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Samstag, 3. Dezember 2011

Hate Speech - Hassrede



“Der Rollerfahrer, was der an Steuergelder verschossen hat ...“
Aus einem Kommentar auf PI zu einem Beitrag mit dem Titel
“Auch Schäuble will, dass Sarrazin gefeuert wird”



Wenn im Zusammenhang mit der neuen Eugenik und mit dem sogenannten "Counter-Dschihad" von Meinungsfreiheit die Rede ist, ist oft die Forderung nach Aufhebung von Gesetzen und Regeln gegen "Hassrede" (hate speech) gemeint.


Beispiel: "Wir müssen die “hate speech”-Gesetze loswerden. Europa braucht Redefreiheit mehr denn je zuvor. …“ (Blogger "Fjordman", 2006; https://fjordman.wordpress.com/2006/10/04/losungsvorschlage-ein-vorlaufiger-entwurf/
) ; siehe auch auf diesem Blog "Lesestoff von Fjordman" (http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/weihnachtslekture-vom-fordman.html).

Selbstpromotion von Hassgruppen im Namen der Redefreiheit und des Kampfes gegen die "politische Korrektheit" - vorgemacht hat das z.B. der Ku Klux Klan.
Politische Korrektheit bedroht die Redefreiheit - der KKK rettet sie. Sagt der KKK. Von der Webseite des Ku Klux Klan in den US (http://kukluxklan.bz/):
“Freedom of Speech ... Even today when a Klansman speaks, he is exercising the Constitution, keeping strong and immutable the peoples right to speak and publish their ideas. … When the populace is silenced by fear and political correctness, the Klan steps forward and demands to speak, what could be more relevant?” 

Da der Begriff Hassrede oder "hate speech" in mehreren Textauszügen auf diesem Blog vorkommt, hier eine kurze Erläuterung.


Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hate_Speech
"Der Begriff Hate Speech (engl. Hasssprache, Hassrede) bezeichnet sprachliche Ausdrucksweisen, die zur Ausgrenzung oder Benachteiligung von bestimmten Personen oder Personengruppen, oder sogar zur Gewalt gegen diese, anreizen sollen.
Vor allem in den Vereinigten Staaten wird der Begriff Hate Speech in juristischen, politischen und soziologischen Diskursen verwandt. Im deutschsprachigen Raum fallen Ausdrucksweisen, die zum Hass aufstacheln, unter die Gesetzgebung zur Volksverhetzung (Deutschland) bzw. Verhetzung (Österreich).
Der deutsche Begriff Hassrede stellt eine Form der Hate Speech dar. Zur Hate Speech zählt auch die Benutzung von Ethnophaulismen.
In der juristischen Bewertung gibt es zwischen den Staaten wesentliche Unterschiede. In den Vereinigten Staaten werden freie Meinungsäußerungen geschützt, die nicht tatsächlich einen Aufruf zu Gewalt darstellen. Die Kriterien sind dabei streng ausgelegt: Selbst eine Rede, die Gewalt rechtfertigt oder rassistische Beleidigungen enthält, wird weitgehend geschützt, wenn nicht beweisbar ist, dass es zu „unmittelbarer Gewaltausübung“ kommen wird. Allerdings haben viele private amerikanische Institutionen, insbesondere Universitäten, eigene, strengere Richtlinien gegen "Hate Speech" in ihrem Bereich erlassen.
Vorschriften öffentlicher Universitäten, welche entsprechende Verhaltensweisen verbieten sollten, wurden jedoch durch amerikanische Gerichte immer wieder eingeschränkt.
Eine konsequente Einschränkung dagegen ist die Entwicklung einer spezifischen Regelung für die Leugnung des Holocaust oder anderer Genozide. Unterschiede gibt es insbesondere innerhalb der Europäischen Union, in der Frankreich und Deutschland hohe Hindernisse gegen Hate Speech errichtet haben, während in Großbritannien und Ungarn viele Formen des Hate Speech geschützt sind."


Ethnophaulismus
http://de.wikipedia.org/wiki/Ethnophaulismus
"Ethnophaulismus, von griech. ἔθνος, ethnos, „Volk“ und φαῦλος, phaulos, „gering; wertlos; böse“ ...ist ein 1944 von Abraham Aron Roback geprägter ... (Begriff), der für die abwertende Bezeichnung für eine Ethnie stehen soll. ...Im Angloamerikanischen existiert der Ausdruck Derogatory Ethnic Label, Abk.: DEL, (deutsch: „herabwürdigende ethnische Bezeichnung“), der den Begriff Herabwürdigung als Fachausdruck der Antidiskriminierung einführt. Der Begriff Ethnophaulism konnte sich im Amerikanischen nicht durchsetzen, statt dessen wird heute der Begriff ethnic slur gebraucht.
Auf die Deutschen (bzw. Deutschsprachigen) bezogen gibt es Ausdrücke wie im Amerikanischen Kraut, im Britischen/Amerikanischen Fritz, im Englischen Hun („Hunnen“) ...

Nach einer Untersuchung Irving L. Allens von 1982 ergäben sich in den Vereinigten Staaten abwertende Namensgebungen vor allem im Zusammenhang mit „Immigration, Siedlungsverhalten, Stadtzuzug, Berufsspezialisierung und innergesellschaftlichen Wanderungen spezifischer Volksgruppen.“ ...
Ethnophaulismen dienten nach Allen dazu, Minderheiten sozial unterzuordnen, ihnen den sozialen Aufstieg zu verweigern und sie von Machtmitteln und Einfluss auszuschließen. Vergangene und gegenwärtige Ungerechtigkeiten sollten mit diesen „Wort-Waffen“ im Sinne eines Weißsein legitimiert werden. Es handele sich dabei um einen ideologischen
Prozess."



Anmerkungen: 

Der Begriff "Kopftuchschlampe" aus der rechtsextremen Szene, als "Kopftuchmädchen" von Thilo Sarrazin gesellschaftsfähig gemacht, wird als Ethnopaulismus für Frauen muslimischer Abstammung gebraucht. - Über diesen Begriff siehe auch auf diesem Blog
http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/kopftuchmadchen-kopftuchschlampe.html

Im deutschsprachigen Raum ist die Verknüpfung des Verständnisses von "Volksverhetzung" mit dem des Antisemitismus so eng, dass Blogs, die Hassrede pflegen, (z.B. "Politically Incorrect", "As der Schwerter") sich gern als pro-israelisch bezeichnen, um dem Vorwurf der Volksverhetzung vorzubeugen.

Einen ähnlichen Kunstgriff verwendet Thilo Sarrazin (der die Ergebnisse fragwürdiger Intelligenztests oder vielmehr -hochrechnungen als Beleg für seine eugenischen Thesen anführt) mit der Behauptung, die Nazis hätten von Intelligenztests nichts wissen wollen, da sie diese für eine jüdische Erfindung hielten. Das Gegenteil ist richtig: Nazi-Wissenschaftler interpretierten z.B. die Ergebnisse von Intelligenztest an amerikanischen Rekruten als Beweis für die Überlegenheit der „nordischen Rasse“, setzten sie auch selbst für die „erbbiologische Bestandsaufnahme“ in deutschen Regionen ein und ließen sich von den amerikanischen Intelligenzforschern Terman und Cox zu der Einrichtung von „Führerschulen“ inspirieren. Dennoch kursiert die auf Sarrazin und seinen Ideengeber Volkmar Weiss zurückgehende Behauptung von der Intelligenztest-Aversion der Nazis munter als Internet-Legende.
http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/wie-sich-internet-legenden-verbreiten.html
Unerreicht in der Kunst, sich auf angebliche „jüdische Vermächtnisse“ zu berufen, um Fragwürdiges zu übertünchen und unbequemen Fragen den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist natürlich der frühere hessische CDU-Schatzmeister Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein, der mit dieser Legende die Herkunft „schwarzer Kassen“ zur Parteifinanzierung erklären wollte und damit ein geflügeltes Wort geschaffen hat.
Von diesem Niveau ebenfalls nicht allzu weit entfernt: Henryk M. Broders Selbststilisierung als Vertreter des „Stammes“ (?) der Juden in der Reaktion auf Fragen und Kritik, die eigentlich nur persönliche Äußerungen seinerseits betreffen. Beispiel: Ein Interview mit dem STERN, erschienen in der Online-Ausgabe vom 29. Juli 2011. Frage: „Herr Broder, seit bekannt wurde, dass der Attentäter von Oslo in seinem wirren Manifest auch Sie zitiert hat, werden Sie in vielen Medien attackiert und als "geistiger Brandstifter" bezeichnet. ...“. Antwort: „.... Nachdem ich zu einem Stamm gehörte, der das Christentum, den Marxismus und die Psychoanalyse erfunden hat, bin ich gerne bereit, auch die Verantwortung dafür zu übernehmen. .“ http://www.stern.de/panorama/broder-und-das-breivik-manifest-man-braucht-einen-suendenbock-1710964.html


Vorausschauend sagte der CDU-Abgeordnete Franz Böhm 1960: "Wir können ... gar nicht wissen, gegen was sich der Haß einer künftigen radikalen Bewegung bei uns richtet. Diese Bewegung wird eventuell sagen: Wir werden unseren Haß gegen irgend etwas richten, das nicht im Paragraphen 130' (dem geplanten Gesetz gegen Volksverhetzung) 'steht... Dann sitzen wir wieder da.' "
Aus: DER SPIEGEL 8/ 1960, "Gotteserkennnis (L)"; siehe auf diesem Blog http://guttmensch.blogspot.com/2011/08/gegen-den-kulturmarxismus-glaubte-der.html


Joel Schalit ueber die Austauschbarkeit der Vorurteile (gegen Juden und gegen Muslime): Germany’s ‘Judaeo-Muslim Threat’ (03.09.2010)
http://observers.france24.com/content/20100903-germany-sarrazin-racism-jews-muslims-observers-opinion-joel-schalit


Kritisches ueber hasserfuellte “Islamkritik” (englisch; aus Zeitgruenden zunaechst ohne Uebersetzung); u.a.:

Warum Reporter Richard Peppiatt beim Daily Star kuendigte
Halal Essensangebote in Schulkantinen:  Keine goesseren Sorgen in Frankreich? - Nicholas Sarkozy und seine Anbiederungen an die “Islamkritiker” der Hass-Fraktion

 
 

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Ergänzung 03.01.2012 
 

Klartext“ als Etikett für Hass-Publikationen:

Dietrich Eckart, Lord Alfred Douglas und ihre antisemitischen Zeitschriften
Auf gut Deutsch“ und „Plain English“


Dietrich Eckart (1868 bis 1923) ist vor allem dadurch bekannt, dass Adolf Hitler ihn als seinen Mentor ansah und dies durch eine Widmung in „Mein Kampf“ dokumentierte. Nach der „Machtergreifung“ 1933 soll Hitler geäußert haben: „Was würde mein guter Freund Dietrich Eckart sagen, wenn er uns jetzt sehen könnte … !“ Die heutige „Waldbühne“ in Berlin-Spandau wurde zu den Olympischen Spielen 1936 als „Dietrich-Eckart-Bühne“ eingeweiht.
Eckart, geboren in Neumarkt in der Nähe von Nürnberg, studierte Medizin in München, brach sein Studium aber 1881 ab und arbeitete fortan als Dichter, Bühnenschriftsteller und Journalist. Von seinem Vater, einem königlichen Notar, hatte Eckart ein ansehnliches Vermögen geerbt, das er aber schnell aufgebraucht hatte. 1899 zog Eckart nach Berlin. Dort wurde er der Schützling des Theater-Direktors Graf Georg von Hülsen-Haeseler. Sein größter Erfolg war eine deutschsprachige Adaptation von Ibsens „Peer Gynt“. Mit der Figur des "Peer Gynt" soll er sich Zeit seines Lebens stark identifiziert haben. Sein Stück „Heinrich der Hohenstaufe“ (über den Staufenkaiser Heinrich VI., dem der König von England dem Stück zufolge Treue schwur) wurde 1915 am Königlichen Schauspielhaus in Berlin aufgeführt. Eckart soll es auf Bestellung von Kaiser Wilhelm geschrieben haben, aus Anlass der Hochzeit der Kaisertochter Viktoria Luise mit dem Herzog von Braunschweig. Die Hochzeit fand 1913 statt, aber nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 war Englandfreundlichkeit nicht mehr angesagt; das Stück wurde nur wenige Male aufgeführt.
Noch während des Weltkriegs, ebenfalls 1915, gründete Eckart den Hoheneichen-Verlag, dessen Firmensitz in Wolfratshausen bei München sowie in München-Schwabing lag. Er kehrte nach Bayern zurück, lebte in München und Berchtesgaden. Zwischen 1918 und 1920 gab Eckart im Hoheneichen-Verlag die antisemitische Zeitschrift „Auf gut Deutsch“ heraus, die er mit der Hilfe von Alfred Rosenberg und Gottfried Feder in einer Auflage von 20.000 Kopien publizierte. Den Vertrag von Versailles betrachtete er als Verrat und propagierte in seiner Zeitschrift die Dolchstoßlegende, wonach die Juden und die Sozialdemokraten, von ihm auch als „Marxisten“ bezeichnet, für Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg verantwortlich waren. (Ob seine ca. siebenjährige, 1921 geschiedene Ehe mit der vermögenden Witwe Rosa Marx zu seinem Hass gegen alle, die er als „Marxisten“ bezeichnete, beitrug, ist nicht bekannt.) Die Juden – das „internationale Judentum“ - machte er auch dafür verantwortlich, dass die Völker überhaupt in den Weltkrieg gestürzt worden wären. Juden bezeichnete er als „die Krummen“; das „Weltjudentum“ als „den großen Krummen“ (für ihn symbolisiert durch das Reich der Trolle, die seine frei nach Ibsen gestaltete Bühnenfigur Peer Gynt mit Gaukeleien und verführerischer, aber rassisch unreiner Erotik umfingen). Auch Kritiker seiner Werke, Juden oder nicht, waren für ihn „die Krummen“. Verhasst waren ihm auch Nicht-Juden, die sich gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung von Juden einsetzten; er bezeichnete sie mit dem altertümlichen Begriff „Judentzer“.
In dem von Francis Galtons Eugenik-Lehre („Hereditary Genius“) beeinflussten Geist seiner Zeit entwickelte Eckart eine Ideologie von einem „genialen höheren Menschen“. Dabei griff er besonders auf Schriften von Lanz von Liebenfels zurück, des Gründers der antisemitischen und rassistischen para-religiösen Zeitschrift „Ostara“ (siehe auch Stichworte „Liebenfels“, „Ostara“ auf diesem Blog). Wie andere frühe Förderer der Nazi-Ideologie war Eckart mit der esoterischen „Thule-Gesellschaft“ verbunden.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Eckart einer der Gründer der „Deutschen Arbeiterpartei“, aus der unter Hitlers Einfluss die NSDAP hervorging. Später war Eckart an der Übernahme der Zeitschrift „Völkischer Beobachter“ durch den partei-eigenen Eher-Verlag beteiligt. Hitler und der Nazi-Bewegung verschaffte er ein „offenes Ohr“ bei Industriellen und ihren Vereinigungen, z.B. über seinen Freund Dr. Emil Gansser, dessen Bruder „Deutschland Erwache“ vertont hatte.
Eckart starb Ende 1923 - mit 55 Jahren - in Berchtesgaden an einem Herzinfarkt. Sein schlechter Gesundheitszustand wird zum einen mit einer lebenslangen Morphin-Abhängigkeit, zum anderen mit den Folgen eines Gefängnisaufenhalts (wegen Verleumdung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert) in Zusammenhang gebracht; Letzteres trug dazu bei, dass er für seine Anhänger in die Nähe eines „Märtyrers“ gerückt wurde.
Prägende Begriffe und Schlagworte der Nazi-Zeit, darunter „Das Dritte Reich“ und „Deutschland Erwache“ gingen auf seine Propaganda zurück. Antisemitismus verstand er als Kampf gegen den "Antichristen": „Im deutschen Wesen ist Christ zu Gast – drum ist es dem Antichristen verhaßt". Er soll der Erste gewesen sein, der Adolf Hitler (1921) als „Führer“ bezeichnet hat. Der von ihm gegründete Hoheneichen-Verlag wurde während des Zweiten Weltkriegs offiziell als „Verlag der Hohen Schule“ bezeichnet.
Heute ist Dietrich Eckart eine der Kultfiguren der Neonazi-Szene. Er wird z.B. auf Metapedia, einem rechtsextremen Gegenentwurf zu Wikipedia, als Kronzeuge für die Warnung vor „charakterlicher Überfremdung“ angeführt.
Publikationen aus dem Hoheneichen-Verlag wirken bis heute auch in die gesellschaft-liche Mitte hinein, so z.B. das 1939 in der 1. Auflage erschienene Buch „Politik, Technik und Geist“ des seinerzeit leitenden Wirtschaftsredakteurs des „Völkischen Beobachter“, Fritz Nonnenbruch. Nonnenbruch verstand Technik als Ausdruck von „rassebedingter Genialität“ und propagierte ein „völkisches Schöpfertum“. (Vergleiche die Sorge von heute, nur Menschen einer bestimmten Abstammung könnten aktuell gemeldete und künftige Lücken bei den MINT – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – Berufen füllen.)

Lord Alfred Douglas (1870 – 1945) war ein Autor, Dichter und Übersetzer. Er stammte aus altem britischen Adel, war der dritte Sohn des schottischen Edelmanns John Sholto Douglas, 9th Marquess of Queensberry, und seiner Frau Sybil, geb. Montgomery. Sein wohl bekanntestes Gedicht ist „Two Loves“ mit der Schlusszeile von der „Liebe, die ihren Namen nicht aussprechen darf“ („I am the Love that dare not speak its name“).
In seinen Jugendjahren war Douglas Weggefährte und Liebhaber des damals schon prominenten Schriftstellers und Dramatikers Oscar Wilde. Er blieb ihm bis zu dessen Tod über Spannungen und Trennungen hinweg emotional verbunden. Douglas soll an Wildes Seite gewesen sein, als dieser 1900 in einer Pariser Pension starb. Er war jedenfalls bei seiner Beerdigung - zusammen, wenn auch wohl nicht ganz einträchtig, mit Robert Baldwin Ross, dem anderen wichtigen Lebensgefährten Wildes, der zu dessen Nachlassverwalter wurde.
Der Marquess of Queensberry konnte sich mit der Homosexualität des Sohnes nicht abfinden und ließ ihn immer wieder seine Verachtung spüren. Auf sein Betreiben geht zurück, dass Oscar Wilde wegen „grob unsittlichen Verhaltens“ vor Gericht kam, eine Gefängnisstrafe absolvieren musste, seine Reputation verlor und nach Frankreich ins Exil ging. Der Vater war Atheist und zeitweise Präsident der Atheistenvereinigung „British Secular Union“. Der Sohn, Lord Alfred Douglas, wandte sich später (dokumentiert ab 1911) dem Katholizismus zu. Wohl nicht zuletzt über eine Form des klerikalen Faschismus kam er zum Antisemitismus.
Von 1907 bis 1910 gab Douglas, mit Hilfe von T. W. H. (Thomas William Hodgson) Crosland eine Zeitschrift namens „The Academy“ heraus. Im Zeitraum 1920 – 1921 ließ Douglas „The Academy“ wieder aufleben, jetzt unter dem Namen „Plain English“. Was mit dem Anspruch des Titels, „klares Englisch“, verbunden war, stellte sich bald heraus: Antisemitismus der damals neuen Art, nämlich Verschmelzung von Antisemitismus, Anti-Bolschewismus und rückwirkende Erklärung geschichtlicher Ereignisse als Teil der vermeintlichen Verschwörung des Weltjudentums (z.B. eine Neu-Interpretation der Rolle Oliver Cromwells in diesem Sinne). „Plain English“ lobte den englischen Faschistenführer Mosley („British Union of Fascists“), propagierte die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ als Beweis für die angebliche jüdischen Weltverschwörung und brachte Auszüge von Texten des russischen „Grafen“ Cherep Spiridovich, dessen antisemitische Ergüsse („The Hidden Hand“) in den USA im gleichen Verlag erschienen wie das Pamphlet „Gravediggers of Russia“ mit den ins Englische übertragenen Versen von Dietrich Eckart.
1923 verbrachte Douglas wegen einer antisemitischen Verleumdung gegen Winston Churchill (dieser habe etwas mit dem Tod von Lord Kitchener zu tun) mehrere Monate im Gefängnis. Spätere schlechte Gesundheit führte er auf den Gefängnisaufenthalt zurück. In den 1930er Jahren und bis zu seinem Tod korrespondierte er lebhaft mit einigen bekannten Persönlichkeiten seiner Zeit, darunter mit George Bernard Shaw und mit der als Frauenrechtlerin geltenden Eugenik-Anhängerin Marie Stopes (derselben, die Hitler einen Band der von ihr verfassten Liebesgedichte geschickt hatte; siehe Stichwort „Stopes“ auf diesem Blog). 1941 fiel er noch einmal damit auf, dass er ein Sonnett zum Lobpreis von Churchill verfasste. Er starb 1945 an Herzversagen.
Von 1902 bis1913 war Douglas verheiratet mit Olive Eleanor Custance, einer wohlhabenden Erbin und Dichterin; die Ehe endete in Scheidung. Der einzige Sohn, Raymond, verbrachte einen großen Teil seines Lebens in psychiatrischen Anstalten; er starb1965.
Durch die Zusammenarbeit von Douglas' früherem „Rivalen“ Robert Ross mit dem Wilde-Übersetzer Max Meyerfeld wurden die Theaterstücke Oscar Wildes zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland sehr populär. In den frühen Jahren der Nazi-Zeit verschwanden Wildes Stücke keineswegs von der Bühne – aber statt der Übersetzungen des Dr. Meyerfeld, der nach den Nürnberger Gesetzen Jude war, kamen jetzt die frei gestalteten, der Nazi-Ideologie angepassen Bearbeitungen des „völkischen“ Bühnenschriftstellers Karl Lerbs zur Aufführung. Erleichtert wurde dies dadurch, dass Ross, der als Wilde's Nachlassverwalter Einwände hätte erheben können, 1918 gestorben war. Ob Douglas in diesem Zusammenhang in Erscheinung trat, ist nicht bekannt.
Nicht ohne Weiteres feststellbar ist auch, ob Douglas mit Dietrich Eckart oder seinem unmittelbaren Umfeld Kontakt hatte, etwa über die Theaterszene oder über antisemitisch-esoterische Verbindungen, wie sie die Thule-Gesellschaft, der Eckart nahe stand, zeitweise auch in England gepflegt haben soll (Stichwort "Golden Dawn"). Dass es zumindest ideologische Bezüge gab, legen die sehr verwandten Inhalte ihrer Zeitschriften nahe; ebenso deren Nähe zu der von Cherep Spiridovich verbreiteten Propaganda - und nicht zuletzt die sehr ähnlichen Titel mit dem „Klartext“-Gestus auf „gut Deutsch“ und in „plain English“.


Quellen zur Biographie Dietrich Eckart:

Wikipedia, Einträge (deutsch) „Dietrich Eckart“ und „Hoheneichen-Verlag“
Dietrich Eckart - An Introduction For the English-Speaking Student, by William Gillespie, 1975. (In Auszügen im Internet eingestellt am 23 August 2004 von einem Käufer, der das Buch antiquarisch erworben hatte)
Buchbeschreibung von “suum cuique” (einem Antiquariat in Berlin) zu Eckarts Drama “Lorenzaccio” mit biographischen Anmerkungen und dem Dietrich-Zitat “Im deutschen Wesen ist Christ zu Gast…”
http://www.abebooks.com/servlet/SearchResults?kn=%22christ+zu+gast%22&sts=t&x=34&y=11


Zum Beleg der Rezeption Eckarts in der Neonazi-Szene: Metapedia, Eintrag „Dietrich Eckart“http://de.metapedia.org/wiki/Eckart,_Dietrich
 
Quellen zur Biographie Lord Alfred Douglas:

Wikipedia-Einträge „Alfred Douglas“ und „Robert Baldwin Ross“ (jeweils in Deutsch und Englisch; die englischen Versionen sind ausführlicher)

Biographie Lord Alfred Douglas auf „poemhunter“
 

Lobende Erwähnung des Lord Alfred Douglas in der Verlagswerbung für Cherep Spiridovichs "Hidden Hand": Siehe auf diesem Blog
http://guttmensch.blogspot.com/2011/08/bolschewisten-gesichter-das.html

Beschreibung des Antiquariats “Maggs Bros. Ltd" (London)” zu Kingdom Come. The Magazine of War-Time Oxford, WALLER (John) and HARRIS (Kenneth), editors; 1939-1943”. Sammlung kriegs-patriotischer Beiträge britischer Literaten und Personen des öffentlichen Lebens (einschl. Marie Stopes, Lord Alfred Douglas). Enthält die Anfangszeile von Douglas’ Sonnett an Churchill ("Winston Churchill - Not that of old I loved you over-much …") http://www.abebooks.com/servlet/BookDetailsPL?bi=758207253&searchurl=kn%3D%2522alfred%2Bdouglas%2522%2Bplain%26sts%3Dt%26x%3D52%26y%3D17

Außerdem berücksichtigt
Rainer Kohlmayer (Universität Mainz/ Germersheim): Übersetzung als ideologische Anpassung: Oscar Wildes Gesellschaftskomödien mit nationalsozialistischer Botschaft. Ohne Datum (um 1995) 
English: Oscar Wilde's Society Comedies With a National Socialist Message
http://www.rainer-kohlmayer.de/downloads/files/comedies_message.pdf


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“By 1939, no less than 750 fascist organizations had been formed in the United States, and were flooding the country with pro-Axis, anti-Semitic and anti-Soviet bulletins, magazines, newsletters and newspapers. In the name of saving America from Communism, these organizations and publications called for the overthrow of the Government of the United States, the establishment of an American fascist regime, and an alliance with the Axis against Soviet Russia.
On November 18, 1936, William Dudley Pelley, chief of the Nazi-inspired Silver Shirts, declared: - Let us understand thoroughly that if a second civil war comes to this country, it will not be a war to overthrow the American government, but to overthrow the Jew-Communist usurpers who have seized the American government and bethought themselves to make it a branch office of Moscow...
After the Nazi invasion of Soviet Russia, Father Charles E Coughlin, leader of the pro-Nazi Christian Front, declared in the July 7, 1941, issue of his propaganda organ Social Justice. - Germany's war on Russia is a battle for Christianity... We remember that atheistic Communism was conceived and brought to birth in Russia chiefly through the instrumentality of godless Jews. …
… Harry Augustus Jung … was like the Dietrich Eckart of the Nazi anti-Communist Philosophy. Both Walter Steele and Major John B. Trevor were classic Wickliffe Draper Nazi sympathizers or even worse … (Major) John B. Trevor, Sr., OSJ who was head of the American Coalition of Patriotic Societies, started by Wickliffe Draper of The Pioneer Fund, an organization which in 1942 was listed by a Department of Justice indictment as an agency which had been used in a conspiracy to undermine the morale of the United States armed forces. Trevor was intimately associated with anti Soviet White Russians, and his organization constantly spread anti-Soviet propaganda. He and his son were also on the Board of The Pioneer Fund. …
Representative Hamilton Fish, II of New York, visited Soviet Russia in 1923… In the early 1930's, as chairman of a Congressional committee to investigate "American communism," Fish was the chief spokesman of the White Russian anti-Soviet emigres in the United States … Among the "experts" who supplied Fish's committee with material were the former Okhrana agent, Boris Brasol, and the German propagandist, George Sylvester Viereck. After Hitler came to power in Germany, Fish hailed the Nazi leader as the man who had saved Germany from Communism. … In February 1942 it was disclosed at the trial of the Nazi agent Viereck that Fish's Washington office had been used as the headquarters of a Nazi propaganda ring …”
Aus “Nut Country”,




Anmerkungen:

·    Interessant, dass Protagonisten des Pioneer-Fund, der sich der pseudo-wissenschaftlichen Untermauerung und Verbreitung der Eugenik gewidmet hat (siehe Stichwort “Pioneer Fund” auf diesem Blog), auch waehrend des Krieges als Nazi-Sympathisierer in Erscheinung getreten sind.
·    George Sylvester Viereck, der in diesem Text als Teil des anti-bolschewistischen Netzwerks von Nazi-Sympathisierern genannt wird, fuehrte 1923 ein Interview mit Adolf Hitler, in dem dieser sich gegenueber der internationalen Oeffentlichkeit als Bekaempfer des Marxismus/ Bolschewismus stilisierte (siehe z.B. http://www.guardian.co.uk/theguardian/2007/sep/17/greatinterviews1). Viereck hatte viele Korrespondenz-Partner, darunter auch Lord Alfred Douglas. Er schrieb sogar die Einleitung zu einem von dessen Buechern (The City of Soul, 1925). Es ist nicht weit hergeholt, anzunehmen, dass Viereck eine Verbindung zwischen Douglas und Hitlers Mentor Dietrich Eckart hergestellt haben koennte, und dass die Aehnlichkeit der in den fruehen 1920er Jahren erschienenen antisemitischen Zeitschriften im “Klartext”-Gestus, “Auf gut Deutsch” (herausgegeben von Dietrich Eckart) und “Plain English” (herausgegeben von Lord Alfred Douglas) kein Zufall ist.


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Freedom of Speech:
"Kill Baby, Kill"

http://www.youtube.com/watch?v=ASpXr5XRXL0

Freitag, 2. Dezember 2011

Entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss: Der Fall Leopold und Loeb (1924)

"Der zuständige Staatsanwalt Svein Holden gab an, dass Breivik nach Meinung der Psychiater komplett von «bizarren und größenwahnsinnigen ("grandiosen") Zwangsvorstellungen» beherrscht sei. «Danach kann er nach eigener Auffassung entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss», berichtete Holden weiter ... " (s. voriger Post).

Es ist gut möglich, dass der Attentäter von Norwegen aufgrund der Diagnose "paranoide Schizophrenie" für unzurechnungsfähig erklärt wird. Bedeutet eine solche Diagnose, dass Einflüsse aus dem geistigen Umfeld eines Menschen für eine begangene Wahnsinnstat keine Rolle gespielt hätten?

Ein historischer Kriminalfall deutet darauf hin, dass äußere Einflüsse an der Entstehung größenwahnsinniger ("grandioser") Zwangsvorstellungen bis hin zu der Überzeugung, zum Morden berechtigt zu sein, maßgeblich beteiligt sein können: Der Fall Leopold und Loeb.

Die beiden College-Studenten Richard Loeb und Nathan Leopold, 19 und 20 Jahre alt, töteten 1924 in Chicago den 14-jährigen Robert Franks, einen Verwandten Loebs. Motiv: Inspiriert von Schriften Friedrich Nietzsches sahen sich die jugendlichen Mörder als "Übermenschen". Mit ihrer Tat wollten sie das perfekte Verbrechen begehen und sich dadurch ihrer Überlegenheit vergewissern. Vor dem Mord hatte Leopold an Loeb geschrieben: "Ein Supermann (oder Übermensch, je nachdem, wie man "superman" zurück ins Deutsche übersetzt) ist, wegen gewisser überlegener Qualitäten, die ihm eigen sind, von gewöhnlichen Gesetzen der Menschen ausgenommen. Er ist keine Rechenschaft schuldig für was immer er tut."
("A superman ... is, on account of certain superior qualities inherent in him, exempted from the ordinary laws which govern men. He is not liable for anything he may do.")
http://en.wikipedia.org/wiki/Leopold_and_Loeb


Der Hitchcock Film Rope, 1948, mit James Stewart in der Rolle der Lehrers, der seine Schüler für Nietzsche begeistert hat und dem langsam dämmert, was seine Musterschüler getan haben, geht auf diesen Fall zurück. (Links: Szenenbild) http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ropetrailer2.jpg



Die Gerichtsverhandlung im Fall Leopold und Loeb war bahnbrechend für die Einführung des Plädoyers auf Unzurechenfähigkeit (insanity plea) in den USA und anderen Ländern.http://www.novelguide.com/a/discover/adec_0001_0003_0/adec_0001_0003_0_00856.html


Loeb und Leopold (im wirklichen Leben) mit ihrem Verteidiger vor Gericht. - Bei beiden wurden weit ueberdurchschnittlich hohe IQ-Werte ermittelt. Sie hatten das "perfekte Verbrechen" begehen wollen.
http://testaae.greenwood.com/doc_print.aspx?fileID=C8336&chapterID=C8336-360&path=books/greenwood





Zu "Herrenmoral" und "Übermensch"-Philosophie nach Nietzsche siehe auch auf diesem Blog (u.a.)
http://guttmensch.blogspot.com/2011/03/eugenik-sozialdarwinismus-biopolitik.html


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Übermensch-Philosophie und Ego-Shooter-Spiele: Melanie Van Oort über Aspekte der „Selbstvergöttlichung“ bei jugendlichen Amokläufern am Beispiel des Massakers an der Columbine High School (1999)

aus dem Studienkreis (Studiekring) René Girard
Murder, Suicide and Self-Divinization in the Media Age
Dr. Melanie J. Van Oort – Hall
Cologne, 24 February 2010

Auszüge (aus Zeitgründen zunächst ohne Übersetzung)

„Since the most notorious shooters have been known to write diaries, create websites, where they detail their real and perceived grievances as well as film videos of themselves ranting and raving about their future crimes, an explanation for the crimes can be found in what seems to be the perpetrators’ fanatical desire for attention, but also the worldview that supports their need for it. For many of the shooters, fame or better infamy has become a substitute for immortality, causing them to perceive their violent death or willingness to die in a barrage of gunfire as a form of self-divinization. Furthermore, the young shooters’ too frequent self-identification with ‘God’ or ‘a god,’ and their desire to attract followers, implies that their violence has – to some extent -- a religious connotation...
Columbine became the benchmark from which to measure other shootings, but also the model which other shooters have attempted to imitate and surpass. In fact, many later shooters often admit to Columbine imitation and mention Eric Harris and Dylan Klebold as their ‘models’ or ‘heroes’ in their final video addresses and suicide notes... Although Columbine represented something new; nevertheless, it too modeled another home-grown terrorist activity, namely, the Oklahoma City Bombing. This bombing occurred on the 19th of April, 1995 and received extensive media coverage, lasting for years. Furthermore, in the apocalyptic destruction that the perpetrators hoped to create, they also sought to commemorate the birthday of Adolf Hitler, whom Harris admired...
On the day of the shooting, Harris in fact wore a t-shirt with Natural Selection printed on it. Harris’ understanding of natural selection was based on neo-Nazi ideological social Darwinism ... In his diaries, he wrote about the need to kill anyone, whom he deemed abnormal or weak, and even provided a list of traits… Nevertheless, in one of his last diary entries, he lamented about feeling excluded, because he looked different or weird... He believed that his hatred for others originated in his hatred of himself. ...
Furthermore, the boys were not deprived and came from well educated, upper middle class families that most people would consider good, stable homes, where neither violence, racism nor anti-Semitism were propagated ... The popular belief that they came from bad or even underprivileged homes is unfounded... In a country where millions have easy access to weapons, the Klebolds, half Jewish, apparently only owned a BB gun...
They even fantasized about crashing a plane in New York City, two years before September 11, revealing how the mind-set of these juvenile school shooters is closely related to that of other suicide terrorists. ...
Harris wrote: If you recall your history the Nazis came up with a ‘final solution’ to the Jewish problem. Kill them all. Well in case you haven’t figured it out yet, I say ‘KILL MANKIND.’ No one should survive. We all live in lies.
Although there are no easy answers, one thing that most of the killers seem to have in common is their obsession with violent virtual reality games. Dr. Jerald J. Block, who writes against admitting a direct link between violent computer games and children’s behavior, nevertheless, admits that the thousands of hours that the perpetrators spent behind the screen playing games that simulate mass annihilation somehow “changed” them or at least their way of thinking. ... Children, who are obsessed with games, become immersed into its virtual reality and start to integrate the games’ primitive narratives into their way of thinking, blending the virtual with the real. For example, Eric Harris became so obsessed with the game ‘Doom’ that he wrote: “Doom is so burned into my head my thoughts usually have something to do with the game. … What I cant do in real life, I try to do in doom.’” ... Doom ... is a “first-person shooter” (FPS) game that introduces the gamer into an imaginary world that strongly resembles a Hobbesian state of nature, that is, a war of all against all.
In his book Sources of the Self, which to an extent is a refutation of what he calls the “naturalist temper” that permeates western culture, ... Charles Taylor makes a good argument that our metaphysical vision, or understanding of reality, determines our moral actions in society. ... Taylor’s arguments are significant since many of the shooters claim -- despite their rejection of objective reality -- to be following ‘nature.’ ... Although it’s difficult to say to what extent the shooters actually read or understood their philosophies, in one of his last diary entries, a few months before the Columbine attack, Eric Harris wrote that he loved Friedrich Nietzsche and Thomas Hobbes, … two philosophers whose worldviews and moral understandings were decidedly naturalistic, whom Harris had learned about in a high school philosophy class. As most are aware, Hobbes posited that in the ‘state of nature,’ a state he imagines without man-made institutions, there would be a permanent state of “war of all against all (Bellum omnium contra omnes).”... Harris would have virtually experienced the Hobbesian state through his obsession with the game ‘Doom.’
First, it is important to emphatically state that there is no causal link between the shootings and learning about Hobbes and Nietzsche in a high school philosophy class; nevertheless, I would contend that the shooters’ juvenile confrontation with these philosophers, coupled with their obsession with violent video games that simulate a virtual Hobbesian state of nature, might have provided a rationale or justification for disparaging societal rules and norms as well as reality as such in order to execute their pubescent rage and envy on their peers. For Harris, objective reality had become an illusion... He believed that the Earth should be given back to the animals ... and longed for the elimination of all laws, rules, obligations so that so-called ‘human nature’ could take over and destroy itself, leaving only the fittest to reshape the world...“
To paraphrase Nietzsche in The Gay Science, ... where the madman announces the death of God, one must become a god oneself in order to appear worthy of the deed.... The fact that Nietzsche discusses God’s death as a murder and not as his death by old age is one of Girard’s most important insights into Nietzsche’s philosophy and perhaps our contemporary brand of atheism. In a post-Judeo-Christian morality, murder that makes one famous becomes the foundation of a new type of divinity; yet, it is one that strongly resembles that of the pagan gods of old. It is perhaps then significant that both Harris and Klebold made many references to being or becoming godlike, and Harris even compared himself to the Greek god Zeus...
As shown, postmodern divinity is achieved through the orchestration of spectacular and ‘entertaining’ violence that often ends in murder and suicide, leading to a form of celebrity, namely, the infamy of the perpetrators. In our late modern western society, fame has become a substitute for immortality and people worship the famous as if they were gods...“


Van Oort paraphrasiert in diesem Artikel einen Aphorismus von Friedrich Nietzsche aus „Die fröhliche Wissenschaft“: Man müsse selbst zum Gott werden, um der Tat (Gott zu töten) würdig zu sein.
Zu diesem Aphorismus siehe auch
Jürgen Werbick: Wurzeln der Religions- und Christentumskritik Friedrich Nietzsches. In: Natürlich, Nietzsche!: Facetten einer antimetaphysischen Metaphysik. Von Klaus Müller (Hg.), LIT Verlag Münster, 2002; Seiten 48-71, insbesondere Seite 60
Werbick führt aus, dass nach Nietzsche „Die große Ökonomie des Lebens … verlangt, daß man vernichte, was für das aufsteigende Leben bloß Hemmung, Gift, Verschwörung, unterirdische Gegnerschaft sein würde...“.
Werbick: „Ich halte es für unehrlich, wenn man in einem gedenktagsseligen Soft-Nietzscheanismus diese fatale Konsequenz nicht wahrhaben will und Nietzsches Denken halbiert, um sich einen schicken Intellektuellen-Atheismus leisten zu können...“
Nietzsche sehe die Menschen dazu verurteilt, „selber zu Göttern zu werden“ (Originalzitat Nietzsche), um der Tat des Gottesmordes würdig zu sein.

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Bezug auf Nietzsche im Bekenner-Pamphlet „2083“ des Norwegen-Attentäters Anders Behring Breivik (heruntergeladen kurz nach dem Attentat; Link – wenig später abgebrochen - und weitere Auszüge siehe http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/eine-karikatur-aus-dem-pamphlet-des.html):

„The Judeo-Christian religions played an important and influential role in building the once mighty West but we also discovered that these religions contained a serious flaw that has sewed the seeds of the suicidal demise of the indigenous peoples of Western Europe and our cultures. This flaw was identified by the brilliant German philosopher Friedrich Nietzsche who described it as "an inversion of morality" whereby the weak, the poor,the meek, the oppressed and the wretched are virtuous and blessed by God whereas the strong, the wealthy, the noble and the powerful are the immoral and damned by the vengeful almighty Yahweh for eternity. Nietzsche, with great insight and perception, stated that Christianity would be abandoned en masse in the twentieth century but that Westerners would still cling to this inversion of morality. I then described how Marxists and Liberals exploit this inversion of morality by creating large numbers of "victim groups", groups who form minorities in Western society but whose "victim status" is used to dictate morality to the majority ...
Should any person have the temerity to criticise any one of these "victim" groups, they will be viciously smeared and deemed guilty of numerous hate-crimes, the new heresy of the Liberal-Multicultural religion. The plain fact that this situation is destroying the west because it flies in the face of Mother nature ...“

Nietzsche wird hier mit seinem Schlagwort von der „Umkehrung der Moral“ zitiert. Nietzsche hätte den Irrtum des Christentums erkannt, den Schutz der Schwachen zu einem moralischen Wert zu erklären. Dieser Aspekt der judäo-christliche Tradition, so Breivik, sei gegen den Willen der Natur, die wolle, dass die Starken sich durchsetzen, und führe zu der suizidalen Selbstabschaffung (suicidal demise) „der eingeborenen Völker Westeuropas und unserer Kulturen“. Die Marxisten und Liberals (gemeint sind hier natürlich nicht Wirtschaftsliberale, sondern Sozialliberale; auf Neudeutsch auch „Gutmenschen“ genannt; http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/ja-gutmenschen-ist-tatsachlich-die.html) hätten die „Umkehrung der Moral“ ausgenutzt, um eine große Zahl von „Opfergruppen“ zu schaffen. Die „Opfergruppen“ würden von den Marxisten und Liberals-Gutmenschen eingesetzt, um mit mit ihrer Hilfe der Mehrheit eine Diktatur der Moralität aufzuzwingen.


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Ergänzung 13.11.2012
Nietzsche – Inspiration für Übermensch-Fantasien?
Bezüge auf Nietzsche (ausdrückliche Zitate oder Nennung als bevorzugte Lektüre) finden sich, neben anderen Gemeinsamkeiten, bei mehreren Schul-Amokläufern. Das gilt u.a. für Eric Harris (s.o.), Luke Woodham *,  Steven Kazmierczak *, Pekka-Eric Auvinen **.
Diese Gemeinsamkeit ist nicht so durchgehend wie die intensive Beschäftigung mit bestimmten Videospielen vom Typ Ego Shooter (die alle Schul-Amokläufer betrifft, von denen ich gelesen habe, einschließlich der Amokläufer von Erfurt und Winnenden). Sie ist aber doch bemerkenswert.

Über den finnischen School Shooter Auvinen ist auf Markenpost.de u.a. weiter zu lesen:

“Er nannte sich "Sturmgeist89", war ein Verehrer Hitlers - und richtete in einer finnischen Schule ein Blutbad an. Seinen Plan hat der Schüler vorab auf dem Videoportal YouTube veröffentlicht: "Ich bin bereit für den Kampf", sagte der 18-Jährige Gymnasiast. Die virtuelle Drohung machte "Sturmgeist89" mit einem blutigen Amoklauf in der Jokela High School wahr. Adolf Hitler war sein Vorbild.
Der 18-jährige Abiturient Pekka-Eric Auvinen war belesen, er mochte George Orwells «1984» und zitierte Nietzsche: Einen Philosophen, der vom Übermenschen besessen war, dessen "Wille zur Macht" schon die Gedanken von Adolf Hitler prägten. Nietzsche sprach von Massenliquidationen im Dienst der Höherzüchtung und zur Sicherung von Ungleichheiten. Von Anfang an plädierte er für eine Gesellschaft, in die "Sklaverei", eine klare Kastenordnung und ein Alleinherrscher gehören. Alle diese Ideen hat sich der Nationalsozialismus später zunutze gemacht. …
Doch Nietzsches Denken war widersprüchlich …  Der Philosoph hat dabei schon immer Wege eröffnet, die er selber nie gegangen wäre. …
Das Weltbild des "Sturmgeists": … Alles Unvollkommene wolle er vernichten: Bleibe «natürliche Auslese» aus, helfe er nach. Das wollte einst auch Hitler, als dessen Fan sich der junge Mann outet, durch die Videos, die er im Web veröffentlicht: Reden des Führers, Diktatoren und Führer des letzten Jahrhunderts, unterlegt mit Musik. …
Auf mehreren Videos ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter seine Waffe testet oder den Amokläufern von Columbine huldigt. Auf seiner Porträtseite finden sich außerdem Aussagen über seine Weltanschauung. Dort heißt es: "Ich bin bereit zum Kampf und zum Sterben. Ich, als ein natürlicher Selektierer, werde jeden töten, den ich als wertlos ansehe." In seinem Profil nennt er als Lieblingsband „Rammstein“, sein liebster Film sei "Matrix". Sein Profil auf YouTube endete mit den Worten: "Und denk daran, dies sind mein Krieg, meine Ideen und meine Pläne... Beschuldigt nicht meine Eltern meine Freunde oder irgendwelche Computerspiele". …“


Auvinen war auch ein Fan des finnischen Polemikers Pentti Linkola (nachzulesen bei Langman, s.o.), vgl. das Linkola-Zitat auf
http://guttmensch.blogspot.de/2012/09/ueber-gleichheit-und-ungleichheit.html


Selbst von dem Columbine High School Massaker inspiriert, inspirierte Auvinen mit seinem Beispiel einen weiteren Schul-Amokläufer, Matti Saari, so dass Finnland kurz hintereinander (2007 und 2008) zwei dieser Tragödien zu verzeichnen hatte.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

«Zuchtprojekte mit Norwegern in Reservaten»

"Oslo (dpa) - Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ist nach Überzeugung von zwei Rechtspsychiatern wegen «paranoider Schizophrenie» nicht zurechnungsfähig."

"Der zuständige Staatsanwalt Svein Holden gab an, dass Breivik nach Meinung der Psychiater komplett von «bizarren und größenwahnsinnigen ("grandiosen") Zwangsvorstellungen» beherrscht sei. «Danach kann er nach eigener Auffassung entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss», berichtete Holden weiter aus dem 243 Seiten umfassenden Gutachten."

"Holden sagte, die Rechtspsychiater hätten ihn als jemanden geschildert, «der sich für den perfektesten Ritter seit dem Zweiten Weltkrieg hält». Breivik habe in den 13 Gesprächen von insgesamt 36 Stunden Dauer auch vermittelt, dass er sich für einen «zukünftigen Regenten» halte. Er habe außerdem menschliche «Zuchtprojekte mit Norwegern in Reservaten» angekündigt."

http://www.zeit.de/news/2011-11/29/terrorismus-gutachter-breivik-paranoid-schizophren-29170203


Siehe auch auf diesem Blog Stichwortsuche "Breivik"
u.a.
http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/gegen-das-ideal-der-gleichartigkeit.html

Stichwort "Lebensborn"
u.a.
http://guttmensch.blogspot.com/2011/12/lebensborn-und-gnadentod-zwei.html

Stichwort "Norwegen"
u.a.
http://guttmensch.blogspot.com/2015/07/hommage-blog-besucher-aus-norwegen.html

August Forel: Verteidiger der "Kulturmenschheit"

Rassenwahn
Wie Eugenik die Köpfe eroberte
Von Ernst Klee

DIE ZEIT 05.09.1997

http://www.zeit.de/1997/37/Wie_Eugenik_die_Koepfe_eroberte

Auszug:

"Ein Schweizer dachte vor. Die Skandinavier erließen als erste Sterilisierungsgesetze. Die Deutschen trieben den Rassenwahn bis zum Massenmord

August Forel, ein Mann, der die Ausmerzungsphantasien zahlreicher Forscher beflügeln soll, wird am 1. September 1848 auf einem Landgut bei Morges im Kanton Waadt geboren. Als Junge darf er nicht mit anderen Kindern spielen, ohne Begleitung des Dienstmädchens kann er nicht einmal den Garten betreten. Prüderie plagt ihn, so daß er nie im Freien badet und auch nie schwimmen lernt. Der Landwirtssohn wird in der Schule ein Objekt des Spotts und der Prügel seiner Mitschüler.

August Forel entdeckt zwischen dem fünften und achten Lebensjahr seine Vorliebe für Ameisen, vor allem für die "beiden Sklaven haltenden Ameisenarten der Schweiz". Als Medizinstudent seziert er die Insekten, studiert ihren Kaumagen und ihre Giftblase. Das bestärkt seinen Wunsch, Psychiater zu werden. So hat er es in seiner Autobiographie ("Rückblick auf mein Leben") beschrieben.

1874, Forel ist 26 Jahre alt, erscheint sein erstes Werk über die Ameisen der Schweiz. Dies trägt ihm die Bekanntschaft mit Charles Darwin ein, der die These aufgestellt hat, daß die schlecht Angepaßten durch Auslese ausgemustert werden.

Darwin schrieb von Stiefmütterchen und Purzeltauben, von Pflanzen und Tieren.

Seine Nachfolger ("Sozialdarwinisten") übertrugen den Kampf ums Dasein auf die Sozialgemeinschaft: Minderwertige Menschen vermehrten sich auf Kosten der hochwertigen, die natürliche Auslese werde durch Medizin und Sozialleistungen gehemmt. Darwins Vetter Francis Galton entwickelt daraus seine Erbgesundheitslehre, die "Eugenik" (die Nationalsozialisten werden später von "Erbpflege" reden).

August Forel wird im August 1879 Direktor der Zürcher Irrenanstalt Burghölzli. Um seine Keuschheit zu bewahren, bittet er Freunde, eine "möglichst alte und häßliche Haushälterin zu beschaffen". Eines Tages hört er eine Stimme: "Du mußt Apostel der Wahrheit werden." Der Wahrheitsapostel bekämpft fortan den Alkohol, bekennt sich zum Sozialismus und stellt sich die Frage: "Welche Rassen sind für die Weiterentwicklung der Menschheit brauchbar, welche nicht? Und wenn die niedrigsten Rassen unbrauchbar sind, wie soll man sie allmählich ausmerzen?"

Forel ist einer der ersten Rassenhygieniker. Er sieht einen "Konkurrenzkampf der Rassen", bei dem die Weißen durch die Geburtsraten der "Neger, Japaner und Chinesen" und die Vermehrung der Minderwertigen im eigenen Land bedroht werden. Forel 1904: "Wenn dann die schlechteste Menschenware Dutzende von Dummköpfen, Verbrechern, Krüppeln, Tuberkulösen und sonstigen Mißgestalten erzeugt hat, bauen wir überall Irrenanstalten, Siechenhäuser, Korrektionshäuser, Idiotenanstalten, Epileptikeranstalten, Altersasyle und Zuchthäuser, um die schlimmsten Früchte ihrer Entartung auf unsere Kosten zu versorgen. Und wir merken nicht, daß diese Art Humanität die Kulturmenschheit allmählich zugrunde richtet." ..."

Forels Bild erschien auf einer Schweizer Banknote, und mindestens eine Schule ist nach ihm benannt.
http://en.wikipedia.org/wiki/Auguste-Henri_Forel ;
http://en.wikipedia.org/wiki/Forel_International_School

"Kulturmenschheit":
Dieser Begriff findet sich z.B. auch bei Wilhelm Schallmeyer, "Über die drohende Entartung der Kulturmenschheit..." (1891); zitiert in "Anthropology at War: World War I and the Science of Race in Germany" von Andrew D. Evans (1992)
http://books.google.co.ke/books?id=CpFb4AeKWqoC&lpg=PP1&pg=PP1#v=onepage&q&f=false
S. 248


Über Wortkombinationen mit "Kultur", die von eugenisch-rassenhygienischen Denktraditionen geprägt sind ("Kulturträger", "Kulturbereicherer" als zynische Bezeichnungen) siehe auch den vorigen Post, http://guttmensch.blogspot.com/2011/11/kulturtrager-kulturbereicherer-zynische.html

Samstag, 26. November 2011

Kulturträger, Kulturbereicherer: zynische Worte, tödliche Bedeutung. - Mit Zitaten aus der “Sürag”, Hrsg. Franz Burda, 1940

Der Begriff “Kulturbereicherer” ist seit einigen Jahren eine zynische Bezeichnung für in Deutschland lebende Menschen, die nicht rein deutscher oder nordeuropäischer Abstammung sind. Er stammt aus dem rechtsextremen Milieu und drückt radikale Ablehnung der Vorstellung aus, Menschen aus anderen, nicht-nordeuropäischen Kulturen, die in Deutschland leben, könnten das Leben in Deutschland in irgendeiner Weise bereichern.  Aufgewertet wird er dadurch, dass er in kurzer Zeit auch in die Mitte der Gesellschaft eingesickert ist. Thilo Sarrazin griff diesen Begriff zustimmend auf – mit Umschreibungen, ohne ihn direkt verwenden. Gut nachvollziehbar ist dies z.B. an einer Formulierung im Schlusskapitel seines Buches “Deutschland schafft sich ab” (s. Stichwort “Kulturbereicherer” auf diesem Blog; insbesondere http://guttmensch.blogspot.com/2011/12/anbiederungen.html ).


Der extreme Hass, mit dem sich dieser Begriff verbindet, richtet sich nicht nur gegen die “Kulturbereicherer” selbst, sondern ebenso gegen die vermeintlichen Handlanger von Fremdrassen- Import und Rassenselbstmord, eben die “Gutmenschen”.  Im militanteren Jargon werden letztere u.a. auch als “Zecken” bezeichnet, was die Notwendigkeit von Insektenbekämpfung nahe legt. Am Bekenner-Pamphlet des Norwegen-Attentäters Anders Behring Breivik lässt sich nachvollziehen , dass ein Teil der Hasser von “Gutmenschen” (im englischsprachigen Text des Breivik-Pamphlets “Liberals”) diesen nicht “nur” Naivität, sondern feindliche Verschwörung unterstellt. Das Ziel der “Liberals” (Gutmenschen, Zecken u. ä.) sei es, durch Import fremder “Rassen” das Abendland in den kulturellen Selbstmord zu treiben. Breivik nannte das, in Anlehnung an Verschwörungstheorien, die u.a. von Peder Jensen alias “Fjordman” verbreitet wurden, Kulturmarxismus (s. Stichwort “Kulturmarxismus” auf diesem Blog).

Der neudeutsche, zynisch gemeinte Begriff “Kulturbereicherer” hat einen Vorläufer: Den ebenfalls zynisch verwendeten Gänsefüßchen-Begriff “Kulturträger”.

Diesen Begriff fand ich in einer Zeitung aus dem Jahr 1940, die ich über ein Internet-Antiquariat erworben hatte. Die “Hype” um Sarrazin und Unterstützung für neo-eugenischen Denkmuster in der Zeitschrift Focus, bis hin zu auffallend tendenziösen Darstellungen über die Sarrazin-Debatte und über die amerikanische Tea Party Bewegung - sogar in einer subventionierten Jubiläums-Ausgabe für nur 1 Euro statt wie sonst 3,50 - hatte mich neugierig gemacht auf Geschichte und Tradition des Burda-Verlags. (Besagte Focus-Jubiläumsausgabe erschien am 17. Januar 2011, begeistert begrüßt auf einschlägigen Blogger-Foren wie "PI", dem mit der "Genabfall"-Rhetorik.)

Traditionsreiche deutsche Verlagshäuser ebenso wie neu eingestiegene Verlagsgründer, die den Geist der Zeit erfassten, haben sich während der Nazi-Zeit und z.T. bereits Jahre und Jahrzehnte zuvor (auf der von Galton begründeten Eugenik-Bewegung schwimmend) für die Verbreitung eugenisch-rassenhygienischen Gedankenguts stark gemacht. Den Burda-Verlag hielt ich bis dahin zwar für eine Nachkriegs-Gründung, wollte mich aber genauer informieren. Eine Suche bei “Abebooks.com” nach Publikationen, die das Stichwort “Burda” enthielten und zwischen 1900 und 1945 erschienen waren, ergab einen einzigen Fund: Ein Antiquariat bot einen Stapel von Original-Exemplaren der “Sürag” aus den Jahren 1940 und 1941 an. Ich verzichtete auf den Kauf eines neuen Mantels und erwarb stattdessen diesen Stapel. “Sürag” war die Zeitung, in der das Programm des Südwestdeutschen Rundfunks veröffentlicht wurde, also eine der ersten Rundfunkzeitschriften in Deutschland, oder überhaupt die erste deutsche Zeitung oder Zeitschrift dieser Art.

“Frankreichs ‘Kulturträger’”, Original-Abbildungen und Bildunterschriften aus der Rundfunkzeitschrift “Sürag”, Hrsg. Franz Burda, Ausgabe vom 23. Juni 1940 (Nr. 26):



Die Ausgabe, auf die ich hier Bezug nehme, ist vom 23. Juni 1940 (Nr. 26). Das Titelbild zeigt Adolf Hitler und Benito Mussolini. Auf der Rückseite zwei Karikaturen von Hans Buhr, bei denen es um den vermeintlich bevorstehende Niederlage der Alliierten in Norwegen und um die vermeintliche Rolle der Juden als Kriegshetzer geht. Impressum: “Verantwortlich für den gesamten Inhalt: Dr. Franz Burda, Offenburg. Verlag: Sürag-Verlag Burda & Co., Offenburg, Adolf-Hitler-Straße 13 …. Zur Zeit ist Preisliste Nr. 10 vom 15.3.1937 gültig.” 
Siehe auch http://zettelmaus.blogspot.com/2011/12/grundlage-der-volksgemeinschaft-blut.html (mit weiteren Bildern, die nicht im Burda Museum zu finden sind)


 Der zynisch verwendete Begriff “Kulturträger” findet sich in der Mitte des Blattes auf der linken Seite (die Seiten sind nicht numeriert), in der Überschrift zu einer Bilderfolge: “Frankreichs ‘Kulturträger’”. Gegenüber, auf der rechten Seite des Mittelteils, nimmt neben dem SWR-Programm für Sonntag, 23. Juni, und einer Übersicht der Frequenzen aller deutschen Sender ein Artikel des Reichssendeleiters Eugen Hadamovsky, “Unser Kriegsrundfunk”, den zentralen Platz ein.

Zu der Bilderfolge “Frankreichs ‘Kulturträger’” gehören fünf Fotos afrikanischer Kriegsgefangener, die im Auftrag Frankreichs gekämpft hatten. Bild-Unterschriften (im Uhrzeigersinn von rechts oben nach links oben):
“So sieht die Armee unserer Feinde aus! Ein zusammengewürfelter Haufen wilder Horden.”
“Neger aus Senegambien und von der Elfenbeinküste.”
“Gefangene wurden von Frankreich besonders als Heckenschützen ausgebildet.”
“Hinterhältige Mordlust, jeden ehrlichen Kampf vermeidend, zeichnet diese Mordbuben aus, die Frankreich retten sollen.”
“Aufnahmen: PK-Dr. Storz, Scheunemann, Bankhard (PBZ), PK-Bade (Hoffmann), PK-Ulrich (Weltbild)”.



Gibt es Zusammenhänge zwischen dem zynischen Begriff “Kulturträger” von damals und dem zynischen Begriff “Kulturbereicherer” von heute?
Die Begriffe sind inhaltlich sehr ähnlich, fast identisch. In beiden Begriffen steckt die Aussage, dass diejenigen, die damit bezeichnet werden, a) aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen “Rasse” “minderwertig” seien und das Gegenteil von Kultur verkörpern würden, b) von verräterischen Angehörigen der eigenen “Rasse” als Werkzeug eingesetzt würden, um Kultur zu zerstören. Darin steckt auch der Aufruf, sich gegen die “Kulturträger”/ “Kulturbereicherer” und diejenigen, die sie kommen ließen, mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. (Siehe auch auf diesem Blog Posts zum Bekenner-Manifest des Attentäters von Norwegen, Anders Behring Breivik, und Stichwort “Kulturmarxismus”.)
Ob und wie die Propaganda von damals, durch das Kriegserleben emotional hoch beladen, in heutigen Wahrnehmungen und Erklärungsmustern nachwirkt und zur Erschwerung einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Migration beiträgt, wäre ein lohnendes Thema z.B. für Diplom- und Doktorarbeiten.

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Zu "Kulturbereicherer" und anderen Begriffen aus dem Vokabular des Hasses

"Politblogger", 29. August 2009
http://www.politblogger.eu/aehnlichkeiten-nicht-zufaellig-und-durchaus-beabsichtigt/

"Die ZEIT
befasste sich gestern mit der nicht ohne Grund verschwurbelten Sprache der aktuellen Nazis. Eine kleine Auswahl mit Verwendungsnachweisen:
Schuldkult [...] Holocaust-Religion [...] Umerzieher [...] Ostküste [...] Wie eine Krake [...] Erfüllungspolitiker [...] internationale Plutokratie [...] Systempolitiker [...] Systemparteien [...] Multikulti-Extremisten [...] Multikulti-Umerzieher [...] Asylbetrüger [...] Kulturbereicherer [...] multikriminelle Gesellschaft [...] "

Zu dem Schlagwort "Erfüllungspolitiker" ist auch noch die englische Version, "appeasement politician" interessant. Dass diese Wortkeule die entsprechende englische Bezeichnung ist, geht z.B. aus dem folgenden Artikel auf einer einschlägigen Webseite hervor, in dem ein in deutscher Sprache erschienenes Buch von Jan Fleischhauer auf Englisch gelobt wird.
Weiteres Synonym: "multiculturalist" ("the appeasement politician, the multiculturalist" ...).
Also, "Erfüllungspolitiker" bedeutet im Sprachgebrauch der "Szene" dasselbe wie "Multikulturalist".
http://www.citizentimes.eu/2009/10/08/why-is-germany-as-it-is-or-the-disastrous-consequences-of-the-1968-generation-%E2%80%93-a-splendid-and-polemical-analysis/

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Ergänzung 10.12.2011

Nichts gewesen:

Wenn die Sürag in Biografien Franz Burdas und in Darstellungen der Verlagsgeschichte überhaupt erwähnt wird, dann meistens ähnlich wie in dem folgenden Text:

"Ten year’s later (1927, Anm.) , Franz Burda Jr., Hubert’s father, launches the first issue of the Burda, a magazine containing the schedule for the radio program of Surag. Hubert Burda was born into this publishing family in 1940. When he was five years old, at the end of World War II, his father began raising the family business out of the ashes, printing schoolbooks and stamps for the French occupation zone. Soon the Burda company stood on its own two legs, and in 1948, the first issue of Das Ufer was published, the predecessor of today’s Bunte. The following year, Surag returned, and Burda issued a new magazine, on modern home decorating." 

http://www.nacional.hr/en/clanak/18125/hubert-burda-8220we-are-expecting-a-lot-from-nacional-as-a-partner-and-we-hope-to-get-a-good-start8221

Die Sprachregelung, auch von Wikipedia und zahlreichen weiteren Quellen übernommen, lautet "Burda trat Mitte der 1930er Jahre in die NSDAP ein, engagierte sich jedoch nicht politisch."
http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Burda
Aus den Jahren 1933 - 1945 werden in den gängigen Quellen dann noch die "Umstellung auf die Tiefdrucktechnik" und die Geburt von Franz Burda Jr. genannt.

Dazu passt das Sarrazin-Zitat:
"Die Bundesrepublik der frühen fünfziger Jahre war ein sehr modernes Staatswesen... Die Angehörigen der Führungsschichten und der Bürokratie waren zu 90 Prozent willige Helfer der Nazidiktatur gewesen; das wirkte sich aber keineswegs auf ihre Effizienz beim Wiederaufbau aus."
("Deutschland schafft sich ab", 1. Ausgabe, Seite 13)


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Ergänzung 4. Juli 2013


Das deutsche Wort „Kulturträger“ hat in die russische Sprache Eingang gefunden (культуртрегер). Hier ist es durchweg ironisch gemeint, allerdings angewendet auf diejenigen, die sich selbst für die Kulturträger halten und anderen die Kultur absprechen; z.B. als ironische Bezeichnung für „Kolonisatoren“ (колонизаторах).

Im Schwedischen gibt es, analog zum Deutschen, sowohl ein (älteres) Wort für „Kulturträger“, als auch ein neueres Wort für „Kulturbereicherer“: kulturbärare – kulturberikare.
Analog zum Deutschen wurde „kulturbärare“ („Kulturträger“) ernst gemeint für „nordische Völker“ verwendet; darüber hinaus wahrscheinlich auch in der ironischen Bedeutung für vermeintlich Minderwertige. Mit „kulturberikare“ („Kulturbereicherer“) werden, ausschließlich ironisch gemeint, nur Menschen vermeintlich minderwertiger ethnischer Herkunft bezeichnet.

Zu „kulturbärare“ siehe Wiktionary, Link oben.
Zu „kulturberikare“ siehe Motargument (schwedisch) – bei der Gelegenheit danke für die Übernahme der Illustration aus der SÜRAG mit Verweis auf diese Seite

Da „kulturbärare“ und „kulturberikare“ vom Wortklang her noch näher zusammen sind als „Kulturträger“ und „Kulturbereicherer“, ist vorstellbar, dass das Nachfolgewort „kulturberikare“ von schwedischen Rechtsextremen geprägt wurde und als „Kulturbereicherer“ in die deutsche Rechtsradikalen-Szene herüberschwappte. Es kann auch im direkten Zusammenwirken schwedischer und deutscher Rechtsextremer, z.B. im Umfeld des 2009 verstorbenen Altnazi-Nachlassverwalters Jürgen Rieger, entstanden sein.
(Siehe Stichworte „Rieger“ und „Schweden“ auf diesem Blog, z.B.

Zwar behaupten deutsche Rechtsextreme gern, das Wort „Kulturbereicherer“ sei von der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer geprägt worden, als sie sagte, Zuwanderer könnten das Leben in Deutschland bereichern – aber ihr diese Wortschöpfung zu unterschieben, ist ziemlich weit hergeholt.


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"Culture Enricher" - offenbar aus dem Deutschen ins Englische übersetzt.
Culture-Enricher Goes AWOL in London

Von der "islamkritischen" Webseite "Gates of Vienna".
Diese Seite enthält bezeichnenderweise auch den Aufruf
"So kill the Muslims and there will be no Islam !!"

http://gatesofvienna.blogspot.co.ke/2011/06/wilders-to-ezra-levant-hate-speech-laws.html

"Gates of Vienna" hat sogar "Cultural Enrichment Archives"
http://gatesofvienna.blogspot.co.ke/2009/07/cultural-enrichment-archives.html