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Dienstag, 26. April 2011

Wilhelm (William) Stern - von Sarrazin instrumentalisiert

Sarrazin führt Wilhelm (William) Stern als Kronzeugen für die „deutsch jüdischen Ursprünge der Intelligenzforschung“ an, um - fälschlicherweise* - nahezulegen, die Nazis hätten von Intelligenzforschung nichts wissen wollen. Dass er sich weiter über Stern und seine Arbeit informiert hat, muss allerdings bezweifelt werden.
* siehe auf diesem Blog http://guttmensch.blogspot.com/2011/04/nazi-wissenschaftler.html

Denn Stern wies schon früh auf die Tücken einer Überschätzung der Aussagefähigkeit von Intelligenzquotienten hin. „Mit Sicherheit“, so schrieb er, „gab es und gibt es immer noch eine übertriebene Gläubigkeit an die Macht der Zahlen. Ein Intelligenzquotient zum Beispiel kann von vorläufigem Wert sein als eine erste grobe Annäherung wenn man eine Orientierung über den mentalen Level eines Individuums sucht. Aber wer immer sich einbildet, mit dieser Zahl „die Intelligenz“ eines Individuums ein für allemal erfasst zu haben, so dass er die intensivere qualitative Studie nicht mehr braucht, der hört da auf wo Psychologie anfängt.“

Stern lag also nicht auf der Linie derer, die in eine IQ-Zahl alles hineinlasen, was Intelligenz und Leistungsfähigkeit und deren Vererbung betrifft, sondern hatte eine differenziertere Sicht. Diese teilte er z.B. mit Walter Lippmann, der bereits 1922 darauf hinwies, dass ein Teil der Intelligenzforscher den Aussagewert des IQ völlig übertrieben und nicht nur behaupteten, dass sie "die" Intelligenz messen würden, sondern gleich mit dazu, dass das, was sie maßen, „angeboren, erblich und vorherbestimmt“ sei. Weiter sagte er (sehr vorausschauend): „Intelligenztestung in der Hand von Männern, die dieses Dogma vertreten, kann nur zu einem intellektuellen Kastensystem führen.“

Die Intelligenzforscher Lewis M. Terman und Catherine Cox (Mitarbeiterin Termans), deren Studien ausführlich und beflissen von dem Nazi-Eugeniker Reinöhl zitiert wurden (s. vorigen Post), glaubten hingegen uneingeschränkt an die umfassende Aussagekraft der IQ-Messung. Sie „rekonstruierten“ sogar die IQ verstorbener Berühmtheiten wie Napoleon, Lincoln, Goethe, da Vinci, Galileo usw. Den hoechsten IQ schrieben sie ihrem Idol Francis Galton zu, der seinen Vetter Charles Darwin, sich selbst und ihre Angehoerigen als Musterbeispiel fuer die ueberlegene Intelligenz bestimmter Familien angefuehrt hatte. Terman glaubte fest, dass das schlechtere Abschneiden schwarzer Amerikaner bei Intelligenztests genetisch bedingt sei, ungeachtet der starken Bildungsabhängigkeit und ethnozentrischen Ausrichtung (ausgehend von Lebensmilieus der weißen Mittelschicht) der verwendeten Tests.

Informationen und Zitate (in eigener Übersetzung) aus „Race and IQ“ von Ashley Montagu (Hrsg.), Oxford University Press, erweiterte Ausgabe 1999


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Über die Arbeit von Lewis M. Terman siehe z.B. auch
http://www.welt.de/wams_print/article1081649/Hoehepunkte_der_Intelligenzforschung.html
http://books.google.com/books?id=DFNaiswz3eUC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Entwicklung und Förderung hochbegabter Schüler aus psychologischer Sicht
Lewis Terman begann ... Wen wundert es, dass Cox – ganz im Sinne ihres ... Wir wollen über die völlig unbefriedigende Methodik dieser Studien nicht lange diskutieren. ...
sbndb.de/web-content/hochbegabung/Materialkoffer_180506/...
Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung der Universität Erfurt „Herausforderungen der Bildungsgesellschaft“, 11. 6. 2002, Prof. Dr. Ernst Hany, Fachgebiet Psychologie, Universität Erfurt

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Da "M." bei Terman für "Madison" steht, habe ich noch die Kombination von "Lewis Terman" und "Madison Grant" (dem wesentlichen Begründer der Idee von der genetischen Überlegenheit der "nordischen Rasse") gegooglet, um zu sehen, ob sie vielleicht aus der gleichen Familie kommen. Denn als Mittelname wird im Amerikanischen oft ein Familienname von der mütterlichen Seite genommen. Zudem ist es ist tatsächlich so, wie der Volksmund schon immer wusste und frühe Erbforscher in der Tradition von Galton und Terman bestätigten - die einflussreichsten Leute kommen zu einem hohen Prozentsatz aus den gleichen Familien. (Nur sagt dies allein noch nichts über das Verhältnis von Erblichkeit und "Vitamin B" aus.) - Die Frage nach eventuellen Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Terman und Grant konnte ich nicht klären (zu viele Links, zuviel Arbeit; die Stichwortkombination mit "Genealogy", sonst hilfreich bei der Suche nach Familienbeziehungen, bezieht sich bei den Suchergebnissen hier oft auf die Ahnenforschung als einen Gegenstand der Forschung Termans). Aber dass rassistische Grundeinstellungen, wie Madison Grant sie vertrat, das Design und die Deutungen von Intelligenztests durch den zwölf Jahre jüngeren Terman und andere beeinflusst haben, erscheint bei Durchsicht von Suchergebnissen mit der Kombination "Lewis Terman" und "Madison Grant" sehr deutlich. 


Erwähnenswert ist z.B. diese Quelle:
Instituting a Hierarchy of Human Worth: Eugenic Ideology And the ...
von AG Winfield - 2010Madison Grant (author of The Passing of the Great Race and longtime head of ..... Hall, Lewis Terman, who developed the Stanford-Binet test which was the ...
docs.rwu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1009&context=sed_fp


Und noch dieses, dazu muss ich aber ausdrücklich sagen "ohne Gewähr" (was natürlich grundsätzlich für alle Links gelten muss, auch wenn ich mich bemühe, auf die Qualität der Quellen zu achten):
A Time Track of Eugenics
1916 Madison Grant publishes The Passing of the Great Race, concerning Nordic superiority. Hitler later writes
him a letter thanking him for writing this ...
home.earthlink.net/~thetabus/eugenics/eutt-4.htm - Im Cache

Die Geschichte mit dem Hitler-Dankesbrief an Madison Grant steht auch auf Wikipedia, allerdings ohne Quellenangabe (Fett-Markierung von mir vorgenommen).
"Hitler schickte an Madison Grant einen begeisterten Fan-Brief, in dem er Der Untergang der Großen Rasse (1925 auf Deutsch erschienen) als „seine Bibel“ bezeichnet. ... Hitler übernahm die Rede von den „minderwertigen“ Rassen, sie sollten verschwinden zugunsten einer gestärkten „nordischen Rasse“. Das hieß bei Grant „Nordisizing“, bei den Nazis dann „Aufnorden“. "
http://de.wikipedia.org/wiki/Madison_Grant

Der "Fan-Brief" wird auch in einem Video-Clip ("Eugenics") erwähnt:
http://upge.wn.com/?query=eugenics&template=cheetah-photo-search%2Findex.txt&sources=youtube&sources=vimeo&sources=dailymotion&sources=yahoo&sources=blip&action=search

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Die Idee, die Bemessung der Leistungsfähigkeit ethnischer Gruppen nach angeblichen durchschnittlichen IQ-Werten „zum antifaschistischen Widerstand hochzustilisieren“, kommt offenbar von dem Ahnenforscher und Romanautor Volkmar Weiss. Dessen Wirkungskreis und sein weitreichender Einfluss auf Sarrazins Texte wurden auf diesem Blog schon angesprochen (http://guttmensch.blogspot.com/2011/03/erstaunliches-aus-dem-reich-artam.html).



Thomas H. Barth schrieb schon am 14.2.2001:
„Wird das deutsche Volk dümmer, weil die Intelligenten immer weniger Kinder bekommen? Unter dieser Fragestellung referierte eine offenbar begeisterte WELT am SONNTAG unter dem Titel "Deutschland in der Intelligenzfalle" angeblich "brisante Thesen" des Leipziger Humangenetikers und Genealogen Volkmar Weiss über die Vererbbarkeit von Intelligenz. Seine Thesen, denen man offenbar mehr Popularität verschaffen wollte, sollen auf "einer Fülle von Erkenntnissen und Informationen zur genetischen Vererbung psychischer Eigenschaften" beruhen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Gesellschaft seien äußerst alarmierend.
…. Arglos wundert sich Weiss, die Intelligenzforschung sei "zu einer umstrittenen Disziplin geworden". Dafür aber sorgt er selbst natürlich auch, beispielsweise wenn er eine Unterscheidung der Menschen durch IQ-Messungen in die drei Typen: Intelligente, Mittelmäßige und Einfache vorschlägt, um sie gezielt zum Wohl der Wirtschaft und des Kulturfortschritts einsetzen zu können. Das politische Wahlrecht würde er am liebsten nur seiner Intelligenz-Elite geben, weil die überall herrschende "Diktatur der Mittelmäßigkeit" nur Mist produziert.
… Auch Professor Weiss' Kenntnisse der Geschichte der deutschen Psychologie lassen zu wünschen übrig, wenn er fragt: "Wer weiß heute noch, dass auch Hitler IQ-Tests strikt ablehnte, weil die jüdischen Testpersonen überdurchschnittlich hohe Werte erzielten?" … Auch wenn Weiss sich einen jüdischen, von den Nazis vertriebenen Intelligenzforscher zum geistigen Ahnherren erwählt, liegt er vollkommen falsch, damit den IQ-Test zum antifaschistischen Widerstand hoch zu stilisieren.
Die Einführung psychologischer Eignungstests für Offiziersanwärter bahnte der Praxis dieses Faches (Anm.: der Psychologie) erst den Weg. … Abgeschafft wurden die Tests von der Wehrmacht 1942, da man mangels Nachschub an Menschenmaterial nicht mehr so wählerisch sein … konnte.“
http://www.heise.de/tp/artikel/4/4916/1.html


Weitere Lese-Empfehlung:

"Thilo Sarrazin und der Neuaufguss des Sozialdarwinismus" in "Readers Edition".
http://www.readers-edition.de/2009/10/04/thilo-sarrazin-und-der-neuaufguss-des-sozialdarwinismus/

Zitat:  
"Die Ideologie des Sozialdarwinismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Sie nahm einzelne Begriffe und Stichworte von Spencer (1820-1903) und Darwin (1809-1882) auf und vergröberte sie zu einer Art Selektions- und Masterplan für die menschliche Gesellschaft. Hinzugemixt wurden im Lauf der Zeit einige der extremsten Ansichten des späten Nietzsche ..., außerdem missverstandene und einseitig gedeutete Ergebnisse der gerade im Entstehen begriffenen Vererbungslehre. ... Die alten und neuen Erkenntnisse aus der Genforschung sind bei den Sozialdarwinisten und Soziobiologisten nie angekommen. Sie glauben, was menschliches Erbgut und das Verständnis menschlicher Gesellschaft angeht, immer noch den Scharlatanen des vorvorigen Jahrhunderts. ...  Es gibt keinen sozialen Erbadel".  

Vgl. die oben zitierte Aussage von Walter Lippmann (1922) über  solche  Intelligenzforscher, die darauf aus waren (wie z.B. Terman), mit pseudo-wissenschaftlichen Methoden Zahlen zu schöpfen, um vorgefassten Überzeugungen über den unterschiedlichen Wert von Menschen nach "Rassen" und gesellschaftlichen Klassen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben: „Intelligenztestung in der Hand von Männern, die dieses Dogma vertreten, kann nur zu einem intellektuellen Kastensystem führen.“

Den Begriff "Zahlen schöpfen" gebrauchte Thilo Sarrazin (nachzulesen in der "Süddeutschen", S. Link unten
"Wenn man aber keine Zahl hat, erklärte Sarrazin dem Reporter weiter, muss »man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch«. "
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/33007



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Siehe auch auf diesem Blog; Intelligenzprüfung als Teil der "erbbiologischen Bestandsaufnahme" , Beispiel Rhön-Region (http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/volkischer-nationalismus-und-die-idee.html)

Weitere Beispiele für die Anwendung von Intelligenztests in Deutschland während der Nazi-Zeit findet man z.B. mit Google-Suche "Intelligenzprüfung"

Kommentare:

  1. Hi, this is a test to see if the comment function is now working.

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  2. „Man begegnet ja einer Überschätzung der Intelligenz im Rahmen der Gesamtheit des psychischen Lebens nicht selten;
    und gerade bei den eifrigen, aber einseitigen Vertretern der Intelligenzprüfung ist zuweilen der Wahn zu finden, als käme
    es nur auf die Intelligenzfeststellung an, um einen Menschen richtig zu bewerten, zu beraten und zu behandeln“ (W. Stern,
    1920, S. VII)."

    http://www.swissgifted.ch/sg07_giger.pdf

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  3. "Allerdings können nach Stern auch die besten Intelligenzprüfungen nur einen Beitrag zur Einschätzung und allenfalls Einteilung eines Kindes in einen bestimmten Schultyp leisten: „Man darf die Tests nicht überschätzen, als seien sie automatisch wirkende allein genügende Geistesproben. Sie sind höchstens das psychographische Minimum, das eine erste Orientierung gestattet bei Individuen, die man sonst gar nicht kennt; und sie sind geeignet, die anderweitige Beobachtung psychologischer, pädagogischer, ärztlicher Art zu ergänzen und sie vergleichbar und objektiv graduierbar zu machen, nicht aber sie zu ersetzen“
    (W. Stern, 1912, S. 9f.).

    Damit unterscheidet sich Stern fundamental von den Absichten Lewis Termans, mittels und ausschliesslich von Massenintelligenztests, Schülerinnen und Schüler in ein bis zu fünfstufiges Schulsystem einzubinden, und dies wenn möglich bereits zum Beginn des Schuleintritts (Schmidt, 1994). Auch in der bereits von Francis Galton (Giger, 2008) begonnenen Debatte zum Einfluss von Vererbung und kulturellem Umfeld unterscheidet sich Stern deutlich von Termans Gewichtung der Erbfaktoren.”

    William Stern: Intelligenz und Begabung
    Matthias Giger, school@gigers.com

    http://www.swissgifted.ch/sg07_giger.pdf

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