädierte auch dafür, die Zahlungen an Griechenland einzustellen, falls das Land die eigegangenen Verpflichtungen nicht erfülle. Die Eurobonds hält Mayer ebenfalls für eine schlechte Idee und befürwortet Sarrazins Schlussfolgerung, zu den Kriterien von Maastricht zurückzukehren - das alles sei aber nicht neu. Andere Teile des Buches hält der Bänker für reine Polemik, die den Verkauf ankurbeln sollen."

    http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_56602426/thilo-sarrazin-vergleicht-angela-merkel-mit-honecker.html

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  2. Hervorragende Grafik Diese Seite und Buchung erregte meine Aufmerksamkeit. Es ist schön, dass Blogs wie dieses existieren!

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  3. Denke ebenfalls das er Recht hat! Seine Thesen und Beweise sind aktueller denn je!

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  4. It Can Happen Here
    The Daily Beast
    Marianne Schaefer Trench
    04.09.16

    My Grandmother Voted for Hitler… But Then Hid Jews

    This German granddaughter has always wondered how Hitler persuaded decent people like her grandmother to vote for him. Listening to Trump, now she knows. ...

    Right now, so long after I had resigned myself to the notion that I will never understand how Hitler and the Holocaust could have happened, I’m seeing how it is possible for a dangerous demagogue to come to power. And it terrifies me.

    Donald Trump has been compared to Adolf Hitler numerous times. Even though the political and economic circumstances in the U.S. today differ vastly from those in Weimar Germany in the ’30s, the similarities in the rise of these two demagogues, especially their xenophobic rhetoric, are impossible to deny. ...

    http://www.thedailybeast.com/articles/2016/04/09/my-grandmother-voted-for-hitler-but-then-hid-jews.html

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