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Sonntag, 25. Dezember 2011

Plötzlich Gutmensch

Ausgerechnet "Achse des Guten", die Webseite von Henryk M. Broder und Mitstreitern, die dem Kampf für genetische Korrektheit und gegen das Gutmenschentum gewidmet ist, hat jetzt (in einem Gastbeitrag von Ludger Weß vom 28.11.2011) die Eugenik gebrandmarkt. 

Zu Recht wird in dem auf "achgut" eingestellten Artikel die "Rassenhygiene" der Nazis als die in furchtbarer Konsequenz umgesetzte Eugenik-Lehre Francis Galtons dargestellt.

"Vor gut einem Jahrhundert waren Experten sich schon einmal über eine drohende Katastrophe einig, und auch damals ging Deutschland voran - ganze Bevölkerungsgruppen wurden schließlich zur Verhütung dieser Katastrophe ihrer Freiheitsrechte beraubt, verstümmelt oder umgebracht. Die Rede ist von der Eugenik.
Diesen Begriff prägte 1883 der britische Gelehrte Francis Galton und definierte ihn als „Wissenschaft von der Verbesserung des Menschen durch Zucht“. Hintergrund war die Befürchtung, Zivilisation in Form von Medizin und Sozialstaat würde unausweichlich in die Katastrophe, sprich Degeneration der Menschheit führen. Denn die Zivilisation ermöglichte doch, dass Menschen, die unter „ursprünglichen“ Bedingungen das fortpflanzungsfähige Alter nicht erreicht hätten, munter Kinder in die Welt setzen konnten, die Kosten verursachten und sich womöglich weiter vermehrten...
Was tun? Die Vorschläge lagen rasch auf dem Tisch. Heiratserlaubnisse sollten
vom jeweiligen “Erbwert” abhängig gemacht werden, “hochwertige” Bevölkerungsteile bei der Eheschließung beraten und mit finanziellen Hilfen zu einer erhöhten Fortpflanzungsrate angehalten werden. Diese “positive”, fördernde Eugenik sei zu ergänzen durch Zwangsmaßnahmen wie Eheverbote, Asylierung und Sterilisierung, um die Vermehrung der “Minderwertigen” zu stoppen...

Nicht nur in Deutschland oder Großbritannien, auch in den USA, Argentinien, Frankreich und selbst im post-revolutionären Russland wurden eugenische Vereinigungen gegründet, die diese Maßnahmen propagierten und daran arbeiteten, sie in Gesetze zu gießen. Eugenische Forschungsinstitute und Lehrstühle schossen wie Pilze aus dem Boden, finanziert vom Staat, von Stiftungen und reichen Individuen. Auch die unter Klimaschützern so beliebten Aktionen „vor Ort, bei den Menschen“ gab es schon: eugenische Ausstellungen und Wettbewerbe um den Titel der „fittesten Familie“ auf Landwirtschaftsausstellungen, Jahrmärkten und Messen.
Eugenik war wissenschaftlicher und politischer Konsens unter Forschern, Medizinern und Bürgern, die sich als aufgeklärt verstanden; Stimmen, die dagegen hielten, waren selten und wurden nicht ernst genommen oder marginalisiert ...
Nirgendwo wurde dieses Katastrophenszenario so ernst genommen wie in Deutschland. ... Den Nationalsozialisten blieb es vorbehalten, die Sache dann schnellstens in die Tat umzusetzen. ..."

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/klimapolitik_und_eugenik_einige_parallelen/


Allerdings, bei dem Artikel geht es eigentlich um etwas Anderes: Durch den Vergleich mit der Eugenik sollen Maßnahmen zum Klimaschutz diffamiert werden. Die Deutschen wären (wohl genetisch bedingt ??) mal wieder vorneweg bei der furchtbar konsequenten Reaktion auf wissenschaftlich daher kommende Katastrophenszenarien - wie schon bei der Umsetzung von Galtons Eugenik-Lehre. Nun gehört Agitation gegen Klimaschutz zu den Standard-Inhalten auf Webseiten, die ideologisch der "Tea Party" Bewegung nahe stehen (dazu rechne ich auch "Achse des Guten"). Neu und unerwartet ist, dass Bezüge zwischen Galtons Eugenik-Lehre und dem Wahn der "Rassenhygiene" in der Nazi-Zeit unumwunden eingestanden werden.

Polemische "Klimaschutz-Kritik" gehört, als zweites großes Thema neben der eugenisch gefärbten „Islamkritik“, zu den Versatzstücken der Agitation von Teilen der „Tea Party“ Bewegung und der ihr nahe stehenden Bloggerszene, die an ihren extremistischen Rändern von Figuren wie „Fjordman“ geprägt wurde. Dieser in den letzten Jahren weit verbreiteten Agitation zufolge würde in westlichen Ländern die veröffentlichte Meinung von einem verschwörerischen Netz von „Multikulturalisten“, Liberals und Gutmenschen (im Deutschen auch als Doppel-Whopper, „liberale Gutmenschen“) beherrscht, die nichts anderes im Sinn hätten, als die westliche Zivilisation zugrunde zu richten. Nur ein paar mutige „Ketzer“, wie Thilo Sarrazin, würden sich dagegen stellen und im Interesse der weißen Mehrheitsgesellschaft der wahren öffentlichen Meinung Ausdruck verleihen. Wenn deren Meinung unterdrückt würde wie bisher, würden bald mal die Bauern ihre Mistgabeln rausholen. Siehe dazu den „Mistgabel“-Artikel von Blogger „Fjordman“, September 2010 (ausführlicher wiedergegeben auf http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/weihnachtslekture-vom-fordman.html). Auszug: Wenn ihre Kritiker beweisen können, dass diese selbsternannten Eliten in wichtigen Fällen, wie der globalen Erderwärmung, dem Islam oder genetischen Unterschieden zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gelogen haben, dann können sie dem Regime einen ernsten Schlag versetzen....“ („Fjordman“ bloggt nicht mehr selbst, zumindest nicht unter diesem Namen, seit bekannt wurde, dass der Attentäter von Oslo und Utøya sein Bekenner-Pamphlet in weiten Teilen aus „Fjordman“-Texten zusammengeklebt hatte.)

Der Vergleich zwischen Eugenik und Klimaschutz, mit dem "Achse des Guten" nun aufwartet, ist an den Haaren herbeigezogen.

Aber von diesem verqueren Vergleich einmal abgesehen: Die Einsicht in die eugenischen Hintergründe der Nazi-"Rassenhygiene", ausgerechnet auf dem Forum der (sich für die wahren Guten haltenden) Anti-Gutmenschen, kann man durchaus als Erkenntnisgewinn verzeichnen.



Henryk M. Broder - plötzlich Gutmensch?


Kann er dann weiterhin Thilo Sarrazin preisen, der sich auf den Eugenik-Begründer Francis Galton bezieht und von „eugenischen“ und „dysgenischen“ Effekten schwadroniert?
Beispiele für Eugenik-Zitate Sarrazins siehe http://guttmensch.blogspot.com/2011/03/sozialdarwinismus-bei-sarrazin-dysgenik.html

Kann er immer noch Kinder, sofern sie Kinder muslimischer Eltern sind, als „demographische Waffe“ bezeichnen? Oder wird er darüber nachdenken müssen, wie er mit diesem Slogan zur Rechtfertigung des präventiven Erschießens palästinensischer Teenager beiträgt? (Sie sind ja nach dieser Interpretation, egal ob sie Waffen tragen oder nicht, durch ihre schiere Existenz selber Waffen, die man natürlich ausschalten muss.)
Zum Beispiel im SPIEGEL vom 08.03.2010 (Druckausgabe), Broders Essay zum Islam; Zitat auf http://www.mein-parteibuch.com/blog/2010/03/10/demographische-waffe/
Lesenswert in diesem Zusammenhang: Eine Kritik aus Israel zum Umsichgreifen des Begriffs von der demographischen Bedrohung, von Gideon Levy in Haaretz www.haaretz.com/hasen/spages/884512.html
Siehe auch auf diesem Blog Stichworte „Geburtenkrieg“ und „demographische Hochrüstung“; http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/nazi-wissenschaftler.html („Geburtenkrieg“, Buchtitel, Nazi-Zeit);
http://guttmensch.blogspot.com/2011/06/kinder-als-bewaffnung-in-einem-kampf.html („demographische Hochrüstung“, Zitat Gunnar Heinsohn)


Kann er allen Ernstes dabei bleiben, dass es ein Grund zum Stolz sei, im neo-eugenischen Bekenner-Pamphlet des Norwegen-Attentäters Anders Behring Breivik als Referenz genannt zu werden?
O-Text Broder: „Ich habe mit meinen Freunden Leon de Winter und Hamed Abdel-Samad vor kurzem gesprochen, die beiden sind beleidigt, weil sie in dem ganzen Komplex nicht angemessen erwähnt werden“; http://www.stern.de/panorama/broder-und-das-breivik-manifest-man-braucht-einen-suendenbock-1710964.html; siehe auch http://guttmensch.blogspot.com/2011/08/rhetorik-uberdenken.html; http://guttmensch.blogspot.com/2011/12/hate-speech-hassrede.html99


Wir werden es sehen.


Besinnliche Weihnachtsfeiertage und alles Gute im Neuen Jahr wünscht
Magga


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Einschub 11.05.2012

Ein vor Monaten eingesandter Leser-Kommentar an “Achse des Guten” mit einem Hinweis auf diesen Post wurde übrigens niemals veröffentlicht. Unter den veröffentlichten Leser-Kommentaren auf “AchGut” findet sich kaum eine ernsthafte sachliche Kritik – veröffentlicht werden zum einen Applaus-Kommentare, zum anderen fiese antisemitische Tiraden gegen Broder. Warum wird einerseits sachliche Kritik herausgefiltert, andererseits die Kommentarseite mit Geifer gefüllt, als hätten die anonymen Schreiber in ein Textbuch des Antisemitismus gegriffen? Geht es darum, Kritik an Agitationen im Stil von "AchGut" zu delegitimieren?
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In diesem Zusammenhang ebenfalls lesenwert:


“Adieu, Kameraden, ich bin Gutmensch

13.10.2011 · Nicht mehr unter Rechten: Der Konservativismus hat sich selbst verraten. Er ist zu einer Ideologie der Großindustrie und der Kriegsverkäufer geworden. Von Lorenz Jäger
Ich verstehe nicht, warum der Konservative, zum Beispiel, den menschengemachten Klimawandel für Panikmache von Gutmenschen und die Umweltauflagen gegenüber der Industrie für eine sozialistische Erfindung halten muss. Warum das Bekenntnis zu Atomkraftwerken den rechten Rechten ausmachen soll. …
Vor allem will ich nicht verstehen, dass „Islamkritik“ in allen Spielarten, bis hinunter zur offenen Demagogie, fast das einzige Prunk- und Ehrenzeichen konservativer Politik geworden ist. Natürlich verstehe ich es doch. Denn es scheint die einzige Chance neuer rechter, populistischer Parteien und Bewegungen in Europa zu sein, mit diesem Thema einen Wahlerfolg zu landen. …”

Kommentare:

  1. "Die Frage, ob es ein spezielles "Isländer-Gen" gibt, würde jeder Isländer mit einem Ja beantworten. Er würde sie weder als rassistisch noch als unwissenschaftlich abqualifizieren.
    Eher als ein Kompliment für eine Wesensart, zum Beispiel dafür, wie Isländer mit Natur- und anderen Katastrophen umgehen. Man krempelt die Ärmel hoch, räumt den Schutt zur Seite und fängt wieder von vorn an. So haben es schon die Wikinger gemacht, so machen es die Isländer noch immer. Man kann es auch Kultur, Mentalität oder Überlieferung nennen."

    Henryk M. Broder in
    Thilo und die Gene
    06.09.2010
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-73600019.html

    Nur:
    Das mit dem Ärmel-Hochkrempeln nach Natur- und anderen Katastrophen trifft zum Beispiel auf Bangladeschis nicht weniger zu als auf Wikinger und Isländer.

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  2. "Was ist schöner, als wenn den Deutschen ein Jude erlaubt, auf die Moslems herabzuschauen. Bingo, das ist der totale Persilschein."

    Jörg Lau
    Warum Henryk Broder Persilscheine ausstellt
    28. September 2010

    http://blog.zeit.de/joerglau/2010/09/28/warum-henryk-broder-persilscheine-ausstellt_4186

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  3. Broder auf "Politically Incorrect", PI

    Auf derselben Webseite wird für "moslemfreie" Länder geworben, siehe z.B.
    #18 Lasker (20. Sep 2014 15:28)
    In diesem Fall würde ich eher nach Irland auswandern, ist praktisch (noch) moslemfrei. ...

    http://www.pi-news.net/2014/09/henryk-m-broder-ueber-deutsche-illusionen/

    "Moslemfrei" ist eine Adaptation des antisemitischen Begriffs "judenfrei"

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    1. Mehr Nazi-Rhetorik auf der gleichen Seite:

      #23 Schüfeli (20. Sep 2014 16:00)
      Richtig soll es nicht „Illusionen“, sondern DEGENERATION heißen.
      Wobei Degeneration keine Beschimpfung, sondern eine ethnisch-biologische Feststellung ist.

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