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Montag, 11. Juli 2011

„Neuer Atheismus“ und das Ausspielen von Tierrechten gegen Menschenrechte im Namen Darwins

Beobachter sehen in den USA einen tiefen Graben zwischen "Darwinisten", die mit dem Konkurrenzkampf um die Weitergabe der durchsetzungsfähigsten Gene alles erklären, was auf Erden geschieht, und „Kreationisten“, die darauf beharren, die Beschreibungen der Bibel (bzw. der Thora oder des Koran) über die Schöpfungsgeschichte seien wortwörtlich zu nehmen. Es scheint, dass der Kampf zwischen diesen beiden Lagern (aber auch innerhalb der Lager)  sich in den letzten Jahren neu belebt hat – und dass er ähnliche Auseinandersetzungen auch in anderen Ländern beeinflusst und verschärft.


Die Giordano Bruno Stiftung (GBS), auf deren Internet-Auftritt ich durch eine von ihr mit verbreitete Legende gestoßen war (die Nazis hätten von Intelligenztests nichts wissen wollen), vertritt öffentlichkeitswirksam, z.B. durch Publikationen, Preisverleihungen, Veranstaltungen und Mitwirkung an Politikberatung, Ideale des „Neuen Humanismus“ und des „Neuen Atheismus“ (siehe auf diesem Blog http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/wie-sich-internet-legenden-verbreiten.html; http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/neue-dogmen-im-namen-des-anti.html).

Worum es dabei geht, dazu gibt z.B. die Ankündigung einer Tagung mit dem Titel "Der neue Humanismus" vom Juni 2008 in Nürnberg eine Einführung; http://brightsblog.wordpress.com/2008/06/16/neuer-humanismus (mit Link zu ausführlicheren Informationen):
"Seit etwa einem Jahr ist der „neue Atheismus“, eine vor allem aus den USA und
Großbritannien stammende fundamentale und kompromisslose Welle der Religionskritik, auch in Deutschland wirksam. Ihr bekanntester Vertreter ist der Oxforder Evolutionsbiologe und Naturalist Richard Dawkins. Die Übertragung dieses „neuen Atheismus“ auf deutsche Verhältnisse bedarf jedoch einiger wichtiger Ergänzungen. Darüber soll auf der Tagung „Der neue Humanismus. Wissenschaftliches Menschenbild und säkulare Ethik“ in Nürnberg am 21./22. Juni 2008 diskutiert werden."

  • Einschub 25.02.12: Zum "alten" Begriff des Humanismus (der zum sogenannten "neuen Humanismus" im Kontrast steht) siehe auf diesem Blog "Dreht sich die Zeit zurück? Die neue alte Kontroverse um die "Einheit des Menschengeschlechts'"; http://guttmensch.blogspot.com/2011/07/die-idee-von-der-einheit-des.html (säkularer Humanismus z.B. reflektiert in einem Zitat von Alexander von Humboldt "Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt"; christlicher Humanismus z.B. in der stecken gebliebenen päpstlichen Enzyklika über die Einheit des Menschengeschlechts). Enthält auch Zitate von Arthur Neuberg, der sich als evangelischer Theologe gegen Humanismus und Menschenrechte und, im Namen vermeintlich wissenschaftlicher "darwinistischer" Thesen, für die Nazi-Ideologie engagierte. - Der "neue" Humanismus nach Dawkins liegt wesentlich näher bei der Argumentationslinie von Neuberg als bei der von Humboldt.

Zu den bisherigen Preisträgern der GBS gehören der oben genannte bekannteste Vertreter des "Neuen Atheismus" (ein Begriff, der offenbar erst später in den des "Neuen Humanismus" überging), Richard Dawkins, und der Philosoph Peter Singer (siehe vorige 2 Posts).  Dawkins hat übrigens auch schon (2001) den "Kistler Prize" erhalten;(www.futurefoundation.org/awards/kpr_2001_dawkins.htm).
Kistler ist auch, wie an anderer Stelle auf diesem Blog berichtet, maßgeblicher Sponsor des Pioneer Fund, der sich auf die Förderung und Publikation eugenisch orientierter Forschung spezialisiert hat; (http://guttmensch.blogspot.com/2011/06/forderung-und-finanzierung-der-eugenik.html).


Einer der "Knackpunkte" der Neuen Atheismus im Sinne von Dawkins und Singer ist die Frage nach der Sonderstellung des Menschen, was die Menschenrechte betrifft: Einerseits wird vorgeschlagen, Menschenrechte nicht mehr unabhängig vom Zustand der Person allen Menschen zuzusprechen (so dass z.B. Neugeborene, die Behinderungen aufweisen, getötet werden könnten); andererseits sollen Tierrechte - insbesondere Rechte der menschenähnlichen Affen - den Menschenrechten stärker angenähert werden
Über das Überschreiten der Barriere zwischen Mensch und Tier in Bezug auf Menschenrechte bzw. Tierrechte sprechen Dawkins und Singer in einem auf Youtube eingestellten Interview (Dawkins interviewt Singer):
(Noch ohne Mitschrift und Übersetzung; soll – in Auszügen – folgen)

 
Die Vorstellung, dass manche Tiere nach den Kriterien der Evolution "höher stünden" als manche Menschen, wurde z.B. über Literatur und Film, in weiter Auslegung der Lehren Darwins, schon früh sehr nachdrücklich vermittelt.  Ein Beispiel ist der 1911 erschienene „Tarzan“-Roman von Edgar Rice Burroughs.  Hellmuth Karasek schrieb über den „Mythos vom Affenkönig“  im SPIEGEL vom 10.12.1984:
„Die Affen, die hier das Kind annehmen, sprechen ... nicht nur eine doch recht hochentwickelte Sprache, sie denken auch, als hätten sie mindestens Darwin gelesen. Als beispielsweise die Affenmutter Kala zu ihrem Leidwesen sehen muß, wie langsam sich Tarzan im Vergleich zu echten Affenkindern entwickelt, denkt sie, ganz gebildete Viktorianerin: "Ob es sich bei dem kleinen, weißhäutigen Ding um eine bisher unbekannte Vorstufe in der Entwicklung zum Affen handelt?" . … In Burroughs Tarzan-Welt geht es strikt hierarchisch zu. Oberster Herr ist Tarzan, der über Affen gebietet und die übrigen Tiere in ritterlichen Zweikämpfen besiegt. Die Eingeborenen stehen unter den Tieren, sie sind blutrünstig, ängstlich, dumm, abergläubisch. … Ab und zu laufen die Schwarzen schon mal Amok, dann schlägt Tarzan, erzieherisch versteht sich, zu: "Ein Faustschlag auf die Kinnspitze vertrieb den Wahnsinn aus dem Gemüt des Schwarzen." In diese Drei-Klassen-Welt aus Weißen, Tieren und Schwarzen dringt Tarzans vorherbestimmte Partnerin Jane…“

Darstellungen über die relativ fortschrittliche Tierschutz-Gesetzgebung der Nazis werden gern instrumentalisiert; zum einen von Neo-Nazis zur Idealisierung des Nazi-Regimes, zum anderen von Lobbies z.B. von Teilen der Pharma- und Nahrungsmittelindustrie zur scheinbaren Legitimierung tierschutzfeindlicher Interessen. Eine differenzierte Darstellung gelang mit einer Arbeit aus dem Institut für Didaktik der Biologie der Universität Münster, die deutlich macht, wie die Aufwertung von Tieren Hand in Hand ging mit dem Versuch, damit gleichzeitig Menschenverachtung zu legitimieren:


Daniel Jütte (Tutor: Dr. Eberhard Wolff): Tierschutz und Nationalsozialismus. Die Entstehung und die Auswirkungen des nationalsozialistischen Reichstierschutzgesetzes von 1933. ID B Münster, Ber. Inst. Didaktik Biologie Suppl.2 (2002), 167-184 . URL:
Auszug aus der Kurzfassung:
"Das nationalsozialistische Reichstierschutzgesetz muss als ein historischer Grenzfall angesehen werden: während es vom Standpunkt des Tierschutzes aus betrachtet, einen Fortschritt für die damalige Zeit darstellte, so ist der Tierschutzgedanke, der dem Gesetz zugrunde liegt, unabdingbarer Teil der nationalsozialistischen Weltanschauung. Der Übergang von Tier- zu Menschenversuchen im Dritten Reich ist also keine direkte Konsequenz des Reichstierschutzgesetzes, sondern vielmehr eine Folge einer Ideologie, die ihre Menschenverachtung auch durch eine Aufwertung von Tieren legitimierte."


An einem Brief vom 24. Januar 1900 des Rassenideologen und späteren Hitler-Einflüsterers HS Chamberlain an seinen Verleger im Jahr 1900 lässt sich nachvollziehen, wie die Legitimierung rassistischer Werthierarchien und die Relativierung von Menschenrechten aus Darwins Werk herausgelesen wurden:


"… damit Sie begreifen, welch ein enormes Gewicht ich auf des großen Darwins positives ... Lebenswerk lege. Und dieses ... Werk ist der Beweis von der Bedeutung von Rasse im ganzen Bereich lebender Wesen. Das Hauptwerk führt den sehr paradoxen Titel „The Origin of Species“…  Der Untertitel dagegen zeigt uns das empirische Genie …; der Untertitel lautet: „oder die Erhaltung bevorzugter Rassen“. Wenn Sie nun… Darwins gesamtes Werk noch einmal auf das durchgehen…, so werden Sie sehen, daß das Unumstößliche an seinen Ergebnissen der Nachweis von der Bedeutung der Rasse ist. Das gerade ist … die Entdeckung eines Naturgesetzes, eines ebenso unwiderlegbaren und für uns Menschen viel wichtigeren Gesetzes als das der Gravitation. Denn welche Gründe könnten Sie anführen, um das Menschengeschlecht auszunehmen? Das wäre so unüberlegt unwissenschaftlich wie nur möglich."
                   
Anmerkungen zum Zitat HS Chamberlain:
Darwins Schrift trägt in der englischen Erstausgabe von 1859 tatsächlich den Titel „On the Origin of Species by means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life (wörtlich: Über den Ursprung der Arten durch das Mittel der natürlichen Auswahl, oder die Erhaltung bevorzugter Rassen im Kampf um das Leben). Siehe z.B. Wikipedia,  http://de.wikipedia.or%20g/wiki/Geschichte_der_Evolutionstheorie
Chamberlains rassistische Darwin-Auslegung („Erhaltung bevorzugter Rassen“; „Welche Gründe könnten Sie anführen, um das Menschengeschlecht auszunehmen?“) beinhaltete
  • die Annahme einer Werthierarchie zwischen Menschen und zwischen menschlichen „Rassen“
  • die Annahme, dass der Kampf um das Leben in den Beziehungen zwischen Menschen genauso wie in der „Natur“ gelten müsse.


Dieses Verständnis teilten zu seiner Zeit viele, weitgehend auch der Darwin-Vetter und Begründer der Eugenik Francis Galton. Der „neue Atheismus“, auch „neuer Humanismus“ genannt, wie ihn mindestens zwei bisherige Preisträger der Giordano Bruno Stiftung vertreten – Richard Dawkins und Peter Singer - scheint dieses Verständnis wieder aufzugreifen. Es scheint, dass sie unter dem Deckmantel des Eintretens für Tierrechte – angesichts haarsträubender Missstände im Umgang mit Tieren für sich gesehen zweifellos ein sehr wichtiges Anliegen – auch für die Relativierung von Menschenrechten eintreten.

Atheismus sollte keineswegs verwechselt werden mit Säkularisierung, einem "Pozess der zunehmenden Trennung von Religion und gesellschaftlichen Prozessen und Einrichtungen, die früher religiös geprägt waren" (Definition siehe z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Religionssoziologie#S.C3.A4kularisierung).
Der "Neue Atheismus" kann einer allmählichen Säkularisierung sogar im Wege stehen - dadurch, dass er selbst zu einer Art Ersatzreligion wird (sogar mit Vertretung durch einen "Zentralrat der Atheisten", wie schon gefordert wurde), sich gegen Menschenrechte positioniert und als Abwehr religiös-fundamentalistische Gegenpositionen auf den Plan rufen kann.


Dazu noch eine Einschätzung aus einem Forum von 2007 zu der Frage: "Sind die neuen Atheisten unzeitgemäss? Oder notwendiger als je zuvor?" (Anlass: Die CDU-Politikerin Karin Wolff hatte sich dafür ausgesprochen, die Schöpfungsgeschichte auch im Biologieunterricht zu behandeln...)
http://www.mykath.de/topic/17877-sind-die-neuen-atheisten-unzeitgemaess/page__st__50
von "Sam_Naseweiss", 02 Juli 2007 - 11:54


"Die neuen Atheisten sind eigentlich zunächst ein US-spezifisches Phänomen. ... Nun kommen die Bücher von Dawkins etc. bei den Atheisten hier gut an und man will deren Argumente und Methode übernehmen. Allerdings gibt es hier nicht den ideologischen Feind, für den diese Mittel und Argumente geschaffen und bestimmt sind. Die Folge ist, daß sich hier nun tatsächlich vermehrt Menschen finden, die sich für Kreationismus etc. aussprechen und sich an diesem künstlichen Konflikt beteiligen. Man schafft sich erst den Feind, den man bekämpfen will. Die Auseinandersetzung findet zunächst in einem Ringen um Aufmerksamkeit statt, dadurch werden Ideen und Positionen erst bekannt und erst wenn Ideen und Positionen allgemein bekannt werden, findet auch eine allgemeine Polarisierung statt - die Menschen identifizieren sich mit einer Seite und beteiligen sich dann an dem Konflikt. Wenn in diesem Land die übliche und bekannte atheistische Kritik erfolgen würde, dann würde die allmähliche Säkularisierung einfach weiter fortschreiten, so wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Erst durch die Auseinandersetzung zwischen Kreationisten und Atheisten wird dem Thema wieder Aufmerksamkeit geschenkt.. ... Eine Karin Wolff ist nur deswegen möglich, weil es einen Konflikt zwischen Atheisten und Kreationisten gibt. ... Man schafft sich erst den Feind, den man bekämpfen will und damit die Rechtfertigung für die eigene Kritik, denn die Kritik hat dann endlich auch den Gegenstand, auf den sie passend ist."


Neuere Entwicklung: Zunehmend wird gegen Muslime der Generalvorwurf erhoben, zur Säkularisierung unfähig zu sein. Hat sich damit für die neuen Atheisten ein "Feind" gefunden, den sie nach Meinung von Sam_Naseweis in Deutschland noch "brauchten", und an dem sie sich abarbeiten können?

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Weitere Informationen und Links zum Thema "Neuer Atheismus" u.a.:


"Neuer Atheismus und (am Rande) neo-Utilitarimus":
http://sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2011/06/15/neuer-atheismus-und-am-rande-neo-utilitarimus/


Ergänzung 08.12.2011


Die „neuen Atheisten“ verleihen sich gegenseitig Preise. Richard Dawkins erhielt nicht nur von Förderern des „Neuen Atheismus“ gestiftete Preise, wie den „Kistler Prize“ (s.o.), sondern stiftete auch selbst einen Preis, den Richard-Dawkins-Award. Pikanterweise gehört zu den Dawkins Preisträgern auch Bill Maher (Moderator der Talkshow „Politically Incorrect“, Autor und Regisseur des religonskritischen Films „Religulous); er erhielt den Preis 2009. Mahers Tiraden gegen jegliche Impfungen („I don´t believe in vaccination“) sind ein Beispiel dafür, dass der Anspruch von Dawkins und Mitsteitern, ihre Bewegung stünde für Wissenschaft statt Glauben, sehr fragwürdig ist. Offenbar hat sich die Jury so sehr von dem Film „Religulous“ beeindrucken lassen, in dem der niederländische Rechtspopulist Geerd Wilders als Experte für Islam auftritt, dass sie nicht genau hingesehen hat.
Die niederländische, in Somalia geborene Frauenrechtlerin Aayan Hirsi Ali hat dadurch, dass sie ebenfalls den Dawkins-Preis angenommen hat (2008), zu einer Aufwertung der „Atheist Alliance International“ beigetragen. Dies stellt eine interessante Parallele dar zur Verbindung der deutschen, in der Türkei geborenen Islamkritikerin Necla Kelek mit der ebenfalls dem Atheismus verpflichteten Giordano-Bruno-Stiftung.
2011 wurde der Dawkins-Preis an Christopher Hitchens verliehen, der mit Aufforderungen, Religion (allgemein) mit „Hass und Spott“ zu begegnen, hervorgetreten war (und in seinem Leben schon sehr unterschiedliche Positionen an linken und rechten Rändern eingenommen hat).

 
Quellen:

Über den Dawkins-Preis (Richard-Dawkins-Award) siehe z.B. Wikipedia-Eintrag zu „Atheist Alliance International“
Könnte auch aus einer Presseerklärung der AAI stammen – wahrscheinlich von Mitgliedern verfasst. Interessant auch dieser Hinweis: „Aus einer Tagung der AAI ging der Begriff Bright hervor.“ - Siehe Stichwort „bright“, „brights“, "brightest" auf diesem Blog. (Sarrazin beklagte in einem BBC-Interview, "the brightest", also die Klügsten, hätten die wenigsten Kinder. Als "Brights" bezeichen sich auch Dawkins-Anhaenger, die sich selbst für besonders auserlesen und fortpflanzungsgeeignet halten und sich in Clubs zusammen geschlossen haben.)



Über Bill Mahers Äußerung, er glaube nicht an Impfungen, und seine Zweifel an der Verursachung von Krankheiten durch „Germs“ (Krankheitskeime, wie Bakterien und Viren) siehe z.B.

Über den Dawkins-Preisträger 2011, Christopher Hitchens, und seine Aufforderung zum Hass auf Religion siehe z.B.
http://de.wikipedia.org/wiki/Christopher_Hitchens


Assoziation

Nietzsche: "Gott ist tot, es lebe der Übermensch".
(Siehe auf diesem Blog Stichwörter "Nietzsche", "Übermensch", "Superman")

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Warnung eines Tierschützers (und Veganers?) vor Strategien aus der “neuen Rechten”, in der Tierschutz- und Vegan-Szene Fuß zu fassen und diese zu vereinnahmen

Der braune Rand der Tierrechtsbewegung, von Colin Goldner

Auszug:

“Seit geraumer Zeit versuchen Neonazis, in der Tierrechts- und Veganszene Fuß zu fassen. Sie tauchen auf Aktionstagen und Demos auf, verteilen Flugblätter, lassen sich in ihren Publikationsorganen zu entsprechenden Themen aus. Die Zielrichtung ist klar: mit Tierschutzrhetorik konnte schon einmal Sympathie quer durch sämtliche Bevölkerungsschichten gewonnen und insofern verdeckte Propagandaarbeit geleistet werden.
Tierschutz spielte eine wesentliche Rolle in der verlautbarten Werteordnung des Nationalsozialismus: eine, wie Max Horkheimer später schrieb, vorgegebene "Barmherzigkeit gegen Tiere" mit der der "Koloß des faschistischen Schlächters seinen Haß gegen Menschen zu verkleiden wußte".
Als nützliche Idioten der Neurechten erweisen sich wortführende Figuren der Tierrechtsszene wie Barbara Rütting (hat ihre Unterstützung für UL inzwischen aufgegeben, Anm. Blogger), Stefan Eck oder Helmut Kaplan mit ihrer indifferent-kritiklosen Haltung der rechtslastigen Kultgemeinschaft Universelles Leben (UL) gegenüber, die seit Jahren Einfluß innerhalb der Tierrechtsszene zu gewinnen sucht. …
Anstatt sich gegen derlei offenkundige Instrumentalisierungsversuche abzugrenzen, ergehen sich nicht unerhebliche Teile der Tierrechtsbewegung in einfältigster "Hauptsache-für-die-Tiere"-Rhetorik und eröffnen damit nolens-volens eine grundsätzliche Zusammenarbeit auch mit Neonazis… Es reicht schon, wenn diese sich irgendein Tierschutzetikett wie Schächtgegner, Vivisektionsgegner oder ähnliches anheften …
Zu den Organisationen, die über ihre Distanzlosigkeit dem UL gegenüber die Tierrechts-bewegung weit nach rechtsaußen öffnen, zählen namentlich der Arbeitskreis Tierrechte & Ethik (AKTE), der Politische Arbeitskreis für Tierrechte in Europa (PAKT), die Aktion Kirche und Tiere (AKUT) oder die Partei Mensch Umwelt Tierschutz, die sich, zusammen mit weiteren UL-apologetischen Gruppen und Einzelpersonen sowie namhaften Figuren aus dem Dunstkreis des UL selbst im August 2006 zu einer zweitägigen Konferenz in Oberursel einfanden, um eine Allianz für Tierrechte zu schmieden. Hinzugekommen sind bis heute: Animal Spirit, Arbeitskreis für humanen Tierschutz und gegen Tierversuche, Deutsches Tierschutzbüro (distanziert sich von UL und weist die diesbezügliche Angabe Goldners als unwahr zurück; s.u. - Anm. Blogger), PeTA Deutschland, Schüler für Tiere, Stimmen der Tiere, Tierschutz-Notruf, Unabhängige Tierschutz-Union Deutschlands und zahlreiche andere; dazu besagte Initiative zur Abschaffung der Jagd sowie der Brennglas-Verlag.
Die Unterwanderung der Tierrechtsszene durch das UL bzw. die kritiklose Indifferenz weiter Teile der Tierrechtsbewegung dem UL gegenüber hat dieser enormen Schaden zugefügt ….Sie hat die ohnehin schon bestehenden Vorurteile, die Tierrechts- bzw. Veganszene trage religionsfanatische, sektoide, rechtsesoterische oder sonstwie nicht ernstzunehmende oder abzulehnende Züge, bestärkt und befördert.
Es formierte sich allerdings auch Widerstand. In einem gemeinsamen Kommuniqué stellten sich Anfang 2004 knapp zwei Dutzend Tierrechtsorganisationen offensiv gegen das UL: Die hierarchisch und autoritär organisierte Glaubensgemeinschaft zeige im Umgang mit Mensch und Tier eine antiemanzipatorische, antiaufklärerische Sekte, die das Thema Tierrechte nutzt, um mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erlangen und ihre Ideologie zu verbreiten …
In der Tat interessieren sich Neonazis neuerdings für Tierrechte und Veganismus. Und dies nach durchaus historischem Vorbild: Eine ganze Reihe an Nazi-Größen, Hitler vorneweg, präsentierte sich ausdrücklich als Tierschützer. Selbst Göring als passionierter Jäger oder Himmler als Betreiber einer Hühnermastanstalt stellten sich als engagierte Tierschützer dar. Mit Tierschutzpropaganda konnte man anknüpfen an eine seit dem ausgehenden 19. Jhdt. schon bestehende Hinwendung zu Natur- und Tierschutz in breiten Teilen der Bevölkerung. Mit der Vereinnahmung der Idee samt nachfolgender Gleichschaltung der zahllosen Vereine konnte zudem einer schwelenden Protestbewegung der Boden entzogen werden… Die Nazis rühmten sich, die "beste Tierschutzgesetzgebung der Welt" zu besitzen. In Wirklichkeit aber war die NS-Novellierung der Weimarer Gesetze weniger von tierethischen Motiven getragen - die Qualhaltung und Tötung von Tieren in Mastbetrieben blieb ebenso unberührt wie die besonders protegierte Jagd -, als vielmehr von der Absicht, über das Schächtverbot ein Druck- und Sanktionsmittel gegen die jüdische Bevölkerung in die Hand zu bekommen. Im Übrigen war auch Hitlers Vegetarismus reiner Mythos. …
Zum ersten Mal traten die "Nazis für Tierrechte" im Frühsommer 2006 in Erscheinung… Es handelte sich dabei um Angehörige der so genannten "Nationalen Sozialisten - AG Tierrecht", die laut ihrer kurz zuvor online gegangenen Webseite "Stimme und Fäuste gegen die grausame Ausbeutung der Tierwelt" erheben wollen. Auf der website war auch eine Abbildung aus dem Machwerk Der Giftpilz zu sehen, einem 1938 erschienenen "Kinderbuch" von Ernst Hiemer, der als Hauptschriftleiter des Nazi-Hetzblattes Der Stürmer tätig gewesen war... Die Abbildung zeigt eine Gruppe verschlagen dargestellter Männer, die eine Kuh mit in Todesangst aufgerissenen Augen schlachten….
Die Versuche der "neuen Rechten", in der Tierrechtsbewegung mitzumischen, verfolgen eine klar erkennbare Strategie: Die vermeintlich emanzipativen Inhalte sind nur vorgeschoben, tatsächlich geht es darum, jugendkulturkompatibel zu sein und mit gesellschaftskritischem Anstrich neue Anhänger zu gewinnen. Der niederbayerische Wikinger-Versand beispielsweise führt in seinem Sortiment an Nazi-Zubehör auch Ansteckbuttons: neben solchen mit Rudolf Hess oder mit dem Aufdruck "88″ gibt es neuerdings auch solche mit "Döner ist Scheiße", "100% unkoscher" oder "Schächten ist Tierquälerei".
Wichtigstes Thema der "Nazis für Tierrechte" ist das von orthodoxen Juden und Muslimen praktizierte betäubungslose Schlachten. Das NPD-Organ Deutsche Stimme meinte insofern schon vor Jahren, vor den "Wucherungen fremdkultureller Versatzstücke" und insofern drohendem "Kulturverlust" warnen zu müssen.
Längst hat auch die Junge Freiheit das Thema "Tierschutz" für sich vereinnahmt. Und selbst die National-Zeitung der DVU entdeckt plötzlich ihre Barmherzigkeit dem Tier gegenüber…
Gerade in der einsichtigen Notwendigkeit, sich von der antisemitsch oder prinzipiell fremdenfeindlich motivierten Forderung von DVU, NPD oder der so genannten "Nationalen Sozialisten" nach einem Verbot des Schächtens abzugrenzen, wird die Absurdität deutlich der von Teilen der Tierrechtsbewegung erhobenen Forderung nach Zusammenarbeit mit jeder beliebigen Einzelperson und Gruppe, die, aus welcher Motivation immer, "Tierschutz" oder "Tierrecht" auf ihre Fahnen geschrieben haben. Tatsächlich ist gerade dann, wenn ein punktuell gleiches Ziel angestrebt wird - hier: ein Verbot des Schächtens -, konsequente Abgrenzung unabdingbar …
Es kann ... keinen Schulterschluss geben mit Personen, Gruppierungen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlich tier-, menschen- und lebensfeindlichen Ideologie vorangestellt ist. …”
Quelle: Der Rechte Rand 108 Sept./Okt.2007, S. 21f.




Das Deutsches Tierschutzbüro e.V. wies mich auf die folgende Mitteilung hin:

Distanzierung von politischer Beeinflussung und spirituellen Vereinigungen » Deutsches Tierschutzbüro e.V.  24. Sep 2013
 

Das Deutsche Tierschutzbüro e.V. steht in keiner Verbindung mit religiösen oder pseudoreligiösen Gemeinschaften, insbesondere nicht mit der spirituellen Vereinigung „Universelles Leben (UL).“
Es bestanden und bestehen keine Abhängigkeiten oder Verbindlichkeiten, keine Kooperation oder anderweitige Verknüpfungen mit dieser Glaubensgemeinschaft.
Dies möchten wir mit aller Deutlichkeit klarstellen.
In der Vergangenheit wurden uns Verbindungen zum „Universellen Leben“ nachgesagt, sogar Vorwürfe einer „Unterwanderung“ wurden laut. Ursprünge haben diese Vorwürfe mehrheitlich in einem Artikel des Psychologen Colin Goldner.
Unter dem Titel „Der braune Rand der Tierrechtsbewegung“ behauptete dieser unter anderem, das Deutsche Tierschutzbüro sei an einer Konferenz im Jahr 2006 beteiligt gewesen, die er dem „Universellen Leben“ zurechnet.
Diese Behauptung ist nicht nur sachlich falsch, sondern entbehrt jeder Grundlage. [...]

Kommentare:

  1. Bemerkenswert, wie mit der Vereinnahmung des Begriffs “Humanismus” (“Neuer Humanismus”) der Sinn in sein Gegenteil verkehrt wird. Humanismus ist historisch untrennbar mit der Idee der universellen Menschenrechte verbunden; der “Neue Humanismus” (alias “Neuer Atheismus”) wendet sich gerade gegen die Menschenrechts-Idee und ist eigentlich Anti-Humanismus. - Magga

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  2. Von
    Publikative.org
    10. April 2013

    “Thüringer Tierschützer: Schweine tragen keine Kopftücher
    In einer Email beschreibt der Vorsitzende der Thüringer Tierschutzpartei, Harald von Fehr, Fotos von Wildschweinen, die sich an einer Straße bewegen, unter anderem mit folgenden Worten: “Was mir auffällt? Sie tragen keine Kopftücher! Sie benützen kein geklaute Fahrräder/Roller oder BMWs! Sie tragen keine Messer! Aber das schlimmste ist: Auf die darf geschossen werden !!!” ...“

    http://www.publikative.org/2013/04/10/thuringer-tierschutzer-schweine-tragen-keine-kopftucher/

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  3. Darwin's Racists: Yesterday, Today and Tomorrow
    books.google.de/books?isbn=1602643938

    Sharon Sebastian, ‎Raymond G. Bohlin, ‎Sharon Sebastian - 2009
    The authors assert that Charles Darwin's theories of evolution have caused millions to be targeted by race, class, or disability.

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  4. On Kistler Aerospace, also consider network of Randolph Brinkley; e.g.

    http://www.marketvisual.com/d/7c27b23b-2525-4363-973a-6e6b41fd21ad/Randolph+Brinkley

    http://investing.businessweek.com/research/stocks/private/person.asp?personId=54762119&privcapId=4306618&previousCapId=287043&previousTitle=MSC%20Software%20Corporation

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    1. Randolph Brinkley, current affiliation:
      MSC Software Corporation

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    2. Neue Version der MSC Student Edition - PresseAnzeiger.de ...
      Pünktlich zum Semesterstart der Universitäten in Deutschland präsentiert MSC Software Corporation, Anbieter von Simulationssoftware und Dienstleistungen, die neue ...
      www.presseanzeiger.de/pa/Neue-Version-der-MSC-Student...

      MSC.Software on Scribd
      MSC.Software Corporation was formed 47 years ago and was awarded the original contract from NASA to commercialize the finite element analysis (FEA) software known as ...
      www.scribd.com/MSCSoftware

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  5. “radikale Ideen sympathisch in die Bevoelkerung tragen”

    NPD-Funktionaer Udo Pastoers zitiert in Heute Show 18.11.11

    http://www.youtube.com/watch?v=AZTBaw_9YiA&list=PLF413724F0000F2FD

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  6. In Wikipedia (eingesehen heute) steht fälschlicherweise über Houston Stewart Chamberlain (s.o.), er habe Darwinismus und Sozialdarwinismus abgelehnt:

    "Chamberlain rejected Darwinism, evolution and social Darwinism and instead emphasised "gestalt" which he said derived from Goethe.[25]"

    Dazu angegebene Quelle:
    25. See Anne Harrington, Reenchanted Science: Holism in German Culture from Wilhelm II to Hitler, (Princeton University Press: 1999) online p. 106

    http://en.wikipedia.org/wiki/Houston_Stewart_Chamberlain

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  7. "Über den Reichstierärzteführer Dr. Friedrich Weber, der ein enger Vertrauter Adolf Hitlers war (u. a. Teilnahme am Münchner Putschversuch vom 8./9. November 1923), ist eine Arbeit in Vorbereitung."

    http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/moellersg_2002.pdf

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    1. "Ungeachtet des antisemitischen Klimas vermerkte die TR 1935 den Export von 300 Jeverländer Kühen nach Palästina. Dass diese Kühe zum großen Teil von deutschen Emigranten, oder zumindest mit Mitteln deutscher Emigranten aufgekauft wurden, fand keine Erwähnung."

      http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/moellersg_2002.pdf

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