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Dienstag, 12. Juli 2011

Antwort auf die "Quizfrage": Zu welchem Szenario - Traum oder Alptraum - gehört das Sprengstoffattentat im Schlusskapitel von Sarrazins Buch?

Die "Quizfrage" lautete: „Sarrazin präsentiert im Schlusskapitel seines Buches zwei Zukunfts-Szenarien: einen ‚Alptraum‘ und eine positive ‚Alternative‘. Zu welchem dieser Szenarien gehört ein Sprengstoffattentat mit über 70 Opfern? - Die Antwortmöglichkeiten waren: „Zum Alptraum“, „Zur „positiven Alternative“, „Zu beiden Szenarien“, „Zu keinem der beiden Szenarien“.
Die zutreffende Antwort ist: „Zur positiven Alternative“.


Zum Inhalt der  Szenarien:

Ein Sprengstoffattentat mit 73 Opfern, begangen in Berlin von einer Gruppe von Islamisten, gehört bei Sarrazin zur positiven Alternative, zum "Traum". Das Attentat geschieht  im Mai 2013, und bei der Bundestagswahl im September 2013 wird eine Regierung gewählt, die in ihrer Koalitionsvereinbarung "neue Akzente zur Weiterentwicklung in der Familien-, Integrations- und Bildungspolitik" setzt. Sie setzt durch, was Sarrazin für richtig hält. Dazu gehören Maßnahmen, die bis dahin besonders umstritten und "immer wieder als sozial ungerecht" kritisiert worden waren", wie die Konzentration finanzieller Unterstützungsleistungen für Familien auf  Anreize zur Steigerung von "Geburten von Frauen mit mittlerem und hohem Bildungsstand". Die Zahl der Geburten pro Frau steigt auf 2,1, und die "qualitativen Veränderungen" in der Zusammensetzung der Bevölkerung, die Sarrazin zuvor angeprangert hatte, kehren sich um. Dank unterschiedlicher finanzieller Anreize und Gegenanreize für verschiedene Bevölkerungsgruppen liegt die Fruchtbarkeit bei "Schichten mit höherer Bildung" noch über dem erreichten Gesamtdurchschnitt von 2,1 Geburten pro Frau, und "bei den Migranten aus Nah- und Mittelost sowie aus Afrika" unter den Gesamtdurchschnitt. Von Investitionen für Bildung ist nicht die Rede; wie an anderer Stelle im Buch abgehandelt, wird gerade im Bildungsbereich nach Sarrazins Ansicht schon zuviel Geld verschwendet. Ganztagsschule ist aber Pflicht, Lehrpläne ändern sich entsprechend Sarrazins Vorstellungen, und es gibt Kopftuchverbot an Schulen. Man sieht immer weniger Frauen mit Kopftuch, die Kinder werden intelligenter, Deutschland ist wieder gut aufgestellt für den internationalen Wettbewerb.

In dem anderen Szenario, dem Alptraum, gibt es dieses Attentat nicht. Es  fehlt überhaupt an Aufrüttelung. Der Niedergang vollzieht sich zwar innerhalb weniger Generationen ziemlich schnell, aber in einem andauernden Zustand der Eingelulltheit. Die 2017 gewählte schwarz-grüne Bundesregierung unter Führung von Angela Merkel tritt an zu einer Zeit, als die Wirtschaftskrise überwunden scheint und in der Politik eine gewisse Selbstzufriedenheit herrscht. Jürgen Trittin sagt im Wahlkampf 2017, dass ihm 50 Prozent Araber lieber wären als fünf Prozent Rechtsradikale, und  nach der Wahl folgen am laufenden Meter politische Entscheidungen wie in einer Parodie über Gutmenschen und Umarmer vom Dienst. Es folgen der Niedergang der deutschen verarbeitenden Industrie und der deutschen Kultur.



Anmerkungen:

Über die Tradition der Vermittlung eugenischer Theorien durch utopische Szenarien (Socio-Fiction) siehe auch auf diesem Blog „Der Traum vom genetisch korrekten Staat“ mit den Beispielen vom „Eugenischen College von Kantsaywhere“ (Francis Galton) und vom „Reich Artam“ (Volkmar Weiss);

Wie man eine Regierung ermächtigt, der realen Gefahr von Terroranschlägen wirksam zu begegnen, sich dabei aber nicht durch Furcht manipulieren lässt, das ist und bleibt eine Herausforderung für Wähler. Einige nachdenkliche Köpfe haben sich z.B. in den USA während der Ära George W. Bush mit diesem Thema auseinandergesetzt. Wer sich dafür interessiert, findet reichlich Material (in englischer Sprache) mit der Suchwort-Kombination Bush Trifecta. Kolportiert wird ein Zitat von George W. Bush, das besonders durch einen Artikel von Paul Krugman in der New York Times (NYT) vom 07.12. 2001 eine gewisse Bekanntheit erlangte. Kurz nach den Anschlägen vom 11. September soll Bush gesagt haben: „Lucky me, I hit the trifecta“, also etwa “Ich Glücklicher, ich habe die Dreierwette gewonnen“. Bush, so Krugman (und andere Berichterstatter) habe wiederholt versprochen, einen Haushaltsüberschuss zu erzielen, der mindestens so groß sein sollte wie die Überschüsse aus den Sozialversicherungsbeiträgen – außer im Fall einer Wirtschaftskrise, eines Kriegs oder eines nationalen Notfalls. Nun habe er, wenn auch scherzhaft, Freude darüber zum Ausdruck gebracht, dass alle drei Anlässe, das Versprechen nicht einhalten zu müssen, auf einmal eingetreten seien. Kritiker brachten diese salopp erscheinende Einstellung mit Untersuchungsberichten in Verbindung, wonach die Anschläge mit relativ einfach erscheinenden Mitteln hätten verhindert werden können. Auch die von Bush gewährten Steuererleichterungen für Reiche wurden mit der Entschuldigung, wegen der „Trifecta“ seien die Haushaltsversprechen hinfällig, in Verbindung gebracht (sie waren allerdings schon vor dem Terroranschlag beschlossen worden).
Paul Krugman, „Hitting the Trifecta“ (NYT, 07.12. 2001): URL http://www.nytimes.com/2001/12/07/opinion/hitting-the-trifecta.html;
David Cogswell, “
Bush's Trifecta: Control Through Fear” (29.06.2002): URL http://www.davidcogswell.com/Political/BushTrifecta.html

Sarrazin tritt dafür ein, dass der Staat sozusagen mit Zuckerbrot und Peitsche das Fortpflanzungsverhalten schichtenspezifisch lenken soll. Dabei fehlt es – selbst in Deutschland – an Rahmenbedingungen, die eine selbstbestimmte Familienplanung für alle Frauen und Familien erleichtern.
Wie z.B. der SPIEGEL berichtete (Artikel von Guido Kleinhubbert,15.03.2010), ist seit der Einführung von Hartz IV die Zahl ungewollter Schwangerschaften offenbar gestiegen.
Organisationen wie Pro Familia, die Caritas und das Diakonische Werk sind sich da ziemlich sicher. In ihren Schwangerenkonfliktberatungen geben immer mehr Frauen an, dass sie sich eine sichere Verhütung nicht leisten können. … Bis zur Einführung von Hartz IV konnten Sozialhilfeempfängerinnen Extrazahlungen für Verhütungsmittel beantragen. Heute erhalten in der Regel nur noch jüngere Frauen unter 20 Jahren die Pille umsonst. Bei den anderen sieht der Hartz-IV-Regelsatz pauschal 13,18 Euro für Gesundheitspflege vor. Wer bei Ernährung, Kleidung oder Genussmitteln nicht spart, bekommt deshalb leicht Finanzierungsprobleme: Die Pille schlägt monatlich mit 10 bis 15 Euro zu Buche, eine Spirale, die bis zu fünf Jahre wirkt, kostet zwischen 150 und 350 Euro. ‚Eine selbstgestaltete Sexualität und Familienplanung sind unter diesen Bedingungen zumindest für manche Frauen nur noch schwer möglich‘, urteilt die Freiburger Soziologieprofessorin Cornelia Helfferich.“
Über Familienplanung als Menschenrecht und nötige Voraussetzungen zur Umsetzung dieses Rechts siehe auch den Artikel „40 Jahre Menschenrecht auf Familienplanung“ vom 11.07.2008 auf „REGIERUNGonline“; http://www.bundesregierung.de/nn_914534/Content/DE/Archiv16/Artikel/2008/07/2008-07-11-weltbevoelkerungstag.html

Nach Angaben des Weltbevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, UNFPA, ist in der Türkei in den letzten Jahren die Zahl der Geburten pro Frau (im Zuge der als "demografischer Übergang" bekannten, typischen Entwicklung auf dem Weg in eine moderne Industriegesellschaft) stark abgesunken und liegt derzeit bei 2,1. Das entspricht genau dem Wert, den Sarrazin in seinem Traum für Deutschland sieht.
Turkey - UNFPA Overview. Turkey is a middle-income developing country that has ... Its total fertility rate has declined to 2.1 lifetime births per woman; Zugang über URL

Veraltet ist auch Gunnar Heinsohns These von der "demografischen Hochrüstung" der Palästinenser, deren Einfluss in Sarrazins auf „Araber“ bezogenen Annahmen erkennbar ist; siehe auf diesem Blog

1 Kommentar:

  1. Hi,
    ich wollte nur kurz meine Anerkennung aussprechen für ihre Dokumentationsarbeit. Ich schaue hier immer wieder gerne rein.
    Danke!

    Andreas Kemper

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