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Dienstag, 6. März 2012

Seltsame Wege der Nostalgie? Kontinuitäten und Neubelebung der Rassenhygiene-Ideologie in Deutschland Ost und West


"In diesem Gebäude befand sich von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut
 für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik.
Die Direktoren Eugen Fischer (1927 – 1942) und Otmar von Verschuer (1942 – 1945) lieferten mit ihren Mitarbeitern wissenschaftliche Begründungen für die menschenverachtende Rassen- und Geburtenpolitik des NS-Staates.
Als Ausbilder von SS-Ärzten und Erbgesundheitsrichtern, durch Gutachten für Abstammungsnachweise und Zwangssterilisationen leisteten sie
 einen aktiven Beitrag zu Selektion und Mord.
Die vom Reichsforschungsamt bewilligten und von der Deutschen Forschungsgemein-
schaft finanzierten Zwillingsforschungen des Schülers und
persönlichen Mitarbeiters von Verschuer Josef Mengele im KZ Auschwitz
wurden in diesem Gebäude geplant und durch Untersuchungen
an Organen selektierter und ermordeter Häftlinge unterstützt.
Diese Verbrechen blieben ungesühnt.
Von Verschuer war Professor für Genetik bis 1965 in Münster.
Wissenschaftler haben Inhalt und Folgen ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu verantworten.“

Text einer Gedenktafel am heutigen Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin


Volkmar Weiss ist ein maßgeblicher Ideengeber für die „Thesen“ Thilo Sarrazins (mehr Info dazu mit Stichwortsuche „Volkmar Weiss“ auf diesem Blog). In einem von Volkmar Weiss empfohlenen Artikel  auf „Achse des Guten“ lobt Uli Kulke die mutmaßliche Unterstützung des DDR-Funktionär Erich Correns bei der Wiederbelebung eugenisch-rassenhygienischer  Forschungstraditionen im Honecker-Staat. Als Sohn des Genetikers Carl Correns sei Erich Correns einer von denen gewesen, die verstanden, worum es ging. Einflussreiche Persönlichkeiten wie er hätten letzlich ermöglicht, dass Weiss in der DDR die Möglichkeit zu seinen „genetischen“ Forschungen bekam.
http://knol.google.com/k/der-iq-der-v%C3%B6lker-laut-pisa-studien mit Hinweis auf
Ulli Kulke: Was in der DDR hinter den Kulissen in der Intelligenz-Foschung ablief;
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/erbliche_intelligenz_in_der_ddr_teil_2/


Auf der Suche nach mehr Information über Erich Correns Vater Carl Correns stieß ich auf eine interessante Arbeit (Dissertation), mit Einzelheiten auch über die Frühzeit der „Rassenhygiene“-Bewegung in Deutschland. Carl Correns war Mitglied in einem 1920 gegründeten „Beirat für Rassenhygiene“ des in der Weimarer Republik neu geschaffenen „Ministeriums für Volkswohlfahrt“. (Sein Zusammenwirken mit Eugen Fischer und anderen, um die Gründung des „Kaiser-Wilhelm-Institutes für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ zu erreichen, wurde an anderer Stelle auf diesem Blog bereits erwähnt.)


Auszug aus Wewe +hii 1'd kwa umma Tendua


Anahid S. Rickman: "Rassenpflege im völkischen Staat", Vom Verhältnis der Rassenhygiene zur nationalsozialistischen Politik. Dissertation Bonn 2002; hss.ulb.uni-bonn.de/2002/0091/0091.pdf

(Hervorhebungen in Fettdruck von mir)

„ Das zunehmend stärkere Werben der rassenhygienischen Bewegung um akademischen und politischen Einfluss erforderte eine weitgehende Anpassung an die politischen und administrativen Rahmenbedingungen der Weimarer Republik. ... In diesem Zusammenhang ist auch die 1919 von der Preußischen Landesregierung vorgenommene Gründung eines Ministeriums für Volkswohlfahrt zu verstehen.  ... Bezeichnend für die pro-rassenhygienische Einstellung des Wohlfahrtsministeriums ist die Bildung eines dem Ministerium angegliederten „Beirats für Rassenhygiene“ im Mai 1920. Unter Vorsitz des schon im Kaiserreich bevölkerungspolitisch aktiven Medizinalbeamten im Preußischen Innenministerium Otto Krohne und des Ministerialdirektors des Preußischen Landesgesundheitsrates Adolf Gottstein wurden zwölf bekannte Wissenschaftler, neben den Genetikern Erwin Baur und Carl Correns auch die Rassenhygieniker Fritz Lenz, Alfred Grotjahn und Emil Abderhalden, als Mitglieder in den „Beirat“ berufen.  ... Volkswohlfahrtsminister Heinrich Hirtsiefer (Zentrum), während seiner Amtszeit von 1921 bis 1930 ein Protagonist rassenhygienisch geprägter Wohlfahrtsprogramme, etablierte den „Beirat“ 1922 als „Ausschuss für Rassenhygiene und Bevölkerungswesen“ unter Leitung Gottsteins im Preußischen Landesgesundheitsrat.  Im Februar 1922 wurden hier Beschlüsse zur Förderung rassenhygienischen Unterrichts und rassenhygienischer Forschungsanstalten verabschiedet, auf denen auch die Gründung des „Kaiser-Wilhelm-Institutes für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (im folgenden „Kaiser-Wilhelm-Institut“) im Jahr 1927 basierte. Die Unterstützung der Rassenhygiene durch die Preußische Medizinalverwaltung beschränkte sich jedoch nicht nur auf ideelle Zustimmung oder die Rezeption rassenhygienischer Forderungen, sondern bestand auch in finanziellen Zuwendungen. Zeitgleich mit der Ernennung Otto Krohnes zum Vorsitzenden der 1907 von Alfred Ploetz, dem „Vater der deutschen Rassenhygiene“, gegründeten „Gesellschaft für Rassenhygiene“ wurden ab 1922 jährliche Beiträge an die „Gesellschaft“ abgeführt. ... Ein dem Preußischen ähnlicher Gesundheitsrat unter Führung einer radikalen rassenhygienischen Lobby existierte auch in Sachsen. ...


Mitte der 20er Jahre setzte eine rassenhygienische Volksaufklärung von außerordentlicher Breitenwirkung ein. ... In einer breiten Öffentlichkeit begann die Erörterung der Sterilisation als „fürsorgerischer“ Maßnahme, es konkretisierte sich die schon von Wilhelm Schallmayer, einem Rassenhygieniker der ersten Stunde, aufgestellte Forderung nach einer „erbbiologischen Bestandsaufnahme“ der Bevölkerung ...


Bereits im Januar 1923 hatten Repräsentanten des Reichsfinanzministeriums, des Reichsgesundheitsamtes sowie des Preußischen Wohlfahrts-, des Wissenschafts- und des Finanzministeriums die Errichtung eines „Kaiser-Wilhelm-Institutes für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ in Berlin beschlossen. Hier sollte ein Zentrum zur Koordination reichsweiter Forschung entstehen und gleichzeitig zur wissenschaftlichen Fundierung einer entsprechend ausgerichteten Sozialpolitik geschaffen werden. Rechtzeitig zum V. Internationalen Kongress für Vererbungsforschung konnte das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ im September 1927 eröffnet werden.

Eugen Fischer befasste sich in der ihm unterstellten Abteilung für „Anthropologie“ mit der Blutgruppenforschung und der „Einteilung des Menschengeschlechts in verschiedene Rassen, deren Verbreitung über die Erde sowie mit ihrer physischen und psychischen Beschreibung“. In der Abteilung „menschliche Erblehre“ forschte Otmar von Verschuer an Zwillingen über die  Bedeutung der Erbanlagen für menschliche Eigenschaften und über Rassenkreuzungen. ...

Von Verschuers Zwillingsforschungen – er untersuchte 700 Zwillingspaare auf die Vererbung geistiger Eigenschaften – wurden vom Reichsinnenministerium, dem preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt und der Rockefeller Foundation finanziert. ...

Hermann Muckermann suchte, als Leiter der Abteilung „Eugenik“, nach den „Ursachen, die eine Veränderung des erblichen Anlagenbestandes eines Volkes hervorrufen“, und entwickelte „Maßnahmen, die aufgrund der Forschungen ergriffen werden müssen, um eine Verbesserung der erblichen Gesundheit und Kraft des Volkes zu erzielen“.  ...

Die Bemühungen um eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“ der Bevölkerung konkretisierten sich in den 20er Jahren dahingehend, dass nun die Sammlung von empirischen Daten primär durch die Realisierung einer planvollen Sterilisationspraxis motiviert war.


Eine führende Rolle auf dem Gebiet der erbbiologischen Untersuchungen übernahm der Psychiater und überzeugte Rassenhygieniker Ernst Rüdin. ...  Mit dieser „empirischen Erbprognoseforschung“ strebte Rüdin den massenstatistisch zu erbringenden Nachweis an, dass „Schizophrenie“, „manisch-depressives Irresein“ und andere „Geisteskrankheiten“ zwangsläufig mit einer bestimmten Häufigkeitsrate in den folgenden Generationen auftreten würden. Durch den demografischen Beweis der Hypothese, Erbgänge psychischer Krankheiten seien grundsätzlich „dominant“ im Sinne der Mendelschen Gesetze, wäre als einzige in Frage kommende Therapie eine rassenhygienisch motivierte „Beseitigung der kranken Erbströme“ gerechtfertigt. Darüber hinaus ergänzte Rüdin seine solcherart betriebene psychiatrische Familienforschung durch Erhebungen in „auslesefreien“, also nicht gesiebten, Bevölkerungsanteilen, um ein „bevölkerungsbiologisches Gesamtkataster“ zu erstellen, das die Gesellschaft in „Minderwertige“ – „Erbkranke“ und „Belastete“ –, in „Durchschnittsmenschen“ und in eine „hochwertige Bevölkerung“ aufteilte.


Rüdins Projekt kann als der bedeutsamste Ansatz einer „Katalogisierung“ der Bevölkerung in der Weimarer Republik betrachtet werden. Seinem Beispiel folgend, gingen ab 1926/27 diverse bayerische Institutionen und Verwaltungen dazu über, ähnliche Karteien anzulegen. So gab beispielsweise die an der Straubinger Strafanstalt installierte „Kriminalbiologische Sammelstelle“ ihre Materialien zur wissenschaftlichen Aufarbeitung an die „Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie“ weiter, wo sie von Rüdin und seinen Mitarbeitern genealogisch ausgewertet wurden. Die von der „Kriminalbiologischen Gesellschaft“ ins Leben gerufenen „Kriminalbiologischen Sammelstellen“ sollten dem Zweck dienen, den gesamten Strafvollzug „erbbiologisch“ zu erfassen. ...

Die Mitglieder der 1928 in Bayern und Sachsen gegründeten „Kriminalbiologischen Gesellschaft“ gingen von der damals weit verbreiteten Annahme aus, Kriminalität sei erblich bedingt.   .... Rainer Fetscher ... (gründete die) „Kriminalbiologische Kartei des Freistaats Sachsen“. Fetscher, außerordentlicher Professor am Pädagogischen Institut der Technischen Hochschule in Dresden und Autor zahlreicher Publikationen zur Rassenhygiene und zur eugenischen Eheberatung, begann 1927 im Auftrag des Sächsischen Justizministeriums mit der Anlegung einer „erbbiologischen Kartei“, die 1928 einen Bestand von 8.000 Stammbäumen und insgesamt 90.000 Personen umfasste. „Wir erfassen auf diese Weise im Laufe der Zeit die gesamten Kriminellen einer Population und werden später in der Lage sein“, so Fetscher, „aus der Kenntnis der Familien über ihre Nachkommen immerhin verwertbare Anhaltspunkte der Beurteilung zu liefern“ Fetscher betrachtete seine „Kartei der Asozialen“ jedoch erst als den Beginn einer „Inventarisierung“ der Bevölkerung. Die „nahen Beziehungen zwischen Kriminalität und geistiger Abartung“ führten ihn zu der Feststellung, „daß die Erfassung a l l e r psychisch Abgearteten nötig“ sei. Darüber hinaus bestehe das Bedürfnis nach „Katalogisierung“ insbesondere auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge: Fetschers „Kartei der Asozialen“ sollte der Wohlfahrtspflege für Nachweise der erblichen „Belastung“ der Familien von Angeklagten und Fürsorgezöglingen zur Verfügung stehen.


Für eine weiterreichende „Inventarisierung“ der nichtkriminellen Bevölkerung schlug Fetscher die Einrichtung „erbbiologischer Landesstellen“ nach dem Vorbild der „Kriminalbiologischen Sammelstellen“ vor. Diese sollten in Zusammenarbeit mit „Irrenanstalten, allen Stellen, die sich mit heilpädagogischen Aufgaben befassen, den Hilfsschulen, Psychopathen- und Epileptikeranstalten, Fürsorgeämtern [und] den privaten Wohlfahrtsorganisationen“ Daten sammeln, auf deren Basis man „spezielle ärztliche Maßnahmen“ erörtern könnte. Fetscher selbst setzte die von ihm aufgestellten Forderungen in die Tat um und ließ ab 1928 in seiner „Kriminalbiologischen Kartei“ Sachsens erfasste Personen – damals noch illegal –ohne deren Einwilligung sterilisieren.


Fetschers wie auch Rüdins Bemühungen um eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“ der Bevölkerung bildeten die Vorläufer eines „Erfassungsfiebers“, das ab 1928/29 außerhalb des rassenhygienischen Zirkels in diversen halbstaatlichen Organisationen einsetzte. Seit 1929 engagierte sich der „Deutsche Verband für psychische Hygiene“ für eine erste „erbbiologische Bestandsaufnahme“ in Heil-und Pflegeanstalten sowie Arbeitshäusern und Fürsorgeheimen; im „Kaiser-Wilhelm-Institut“ begann man Ende der 20er Jahre mit „erbbiologischen“ Forschungen in ländlichen Regionen. Im gleichen Zeitraum entstanden ähnlich motivierte Privatinitiativen: Erwähnt sei hier nur der Hamburger Anthropologe Walter Scheidt, der bis 1932 250000 Menschen auf eine Begabungs- und Belastungsverteilung hin „katalogisierte“. Neben der Einführung der „Ehegesundheitszeugnisse“ bildete die Forderung nach einer Sterilisation „Minderwertiger“ – primär bezog man sich auf Insassen von Heil- und Pflegeanstalten – die zweite Stoßrichtung der Rassenhygieniker. In den frühen zwanziger Jahren, als „Ehegesundheitszeugnisse“ und eugenisch motivierte „Eheverbote“ auf politischer Ebene nicht durchsetzbar schienen, avancierte die Sterilisationsforderung zum zentralen Programmpunkt der Bewegung. Diese Entwicklung spiegelt zugleich die der Rassenhygiene immanente Radikalisierungstendenz wider: Die eugenische Eheberatung wurde zwar allgemein begrüßt, als rassenhygienisches „Instrument“ jedoch als zu „stumpf“ empfunden. Da ihre Inanspruchnahme auf Freiwilligkeit beruhe, verfehle man genau jene Bevölkerungsgruppen, deren „minderwertiges Erbgut ausgemerzt“ werden müsse. So bezweifelte Hermann Muckermann, „daß wir durch Eheberatung [den] erblich Belasteten bestimmen können, von Eheschließungen und Geschlechtsverkehr abzusehen. Durchweg sind diese Menschen so hemmungslos, daß sie doch nicht auf uns hören. Es dürfte wohl nur ein einziger Weg zum Ziel führen, das ist der Weg der Unfruchtbarmachung." ...


Schon 1903 sprach sich Ernst Rüdin auf dem in Bremen stattfindenden „Kongress gegen den Alkoholismus“ für Zwangsinternierung, gesetzliche Eheverbote und ergänzend für eine Sterilisation der Trinker im „Interesse der Rasse“ aus. Als Folge der durchweg ablehnenden Reaktionen auf Rüdins Vorschläge brachte man die Sterilisationsfrage von rassenhygienischer Seite nur noch mit Vorsicht auf die bevölkerungspolitische Agenda. ... Erst in den frühen zwanziger Jahren lässt sich innerhalb der rassenhygienischen Bewegung ein Umschwung bzw. eine „Rückbesinnung“ zur „ausmerzenden“ Sterilisationsforderung erkennen. In den Leitsätzen aus dem Jahr 1922 betonte man erstmals seit Bestehen der „Gesellschaft“, dass für „zwangsmäßige Unfruchtbarmachung geistig Minderwertiger und sonst Entarteter [...] bei uns die Zeit noch nicht gekommen zu sein [scheint]. Die Unfruchtbarmachung krankhaft Veranlagter auf eigenen Wunsch oder mit ihrer Zustimmung sollte alsbald gesetzlich geregelt werden.“


Die Entwicklung hin zu dieser extremsten Maßnahme negativer Rassenhygiene entstand jedoch nicht nur aus einer inneren Dynamik, forciert wurde sie zugleich durch die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisen der Weimarer Republik. Durchgängig begründete man die Forderung nach Sterilisation mit der volkswirtschaftlichen Belastung des Staates durch „Minderwertige“ und die dadurch entstehenden Ausgaben für einen „unproduktiven Zweck“. Die öffentliche Finanznot lenkte das Augenmerk auf die hoch erscheinende Zahl der in Anstalten internierten Geisteskranken, Kriminellen und „Krüppel“. Dementsprechend resümierte der Psychiater Robert Gaupp in seinem aufsehenerregenden Referat auf der Jahresversammlung des „Deutschen Vereins für Psychiatrie“ 1925, die „Belastung des Deutschen Reiches durch die geistig und sittlich Minderwertigen aller Klassen“ sei „enorm und angesichts unserer Verarmung und unserer schwer ringenden Wirtschaft eine trostlose Belastung [...]. Auch wer sich frei von allem Kastengeist weiß, [...] muß doch angesichts der Summe von Not, Elend und Verbrechen, von geistigem Siechtum und antisozialer Verwilderung den lebhaften Wunsch empfinden, es möge alles getan werden, um dem schwer um seine Zukunft ringenden Volke den Weg zum Aufstieg zu erleichtern und die Last der Schädlinge abzunehmen.“ Die parallel verlaufende Infiltration des Wohlfahrtswesens mit rassenhygienischem Gedankengut wird an der Tatsache deutlich, dass selbst ein Großteil der im Wohlfahrtswesen Tätigen, aber auch der Ärzteschaft die Forderungen der Rassenhygieniker begrüßte und teilweise tatkräftig unterstützte.


Als herausragendes Beispiel dient der Zwickauer Amtsarzt Gerhard Boeters, der durch seine Aktivitäten die Sterilisationsdiskussion auf politischer Ebene ins Rollen brachte. Boeters, der sich im Rahmen seiner dienstlichen Tätigkeit auch mit der Beratung und Unterbringung Geisteskranker zu befassen hatte, reichte 1923 beim Sächsischen Gesundheitsministerium einen Gesetzesentwurf ein, in dem er in neun Punkten die Zwangssterilisation bei blind geborenen, taubstumm geborenen, „blödsinnigen“, epileptischen und geisteskranken Personen vor jeweils dem Volksschuleintritt oder einer Anstaltsentlassung forderte. ... Trotz ... (eines)  abschlägigen Bescheids unternahm Boeters im Oktober 1925 einen erneuten Versuch zur Legalisierung derartiger Indikationen. Diesen unter dem Schlagwort „Lex Zwickau“ Popularität erlangenden Gesetzesentwurf über „Die Verhütung unwerten Lebens durch operative Maßnahmen“ – Boeters sandte ihn direkt an den Reichstag – begründete er mit der stattfindenden „uferlosen Verseuchung unseres Volkes mit asozialen und antisozialen Elementen, mit halben, Viertel- und Achtelkräften“. Der Reichshaushaltsausschuss wie auch der Strafrechtsausschuss des Reichstages schlossen sich daraufhin der Sicht des Reichsgesundheitsamtes an, dass eine rassenhygienische Indikation für den Eingriff nicht ausreiche. ... Boeters ignorierte diese Tatsache und vertrat den Standpunkt, die freiwillige Sterilisation sei legitim. 1925 gab er bekannt, 63 freiwillige Sterilisationen an „Minderwertigen“ vorgenommen zu haben. ... Schon 1923 wurde Boeters infolge seiner fanatischen Propagandatätigkeit wegen des Verdachts auf eine geistige Erkrankung von seinem Amt als Bezirksarzt suspendiert. ...

Ungeachtet seiner inhaltlich umstrittenen Forderungen lenkte Boeters das öffentliche Augenmerk auf eine Problematik, die den Kern rassenhygienischer Überlegungen bildete. In der Forderung, die Fortpflanzung „Minderwertiger“ zu unterbinden, trafen sich die rassenhygienischen Vorstellungen mit denen Boeters’. In der Wahl der Mittel differierte man jedoch. ... Man befürchtete ..., dass „Boeters’ übers Ziel schießende Propaganda“ dem öffentlichen Ansehen der Rassenhygiene und ihren betont „gemäßigten“ Forderungen schaden könnte. Diese Ambivalenz tritt besonders in der Lenzschen Bewertung der Forderungen Boeters’ zutage: Zwar sei seine Tat „bahnbrechend“, doch schade man mit dem Eintreten für zwangsmäßige Sterilisation nur der guten Sache. ...


Die Endphase der Weimarer Republik mit den für sie charakteristischen politischen, wirtschaftlichen und finanzpolitischen Krisen stand aus bevölkerungspolitischer Sicht ganz im Zeichen der nun in breiten Kreisen an Popularität gewinnenden Rassenhygiene und ihrer Forderungen. Primär die nationalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und die wirtschaftliche Belastung des Reiches durch den Versailler Vertrag bewirkten eine Radikalisierung der Atmosphäre im Bereich der Gesundheitsfürsorge und Wohlfahrtspflege, die sich verstärkt rassenhygienischen Kosteneinsparungsmodellen zuwandten. ...


(Zwar führt)... Georg Lilienthal schon für das Jahr 1923 antisemitische bzw. tendenziöse Äußerungen der Rassenhygieniker Fischer, Ploetz und Lenz an, diese lassen sich bei näherer Betrachtung als unwissenschaftliche, jedoch ausgewogene Zuschreibung von (positiven wie negativen) „Rasseeigenschaften“ kennzeichnen. ...  Lilienthal selbst stellte an anderer Stelle einen Sinneswandel unter Rassenhygienikern bzgl. dem Topos der „Rassenmischung“ erst ab 1933 fest. ... Ein weiteres Indiz für die nicht originär rassenanthropologische Ausrichtung der Rassenhygiene liegt in der Feststellung begründet, dass auch jüdische Mediziner bis Ende der Weimarer Republik als Vertreter der Rassenhygiene agierten, publizierten und in ihren Forderungen denen nichtjüdischer Rassenhygieniker in nichts nachstanden.

Anm. Blogger: Die internationale Eugenik-Bewegung hatte jedoch sehr wohl von Anfang an eine auch „rassenanthropologische“ Ausrichtung; siehe z.B. auf diesem Blog Stichworte „Namibia“, „Beddoe“, „Webb“. Nur war dieser Aspekt für die meisten Europäer zunächst „weit weg“, bezog sich auf „Neger“ und andere „Rassen“, die sich durch ihren Hautton von Menschen europäischer Abstammung unterschieden. Schon früh wurde die Vorstellung formuliert, dass Höher- und Minderwertigkeit sowohl mit „Klassen“- als auch mit „Rassen“-Zugehörigkeit verbunden sei (siehe z.B. Stichwort „Gobineau“). Das antisemitische Element war nicht durchgehend Teil der „Rassenhygiene“, verband sich damit aber schon lange vor 1933, auch im Zusammenhang mit dem eugenisch geprägten Anti-Bolschewismus (siehe z.B. Stichwort „von Kursell“). Der eugenisch „begründete“ Antisemitismus schöpfte aus dem pseudo-wissenschaftlichen, von Eugen Fischer mitgeprägten Mythos über dominante Übertragung der Eigenschaften des „minderwertigen“ Elternteils bei „Rassenkreuzung“ (siehe z.B. Stichworte „Rehoboth Bastards“,  „Eintropfenregel“).  

    
Die jahrzehntewährende Agitation der Rassenhygieniker trug, wie man innerhalb der Bewegung mit Genugtuung erkannte, auf Reichs- wie auf Landesebene Früchte. Im Dezember 1929 wurde ein dem Reichsinnenministerium und dem Reichsgesundheitsamt unterstehender „Reichsausschuss für Bevölkerungsfragen“ gebildet, mit dem man auf eine von Friedrich Burgdörfer, Abteilungsleiter im Statistischen Reichsamt, durchgeführte Untersuchung über die demografische und soziale Krise des Reiches reagierte. Auch der „Reichsausschuss“ war rassenhygienisch „unterwandert“: Zu seinen Mitgliedern zählte der Rassen- und Sozialhygieniker Alfred Grotjahn, der sich schon zu Weimarer Zeiten für eine Zwangssterilisation aus rassenhygienischer Indikation einsetzte, der ebenso extremen Positionen verhaftete Rassenhygieniker Ignaz Kaup und der o.g. Friedrich Burgdörfer, dessen Auslegung der Geburtenfrage ganz der rassenhygienischen Degenerationskonzeption entsprach. Ein erster, im Januar 1930 einberufener „Arbeitssausschuss zur Geburtenfrage“ sprach sich unter dem Einfluss des „Reichsbundes der Kinderreichen“ für rassenhygienisch gemäßigte, positive Maßnahmen aus. Der „Wille zum Kind“ und damit eine „Mehrung der Volkskraft“ sollte vorerst durch Steuererleichterungen und weitere finanzielle Vorteile für kinderreiche Familien geweckt werden. ...

„In der Erkenntnis, daß der Geburtenrückgang in der erbgesunden, familiär verantwortungsbewußten Bevölkerung sich besonders stark auswirkt und daß die Aufwendungen für Menschen mit erbbedingten, körperlichen oder geistigen Schäden schon jetzt eine für unsere Wirtschaftslage unertragbare Höhe erreicht haben“, beschloss man in der Sitzung (des preussischen Dtaatsrats) vom 20. Januar 1932, die Preußische Regierung zu ersuchen, den „anerkannten Lehren der Eugenik eine größere Verbreitung und Beachtung zu verschaffen“ und die Kosten der Pflege und Förderung „der geistig und körperlich Minderwertigen“ auf das Maß zu senken, „das von einem völlig verarmten Volke noch getragen werden kann“.


Ein weiteres Indiz positiver Resonanz zeigte sich in der zunehmenden Anerkennung der Rassenhygiene als Wissenschaft. Schon im Dezember 1927 war Eugen Fischer, Leiter des „Kaiser-Wilhelm-Institutes“, von der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ mit einem Projekt beauftragt worden, das die massenstatistischen Grundlagen für eine „volksbiologische Diagnose“ schaffen sollte. Im Februar 1928 unterbreitete Fischer der „Notgemeinschaft“ seinen Plan einer reichsweiten, anthropologischen Untersuchung des deutschen Volkes. Ziel war es, die „rassische Zusammensetzung“ der Nation durch umfassende Studien –Blutgruppenuntersuchungen, anthropologische Auswertung und „rassische Zuordnung“ anhand von Porträtaufnahmen – festzustellen und gleichzeitig  „degenerative“ Charakteristika zu eruieren. Ergänzt wurde die Studie Fischers durch Verschuers Forschungsprojekt über die Erbbedingtheit der „Armutskrankheit“ Tuberkulose und die kriminal- und erbbiologischen Erhebungen Rüdins an der „Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie“, die 1924 in die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft übernommen worden war. ...

 (Dank der) finanziellen Unterstützung der Rockefeller Foundation, die ab 1929 im Rahmen eines vorgesehenen 5-Jahres-Plans jährlich 10.000 Reichsmark bereitstellte, konnten Fischer, Rüdin und von Verschuer im Januar 1930 erste Ergebnisse unter dem Titel „Rassenkundliche und erbpathologische Erhebungen am Deutschen Volk – Eine Gemeinschaftsarbeit“ veröffentlichen. ...


Die Umsetzung der Fischerschen Vorstellung eines nationalen anthropologischen „Beobachtungsnetzes“ in eine unter rassenhygienischen Gesichtspunkten angelegte, demografische Datenbank wurde insbesondere von staatlicher Seite mit großem Interesse verfolgt. Hier erkannte man vor allem den „kriminalbiologischen“ Wert der Erhebungen und die Möglichkeit, mittels rassenhygienischer Maßnahmen einer Ausbreitung der Kriminalität entgegenzuwirken: Diese Auffassung erklärt sich durch die damals – auch in wissenschaftlichen Kreisen – vorherrschende Annahme einer genetischen „Anlage“ zur Kriminalität. ...


(Die) ... Hauptversammlung der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ im September 1931 stand ganz im Zeichen der Namensgebung. Mit Blick auf die erwünschte Verschmelzung des „Bundes für Volksaufartung und Erbkunde“ mit der „Gesellschaft“ und die größere öffentliche Akzeptanz entschloss man sich mehrheitlich unter dem Vorsitz Fischers für eine Umbenennung in „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene (Eugenik)“. Gleichzeitig verabschiedete man eine neue Satzung, die den eugenischen Aspekt der Programmatik stärker betonte. Nun förderte man „wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiete der Erblehre und Eugenik“ und strebte statt einer „Hebung der Rasse“ die „eugenische Gestaltung von Familie und Volk“ an. ... Die Finanzknappheit des sozialen Sektors ließ die zweckmäßige Verteilung der Unterstützungsmittel zum Leitkriterium werden. Da trotz aller Einsparungen die zur Verfügung gestellten Mittel auch auf niedrigstem Niveau nicht ausreichten, wurden Überlegungen zur Klassifizierung und Beschränkung der großen Zahl der Hilfsbedürftigen angestellt. Nicht mehr die persönliche Hilfsbedürftigkeit stand im Zentrum, sondern die Effektivität des Mitteleinsatzes. Das der Rassenhygiene immanente antiindividualistische, organizistische Prinzip fand seinen Widerhall in der nun öffentlichen Bewertung des Einzelnen oder einzelner Gruppen hinsichtlich ihrer gegenwärtigen oder zukünftigen gesamtwirtschaftlichen Nützlichkeit.


In dem von den Rassenhygienikern aufgestellten zentralen Kriterium für den „Lebenswert“ eines Menschen, seine Arbeitsfähigkeit, erkannten nun auch staatliche Wohlfahrtsinstanzen die Chance zu einer „produktiven“ Verwendung von Sozialausgaben. Schon die Reichsgrundsätze vom 4. Dezember 1924 räumten die Möglichkeit ein, „bei Arbeitsscheu oder offenbar unwirtschaftlichem Verhalten“ Beschränkungen „auf das zur Fristung des Lebens Unerläßliche“ vorzunehmen. Neben das Recht auf Hilfe trat die Pflicht zur Leistung, zur Arbeit. Dementsprechend konzentrierte man sich staatlicherseits auf die vorrangige Unterstützung arbeitsfähiger Erwachsener, auf in Ausbildung stehende Jugendliche und Kinder, in denen man künftiges „Potential“ erblickte. Insbesondere die Soziale Fürsorge bildete in der finanziellen Notsituation die umstrittene Zielscheibe harscher rassenhygienischer Kritik. Angesichts der „unproduktiven Verwendung“ von öffentlichen Mitteln im sozialen Sektor forderten Rassenhygieniker die „eugenetische Neuorientierung unserer Wohlfahrtspflege“. „An Stelle einer volksfeindlichen unterschiedslosen Wohlfahrtspflege“, so der rassenhygienisch orientierte Leiter der evangelischen „Inneren Mission“ Hans Harmsen 1931, „wird eine differenzierte Fürsorgetreten müssen. Erhebliche soziale Aufwendungen dürfen überhaupt nur für solche Gruppen Fürsorgebedürftiger gemacht werden, die voraussichtlich wieder ihre volle Leistungsfähigkeit erlangen. Für die übrigen Hilfsbedürftigen ist dagegen die Wohlfahrtspflege auf das Maß einer menschenwürdigen Versorgung und Bewahrung zu begrenzen.“ ...

Die Sterilisation „Minderwertiger“ verhieß einerseits die Eindämmung der „lasterhaften Auswüchse“ der Sozialen Fürsorge und eröffnete darüber hinaus die Möglichkeit zu einer effektiveren Unterstützung derjenigen, die von gesellschaftlichem Wert zu sein versprachen. ...

Das Jahr 1932 markiert den Zeitpunkt, an dem die Sterilisationsfrage zum Gegenstand administrativer Planungen wurde und den Rahmen unverbindlicher Diskussionen verließ. Schon die im Januar unter Vorsitz von Konrad Adenauer verabschiedeten Beschlüsse des Preußischen Staatsrats zur „Förderung der Eugenik“ wurden in den Reihen der Rassenhygieniker als großer Erfolg gewertet. ...


Deutlicher noch als der Preußische Staatsrat setzte der erweiterte Ausschuss des Preußischen Landesgesundheitsrates mit einer Tagung zum Thema „Die Eugenik im Dienste der Volkswohlfahrt“ am 2. Juli 1932 sterilisationspolitische Akzente. ... Mit den Leitsätzen, die in enger inhaltlicher Übereinstimmung mit denen der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ standen, sprach sich der Preußische Landesgesundheitsrat für die Sterilisation, jedoch gegen eine Zwangssterilisation und gegen eine Sterilisation aus nichtmedizinischer und nichteugenischer Indikation aus. Lediglich die beiden teilnehmenden nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Conti (der spätere Reichsgesundheitsführer) und Diehl erachteten einen Verzicht auf die Einwilligung des zu Sterilisierenden als für selbstverständlich erforderlich, da andernfalls – so Conti – „die praktischen Erfolge einer solchen Maßnahme von vorne herein auf fast Null herabgeschraubt“ würden. Die „Leitsätze“ bildeten zugleich die Grundlage eines ebenfalls im Juli unter Leitung von Schopohl, Ostermann und Fischer erstellten „Entwurf(s) eines Sterilisierungsgesetzes mit Begründung“. § 1 des Gesetzesentwurfs nannte als vorgesehene Indikationen zur freiwilligen Sterilisation „erbliche Geisteskrankheit, erbliche Geistesschwäche, erbliche Epilepsie oder sonstige Erbkrankheiten“ und begründete dies mit der Gefährdung der Gesundheit und des Wertes des Nachwuchses durch die rückläufige Bevölkerungsbewegung und die „differenzielle Fortpflanzung“.


Noch vor der Auflösung des Preußischen Wohlfahrtministeriums durch Franz von Papen am 29. Oktober 1932, der mit seinem „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 als „Reichskommissar für Preußen“ das Amt des Ministerpräsidenten übernommen hatte, war der Gesetzesentwurf dem Preußischen Innenministerium zugeleitet worden. Die parlamentarische Absicherung des Entwurfes blieb jedoch völlig ungelöst; selbst die im Dezember durch den kommissarischen Innenminister Franz Bracht in einem Rundschreiben an den Kommissar des Reiches und die übrigen Reichskommissare ausgedrückte Zustimmung zu dem geplanten Gesetz erwies sich im Zuge der NS-„Machtergreifung“ im Januar 1933 als gegenstandslos.

Nach einer Übergangsphase NS-interner Willensbildung lag der neuen Reichsregierung der Entwurf eines über die preußische Variante deutlich hinausgehenden Zwangssterilisationsgesetzes vor, das am 14. Juli 1933 als „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet wurde. ...

Die nationalsozialistische Rassenideologie verwischte systematisch alle Grenzen zugunsten der einen Kategorie und des einen Topos, auf den alle weiteren Sujets der nationalsozialistischen Weltanschauung bezogen waren: der Rasse. Die Integrität des Grundwertes Rasse wurde als fraglos gegeben vorausgesetzt und als Dogma gekennzeichnet. Der völkische Staat hatte, so Hitler, „die Rasse in den allgemeinen Mittelpunkt des Lebens zu setzen. Er hat für ihre Reinerhaltung zu sorgen“. ... „Der Staat“, so definierte Hitler, „ist ein Mittel zum Zweck. Sein Zweck liegt in der Erhaltung und Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen. Diese Erhaltung selber umfaßt erstlich den rassenmäßigen Bestand und gestattet dadurch die freie Entwicklung aller in dieser Rasse schlummernden Kräfte. “


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Die Eugenik/ Rassenhygiene war von Anfang an und nicht erst seit ihrer (von vielen ihrer Anhaenger begruessten und befoerderten) Vereinnahmung durch die Nazis von der "Rassenanthropologie" gepraegt. Dies ist auch aus der Satzung der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ zu ersehen:
"... im März 1910, kam es zur Verabschiedung der Satzung einer neugegründeten „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“, welche u.a. vorsah, dass die Mitglieder dieser Gesellschaft der weißen Rasse angehören mussten."











Judith Gissing, Quellenangabe: "Vgl. Satzungen der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene, in: Stadtarchiv Bremen, Signatur 4, 21-609, zit. nach Weingart (wie Anm. 5), S. 205

Judith Gissing ging der Frage nach, "wie den rassenhygienischen Forderungen Hitlers im Bildungswesen des Dritten Reiches Rechnung getragen und das Schulfach Biologie dadurch als Instrumentarium politisch-ideologischer Indoktrination missbraucht wurde."
Bemerkenswert an dieser ansonsten gut recherchierten Arbeit ist die als Tatsache dargestellte Annahme, die deutsche Rassenhygiene habe sich unabhängig von Galtons Eugenik-Lehre entwickelt ("Obwohl sich die deutsche Rassenhygiene unabhängig von der durch Galton geprägten Eugenik entwickelte, wurden beide Termini in Deutschland zunächst synonym benutzt."). Diese Annahme ist durch die Galton-Biographie seines Mitarbeiters und "Apostels" Karl Pearson, der auch selbst fuer die Eugenik ueber Jahrzehnte hinweg "missionarisch" taetig war und z.B. 1932 aus der Hand Eugen Fischers einen Wissenschaftspreis entgegen nahm, leicht zu widerlegen (s. Stichwort "Pearson" auf diesem Blog.) - Bei dem angegebenen Link fehlt die Titelseite, so dass ich das Jahr der Fertigstellung dieser Arbeit nicht feststellen kann. Ich halte es aber fuer moeglich, dass die Universitaet Muenster - und andere Universitaeten, die ueberhaupt Lehrstoff zum Thema "Geschichte der Eugenik/ Rassenhygiene" anbieten -, den Irrtum, "Eugenik" im Sinne Galtons und die Ideologie der "Rassenhygiene" als Vorlaeufer zum "Rassenstaat" der Nazis haetten sich voneinander unabhaengig entwickelt, bis in die Gegenwart hinein mit verbreitet haben. 

Die "Explosion" der Zugangsmoeglichkeiten zu Originalquellen durch Internet-gestuetzte Recherche erleichtert es Wissenschaftlern und anderen Interessierten erst seit relativ kurzer Zeit, ein umfassenderes Bild von den fruehen Wechselwirkungen der internationalen Eugenik-Bewegung und der "Rassenhygiene"-Ideologie in Deutschland zu erlangen.



Ueber Rockefeller- (und andere) Foerderung fuer Forschung an der Schnittstelle zur eugenisch-rassenhygienischen Ideologie siehe auch
"Health, race, and German politics between national unification and Nazism, 1870-1945" von Paul Weindling, Cambridge University Press, 1993
http://books.google.com/books?id=9SlB2qcb0NIC&dq=correns+rockefeller&source=gbs_navlinks_s
(Siehe hier zum Thema Forschungsfoerderung auch Stichworte "Lehmann" und "Goldschmidt", Seite 431 - sowohl der voelkische, der Nazi-Ideologie nahe stehende Verleger Lehmann als auch der juedische Bankier Goldschmidt foerderten "rassenhygienisch" orientierte "Forschung" von Erwin Baur, spaeter Mitverfasser des "Baur-Fischer-Lenz", einem wichtigen pseudo-wissenschaftlichen Referenzwerk im "Rassenstaat" der Nazis.) 

Der Klappentext weist darauf hin, dass die Sicht auf die Urspruenge des Holocaust lange Zeit sehr verengt gewesen ist. Historiker, die sich mit dem deutschen Rassismus beschaeftigten, hatten ihre Analyse auf eine Handvoll voelkischer Rassenideologien beschraenkt und dabei die Wirkungen rassischer Ideen auf Lehren der Biologie, Medizin und des oeffentlichen Gesundheitswesens uebersehen...
"Until recently, historians of German racism have limited their analysis of the origins of the Holocaust to a handful of volkisch racial ideologies, overlooking the effects of racial ideas on biology, on the rapidly expanding medical profession and on public health services. Between 1870 and 1945,  German biology and medicine assumed important social aims of national reconstruction. Weindling charts the rapid increase in the numbers of scientifically educated doctors who sought to solve the nation's social ills (while establishing new career paths) in the fight against a declining birth rate and such diseases as VD, TB and alcoholism, which were stigmatized as racial poisons."


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"Rosen fuer den Staatsanwalt"
Ein Spielfilm von 1959, in dem es um das Fortbestehen einiger der alten Seilschaften geht.
http://www.youtube.com/watch?v=1tR1ol2Negw

Seltsam aber auch, was kurz nach Kriegsende bei westlichen Alliierten fuer normal gehalten wurde:

13.05.1945

Niederlande
;
Kriegsgefangenenlager Hembroug/Amsterdam, dt. Kriegsgericht unter Marinestabsrichter Wilhelm Köhn u. mit Lagerkommandant Fregattenkapitän Alexander Stein verurteilt im Namen des Deutschen Volkes die Deserteure Rainer Beck u. Bruno Dörfer zum Tode, die Verurteilten werden      am 13.5. mit geliehenen Waffen der das Lager bewachenden Kanadier von 8 dt. Soldaten erschossen (12.1997, nach mehr als 52 Jahren, hebt das LG Köln das Todesurteil auf: Als „Halbjude“ habe Beck die „Gefahr für sein Leben ... ausschließlich durch seine Flucht aus der Marine abwenden können“ –  ohne diese Entschuldigung wäre er zu Recht umgebracht worden?)

http://www.verfolgte-schueler.org/1945-1990.htm


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Traditionslinien?

Der Werner-Hahlweg-Preis
http://de.wikipedia.org/wiki/Werner-Hahlweg-Preis


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Kein Unrechtsbewusststein bei Mengeles akademischem Betreuer Otmar Freiherr von Verschuer; stattdessen Nachkriegskarriere. - Trug auch eine Tradition von medizinischen Experimenten mit vermeintlich Minderwertigen dazu bei?


(1906) If They Don’t Die, Compensate Them In Cigarettes

Harvard professor Dr. Richard Strong infects prisoners in the Philippines with
cholera to study the disease; 13 of them die. He compensates survivors with
cigars and cigarettes. During the Nuremberg Trials, Nazi doctors cite this study
to justify their own medical experiments (Greger, Sharav).

(1911) Is it Really That Wrong to Infect Healthy Kids with Syphilis?

Dr. Hideyo Noguchi of the Rockefeller Institute for Medical Research publishes
data on injecting an inactive syphilis preparation into the skin of 146 hospital
patients and normal children in an attempt to develop a skin test for syphilis.
Later, in 1913, several of these children’s parents sue Dr. Noguchi for
allegedly infecting their children with syphilis (“Reviews and Notes: History of
Medicine: Subjected to Science: Human Experimentation in America before the
Second World War”).


http://www.dailyunconstitutional.com/united-states-sponsored-evil-medical-experiments/



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Blut-und-Boden-Ideologe Walther Darré
bei einer Kundgebung in Goslar 1937
Bild: Bundesarchiv/
http://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Darr%C3%A9

Bezug: Siehe Kommentar unten vom 9. Juli 2014

Samstag, 25. Februar 2012

Neuerscheinung: Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz

Michael Haller‚ Martin Niggeschmidt (Hrsg.)
Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz
Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik

http://www.von-galton-zu-sarrazin.de/index.htm

"Die von Thilo Sarrazin heraufbeschworenen Untergangsszenarien sind uralt. Schon im vorletzten Jahrhundert waren es angeblich die Falschen, die am meisten Kinder bekamen: Ungebildete, Unterschichten und Volksfremde. Doch die befürchtete Degeneration blieb aus; die offene, moderne Gesellschaft erwies sich als leistungsfähiges Erfolgsmodell.
Worin liegt der Erfolg der Sarrazin-Thesen begründet? Der vorliegende Sammelband diskutiert aus Sicht verschiedener Wissenschaftsdisziplinen die Behauptung, in modernen Gesellschaften finde eine Gegenauslese zu Gunsten der Dummen statt. Die Autoren weisen dieser inzwischen weit verbreiteten Argumentation zahlreiche Fehler und Missverständnisse nach. Sie zeigen, dass die von Sarrazin angestoßene Debatte um eugenische Ideen kreist und sich zu weiten Teilen auf dubiose Forschungsergebnisse eines internationalen Zitierkartells stützt."

© 2012 Michael Haller & Martin Niggeschmidt


Vorschau auf Google Books:
http://books.google.de/books?id=QqrIG2K3mb4C&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false


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Bei der Gelegenheit auf Google Books neu gefunden:

"Eugenik vor 1933", "Eugenik und Nationalsozialismus", "Rassismus und Eugenik"... 
http://books.google.com/books?id=euyht2VC66wC&source=gbs_similarbooks


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Gute Besprechung von Michael Blume auf
http://www.scilogs.de/natur-des-glaubens/der-deutsch-amerikanische-rassismus-des-thilo-sarrazin/

Der deutsch-amerikanische Rassismus des Thilo Sarrazin
14. Juli 2012

Als der Volkswirt und Senator a.D. Thilo Sarrazin (SPD) 2010 "Deutschland schafft sich ab" veröffentlichte, plante ich eine Blogpostreihe - zumal der Mann auch über Seiten hinweg meine Arbeiten zitiert hatte und ich also "aus erster Hand" seinen Umgang mit Wissenschaft beobachten konnte. Aber ich ließ mich nach einem ersten Post davon überzeugen, dass Sarrazin nur ein "verbitterter Eigenbrötler" und "Rechthaber" sei, dem man doch nicht noch mehr Aufmerksamkeit widmen sollte. Doch nach Lektüre des hervorragenden Sammelbandes "Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz: Von Galton zu Sarrazin" um die Herausgeber Michael Haller und Martin Niggeschmidt musste ich erkennen - ich lag da falsch. Thilo Sarrazin ist kein verirrter Einzelgänger, sondern ein planvoller Rückübersetzer von Sozialdarwinismus und Rassismus nach Deutschland. [...]
Anfang des 20. Jahrhunderts breiteten sich sozialdarwinistisch-rassistische Bewegungen in der westlichen Welt aus. Der Wissenschaftsjournalist Claus Sesin geht dem millionenschweren "Pioneer Fund" nach, der 1937 von dem Textil-Magnaten und Nazi-Sympathisanten Wickliffe Draper gegründet wurde. In ihrer Gründungscharta strebte die Stiftung "Rassenverbesserung, speziell in USA" sowie die "Repatriierung Schwarzer nach Afrika" an - heute sitzen bekannte "Intelligenzforscher" wie Richard Lynn in ihrem Direktorium. Der Fund förderte die Zusammenarbeit deutsch- und englischsprachiger Eugeniker und fördert weiterhin die Erstellung und Verbreitung rassistischer und eugenischer Schriften.
Aus den erheblichen Mitteln des Pioneer Fund wird seit Jahrzehnten wissenschaftliche Reputation erzeugt, indem rassistisch verwertbare Studien, Bücher und "Fachmagazine" wie "Mankind Quarterly" gefördert werden. Zahlreiche Widerlegungen und auch aufgeflogene Fälschungen konnten so kaum etwas daran ändern, dass sich im englischen Sprachraum ein Zitierkartell des pseudo-wissenschaftlichen Rassismus entfalten und mit Büchern wie "The Bell Curve" (1994) auch in Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft wieder etablieren konnten. Aus diesen "wissenschaftlichen" US-Quellen bedient sich Thilo Sarrazin, um, gekonnt vermischt mit seriösen Quellen, die Argumentationsmuster wieder nach Deutschland zu bringen. Fast schon bestürzend unkreativ ersetzte er dabei den Lieblingsgegner der US-Rassisten, die Afroamerikaner, durch das derzeitige Lieblingsziel der deutschsprachigen Rassisten, die Muslime.
Zu den heutigen Beiratsmitgliedern von "Monthly Quarterly" gehört nach den Recherchen des Soziologen Andreas Kemper übrigens auch der Biologe Volkmar Weiss. Dessen Buch "Die IQ-Falle" (2000) erschien im Leopold Stocker Verlag, der nach einem Urteil des Landgerichts Graz 2006 als "rassistisch", "rechtsextrem" und "antisemitisch" bezeichnet werden darf. Auf Vorschlag der NPD in die Demografie-Enquetekommission von Sachsen berufen, zählt Volkmar Weiss neben Detlef Rost, Gunnar Heinsohn und Heiner Rindermann zu den deutschen Hauptquellen von Sarrazins These vom biologischen Qualitätsunterschied der Völker und der vermeintlich drohenden Dysgenik. [...]
Wie der Historiker Sander Gilman aufzeigt, kamen schon die Pioneer-Fund-"Forscher" zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf die wirkungsvolle Idee, zur Verschleierung ihres Rassismus neben der vermeintlichen "Minderwertigkeit" schwarzer Menschen auch "höhere IQ-Ergebnisse" asiatischer und jüdischer Minderheiten anzuführen. Was nach Lob klingt, unterstreicht aber damit nur, dass auch diese Gruppen dem Rassisten als möglicherweise verschwörerische Fremde gelten - und ihre innere ethnische, religiöse und weltanschauliche Vielfalt rassistisch bestritten wird. In Sarrazins Worten: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, das sie von anderen unterscheidet." Heutige Rassisten spielen religiöse und ethnische Minderheiten einerseits gegeneinander aus, isolieren sie aber andererseits auch gesellschaftlich als vermeintlich unaufgebbar Fremde - in den USA, und nun auch wieder in Deutschland. [...]

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Erschienen 2013:

Anti-Sarrazin: Argumente gegen Rassismus, Islamfeindlichkeit und Sozialdarwinismus
von Sascha Stanicic

Besprechung z.B. auf
http://diefreiheitsliebe.de/buchrezension/anti-sarrazin-argumente-gegen-rassismus-islamfeindlichkeit-und-sozialdarwinismus

Sonntag, 25. Dezember 2011

Plötzlich Gutmensch

Ausgerechnet "Achse des Guten", die Webseite von Henryk M. Broder und Mitstreitern, die dem Kampf für genetische Korrektheit und gegen das Gutmenschentum gewidmet ist, hat jetzt (in einem Gastbeitrag von Ludger Weß vom 28.11.2011) die Eugenik gebrandmarkt. 

Zu Recht wird in dem auf "achgut" eingestellten Artikel die "Rassenhygiene" der Nazis als die in furchtbarer Konsequenz umgesetzte Eugenik-Lehre Francis Galtons dargestellt.

"Vor gut einem Jahrhundert waren Experten sich schon einmal über eine drohende Katastrophe einig, und auch damals ging Deutschland voran - ganze Bevölkerungsgruppen wurden schließlich zur Verhütung dieser Katastrophe ihrer Freiheitsrechte beraubt, verstümmelt oder umgebracht. Die Rede ist von der Eugenik.
Diesen Begriff prägte 1883 der britische Gelehrte Francis Galton und definierte ihn als „Wissenschaft von der Verbesserung des Menschen durch Zucht“. Hintergrund war die Befürchtung, Zivilisation in Form von Medizin und Sozialstaat würde unausweichlich in die Katastrophe, sprich Degeneration der Menschheit führen. Denn die Zivilisation ermöglichte doch, dass Menschen, die unter „ursprünglichen“ Bedingungen das fortpflanzungsfähige Alter nicht erreicht hätten, munter Kinder in die Welt setzen konnten, die Kosten verursachten und sich womöglich weiter vermehrten...
Was tun? Die Vorschläge lagen rasch auf dem Tisch. Heiratserlaubnisse sollten
vom jeweiligen “Erbwert” abhängig gemacht werden, “hochwertige” Bevölkerungsteile bei der Eheschließung beraten und mit finanziellen Hilfen zu einer erhöhten Fortpflanzungsrate angehalten werden. Diese “positive”, fördernde Eugenik sei zu ergänzen durch Zwangsmaßnahmen wie Eheverbote, Asylierung und Sterilisierung, um die Vermehrung der “Minderwertigen” zu stoppen...

Nicht nur in Deutschland oder Großbritannien, auch in den USA, Argentinien, Frankreich und selbst im post-revolutionären Russland wurden eugenische Vereinigungen gegründet, die diese Maßnahmen propagierten und daran arbeiteten, sie in Gesetze zu gießen. Eugenische Forschungsinstitute und Lehrstühle schossen wie Pilze aus dem Boden, finanziert vom Staat, von Stiftungen und reichen Individuen. Auch die unter Klimaschützern so beliebten Aktionen „vor Ort, bei den Menschen“ gab es schon: eugenische Ausstellungen und Wettbewerbe um den Titel der „fittesten Familie“ auf Landwirtschaftsausstellungen, Jahrmärkten und Messen.
Eugenik war wissenschaftlicher und politischer Konsens unter Forschern, Medizinern und Bürgern, die sich als aufgeklärt verstanden; Stimmen, die dagegen hielten, waren selten und wurden nicht ernst genommen oder marginalisiert ...
Nirgendwo wurde dieses Katastrophenszenario so ernst genommen wie in Deutschland. ... Den Nationalsozialisten blieb es vorbehalten, die Sache dann schnellstens in die Tat umzusetzen. ..."

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/klimapolitik_und_eugenik_einige_parallelen/


Allerdings, bei dem Artikel geht es eigentlich um etwas Anderes: Durch den Vergleich mit der Eugenik sollen Maßnahmen zum Klimaschutz diffamiert werden. Die Deutschen wären (wohl genetisch bedingt ??) mal wieder vorneweg bei der furchtbar konsequenten Reaktion auf wissenschaftlich daher kommende Katastrophenszenarien - wie schon bei der Umsetzung von Galtons Eugenik-Lehre. Nun gehört Agitation gegen Klimaschutz zu den Standard-Inhalten auf Webseiten, die ideologisch der "Tea Party" Bewegung nahe stehen (dazu rechne ich auch "Achse des Guten"). Neu und unerwartet ist, dass Bezüge zwischen Galtons Eugenik-Lehre und dem Wahn der "Rassenhygiene" in der Nazi-Zeit unumwunden eingestanden werden.

Polemische "Klimaschutz-Kritik" gehört, als zweites großes Thema neben der eugenisch gefärbten „Islamkritik“, zu den Versatzstücken der Agitation von Teilen der „Tea Party“ Bewegung und der ihr nahe stehenden Bloggerszene, die an ihren extremistischen Rändern von Figuren wie „Fjordman“ geprägt wurde. Dieser in den letzten Jahren weit verbreiteten Agitation zufolge würde in westlichen Ländern die veröffentlichte Meinung von einem verschwörerischen Netz von „Multikulturalisten“, Liberals und Gutmenschen (im Deutschen auch als Doppel-Whopper, „liberale Gutmenschen“) beherrscht, die nichts anderes im Sinn hätten, als die westliche Zivilisation zugrunde zu richten. Nur ein paar mutige „Ketzer“, wie Thilo Sarrazin, würden sich dagegen stellen und im Interesse der weißen Mehrheitsgesellschaft der wahren öffentlichen Meinung Ausdruck verleihen. Wenn deren Meinung unterdrückt würde wie bisher, würden bald mal die Bauern ihre Mistgabeln rausholen. Siehe dazu den „Mistgabel“-Artikel von Blogger „Fjordman“, September 2010 (ausführlicher wiedergegeben auf http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/weihnachtslekture-vom-fordman.html). Auszug: Wenn ihre Kritiker beweisen können, dass diese selbsternannten Eliten in wichtigen Fällen, wie der globalen Erderwärmung, dem Islam oder genetischen Unterschieden zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gelogen haben, dann können sie dem Regime einen ernsten Schlag versetzen....“ („Fjordman“ bloggt nicht mehr selbst, zumindest nicht unter diesem Namen, seit bekannt wurde, dass der Attentäter von Oslo und Utøya sein Bekenner-Pamphlet in weiten Teilen aus „Fjordman“-Texten zusammengeklebt hatte.)

Der Vergleich zwischen Eugenik und Klimaschutz, mit dem "Achse des Guten" nun aufwartet, ist an den Haaren herbeigezogen.

Aber von diesem verqueren Vergleich einmal abgesehen: Die Einsicht in die eugenischen Hintergründe der Nazi-"Rassenhygiene", ausgerechnet auf dem Forum der (sich für die wahren Guten haltenden) Anti-Gutmenschen, kann man durchaus als Erkenntnisgewinn verzeichnen.



Henryk M. Broder - plötzlich Gutmensch?


Kann er dann weiterhin Thilo Sarrazin preisen, der sich auf den Eugenik-Begründer Francis Galton bezieht und von „eugenischen“ und „dysgenischen“ Effekten schwadroniert?
Beispiele für Eugenik-Zitate Sarrazins siehe http://guttmensch.blogspot.com/2011/03/sozialdarwinismus-bei-sarrazin-dysgenik.html

Kann er immer noch Kinder, sofern sie Kinder muslimischer Eltern sind, als „demographische Waffe“ bezeichnen? Oder wird er darüber nachdenken müssen, wie er mit diesem Slogan zur Rechtfertigung des präventiven Erschießens palästinensischer Teenager beiträgt? (Sie sind ja nach dieser Interpretation, egal ob sie Waffen tragen oder nicht, durch ihre schiere Existenz selber Waffen, die man natürlich ausschalten muss.)
Zum Beispiel im SPIEGEL vom 08.03.2010 (Druckausgabe), Broders Essay zum Islam; Zitat auf http://www.mein-parteibuch.com/blog/2010/03/10/demographische-waffe/
Lesenswert in diesem Zusammenhang: Eine Kritik aus Israel zum Umsichgreifen des Begriffs von der demographischen Bedrohung, von Gideon Levy in Haaretz https://www.haaretz.com/the-threat-of-the-demographic-threat-1.226002 .
Siehe auch auf diesem Blog Stichworte „Geburtenkrieg“ und „demographische Hochrüstung“; http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/nazi-wissenschaftler.html („Geburtenkrieg“, Buchtitel, Nazi-Zeit);
http://guttmensch.blogspot.com/2011/06/kinder-als-bewaffnung-in-einem-kampf.html („demographische Hochrüstung“, Zitat Gunnar Heinsohn)


Kann er allen Ernstes dabei bleiben, dass es ein Grund zum Stolz sei, im neo-eugenischen Bekenner-Pamphlet des Norwegen-Attentäters Anders Behring Breivik als Referenz genannt zu werden?
O-Text Broder: „Ich habe mit meinen Freunden Leon de Winter und Hamed Abdel-Samad vor kurzem gesprochen, die beiden sind beleidigt, weil sie in dem ganzen Komplex nicht angemessen erwähnt werden“; http://www.stern.de/panorama/broder-und-das-breivik-manifest-man-braucht-einen-suendenbock-1710964.html; siehe auch http://guttmensch.blogspot.com/2011/08/rhetorik-uberdenken.html; http://guttmensch.blogspot.com/2011/12/hate-speech-hassrede.html99


Wir werden es sehen.


Besinnliche Weihnachtsfeiertage und alles Gute im Neuen Jahr wünscht
Magga


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Einschub 11.05.2012

Ein vor Monaten eingesandter Leser-Kommentar an “Achse des Guten” mit einem Hinweis auf diesen Post wurde übrigens niemals veröffentlicht. Unter den veröffentlichten Leser-Kommentaren auf “AchGut” findet sich kaum eine ernsthafte sachliche Kritik – veröffentlicht werden zum einen Applaus-Kommentare, zum anderen fiese antisemitische Tiraden gegen Broder. Warum wird einerseits sachliche Kritik herausgefiltert, andererseits die Kommentarseite mit Geifer gefüllt, als hätten die anonymen Schreiber in ein Textbuch des Antisemitismus gegriffen? Geht es darum, Kritik an Agitationen im Stil von "AchGut" zu delegitimieren?
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In diesem Zusammenhang ebenfalls lesenwert:


“Adieu, Kameraden, ich bin Gutmensch

13.10.2011 · Nicht mehr unter Rechten: Der Konservativismus hat sich selbst verraten. Er ist zu einer Ideologie der Großindustrie und der Kriegsverkäufer geworden. Von Lorenz Jäger
Ich verstehe nicht, warum der Konservative, zum Beispiel, den menschengemachten Klimawandel für Panikmache von Gutmenschen und die Umweltauflagen gegenüber der Industrie für eine sozialistische Erfindung halten muss. Warum das Bekenntnis zu Atomkraftwerken den rechten Rechten ausmachen soll. …
Vor allem will ich nicht verstehen, dass „Islamkritik“ in allen Spielarten, bis hinunter zur offenen Demagogie, fast das einzige Prunk- und Ehrenzeichen konservativer Politik geworden ist. Natürlich verstehe ich es doch. Denn es scheint die einzige Chance neuer rechter, populistischer Parteien und Bewegungen in Europa zu sein, mit diesem Thema einen Wahlerfolg zu landen. …”

Lebensborn und Gnadentod: Inge Viermetz und Josef Viermetz - zwei Schicksale im Zeichen eugenischer Ideologie









Lebensborn-Funktionärin Inge Viermetz
vor dem Nürnberger Tribunal
 
Bild gefunden auf
http://wwwnew.towson.edu/nurembergpapers/
exhibit%20main/film%20strip%20panel/Inge%20Viemertz.htm

Geschichtswerkstatt Mühldorf:
Ecksberg im Nationalsozialismus
Den Toten zum Gedenken
Liste der ermordeten Ecksberger Pfleglinge
... 230 Josef Viermetz ...

Gefunden auf
http://www.geschichtswerkstatt.de/namen.html

Francis Galton und sein Jünger Karl Pearson trugen aktiv dazu bei, dass Galtons Eugenik-Lehre in Deutschland - unter der mit Galton abgestimmten Bezeichnung "Rassenhygiene" - so verbreitet wurde, wie sie es sich als Ideal erträumten: wie eine Religion. 1935 meldete Otmar Freiherr von Verschuer die erstmalige Errichtung eines real existierenden Eugenik-Staates - in Deutschland.

Verschuer schrieb in "Der Erbarzt":
„Der Führer ... ist der erste Staatsmann, der die Erkenntnisse der Erbbiologie und Rassenhygiene zu einem bedeutenden Prinzip der Staatsführung gemacht hat.“
http://guttmensch.blogspot.com/2011/03/eugenik-sozialdarwinismus-biopolitik.html

Hier möchte ich auf zwei Lebensschicksale hinweisen, die im Nationalsozialismus von den Auswirkungen der Eugenik-Lehre bestimmt wurden: Von der sogenannten "positiven Eugenik", auch "positive Rassenhygiene" genannt, in dem einem Fall; von der "negativen Eugenik" bzw. "negativen Rassenhygiene" in dem anderen.

Zur Erinnerung: Die Unterscheidung zwischen "positiver" und "negativer" Eugenik bzw. Rassenhygiene geht auf Francis Galton persönlich zurück (siehe auch seine "Kantsaywhere" Utopie). Als "positive Eugenik" bezeichnete er Maßnahmen, mit denen Überleben und Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit vermeintlich höherwertigen Genen begünstigt werden sollten, als "negative Eugenik" Maßnahmen, mit denen Träger vermeintlich minderwertiger Gene von der Fortpflanzung und von der Verursachung als zu hoch angesehener Kosten für die Gemeinschaft abgehalten werden sollten.

Die eine der beiden Betroffenen, von deren Schicksal hier die Rede sein soll, ist Inge Viermetz, geboren 1908 in Aschaffenburg, Todesdatum unbekannt. Inge Viermetz hatte verantwortliche Funktionen in dem von der SS getragenen Verein "Lebensborn e.V.", dessen Ziel es war, die Erhöhung der Geburtenrate "arischer" Kinder zu fördern; sie brachte es im "Lebensborn" bis zur Abteilungsleiterin. Sie war Angeklagte im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (wegen der Verschleppung "arisch" aussehender polnischer Kinder durch den "Lebensborn"), wurde aber freigesprochen. Die Richter des Militärtribunals waren sogar so entgegen kommend, den 1935 auf Veranlassung von Heinrich Himmler gegründeten Verein als eine “karitative Einrichtung” zu bezeichnen – eine Auffassung, der z.B. der Verein Lebensspuren e.V., eine Interessengemeinschaft ehemaliger “Lebensborn-Kinder” und anderer an der Aufarbeitung des Themas Interessierter, ausdrücklich widerspricht (http://www.lebensspuren-deutschland.eu/?page_id=8).Der SPIEGEL vom 10.04.1948 berichtete noch über den Freispruch (“Inge Viermetz ist wieder bei ihrem Handesvertreter-Gatten und ihren beiden Buben in München”; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44416212.html). - Was danach aus Inge Viermetz geworden ist, weiss nicht einmal Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Inge_Viermetz).

Der andere ist Josef Viermetz, Geburtsdatum unbekannt, gestorben 1940. Josef Viermetz lebte vor seinem Tod - wir wissen nicht, wie lange - in der Behindertenanstalt Ecksberg. Er wurde im Rahmen der "Aktion Gnadentod" in einer Gaskammer im benachbarten Harthein ermordet.
http://www.geschichtswerkstatt.de/namen.html
"Behinderte wurden als Volkesschädlinge gesehen; wer nicht in die Zwangssterilisation einwilligte, wurde lebenslang in geschlossenen Anstalten verwahrt. So wurden Behinderte in geschlossenen Anstalten konzentriert, was dann Hitlers tätlichen Zugriff erleichtern sollte. 1939 kam es zu der Aktion Gnadentod: unheilbar Kranken sollte der ,,Gnadentod" erteilt werden. Unter diesen Aspekten begann im Sommer 1940 die planwirtschaftliche Vernichtung Geisteskranker und Geistesschwacher. Die Personen wurden nach vorbereiteten Listen durch beauftragtes Begleitpersonal in ihren Heimen abgeholt, in staatliche Heilanstalten als Zwischenstation gebracht und dann in endaufnehmenden Anstalten ermordet. Insgesamt wurden so von den 288 Ecksberger Pfleglingen 245 nach Harthein verbracht, wo sie allesamt in den Gaskammern ermordet wurden."
http://www.geschichtswerkstatt.de/
Beide tragen den gleichen Familiennamen; es ist ein wenig verbreiteter Name. (Ergänzung.: "In Deutschland gibt es 18 Telefonbucheinträge zum Namen Viermetz und damit ca. 48 Personen mit diesem Namen"; Stand 12.02.2012; http://www.verwandt.de/karten/absolut/viermetz.html ).
Man kann sich fragen, ob es sich um Verwandte gehandelt haben mag, wie nahe sie sich standen, ob etwa Inge Viermetz mit einer Karriere im Lebensborn bezüglich der Internierung und Tötung eines behinderten Angehörigen, vielleicht eines Kindes, "beschwichtigt" wurde. Aber auch unabhängig davon, ob es eine familiäre Beziehung gab, zeigen ihre Schicksale sehr unmittelbar, zu welchen Auswüchsen die Besessenheit mit der "Tauglichkeit" von Menschen für eine als Gen-Gemeinschaft verstandene "Volksgemeinschaft" führte.
  • Wer in der NS-Hierarchie etwas werden wollte, musste in punkto "Rassenhygiene" in der eigenen Familie mit "gutem Beispiel" vorangehen. Auch Hitlers eigene Verwandtschaft blieb vom Eugenik-Wahn nicht verschont.
    "Die Grazer Familie Veit ist/war mit der Familie Hitler verwandt. Unter anderen die Grosscousine Aloisia Veit *18.07.1891 [ÖS] -
    14.12.1940 [Hartheim, ÖS] - ermordet im Auftrag Hs. in der dortigen Gaskammer der Irrenanstalt (Euthanasie)."
    http://www.welt-des-wissens.com/wissen/person_hitler.htm
    Weitere Info mit Internet-Suche "Aloisia Veit"

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"Positive" und "negative" Eugenik/ Rassenhygiene waren ideologisch und in der praktischen Umsetzung während der Nazi-Zeit nahe beieinander; dies spiegelt sich z.B. in der Karriere des Arztes Heinz Thilo.
Lebensborn und Rampendienst: Aus der Biographie des NS-Arztes Heinz Thilo (1911 – 1945)http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/597574
"Thilo ... arbeitete im Wesentlichen von April 1938 bis Ende 1941 als Frauenarzt bei der „Organisation Lebensborn“. ...  Ab dem 9. Oktober 1942 fungierte er als Lagerarzt in KZ Auschwitz-Birkenau und war dort leitender Arzt des Häftlingskrankenbaus. In dieser Funktion verrichtete er häufig Rampendienst und nahm an den Selektionen teil, bei denen er aus den ankommenden Transporten Juden für die Vergasung bestimmte. Ebenso selektierte er Häftlinge aus dem Häftlingskrankenbau für die Gaskammer und nahm zudem an der Liquidierung des „Theresienstädter Familienlagers“ am 8. März 1944 teil, bei der 3.791 Juden vergast wurden. Laut seinem Kollegen Johann Paul Kremer bezeichnete Thilo Auschwitz als „Anus Mundi“ (Arsch der Welt). ...  Im Oktober 1944 erfolgte Thilos Versetzung in das Konzentrationslager Groß-Rosen, wo er ebenfalls als Lagerarzt bis zu dessen Auflösung im Februar 1945 fungierte. Noch vor der Befreiung des Lagers setzte sich Thilo ab und beging am 13. Mai 1945 in Hohenelbe Selbstmord."

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Ergänzung 18.02.2012

Besteht eine Verbindung zwischen Inge Viermetz und dem prominentesten Träger dieses selten vorkommenden Familiennamens, Kurt F. Viermetz, Jahrgang 1939, vormals Bankmanager (u.a. Deutsche Bank AG; J.P. Morgan & Co.; Saudi International Bank Ltd.; Hypo Real Estate Holding AG), Mitglied des Kuratoriums des Vereins Atlantik-Brücke, Ehrenbürger der Stadt Augsburg?
(
http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_F._Viermetz ; http://www.wiwo.de/koepfe-der-wirtschaft/kurt-f-viermetz/5286384.html)

Das ist mit einer einfachen Internet-Suche nicht ohne Weiteres feststellbar (im Internet zugängliche Biographien von Kurt Viermetz enthalten, soweit ich sehen konnte, keine Hinweise auf Namen von Eltern, Geschwistern, Onkel, Tanten …). Es geht uns auch nichts an – es sei denn, es gäbe Anhaltspunkte für ideengeschichtliche Kontinuitäten und generationenübergreifende soziale Netzwerke und Mentor-Beziehungen, die mit dem Glauben an die Eugenik-Lehre zu tun haben.

Hier wäre z.B. von Interesse, ob in einigen der transatlantischen (deutsch-amerikanischen) Netzwerken, die stark von untereinander freundschaftlich verbundenen “führungsbegabten Familien” und von Beziehungen zum Bankensektor geprägt werden (wie der Verein “Atlantik-Brücke” oder die “American Academy in Berlin”), noch das eine oder andere Stück eugenischer Ideologie mitgeschleppt wird.
Diese Ideologie wurde in der Vor-Nazi Zeit und bis in die frühere Nazi-Zeit hinein auf beiden Seiten des Atlantiks aggressiv propagiert, und es gab dazu lebhaften Austausch. Da man sich nach dem Krieg zur Erklärung der “deutschen Katastrophe” weitgehend auf Theorien vom preußisch-deutschen Militarismus (Meineke), vom “deutschen Sonderweg” (Winkler) und von einem in der deutschen Gesellschaft besonders tief verankerten Antisemitismus (Goldhagen) stützte, wurden Einflüsse von Eugenik und Rassenideologie in transatlantischen Beziehungen wenig thematisiert.   
Über einige gern übersehene Aspekte der Geschichte transatlantischer Netzwerke siehe z.B.  “The Nazi Connection: Eugenics, American Racism and National Socialism” von Stefan Kühl, Oxford University Press, 1994; hier z.B. Fußnote 9 auf Seite 114, Stichwort “Ross”, zur Verbreitung der Idee vom “Rassenselbstmord” (“race suicide”) durch die “American Academy of Political and Social Science”; http://books.google.com/books?id=UGYfRv3DWuQC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false )

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… Nun fand ich doch noch eine Quelle, die einen Vornamen des Vaters von Kurt Viermetz nennt: August.

“Eigentlich wollte Vater August, dass Sohnemann mal seine Ladenkette übernimmt. Doch Kurt Viermetz ging zur Deutschen Bank.”

Aus dem Artikel "Everybody's Darling", Euro am Sonntag, 31.12.2000

A
ber wie passt das nun mit anderen Darstellungen zusammen, wonach seine Mutter ihn allein aufzog, immer darauf hoffend, dass der Vater, ein kaufmännischer Angestellter, aus dem Krieg zurück kommen würde, und die Familie erst 1985 vom Russischen Roten Kreuz erfuhr, dass er in einem Kriegsgefangenenlager gestorben war?
“His father was an ambitious industrial clerk; when he refused to join Hitler's Nazi party, he was drafted as a soldier. Viermetz, born in 1939, has few memories of his father. But he shared his mother's hope that in spite of being reported missing, his father would one day return. It was 1985 before the family was informed by the Russian Red Cross that he had died in a prisoner of war camp.
His mother raised her son alone; there was no money for university. Mindful of the career path of his father, who had trained as a clerk with an Augsburg private bank, Viermetz decided to follow in his footsteps. He applied to Deutsche Bank. ”'
Aus dem Artikel "'We Need to Dispel Mistrust' - Nasdaq's European move doesn't impress Deutsche Börse" von Bettina Wieß, The Atlantic Times, Mai 2006
http://www.atlantic-times.com/archive_detail.php?recordID=504 
Unklar bleibt der Grund, warum die Informationen so spärlich und widersprüchlich sind. Inge Viermetz wurde schließlich freigesprochen. Andere ehemalige Nazis kamen in der jungen Bundesrepublik zu Amt und Würden; Albert Speer junior profitierte als Architekt eher von der notorischen Bekanntheit seines Vaters, als dass sie ihm geschadet hätte. Sogar, wenn Inge Viermetz die Mutter von Kurt Viermetz wäre, wäre dies an sich kein Grund zur Geheimniskrämerei.
Anlass zur Geheimniskrämerei könnte aber sein, wenn Kurt Viermetz AUFGRUND einer verwandtschaftlichen Beziehung zu Inge Viermetz, oder im Zusammenhang damit, eine besondere Förderung, etwa durch Erben oder Nachlassverwalter von J.P. Morgan Jr. (s.u.), erfahren hätte. Dies ist angesichts der Verbindungen J.P. Morgans (Jr.) zur American Eugenics Society und zum Pioneer Fund, und dem möglichem Einfluss dieser Institutionen auf das "Lebensborn"-Konzept, nicht ganz undenkbar. 
Auch wenn es hier um Privatangelegenheiten der Familie geht, rechtfertigt doch der Wiedereinzug des Gedankenguts von der "positiven" und "negativen" Eugenik in die öffentliche Debatte ein Interesse an Aspekten auch dieser Familiengeschichte.  
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Ergänzung (Bild)

J.P. Morgan Jr. (Bild: Library of Congress)

J.P. Morgan Jr. (1896-1943) war ein Mitglied
und Sponsor der American Eugenics Society.
Mit Wicliffe Draper, dem Gründer des Pioneer
Fund, hatte er auch Geschäftsbeziehungen.
Der Pioneer Fund hatte die Propagierung
der Eugenik und die Förderung junger Leute
aus Familien, die als eugenisch besonders
hochwertig angesehen wurden, zum Ziel.
(Siehe auch Stichwort “Pioneer Fund” auf
diesem Blog, besonders
http://guttmensch.blogspot.com/2011/06/
forderung-und-finanzierung-der-eugenik.html
)

Bei der Bank J.P. Morgan machte Kurt
Viermetz Karriere.

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Die Feststellungen des Nuernberger Tribunals zu dem von Heinrich Himmler 1935 gegruendeten “Lebensborn” fielen nicht nur entlastend, sondern geradezu liebevoll aus.
“Das amerikanische Militärgericht, dessen Aufgabe darin bestand, die SS-Organisationen möglichst schwer zu belasten, hielt somit unzweideutig fest, daß der Lebensborn eine karitative Organisation war und sonst nichts.” So heisst es triumphierend in dem Eintrag “Lebensborn” auf der rechtsextremen Version von Wikipedia, Metapedia (http://de.metapedia.org/wiki/Lebensborn).
Metapedia zitiert aus der Urteilsbegruendung:
  „Die Mehrzahl dieser Kinder, die auf irgendeine Weise mit dem Lebensborn in  Berührung gekommen sind, waren volksdeutsche Waisenkinder. Es geht in der Tat aus dem Beweismaterial klar hervor, daß der Lebensborn es zu vermeiden suchte, [ausländische] Kinder in seine Heime aufzunehmen, die noch Verwandte besaßen. Der Lebensborn ging so weit, da, wo die Unterlagen unzureichend waren, ausgedehnte Nachforschungen anzustellen, um die Identität des Kindes zu ermitteln und um herauszufinden, ob es noch Verwandte hatte. Wenn es sich herausstellte, daß noch ein Elternteil des Kindes lebte, dann schritt der Lebensborn nicht zur Adoption wie im Falle von Waisenkindern, sondern gestattete lediglich, daß das Kind in einer deutschen Familie untergebracht wurde, nachdem diese deutsche Familie zuvor einer Überprüfung unterzogen  worden war, die den Zweck hatte, den guten Leumund der Familie sowie ihre Eignung zur Fürsorge und Erziehung des Kindes festzustellen.“ (IMT (Internationales Militärtribunal), Band VII, S. 656, 657)
In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem:
„Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, daß der Verein Lebensborn, der bereits lange vor dem Krieg bestand [Anm. Blogger:  seit 1935 – Nachtijall, ick hoer dir trappsen], eine Wohlfahrtseinrichtung und in erster Linie ein Entbindungsheim war. Von Anfang an galt seine Fürsorge den Müttern, den verheirateten sowohl wie den unverheirateten, sowie den ehelichen und unehelichen Kindern. […]  Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, daß der Lebensborn unter den zahlreichen Organisationen in Deutschland, die sich mit ausländischen nach Deutschland verbrachten Kindern befaßten, die einzige Stelle war, die alles tat, was in ihrer Macht stand, um den Kindern eine angemessene Fürsorge zuteil werden zu lassen und die rechtlichen Interessen der unter seine Obhut gestellten Kinder zu wahren.“
Die Urteilsbegruendung ist von bemerkenswerten Verrenkungen gepraegt. - Natuerlich wurden ausgedehnte Nachforschungen zur Abstammung angestellt. Man wollte nur in solche Kinder investieren, die fuer rassisch hochwertig gehalten wurden. Die Urteilsbegruendung machte daraus die Sorge um die Kinder und ihre Familien. Pflegeeltern wurden danach ausgesucht, dass sie nach NS Vorstellungen rassisch einwandfrei und ideologisch gefestigt waren. Diesen Aspekt laesst die Urteilsbegruendung, die mit einiger Sympathie die Qualitaet der Aufnahme-Familien lobt, voellig aus. Es klingt so, als sei hier der Text eines Gefaelligkeits-Gutachters eins zu eins uebernommen worden.
Wahrscheinlicher als eine allen Nachforschungen standhaltende Untadeligkeit und Hervorragendheit der Organisation Lebensborn ist, dass man eben nicht allzu genau nachforschen wollte – weil es genuegte, zu wissen, dass angesehene Persoenlichkeiten aus Nationen, die die Nuernberger Richter stellten, dem “Lebensborn” in seinen Anfangsjahren unterstuetzend verbunden waren.   
Die Unsichtbarkeit der mit Glanz und Gloria freigesprochenen Frau Viermetz, kurz nachdem sie nach dem Prozess "zu ihrem Handelsvertreter-Gatten und ihren beiden Buben" zurueck gekehrt war, gibt weiterhin Raetsel auf.

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Gefunden mit Stichwortkombination “Fugger Privatbank” “J.P. Morgan” “1935”:

Kein unmittelbarer Hinweis auf Vorkriegs-Geschaeftsbeziehungen zwischen J.P. Morgan und der Fugger Privatbank (wahrscheinlicher Arbeitgeber des vermissten oder auch nicht vermissten Vaters von Kurt Viermetz, der eine Lehre bei einer Augsburger Privatbank gemacht haben soll "trained as a clerk with an Augsburg private Bank"; s.o.); interessanter Link zum Thema Bankengeschichte bis in die Gegenwart hinein


Die historische Fugger Bank galt im NS als Ausdruck deutscher Tüchtigkeit. Dies zeigt sich z.B. darin, dass eine Arbeitsdienst-Abteilung nach dem Gründer Jakob Fugger benannt wurde: Abteilung 2/304 Babenhausen 'Jakob Fugger':

Arbeitsdienst in Schwaben. Ein Bildbericht der Gruppe 304 von Oberfeldmeister Fritz Helmreich. Mit einem Textbeitrag: 'Reichsarbeitsdienst im Kampfe um die Brotfreiheit unseres Volkes' von Feldmeister Theodor Schlecht
Dr.Fritz Helmreich, Oberfeldmeister im Reichsarbeitsdienst / Geleitworte von Gauleiter der NSDAP Gau Schwaben Karl Wahl und Generalarbeitsführer Hans Baumann, Führer Arbeitsgau 30 Bayern-Hochland / Arbeitsdienst RAD
Bookseller: Antiquariat Claus Rietzschel (München, Germany)
Price: US$ 204.14
Book Description: Schwabenland-Verlag Augsburg, 1937. […] aus dem Inhalt: Die Abteilung 1/304 Mering 'Lechfeld 955' / Die Abteilung 2/304 Babenhausen 'Jakob Fugger' / Die Abteilung 3/304 Höchstädt 'Herzog Konrad der Rote' / Die Abteilung 4/304 Bäumenheim 'Hans Burgkmair' / Die Abteilung 5/304 Tannhausen 'Jakob Herbrot'/ Die Abteilung 6/304 Burtenbach 'Schertlin von Burtenbach' / Die Abteilung 7/304 Mindelheim 'Georg von Frundsberg' […]
Gefunden bei Abebooks
http://www.abebooks.com/servlet/SearchResults?bi=0&bsi=240&bx=off&ds=30&kn=Fugger&recentlyadded=all&sortby=17&x=40&y=13&yrh=1939&yrl=1919&prevpage=8

Aber nicht nur deutsche Tüchtigkeit, sondern auch “deutsche Seele” sah man in Jakob Fugger und der Fugger Bank verkörpert; er stand für den Sinn nach Freiheit. - Siehe Stichwort “Fugger” in dieser Buchbeschreibung:

Die dreizehn Bücher der deutschen Seele. Schäfer, Wilhelm
Bookseller: Leonardu (Kalsow, MV, Germany)
Price: US$ 13.79
Book Description: LangenMüller um 1935, München, 1935 […]
Die 1. Auflage erschien 1922 - Eine Zeitreise durch die deutsche Geschichte und Kultur. Inhaltsauszüge in Kapiteln, Stichworte in Klammern: Das Schuldbuch der Götter (Wodan, Frigga, Freya, Fro, Donar, Loki, Baldur), Das Buch der Könige (Griechen, Römer, Goten, Alemannen, Langobarden, Pipin, Karl der Große), Kirche (Jesus, Augustinus, Widukind), Kaiser, Bürger (Sachsenspiegel, Minne, Ritter, Zunft, Gilde, Hansa, Ordensritter, Meistersinger, Schwank, Volkslied), Freiheit (Meister Eckhart, Hussiten, Schwarze Kunst, Reuchlin, Maximilian, Fugger, Dürer, Holbein, Erasmus, Hutten, Luther, Melanchthon, Zwingli, Kopernikus), Zwietracht (Loyola, Calvin, Geusen, Wallenstein, Lützen, Herzog von Friedland, Gustav Adolf, Bernhard von Weimar, Westfälischer Friede), Fürsten (Türken vor Wien, Rembrandt, Der große Kurfürst, August der Starke, Prinz Eugen, Soldatenkönig, Der alte Fritz/Friedrich der Große, Maria Theresia, Joseph II., Pompadour, Marie Antoinette, Mozart), Propheten (Hans Sachs, Bach, Pietisten, Aufklärung, Gellert, Klopstock, Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hölderlin, Brentano, Novalis, Eichendorff, Jean Paul), Erhebung (Beethoven, Napoleon, Rheinbund, Andreas Hofer, Luise, Kant, Fichte, Pestalozzi, vom Stein, Kleist, Tauroggen, Blücher, Völkerschlacht, Caub), Minister (Burschenschaft, Metternich, Arndt, Jahn, Biedermaier, Baukönig, Redekönig, Auswanderer, Schlesische Weber, Weitling, Der achtzehnte März, Hecker, Paulskirche), Preußen (Denker und Dichter, Hebel, Mörike, Stifter, Hebbel, Grillparzer, Schopenhauer, Liszt, Eisenbahn, Zollverein, Der Dänische Krieg, Der Norddeutsche Bund, Emser Depesche, Krieg 1870/71, Sedan, Versailles), Menschen (Elsaß-Lothringen, Darwin, Trompeter von Säckingen, Wagner, Bayreuth, Bruckner, Nietzsche, Keller, Raabe, Dreibund, Habsburg, Sarajewo, Weltkrieg, Marneschlacht, Hindenburg, Unterseeboot, Ludendorff).
Gefunden bei Abebooks


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Ergänzung 16.7.2015




Rassenwahn und Weltherrschaft - Züchten und Vernichten [Doku, deutsch]
Published on 10 Nov 2012

Die Weltherrschaft der nordischen Rasse war das wichtigste Ziel der NS-Ideologie. Besessen davon, gründete Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, den Verein "Lebensborn". Gedacht als konspiratives Entbindungsheim für rassisch wertvolle ledige Mütter, wuchs der Plan für eine Zuchtanstalt heran.


https://www.youtube.com/watch?v=MBJgAYcNRcU